© filmjuwelen (aus "Die Geierwally")

Zum Tode von Barbara Rütting (21.11.1927-28.3.2020)

Montag, 06.04.2020

Diskussion

In den 1950er- und 1960er-Jahren kratzte die Schauspielerin Barbara Rütting mit Kinoauftritten als eigenständige, widerspenstige Frau am vorherrschenden Frauenbild des bundesdeutschen Kinos und machte auch international auf sich aufmerksam. Nach dem Ende ihrer Schauspielkarriere engagierte sie sich für Tierschutz und Veganismus.


Das Bild der leidenschaftlichen Tierschützerin, Vorkämpferin für den Veganismus, Politikerin und Buchautorin bestimmte jahrzehntelang die öffentliche Wahrnehmung von Barbara Rütting. Ihre Zeit als Schauspielerin schien daneben nur noch eine Fußnote zu sein, zumal sie diese bereits in den 1980er-Jahren ad acta gelegt hatte, um sich fortan ganz ihrem Aktivismus zu widmen, und ihre Kinoauftritte in den 1950er- und 1960er-Jahren selbst mit wenig schmeichelhaften Worten bedachte. Dabei gehörte Barbara Rütting im vielgeschmähten bundesdeutschen Kino dieser Zeit zu einigen wenigen vielversprechenden Darstellerinnen, die zumindest in Ansätzen ein Frauenbild mit mehr Schattierungen und Eigenständigkeit in die konservative Biederkeit hineinbrachten. Die 1927 im brandenburgischen Wietstock geborene Schauspielerin unterschied sich mit ihren schwarzen Haaren, den eher resoluten als anmutigen Gesichtszügen und einer oft knappen, fast harten Sprechweise markant vom damals bevorzugten Kino-Frauentypus. Ihre Figuren wirken oft fast wie erstarrt in einer Unbeweglichkeit, die weniger von darstellerischen Grenzen kündet als vom Unwillen, stereotypen Vorstellungen weiblicher Gefühlsseligkeit entgegenzukommen – die falsche Emotionalität der Marke „Papas Kino“ war sichtlich nicht Barbara Rüttings Sache.

Mit diesen Vorgaben konnte die junge Darstellerin Anfang der 1950er-Jahre einen Einstieg nach Maß ins Kinogeschäft feiern. Ihre ersten beiden Filme, die frühe westdeutsche Einlassung auf DDR-Flüchtlinge „Postlagernd Turteltaube“, und der Politthriller „Die Spur führt nach Berlin“ (beide 1952) verschafften Barbara Rütting den Deutschen Filmpreis als Nachwuchsdarstellerin. Im Jahresrhythmus fand sie danach Beschäftigung in anspruchsvoller angelegten Produktionen dieser Zeit: Als serbische Partisanin in Helmut Käutners „Die letzte Brücke“ (1953), als Doppelagentin in der Nazi-Zeit in Alfred Weidenmanns „Canaris“ (1954), als russische Baronesse in Franz Antels „Spionage“ (1955), schließlich in der Hauptrolle der widerspenstigen Bergbauerntochter in Franz Caps Remake der „Geierwally“ (1956).


Rütting in "Die Sendung der Lysistrata"
Rütting in "Die Sendung der Lysistrata" © Studio Hamburg

Daneben blieben Barbara Rütting freilich die Tiefen damaliger Unterhaltungsvorstellungen nicht erspart; banale Heimatfilme finden sich in ihrem Portfolio ebenso wie Rollen als aufopfernde Ärztinnen oder leidenserprobte Ehefrau oder Geliebte in Melodramen, wenig lustige Komödien oder triviale Krimis. Neben der skandalumwitterten Fernsehproduktion „Die Sendung der Lysistrata“ (1960), in der die Darstellerin bereits ihr späteres Bekenntnis zum Pazifismus vorwegnahm, war es der Sprung ins Ausland, der ihr die denkwürdigsten Auftritte der 1960er-Jahre bescherte – ein damals bei deutschsprachigen Schauspielern gar nicht so seltenes Phänomen. Neben der Nazi-Vorzeige-Fliegerin Hanna Reitsch im stargespickten Historien-Spionagefilm „Geheimaktion Crossbow“ (1964) spielte sie so 1960 eine Reporterin, die in „Stadt ohne Mitleid“ mit abgeklärter Sachlichkeit die perfiden Umstände um die Vergewaltigung einer 16-Jährigen durch vier in Deutschland stationierte US-Soldaten ausbreitet: Auch hier bleibt Barbara Rütting nach außen unberührt, lässt aber als Erzählerin des Films wie als auftretende Figur keinen Zweifel an einem allumfassenden Ekel, der die reuelosen Täter ebenso einschließt wie ihren Verteidiger (Kirk Douglas) und das Militärgericht, aber auch die aus Heuchlern, Denunzianten und Opportunisten bestehenden Einwohner der Kleinstadt.

In „Die letzte Brücke hatte Barbara Rüttings Widerstandskämpferin für die geduckte Zurückhaltung von Maria Schells Ärztin nur ein verächtliches Schnauben übriggehabt, in ihrer Figur in „Stadt ohne Mitleid“ scheint die Haltung, auf die vorhandenen Gegebenheiten keinerlei positive Erwartung zu setzen, zur zweiten Haut geworden. Wenn überhaupt, so legt sie nahe, ändert sich etwas mit einer kompromisslosen Umgestaltung der Gesellschaft. Etwas von dieser Entschlossenheit war Barbara Rütting auch in ihrer Zweitkarriere zu eigen, die sie noch als 90-Jährige 2017 für eine vegetarische Kleinpartei für den Bundestag kandidieren ließ. Am 28. März verstarb sie im unterfränkischen Marktheidenfeld.

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