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Filmliteratur: Asta Nielsen

Mittwoch, 22.04.2020

Eine neue Biografie über die Stummfilmdiva Asta Nielsen ordnet ihr Leben und Werk in die gesellschaftlichen Kontexte ein

Diskussion

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Asta Nielsen der erste international umjubelte Star des deutschen Kinos. Eine neue Biografie mit dem Untertitel „Filmgenie und Neue Frau“ skizziert nicht nur Leben und Werk der Stummfilmdiva, sondern ordnet diese in die Entwicklung des Mediums und gesellschaftlicher Veränderungen ein.


Als die bis dahin auf Theaterbühnen erfolgreiche Dänin Asta Nielsen 1909 zum ersten Mal eine Filmrolle angeboten bekam, setzte sie dies in ihren Erinnerungen rückblickend mit einem Abstieg gleich: „Ich fiel aus allen Wolken bei diesem Gedanken… Die neue Kunst bestand doch hauptsächlich aus Cowboyszenen im Wilden Westen oder komischen Situationen, wo Bäckerjungen mit Schornsteinfegern aneinandergerieten oder feingekleidete Herren und Damen sich damit vergnügten, sich gegenseitig Schlagsahne ins Gesicht zu werfen.“ Doch der ablehnende Gestus hielt nicht lange an. Als ihr Kollege und Ehemann Urban Gad ihr ein Jahr später ein Filmmanuskript präsentierte, war die damals 29-Jährige begeistert: „Endlich die begehrte dramatische Rolle. Wie gekonnt hat er mich und meine Fähigkeiten eingesetzt, und wie sehr hat er die dramatischen Möglichkeiten eines Films vorausgeahnt.“ Der Film „Afgrunden“ entwickelte sich blitzschnell zu einem Welterfolg, was Nielsen in ihrer Autobiografie zu dem Urteil bewog, dass 1910 in Kopenhagen „der künstlerische Film geboren und ein Wendepunkt in der Geschichte des Films eingetreten“ war.


Die Duse des Nordens

Umso mehr war die „Duse des Nordens“ darüber irritiert, dass sich zunächst keine dänische Produktionsfirma bereit erklärte, dem Team Nielsen/Gad einen weiteren Film anzuvertrauen. Gads wohlhabende Familie bot an, zwei Bilder von Paul Gauguin zu verkaufen, um die Finanzierung zu sichern. Gad versuchte es in Berlin, doch statt auf Kunstsammler traf er hier auf die Betreiber der Deutschen Bioscope, die dem Paar zwei Filmverträge für „Heißes Blut“ und „Nachtfalter“ anboten. Offenbar hatte man in der deutschen Hauptstadt Nielsens abgründige Tanzeinlage mit dem lasziv kreisenden Hüftschwung noch derart intensiv in Erinnerung behalten, dass man sich weitere Kassenerfolge nicht entgehen lassen wollte.

Asta Nielsen in "Der schwarze Traum" (1911) von Urban Gad
Asta Nielsen in "Der schwarze Traum" (1911) von Urban Gad

Das schwindelerregende Drehtempo des Paars riss für Jahre nicht mehr ab. Belohnt wurden Nielsen und Gad mit einer für damalige Zeiten üppigen Beteiligung am Gewinn und mit enormen Jahresgagen. Hin und wieder griffen die Zensurbehörden des Kaiserreichs ein. Deshalb wurde mancher Drehort nach Andalusien oder in eine andere exotische Kulisse verlegt; außerdem reihte man Frauenfiguren aneinander, „die in ihrer Liebe leidenschaftlich alle Grenzen überschritten und weder Mord noch Selbstmord scheuen“; so beschreibt es Barbara Beuys in ihrer Biografie „Asta Nielsen. Filmgenie und Neue Frau“. Asta Nielsens „Bewegungen strotzen vor Sinnlichkeit, ohne dass sie sich die Kleider vom Leib reißen muss. Sie stürzt sich ins Flammenmeer, um ihr Kind zu retten. Sie lässt sich bei Nacht von einem Zirkuscowboy aus dem Elternhaus ihres Verlobten entführen. Wenn das Drehbuch sie zu Tränen herausfordert, sind es echte Tränen, die sie auf der Leinwand weint.“


„Eine höchst unvorteilhafte Figur!"

Beuys hat schon Porträts über Hildegard von Bingen, Sophie Scholl, Maria Sibylla Merian oder Helene Schjerfbeck geschrieben. Im Fall von Asta Nielsen belässt sie es nicht nur bei der biografischen Chronologie. Sie beschreibt die kulturhistorische Entwicklung des Kinomediums, das dank der Diva ein überwiegend weibliches Publikum vor die Leinwände zog, allen voran die berufstätigen Frauen, von der Telefonistin bis zur Verkäuferin, in Dänemark getragen von frühen feministischen Errungenschaften wie dem Zugang zur Universität (bereits 1875) oder dem Gesetz von 1880, das verheirateten Frauen erlaubte, selbst über ihre Einkünfte zu bestimmen. Was allerdings nicht heißt, dass sich Asta Nielsen in ihrer Heimat nicht auch Anfeindungen ausgesetzt sah. So beschwerte sich etwa der spätere Filmregisseur Carl Theodor Dreyer 1913 unter einem Pseudonym über Nielsens Auftritte in „Männerkleidern“: „Asta Nielsen-Gad hat wirklich eine höchst unvorteilhafte Figur. Sie ist lang und schlaksig. Sie ist flachbrüstig. Wäre es nicht an der Zeit, sie zu bitten, ihren Körper wieder in weibliche Kleider zu hüllen?“

"Die Suffragete" (1913) mit Asta Nielsen
"Die Suffragete" (1913) mit Asta Nielsen

Nach der Trennung von Urban Gad drehte Nielsen in Berlin auf eigene Rechnung weiter. Während der Erste Weltkrieg tobte, reiste sie nach New York, gewann einen neuen Lebensgefährten, den dritten von insgesamt sechs, und staunte über die vielen Verehrungsbriefe junger Männer, darunter viele Dichter und Maler, die in ihr nach den Erfahrungen des Gemetzels in den Schützengräben einen Hoffnungsschimmer auf ein modernes demokratisches Deutschland sehen. Kurz nach Kriegsende gründete sie ihre eigene Produktionsfirma, spielt den Hamlet, dreht mit Ernst Lubitsch und Leopold Jessner und hinterlässt beim Filmkritiker Béla Balázs mit der Verfilmung von Wedekinds „Erdgeist“ den Eindruck, der Inhalt des Films bestehe ausschließlich darin, dass „Asta Nielsen mit sechs Männern kokettiert, flirtet, liebt und sie verführt“, dass „die erotische Ausstrahlung dieser Frau uns hier das große, vollständige Gebärdenlexikon der sinnlichen Liebe gibt“.


Spätes „Nein“ beim Tee mit Goebbels

In „Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films“ schreibt Balázs 1924: „Wenn man schon verzweifeln möchte an der Berufenheit des Films, eine eigene, wirkliche Kunst zu entwerfen, die würdig ist, dass sie eine zehnte Muse auf dem Olymp vertritt… wenn man zu zweifeln anfängt, dann ist es doch nur Asta Nielsen, die einem Glauben und Überzeugung wiedergibt.“

Beuys hat ganze Arbeit geleistet, wenn es darum ging, Lobeshymnen auf die Schauspielerin in der zeitgenössischen Tagespresse, Filmmagazinen und Briefkorrespondenz aufzuspüren. Aber sie geizt auch nicht mit abschätzigen Bemerkungen der „Mutter des Films“ über Kollegen wie Greta Garbo, Heinrich George oder Georg W. Pabst. Auch im Umgang mit dem Nazi-Regime kommt Nielsen nicht ohne Kratzer weg. Sie lässt sich von Goebbels zu lange hofieren, um als lupenreine Nazi-Gegnerin, als die sie sich nach dem Krieg darstellt, zu überzeugen: „Er bot mir eine Filmgesellschaft an. Er gab mir völlig freie Hand in Bezug auf das Repertoire. Und alles drumherum“, berichtet sie im Nachhinein geschmeichelt. Ihr Nein beim Tee begründet sie diplomatisch damit, sie hätte sich „für alle Zeit vom Filmgeschäft verabschiedet“.

Erst 1937 verlässt sie Deutschland, behält aber weiterhin ihr Sommerhaus auf Hiddensee. Nach 1945 strebt sie ein Comeback auf deutschen Theaterbühnen an, doch die wenigen ihr noch angebotenen Filmprojekte platzen. In Kopenhagen dreht sie fortan Dokumentationen über ihre Karriere, arbeitet fürs Radio, muss den Selbstmord ihrer unehelichen Tochter verschmerzen und heiratet als 88-Jährige einen homosexuellen Kunsthändler. Beuys gibt sich für diese letzte Lebensphase erstaunlich viel Zeit. Nicht jede Reise oder Freundschaft samt breit ausgetretener Korrespondenz hält einen Mehrwert bereit, aber insgesamt schafft es die Autorin, die Faszination lebendig auferstehen zu lassen – immerhin erfreute sich die selbstbewusste Geschäftsfrau eines nicht abreißenden Interesses, als ihr Lotte Eisner 1969 eine Retrospektive im Palais de Chaillot widmete.

Die Nordischen Filmtage zeigten 2019 den Stummfilm "S1" mit Asta Nielsen
Die Nordischen Filmtage zeigten 2019 den Stummfilm "S1" mit Asta Nielsen

„Asta Nielsen – Filmgenie und Neue Frau“ ist eine aufwändig recherchierte, mit vielen neuen Quellen aufwartende Reise in das lange Wirken eines „Filmgenies“, das sich im Alter zwar den einstigen luxuriösen Lebensstil nicht mehr leisten konnte, aber über mangelnde Verehrung nicht klagen konnte.


Literaturhinweis

Asta Nielsen - Filmgenie und Neue Frau. Von Barbara Beuys. Insel Verlag, Berlin 2019. 447 S., 25,00 EUR. Bezug: Bei jeder Buchhandlung um die Ecke oder online.

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