© Majestic Films (aus "Tödliche Leidenschaft")

Nachruf auf Suzy Delair

Dienstag, 17.03.2020

Zum Tode der französischen Schauspielerin und Sängerin (31.12.1917-15.3.2020)

Diskussion

Die Französin Suzy Delair war in den 1940er- und 1950er-Jahren nicht nur im Kino eine Ausnahmeerscheinung. Vor Temperament sprühend, quirlig und leicht schrill, bereicherte sie Filme von Henri-Georges Clouzot, René Clément und Marcel Carné. Später gab sie Fernandel und Louis de Funès kongenial Kontra. Im hohen Alter von 102 Jahren verstarb sie am 15. März 2020.


Sherlock Holmes und andere geniale Detektive der Literatur und des Kinos wussten, was sie an ihren einfach gestrickten Begleitern hatten: Männer, die hinter der Intelligenz und Tatkraft der Spürnasen weit zurückblieben, ihnen aber loyal, duldsam und bewundernd zur Seite standen. Umso verständlicher wird der Wert dieser Paarungen angesichts ihres völligen Gegenteils, wie er in den beiden 1941/42 entstandenen französischen Filmen „Sie waren Sechs! und „Der Mörder wohnt in Nr. 21“ zu erleben ist: Der Held ist hier Wenceslas Vorobeïtchik, der Einfachheit halber „Wens“ genannt, ein durch keine kriminalistische Herausforderung zu erschütternder Detektiv, gespielt vom eleganten Pierre Fresnay. Wens zur Seite steht allerdings eine Partnerin, wie sie zu konzentrierter Ermittlungsarbeit nicht weniger passen könnte. Die von Suzy Delair gespielte Mila Milou hegt Ambitionen auf eine Gesangskarriere, die sie mit enormem Selbstbewusstsein, aber eher dürftigem Talent verfolgt. Auf wie jenseits von Bühnen nutzt sie jede Gelegenheit, um ihr jeweiliges Gegenüber und speziell ihren geplagten Freund wegen deren angeblicher Ignoranz und mangelnder Unterstützung nach allen Regeln der Kunst herunterzuputzen – mit ungenierter Vulgarität und unter Einsatz einer Plapperstimme, die selbst für französische Verhältnisse mit außergewöhnlicher Rasanz durch die Sätze galoppiert.

Mila Milou ist eine Ausnahmeerscheinung in vielfacher Hinsicht: innerhalb des Kinos der 1940er-Jahre und des mit humorvollem Touch agierenden Krimi-Genres, zeitunabhängig aber auch als bis heute viel zu seltenes Filmbeispiel für eine uneingeschränkt selbstsichere Frau, die nicht den geringsten Respekt vor der Genialität ihres männlichen Partners zeigt.

Suzy Delair als anstrengende Freundin eines genialen Detektivs (Pierre Fresnay) in "Der Mörder wohnt in Nr. 21" © Media Target Distribution
Suzy Delair als anstrengende Freundin eines genialen Detektivs (Pierre Fresnay) in "Der Mörder wohnt in Nr. 21" © Media Target Distribution

Nachdem es mit der Gesangslaufbahn einmal mehr nichts geworden ist, setzt sie sich in „Der Mörder wohnt in Nr. 21“ in den Kopf, Wens bei der Entlarvung eines Serienmörders zuvorzukommen. Um den Täter unter den Bewohnern einer Pension zu finden, hat sich der Detektiv dort als angeblicher Pfarrer eingemietet; Mila folgt ihm unabgesprochen und schafft es spielend, seine durchdachte Tarnung auffliegen zu lassen, ohne deshalb am Schluss mehr als ein halbwegs betretenes Gesicht darüber zustande zu bringen, dass sie ihren Freund in Lebensgefahr gebracht hat.

Übersprudelnde Energie, die alles mitreißt

Bei allem Egoismus und aller Schrillheit ist es aber unmöglich, Augen und Ohren von Suzy Delair abzuwenden. Ihre sympathische Ausstrahlung mit großen Augen, Stupsnase, dem oft leicht staunend geöffneten Mund, runden Wangen und wilder Lockenpracht, kombiniert mit übersprudelnder Energie und ihren stets nur etwas zu lauten und exaltierten Gesangseinlagen fügen sich zu einer Darbietung, die für das Publikum ebenso elektrisierend ist wie für die Figuren um sie herum anstrengend. Nie besteht Zweifel, dass man es hier mit der hinreißenden Interpretation einer mäßigen Künstlerin zu tun hat, wie sie so nur eine exzellente Schauspielerin vorführen kann. Filmhistorisch kann man Suzy Delairs Darbietung nahtlos neben Jean Hagens berühmten Auftritt als Stummfilmstar mit Quietschstimme in Singin’ in the Rain (1952) stellen.

Delair wurde an Silvester 1917 in Paris geboren und wollte zuerst Modistin werden, streckte aber bereits als Jugendliche die Fühler zum Kino und zur Bühne aus. Nachdem sie zehn Jahre lang Minirollen gespielt hatte, verhalfen ihr die beiden Wens-Kriminalfilme mit Mitte 20 zum schauspielerischen Durchbruch. Verantwortlich dafür war Henri-Georges Clouzot, der ihr als Drehbuchautor bei „Sie waren Sechs!“ die Rolle auf den Leib schrieb, ehe er mit „Der Mörder wohnt in Nr. 21“ sein Regiedebüt gab. Ihre auch private Bindung überstand die Vorwürfe nach dem Zweiten Weltkrieg, dass beide etwas zu bereitwillig für die deutschen Besatzer gearbeitet hätten, und hielt bis zu ihrer dritten Zusammenarbeit „Unter falschem Verdacht“ (1947). Wie ihre ersten gemeinsamen Filme beruht auch dieser auf einem Roman des Belgiers Stanislas-André Steeman, doch der Tonfall der Adaption ist ein anderer. Der ermittelnde Detektiv, gespielt von Louis Jouvet, ist ein Zyniker, der den Mord an einem reichen Mann aufklären muss; Suzy Delair spielt erneut eine zutiefst ehrgeizige, diesmal aber unbestritten talentierte Sängerin, die ebenso verdächtigt wird wie ihr treuherziger Gatte (Bernard Blier). Clouzot inszeniert Suzy Delair und Louis Jouvet fast spiegelbildlich als Figuren, die in ihrem Selbstbezug ihre Umwelt gleichermaßen vor den Kopf stoßen, beide aber am Ende überraschend noble Züge offenbaren.

Im Verehrerkreis: "Unter falschem Verdacht" © StudioCanal
Im Verehrerkreis: "Unter falschem Verdacht" © StudioCanal

Von Sängerinnen zur schadenfrohen Widersacherin

Rollen als Sängerin blieben auch nach der Trennung von Clouzot die Domäne von Suzy Delair, die parallel in Operetten zum Bühnenstar wurde. 1945 hatte sie bereits in einer Verfilmung von Puccinis „La Bohême“ mitgespielt, Regisseure wie Jean Dréville („In Teufels Krallen“, 1946), Jean Grémillon („Tödliche Leidenschaft“, 1948) und Henri Jeanson („Lady Paname“, 1950) verhalfen ihr zu vielschichtigen Auftritten, in denen ihre sprühende Vitalität hervorragend zur Geltung kam. Dagegen durfte sie bei ihrer weiblichen Hauptrolle im letzten Film von Laurel & Hardy, „Atoll K“ (1951), ihre Qualitäten allenfalls andeuten, sodass die Chance auf internationalen Ruhm auch ohne den desaströsen Dreh mit den gealterten, schwerkranken Komikern vertan wurde.

Schon in den 1950er-Jahren ließ allerdings auch unter französischen Regisseuren das Interesse an Suzy Delair nach, die in ihren künstlerischen Ansprüchen ähnlich rigoros war wie manche ihre Leinwandfiguren. Ihre selteneren Filmauftritte wurden nun zu besonderen Schätzen. Ihre Vielseitigkeit durfte die Darstellerin noch einmal in René Cléments „Gervaise“ zeigen, der schonungslosen Adaption von Zolas Roman „Der Totschläger“. Darin ist sie zu Beginn wie die von Maria Schell gespielte Titelfigur eine Wäscherin, die sich zur erbitterten Gegenspielerin der bedauernswerten Gervaise entwickelt: Zunächst als spöttische Liebesrivalin, nach einer erinnerungsträchtigen Prügelei bis aufs Blut zwischen den beiden Frauen dann als vorgeblich nicht nachtragende Freundin, die ihr Entzücken über den Abstieg von Gervaises Mann (François Périer) zum gewalttätigen Alkoholiker und den Verfall der Familie aber kaum verbergen kann. Immer wieder blitzt es teuflisch durch das Gesicht von Suzy Delair, die in diesem Fall ihr Temperament drosselt und das süffisante Porträt einer Frau liefert, die ihr Selbstbewusstsein aus dem Elend anderer schöpft.

In "Gervaise" spielte Suzy Delair die Widersacherin von Maria Schell © arte
In "Gervaise" spielte Suzy Delair die Widersacherin von Maria Schell (rechts) © arte

Würdige Gegner: Fernandel und Louis de Funès

Auch danach trat Suzy Delair in Luchinos Viscontis „Rocco und seine Brüder“ (1960) und Marcel Carnés „Futter für süße Vögel“ (1962) noch für namhafte Regisseure vor die Kamera und erwies sich für zwei von Frankreichs populärsten Komikern als kongeniale Partnerin: In „Der Modekönig“ (1956) begleitet sie skeptisch den beruflichen Erfolg eines von Fernandel gespielten Schneiders, in „Die Abenteuer des Rabbi Jacob“ (1973) weist sie als energische Zahnärztin selbst ihren Filmehemann Louis de Funès mit wahren Wortschwällen in die Schranken. Nach einer letzten Kinorolle im Jahr 1976 brachte sich die vitale Darstellerin über Fernsehauftritte und staatliche Ehrenbezeigungen auch die folgenden Jahrzehnte immer wieder in Erinnerung. Am 15. März 2020 starb sie im Alter von 102 Jahren.


Kommentar verfassen

Kommentieren