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Filmklassiker: Die Gräfin von Hongkong

Freitag, 20.03.2020

Das Alterswerk von Charlie Chaplin hat weit höhere Qualitäten, als seine mäßige Reputation vermuten lässt.

Diskussion

Der letzte Film von Charlie Chaplin wurde beim Kinostart 1966 von der Kritik geschmäht und steht seit damals im Ruf eines gescheiterten Alterswerks. Dabei lassen sich in der unter anderem mit Sophia Loren und Marlon Brando besetzten Komödie unter der Oberfläche hohe Qualitäten aufspüren, etwa was die Darstellung sozialer Gepflogenheiten betrifft. Aktuell ist „Die Gräfin von Hongkong“ beim Streaming-Anbieter Mubi zu sehen.


Es dürfte nicht allzu viele Filme geben, in denen so häufig Türen geöffnet und wieder zugeknallt werden, in denen so häufig die Türklingel ohrenbetäubend schrillt (anstatt angenehm zu summen) und die Menschen daraufhin aufgeregt im Bad oder im Kleiderschrank verschwinden. Die Türklingel fungiert in Charlie Chaplins letztem Film „Die Gräfin von Hongkong“ nicht etwa als freundliche Bekanntmachung, dass netter Besuch vor der Tür steht. Sie ist eindeutig ein Alarm, der vor einer Gefahr warnt: die Entdeckung eines Menschen, der nicht entdeckt werden darf.

Wer hier nicht entdeckt werden darf, ist niemand Geringere als Sophia Loren. Sie spielt die russische Gräfin Natascha, die bei einer Party in Hongkong, begleitet von zwei weiteren Schönheiten, die in ihrer Kühlheit aus einem Antonioni-Film stammen könnten, den reichen amerikanischen Botschafter in Saudi-Arabien, Ogden Mears, kennen lernt. Als Ogden, dargestellt von Marlon Brando, am anderen Morgen verkatert an Bord eines Schiffes aufwacht, das ihn über Japan und Hawaii nach San Francisco bringen soll, ist nicht nur sein weißes Hemd mit rot geschriebenen Telefonnummern übersät – im Schrank findet er ausgerechnet die schöne Natascha, angetan mit einem Abendkleid, aber ohne Reisepass oder gar Visum. Natascha will nach Amerika. Widerspruch zwecklos.

Ogden ist nicht sehr begeistert. Eine schöne, alleinstehende Frau in seiner Kabine – so einen Skandal kann er sich in seiner Position nicht leisten, zumal gerade die Scheidung von seiner Frau ansteht. Und dann schrillt, siehe oben, des Öfteren die Türklingel. Stewards, Diener, Zahlmeister, Geschäftsfreunde, Presseagenten, Journalisten, der Kapitän – alle haben sie etwas auf dem Herzen. Kompliziert wird es, als Ogdens Noch-Ehefrau in Honolulu zusteigt.

Chaplins Schwanengesang

„Die Gräfin von Hongkong“ ist der Schwanengesang Chaplins. 1966 gedreht, ist dies sein letzter Film, Chaplin starb 1977. Die zeitgenössische Kritik ließ kein gutes Haar an der romantischen Komödie, die mit übergroßen Pyjamas und nicht minder großen Betten an die Komödien einer Doris Day, Bettgeflüster und Ein Pyjama für zwei, erinnert. „Altmodische Schlafzimmer-Farce“, schimpfte „Variety“, „Flatulent comedy with neither the sparkle of champagne nor even the fizz of lemonade“, motzte Leslie Halliwell. Die schlechte Laune hinderte die Kritiker daran, die Qualitäten des Films aufzuspüren und unter die Oberfläche zu schauen. „Die Gräfin von Hongkong“ ist nämlich ein Film über den Zwiespalt eines Mannes, der seine soziale Maske, die ihn bislang geschützt hatte, fallen lassen muss. Nur so kann er entdecken, was er eigentlich will, wen er wirklich liebt.

Ehrenrettung kam, wie so oft, aus Frankreich: „,Countess‘ ist burlesker und realistischer als die Mehrzahl aller amerikanischen Komödien, und besser als sie. Sie schafft es, unterschiedliche Elemente zu vereinen“, lobt Eric Rohmer in einem Buch, dass 1972 Texte von ihm und André Bazin über Chaplin vereint. Und dann sind dann natürlich noch die Schauspieler: Sophia Loren hat Klasse und Stil. Sie ist atemberaubend, besonders, wenn sie lachen darf. Marlon Brando scheint sich in einer leichten Komödie nicht so recht wohlzufühlen, besonders zu Beginn. Doch diese Zugeknöpftheit gehört zu seiner Rolle.

Köstlich auch Tippi Hedren, berühmt als Hitchcock-Heroine in Die Vögel und Marnie, als Brandos Frau, die zwar ihren Mann und seine Pläne durchschaut, ihm aber nicht so recht böse sein kann. Umwerfend ist Patrick Cargill als Ogdens Kammerdiener Hudson, der Natascha auf Geheiß seines Chefs heiraten muss, um ihr ein Visum für die Staaten zu beschaffen. Seiner ersten Irritierung folgt rasch das mehrmalige Bedauern, dass die Ehe noch nicht vollzogen (consumated) worden sei. „You have ,Consumated‘ on your brain“, schimpft ihn Brando aus.

In Kurzauftritten: Chaplin selbst und Tochter Geraldine

Nicht verpassen darf man auch Chaplin selbst (als Ober, der kurz durch die Tür schaut und wieder geht, vielleicht die einsamste Figur des ganzen Films) und seine Tochter Geraldine in einem viel zu kurzen Cameo-Auftritt bei einem Ball auf dem Schiff. Deprimiert sagt sie zu ihrem Tanzpartner: „I worry about the immortality of the soul.“ Mit diesem Gedanken lässt sie uns allein.

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