© Berlinale / Ekko von Schwichow

Berlinale 2020: Kirchen zeichnen „Es gibt kein Böses“ aus

Samstag, 29.02.2020

Die Ökumenische Jury zeichnet bei der „Berlinale“ mit „Es gibt kein Böses“ ein episodisches Drama des iranischen Regisseurs Mohammad Rasoulof aus

Diskussion

Mutiges Votum der Ökumenischen Jury bei der „Berlinale“: Die Jury würdigte mit dem episodischen Film „Es gibt kein Böses“ des iranischen Regisseurs Mohammad Rasoulof ein Drama über Widerstand und Moral innerhalb eines despotischen Systems, zugespitzt im Blick auf junge Männer, die die Todesstrafe vollstrecken sollen. Auch in den Preisen aus den Nebenreihen Panorama und Forum hebt die Jury Filme mit politisch-humanistischen Themen hervor.


Die internationalen Filmorganisationen der evangelischen und katholische Kirche, Interfilm und SIGNIS, sind seit 1992 bei der „Berlinale“ vertreten. Die aus sechs Mitgliedern bestehende Ökumenische Jury vergibt ihren Hauptpreis für einen Film aus dem Wettbewerb sowie je einen mit 2 500 Euro dotierten Preis für einen Film aus der Sektion Panorama und aus dem Programm des Forums.

Mit diesen Preisen werden Filmschaffende geehrt, die in ihren Filmen ein menschliches Verhalten oder Zeugnis zum Ausdruck bringen, das mit dem Evangelium in Einklang steht, oder die es in ihren Filmen schaffen, das Publikum für spirituelle, menschliche und soziale Werte zu sensibilisieren.


Preisträger im „Berlinale“-Wettbewerb 2020


Sheytan Vojud Nadarad

(„Their is no evil“ / „Es gibt kein Böses“) von Mohammad Rasoulof

Der Episodenfilm reflektiert die Wichtigkeit des Gewissens in den Geschichten von vier jungen Männern, die die Todesstrafe vollstrecken sollen, und ihres Umfelds. Sie werden während ihres Militärdiensts mit diesem Auftrag betraut; einer von ihnen flieht, ein anderer widersetzt sich. Die Verstrickungen und tiefen moralischen Konflikte, die diese Tötungen mit sich bringen, konfrontieren das Publikum mit der verstörenden Wirklichkeit des politischen und juristischen Systems im Iran. Die Taten der Männer haben weitreichende Auswirkungen auf ihre Beziehungen zu ihren Liebsten und ihren Familien. Die Atmosphäre drohender politischer Verfolgung ist tief beunruhigend. In höchst eindrucksvoller Weise stellt der Film unterschiedliche Optionen dar und unterstreicht so die Möglichkeit einer Gewissensentscheidung auch unter politischem Druck. Herausragend erzählt, von großer filmischer Qualität und mit überzeugenden darstellerischen Leistungen, zeigt der Film eine grundsätzliche Kritik der Todesstrafe im Allgemeinen und des repressiven iranischen Systems im Besonderen.




Preisträger aus der Sektion „Panorama“


Otac

(„Father“) von Srdan Golubović

Das Road Movie erzählt die auf einer wahren Begebenheit basierende Geschichte eines Vaters, der einen 300 Kilometer langen Weg von der Provinz in die serbische Hauptstadt Belgrad zu Fuß zurücklegt, um seinem verzweifelten Wunsch Ausdruck zu verleihen, seine Kinder wieder zugesprochen zu bekommen. Aufgrund der prekären Familiensituation und einer verzweifelten Kurzschlusshandlung seiner Frau wurde ihm das Sorgerecht für die Kinder durch das örtliche Jugendamt entzogen. Der Film zeigt das noch in sozialistischer Willkür verhaftete kommunale System, korrupte Strukturen, ein krasses Stadt-Land-Gefälle sowie die schwer zu ertragende Verwahrlosung eines ganzen Landes. Dennoch gelingt es dem Vater, in zurückhaltender und gewaltfreier Weise mit der katastrophalen Anspannung, seinen Schuldgefühlen und den Herausforderungen auf dem Weg nach Belgrad umzugehen. Die Jury sieht in ihm eine vorbildliche Haltung der Beharrlichkeit und eines Gerechtigkeitsstrebens, welches trotz der prekären Situation nicht auf Kosten anderer geht. So wird der Vater zu einem Helden, ohne sich selbst je als Held zu sehen.


Lobende Erwähnung


Saudi Runaway

von Susanne Regina Meures

Ihr bevorstehender Hochzeitstag wird das Leben von Muna für immer verändern. Es ist der Tag, an dem sie ihre Entscheidung in die Tat umsetzt; nicht jedoch jene für den für sie ausgesuchten Bräutigam, sondern diejenige, ihre Freiheit außerhalb Saudi-Arabiens zu suchen. Als Frau, die sich mutig kommenden Gefahren und Herausforderungen stellt, hat Muna ihre Flucht aus dem Land geplant. Gerade weil sie ein Mensch ist, dessen Herz von Zuneigung und Liebe für ihre Familie geprägt ist, muss sie aufbrechen. Diese Geschichte über weibliche Selbstbestimmung ist real, sie ist authentisch und berührt, indem sie vollständig aus Smartphone-Videos zusammengesetzt ist. Susanne Regina Meures als Regisseurin und Muna als Protagonistin und Person lassen miteinander mehr als einen Film entstehen. Sie fügen den Smartphone-Bildern eine Version des Feminismus hinzu und profilieren die Würde der Frauen nicht trennend, sondern als Brücke. Und gemeinsam haben sie Deutschland eine junge Frau hinzugefügt, die glücklich über die Sonne der Freiheit in ihrem Inneren ist – und deshalb noch immer über den Regen außerhalb.




Preisträger aus der Sektion „Forum“


"Seishin 0"

(„Zero“) von Kazuhiro Soda

Mit dem subtilen, aber wirkungsvollem Einsatz filmischer Mittel, vor allem von Kamera und Montage, vermittelt der Film die Wirkung, die der Psychiater Dr. Masatomo Yamamoto auf seine Patienten und Patientinnen hat. Kurz vor seinem Ruhestand zeigt er Einfühlsamkeit und Verständnis im Umgang mit ihren Belastungen und ihrer Angst vor einer Zukunft ohne seine Begleitung. Er motiviert sie, die jetzt notwendigen Schritte zu unternehmen, und begleitet sie in einer stillen, aber ermutigenden Art. Im zweiten Teil des Films sieht man ihn nach seiner Pensionierung, wie er seine Zeit mit seiner demenzkranken Frau verbringt. Die scheinbare Einfachheit des Films beeindruckt zutiefst. Menschliche Würde und Mitgefühl werden in herausragender Weise ins Bild gesetzt. Ein bewegender Film über den Wert menschlicher Handlungsfähigkeit und Fürsorge in einer Gesellschaft, in der Menschen sozialem und wirtschaftlichem Erfolgsdruck ausgesetzt sind.


Mitglieder der Ökumenischen Jury bei der „Berlinale“ 2020 waren Melanie Pollmeier (Schweiz), Rinke Dellebeke-van Hell (Niederlande), Roland Wicher (Jurypräsident, Deutschland, Bild hintere Reihe, von links), James Thessin (USA), Alexander Bothe (Deutschland), Kodjo Ayetan (Togo; Bild vordere Reihe, v. r.)

Die Ökumenische Jury bei der "Berlinale" 2020
Die Ökumenische Jury bei der "Berlinale" 2020

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