© Bo De Group (Die Regisseurinnen Sofie Bennot, Liesbeth De Ceulaer, Isabelle Tollenaere, v.l.)

"Victoria" gewinnt den Caligari-Filmpreis

Freitag, 28.02.2020

Der 35. Caligari-Filmpreis geht an den experimentellen Dokumentarfilm „Victoria“ der belgischen Filmemacherinnen Sofie Benoot, Liesbeth De Ceulaer und Isabelle Tollenaere

Diskussion

Der 35. Caligari-Filmpreis geht an den experimentellen Dokumentarfilm „Victoria“ von den belgischen Filmemacherinnen Sofie Benoot, Liesbeth De Ceulaer und Isabelle Tollenaere. Das Trio drehte über einen Zeitraum von vier Jahre in der kalifornischen Geisterstadt California City, auf den Spuren eines jungen Afroamerikaners, der mit seinem Handy tagebuchartige Wanderungen durch das unwirtliche Areal mitten in der Wüste macht und über sich, das Land und die Zukunft nachdenkt.


California City, die gescheiterte Großstadtvision eines Investors in den 50er Jahren, bildet die Bühne für den Neustart einer aus Los Angeles umgesiedelten afroamerikanischen Familie. Im Alltag und spontanem Erleben ansetzend, begleiten die Filmemacherinnen den jungen Vater. Es entfaltet sich ein hybrider Dokumentarfilm mit spielfilmartigen Elementen. Lashay T. Warren setzt nicht nur sein Smartphone kreativ zur Neuverortung ein, sondern tritt sprachlich in einen überraschenden Dialog mit dem absurden Ort in der Wüste. Im Beharren auf und Kommunizieren einer subjektiven Perspektive stellt VICTORIA existentielle Fragen zu Urbanität und prekären Lebensbedingungen und schöpft aus dem Nichts gegen alle Erwartungen neue Hoffnung.

California City ist eigentlich nur ein gigantischer Plan, eine größenwahnsinnige Vision aus den 1950er-Jahren, ein abstraktes Gitternetz mitten in der Wüste, das durch eine Bergkette von Los Angeles abgeschnitten ist. Im Vergehen der Zeit, beim Pflegen des Straßennetzes, auf dem Weg zur Schule, beim Abhängen, zeichnet der Film wie nebenbei eine virtuelle Stadtkarte, die jedoch keine Orientierung erlaubt.

Aus dokumentarischen Bildern und Handyvideos des Protagonisten Lashay Warren plus seiner Voiceover-Kommentare entsteht ein Bild der Stadt und eine Stadt aus Bildern. Darin wird die Konstruktion der Realität sichtbar, aber auch ihr Potenzial zur Poesie: ein Wettrennen mit der Schildkröte im Wüstensand, die Fontänen geplatzter Wasserleitungen, die Erinnerungen an Los Angeles beim virtuellen Flanieren mit Google Maps, schwarze Löcher als Tore zu einer anderen Galaxie.



Die Jury, bestehend aus Lena Martin (Pupille - Kino in der Uni, Frankfurt), Dagmar Kamlah (Kino für Moabit, Berlin) und Thomas Klein (filmdienst.de), notiert in ihrem Votum: „California City, die gescheiterte Großstadtvision eines Investors in den 1950er-Jahren, bildet die Bühne für den Neustart einer aus Los Angeles umgesiedelten afroamerikanischen Familie. Im Alltag und spontanem Erleben ansetzend, begleiten die Filmemacherinnen den jungen Vater. Es entfaltet sich ein hybrider Dokumentarfilm mit spielfilmartigen Elementen. Lashay T. Warren setzt nicht nur sein Smartphone kreativ zur Neuverortung ein, sondern tritt sprachlich in einen überraschenden Dialog mit dem absurden Ort in der Wüste. Im Beharren auf und Kommunizieren einer subjektiven Perspektive stellt VICTORIA existentielle Fragen zu Urbanität und prekären Lebensbedingungen und schöpft aus dem Nichts gegen alle Erwartungen neue Hoffnung.“


Glückssucher, Glücksritter, Gestrandete

In einem Text mit dem Titel „Goldsucher, Glücksritter, Gestrandete“ haben die Filmemacherinnen Sofie Benoot, Liesbeth De Ceulaer und Isabelle Tollenaere die Entstehungsgeschichte von „Victoria“ festgehalten: „Alles begann mit einer Anekdote, einer Geschichte, die wir irgendwo aufgeschnappt hatten. Sie handelte von einer Wüstenstadt, California City, die ihr Versprechen, Kaliforniens drittgrößte Stadt zu werden, (noch) nicht erfüllt hatte. Unsere Neugier führte uns schließlich gemeinsam an diesen unvollendeten Ort, an den wir im Verlauf von vier Jahren in regelmäßigen Abständen zurückkehren sollten. Auf der Suche nach einer Idee für unseren Film wurden wir hier fündig. Wir trafen auf zahlreiche Menschen, die in California City gestrandet sind. Auf Menschen, die einen Neuanfang wagten, auf Goldsucher und auf Glücksritter.

Dabei lief uns zufällig auch Lashay Warren über den Weg. Wir verstanden uns auf Anhieb. Trotz unserer unterschiedlichen Herkunft brachte uns der Ort, an dem wir uns kennenlernten, zusammen; es entstand eine Verbindung. Durch die gemeinsam dort verbrachte Zeit wuchsen unsere Begeisterung sowie unsere gegenseitige Faszination und Empathie, woraus dann der dringende Wunsch entstand, gemeinsam einen Film zu drehen.


Vergiss die Vergangenheit, erfinde dich neu

Lashay erzählte uns von seiner gewalttätigen Vergangenheit, die er nur schwer hinter sich lassen konnte, von seinem neuen Leben in California City und von seinen Zukunftsträumen. Er berichtete davon, wie es sich anfühlt, als junger schwarzer Mann in der USA aufzuwachsen. Und wie schwer es ist, sich aus einer vorbestimmten und stark eingeschränkten sozioökonomischen Realität zu befreien.

Wir lernten Lashays fröhliches Wesen und sein enormes kreatives Potenzial kennen. Wie er es schafft, die oftmals enttäuschende Realität mit einer Prise Fiktion aufzuhellen. Wie er sich seiner Identität auf kreative Weise nähert, indem er sich unentwegt ein anderes Selbst und eine andere Zukunft ausmalt.

Dieses Konzept, sich selbst neu zu erfinden, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und einen Neuanfang an einem anderen Ort zu wagen, entspricht einem alten Muster, das für den Westen der Vereinigten Staaten charakteristisch ist. Insbesondere für Kalifornien, das seit den Tagen der Pioniere mit seinen Wüstenlandschaften eine (scheinbar) leere Leinwand bot, auf der unentwegt neue Geschichten skizziert werden konnten. Vergiss die Vergangenheit, erfinde dich neu. Wie in einer Fiktion.



California City ist ein solcher Ort, der die Fantasie anregt mit seinem Labyrinth aus verfallenen Straßen irgendwo zwischen Wildnis und Zivilisation. Ein Ort, der dazu einlädt, eine neue Geschichte zu erfinden.


Wo Realität und Fantasie aufeinandertreffen

Dort entstand unsere Idee zu „Victoria“, einem Film, in dem Lashays Realität und Fantasie und unsere eigene Fantasie ganz ungezwungen aufeinandertreffen konnten.

Wir beobachteten Lashay dabei, wie er California City zu Fuß erkundete und auf diese Weise seine Freiheit zum Ausdruck bringt. Lashay macht sich nichts aus vorgegebenen Pfaden und Begrenzungen. Er sucht sich seinen eigenen Weg und entscheidet selbst, wohin er geht und wie er sich dort hinbewegt. Dies inspirierte uns dazu, sein Laufen als Wandern zu betrachten, das sich zu einem Herzstück unseres Films entwickelte. Lashay tritt darin als zeitgenössischer Pionier auf, der sich „immer auf dem Weg zu etwas Besserem“ befindet.

Wir baten ihn, Tagebuch über sein neues Leben in seiner neuen Heimat zu führen. Nach unserer Vorstellung sollte dieses Tagebuch später einmal gefunden und gelesen werden, wie die Tagebücher der frühen Pioniere. Auf diese Weise gewinnen seine Person und seine Worte an Gewicht. Sie werden zu wertvollen Zeugnissen aus einem bedeutsamen Zeitabschnitt der Geschichte, und er selbst wird Teil dieser Geschichte.

Mit jedem Schritt hinterlässt Lashay seine Spuren, schreibt sich in die Landschaft ein und macht sie sich zu eigen. Er gehört zu dieser neuen Welt, und diese neue Welt gehört zu ihm.“



Der Caligari-Filmpreis wird seit 1986 an einen stilistisch wie thematisch innovativen Film aus dem Programm des Berlinale Forums verliehen. Mit dem Preis wird die besondere Bedeutung dieser Sektion der Internationalen Filmfestspiele Berlin für die kulturelle Kinoarbeit gewürdigt. Die von den Kommunalen Kinos und filmdienst.de gestiftete Auszeichnung ist mit 4.000 Euro dotiert. Die Preisträgerinnen erhalten 2.000 Euro, die andere Hälfte des Betrages wird für Werbemaßnahmen verwendet, um weitere Kinoaufführungen des prämierten Films in Deutschland zu begleiten.

Kommentar verfassen

Kommentieren