© Heinemann (Die Ökumenische Jury beim Empfang der Kirchen während der Berlinale 2020)

"Wir raten zu!" - Ein Interview mit Alexander Bothe

Dienstag, 25.02.2020

Ein Gespräch mit dem neuen Filmreferenten der Deutschen Bischofskonferenz, Alexander Bothe, über die Arbeit der Ökumenische Jury bei der „Berlinale“

Diskussion

Die Präsenz der Kirchen auf dem Filmfestival in Berlin hat eine lange Tradition. Vor 66 Jahren, mitten im Kalten Krieg, baten die Alliierten die Katholische Kirche um die Einrichtung einer Internationalen Jury; seit 1992 sind Vertreter der katholischen und der evangelischen Kirche mit einer Ökumenischen Jury bei der „Berlinale“ vertreten. Der neue Filmreferent der Deutschen Bischofskonferenz, Alexander Bothe, ist in diesem Jahr Mitglied der Jury. Ein Interview.


Es ist kein Jubiläum, aber eine Schnapszahl: Die Katholische Kirche ist seit 66 Jahren bei der „Berlinale“ vertreten. Woher kommt dieses Interesse, bei einem Filmfestival mitzumachen?

Alexander Bothe: Ich glaube, dass Kirchen zu allen Zeiten ein großes Interesse an Bildern hatten, ja haben mussten. Das war zu Jesu Zeiten nicht anders als heute. Jesu hat seine Gleichnisse in Bilder gepackt, und auch heute werden Wirklichkeiten, Wahrheiten, die Fragen und Sehnsüchte des Lebens über Bilder erzählt. Außerdem erlebt die Gesellschaft im Moment gerade einen kulturellen Shift, von einer eher textbasierten zu einer eher bildbasierten Kultur. Da muss die Kirche mittendrin sein, und natürlich ist die „Berlinale“ das größte und glamouröseste, aber eben auch das profilierteste Festival. Hier ist Kirche genau am richtigen Ort und mitten im Dialog.

In den 1950er-Jahren waren Filmfestivals extrem wichtig. Aber welche Relevanz haben sie heute in Zeiten einer digitalen Bilderschwemme?

Bothe: Die Relevanz besteht darin, dass Menschen miteinander in einen Austausch kommen. Es ist noch immer der gleiche Erfahrungsraum, den man miteinander teilt, genau wie in den 1950er-Jahre. Man sitzt mit wildfremden Personen in einem dunklen Raum und macht Erfahrungen, die bis ins tiefste Innere reichen. Auf der anderen Seite ist es zugleich ein Resonanzraum für das, was ich durch mein Leben mitbringe. Darüber ins Gespräch zu kommen, ist bis heute tragend und substanziell. Gerade weil wir jetzt alle streamen, weil wir mobil unterwegs sind und das Smartphone zum Begleiter in fast allen Lebenslagen geworden ist, kommen wir bei einem Filmfestival zu einem Austausch zusammen, der uns auch als Gemeinschaft spür- und erlebbar macht.

Wie gehen Sie selbst im Kino an einen Film heran? Wie finden Sie die Balance zwischen Theologie und Cinephilie?

Bothe: Als allererstes mit einer möglichst großen Offenheit. Mir ist es wichtig, dass mein Herz dafür offen ist, was ein Film erzählen möchte. Das ist die erste und wichtigste Frage. Natürlich kommt dann der reflexive Prozess hinzu, bei dem man sich fragt, ob es da eine Botschaft gibt, die über den Tellerrand hinausreicht, ob es um etwas geht, das eine Perspektive des Evangeliums aufgreift, um religiöse oder transzendente Tendenzen, um Sinnfragen, die die Gesellschaft betreffen, um grundsätzliche kritische Anfragen an unseren Lebensstil und ähnliches. Das paart sich aber immer mit dem Formalen. Es kann nicht sein, dass ein Film eine tolle Aussage hat und man gleichzeitig merkt, dass das formell überhaupt nicht passt. Das erste ist das offene Herz, und dann kommt natürlich beides zum Tragen: das Formale, das Ästhetische und das Reflexiv–Theologische.

Gibt es einen Wandel innerhalb der katholischen Filmarbeit über die letzten Jahrzehnte hinweg? Also weg vom „Wir raten ab“ der 1950er- und 1960er-Jahre hin zu einer größeren Offenheit, was Form und Inhalt der Filme betrifft?

Bothe: „Wir raten ab“ gibt es nicht mehr. Wir raten vielmehr zu, wir geben Empfehlungen, wir formulieren Filmtipps. Denn heute sind die Menschen individuell unterwegs. Sie tragen ihre Identitätsfragen mit sich herum, entwickeln sie im Netz weiter, durch die kommunikativen Modelle, die wir heute haben, und den generellen Shift zur bildbasierten Kultur. Das alles trägt dazu bei, dass wir als Kirche nicht werten, sondern begleiten. Wir geben den Menschen Tipps, um an ihrer Seite zu sein, um im Gespräch zu sein und selbst auch zuzuhören, was die Menschen bewegt. Dabei ist es primär der Filmtipp, der weiterhilft.

Seit 1992 sind evangelische und katholische Kirche gemeinsam in einer Ökumenischen Jury bei der „Berlinale“ vertreten. Werden hier in Zukunft auch noch Vertreter anderer Konfessionen oder Religionsgemeinschaften hinzukommen?

Bothe: Es ist ein großer Gewinn, sich darüber auszutauschen, was Menschen in religiösen Fragen bewegt. Die sind in unserer Zeit genauso virulent wie in allen Zeiten davor. In einer pluralen Gesellschaft müssen die Religionen und die Weltanschauungen miteinander im Gespräch sein, gerade wenn es um Filme, um Wahrheit und um Bilder geht, die von mehr erzählen, als von dem, was unser eigenes Leben gerade ausmacht. Das heißt konkret, dass wir uns sehr über die Ökumenische Jury freuen, aber auch sehr offen dafür sind, ob es Möglichkeiten gibt, das zu erweitern. Wo passt das zum Filmfestival, und wie bekommen wir das jeweils organisiert? Es braucht ja einen Partner der jeweiligen Religionsgemeinschaft, der in den Jurys auch sprechfähig oder auf irgendeine Weise „mandatiert ist.“ Das sind Herausforderungen, die man im Blick auf interreligiöse Jurys erst bewältigen muss. Aber es ist eine wichtige und gute Frage. Auf der anderen Seite sind wir natürlich auch dankbar, dass wir gerade als christliche Jury die Möglichkeit haben, die Botschaft der Filme explizit zu beleuchten, zu bewerten und einzuordnen. Das ist schon ein großer Reichtum.

Zwischen einem bilderfreudigen Katholiken und einem ikonoklastischen Calvinisten innerhalb einer Jury gibt es aber schon eine große Spannbreite?

Bothe (lacht): Ja natürlich, und genau das macht die Diskussionen in einer Ökumenischen Jury sehr reichhaltig. Das kann manchmal auch sehr intensiv werden. Aber genau darum geht es ja letztlich: Wenn es um Erfahrungen geht, die das Innerste berühren, dann muss es eigentlich genauso sein, dass man in der Jury vehement für das eintritt, was einem wichtig ist.

In einer Jury treffen Vertreter unterschiedlicher Gesellschaften, Kulturen und auch Filmkulturen zusammen. Wie sind Ihre Erfahrungen in der Zusammenarbeit? Wie funktioniert die Verständigung in einem mitunter dürftigen Festival-Englisch? Wie laufen die Auseinandersetzungen in Ihrer Jury ab?

Bothe: Alle Jury-Mitglieder sind multilingual. Die Erfahrung, die uns eint, ist aber oft nicht so einfach ins Wort zu bringen. Man radebrecht in der Tat manchmal vor sich hin und wechselt dann vom Deutschen ins Französische und wieder zurück ins Englische. Das Schöne daran ist, dass man eine Erfahrung macht, die uns in unserer Botschaft zutiefst mitgegeben ist, dass nämlich diese Welt groß ist und dass die Fragen nach Wahrheit, nach Transzendenz oder einfach danach, dass Gott uns liebt, über alle Grenzen hinwegreichen. Das bringt kulturelle Grenzen mit sich, nationale Grenzen und natürlich auch Sprachgrenzen. Sich darüber auszutauschen und zu verständigen, ist auch ein Urkern des Glaubens.

Inwieweit ist Ihre Arbeit auf Filmfestivals oder generell Ihre Medienarbeit auch eine Art Korrektiv zu einer immer stärker kommerziell ausgerichteten Branche? Das betrifft nicht nur die Ökumenische Jury, sondern auch die FIPRESCI-Jury und andere Jurys.

Bothe: Ich halte diese unterschiedlichen Perspektiven der Jurys für existenziell wichtig. Wenn das gilt, was ich vorhin sagte, dass so ein Festival auch eine Art von Bildungsveranstaltung, eine Diskursveranstaltung ist, dann muss es auch so sein, dass die Jurys unterschiedliche Perspektiven beisteuern. Wir haben über unsere Jury tatsächlich die Möglichkeit, Menschen zu erreichen, die vielleicht nicht ohne weiteres hören würden, was die christlichen Kirchen dazu sagen oder was es für religiöse oder christliche Reflexionsebenen gibt. Das gibt uns Möglichkeiten, und das ist bei anderen Jurys auch der Fall. Ich würde sagen: Ohne diese Vielfalt der Jurys geht es nicht, wenn es tatsächlich um Wahrheit und um Fragen nach dem Sinn und der Qualität der Filme geht.

Mit welchen Vorurteilen sind Sie als Ökumenische Jury konfrontiert? Nach dem Motto: Je heller das Kreuz beleuchtet ist, um so besser ist auch der Film?

Bothe: Ehrlich gesagt, ja. Das kommt schon vor, wenn auch nur vereinzelt. Manchmal gönne ich mir in Gesprächen den Scherz, und antworte auf Fragen, worauf wir in der Jury achten: „Na ja, das ist eigentlich ganz einfach, wir spielen so eine Art Dreifaltigkeitsbingo. Wenn also wirklich Gottvater erwähnt wird, dann sind das drei Punkte, wenn es der Heilige Geist ist, sogar - weil eine höhere Ebene - vier Punkte, und die Beziehung zu Jesus Christus gibt fünf Punkte. Wenn auch noch der Papst erwähnt wird, gebe ich als Katholik gleich zehn Punkte mehr! Es erschüttert mich dann aber doch, wenn mir die Menschen das abnehmen. In den allermeisten Fällen ist es aber so, dass wir ins Gespräch darüber kommen, worum es uns wirklich geht, etwa um anthropologische Fragen, die alle miteinander verbinden, aber auch um transzendente und religiöse Aspekte und den Blick auf die Gesellschaft. Da merkt man dann sehr schnell eine Wertschätzung. Interessanterweise sowohl bei den Filmschaffenden als auch seitens des Festivals. Wir spüren eine enorme Unterstützung. Gerade hier bei der „Berlinale“ sind wir sehr dankbar, dass wir eine sehr intensiv arbeitende Jury haben. Jeder von uns sieht 31 Filme, das ist eine große Menge. Wir erleben aber auch eine große Unterstützung durch die neue Leitung. Gerade Mariette Rissenbeek hat uns explizit mitgegeben, wie viel Wert sie darauf legt und wie wichtig die Ökumenische Jury für die „Berlinale“ ist. Dafür sind wir sehr dankbar.

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