© Amazon Inc. (aus der Serie "Hunters")

King Al: Al Pacino zum 80. Geburtstag

Freitag, 24.04.2020

Am 25. April 2020 feiert der US-Schauspieler Al Pacino seinen 80. Geburtstag. Eine Hommage

Diskussion

Ein akkurater Seitenscheitel, eine bis zum Kehlkopf zugezogene Krawatte, eine khakifarbene Uniform: so trat er in die große Filmwelt. Er, der später all die zerhauenen, zerrissenen, charismatischen, melancholischen Typen spielen sollte, schaut erst einmal unsicher auf seine Hände.

Nicht nur die Familie Corleone wartet 1972 zu Beginn von Der Pate auf das Auftauchen des Michael Corleone, für das große Familienfoto, bei dem sich der Godfather im Kreise seiner Vertrauten ablichten lassen will. Ganz besonders wichtig ist ihm sein jüngster Sohn, dem er am liebsten die Geschäfte übergeben möchte, weil er große Stücke auf ihn hält. Weil er anders ist als die anderen, überlegt, klug, eigensinnig und vor allem: niemandem hörig.

Als der junge und damals noch unbekannte Al Pacino, der diesen Sohn, Michael Corleone, spielt, dann im Bild erscheint, nimmt ihn die Kamera zunächst von hinten in den Blick, bleibt erst einmal auf der weiblichen Begleitung, gespielt von Diane Keaton, ruhen. Eine amouröse Beziehung zwischen den beiden bahnt sich gerade an.

Unaufgeregtes Entrée

Francis Ford Coppola hat Al Pacino dieses unaufgeregte Entrée in die Meisterwerke der jüngeren Filmgeschichte geschenkt, in denen Pacino fortan mitspielen wird. Er hat damit die alte Hollywood-Regel außer Kraft gesetzt, der Held müsse schon im Bild sein, wenn der Zuschauer ihn zum ersten Mal auf der Leinwand sieht. Ein ungewöhnliches Prozedere also, das dazu führt, dass man dem so beiläufig ins Bild Gebrachten augenblicklich verfällt. Weil man ihn selbst entdecken konnte, in einem Moment, in dem der Held noch ganz und gar gewöhnlich erscheint, noch keine Ausnahmegestalt ist.

Auftakt einer großen Karriere: Al Pacino in "Der Pate"
Auftakt einer großen Karriere: Al Pacino in "Der Pate"

Al Pacino fällt in „Der Pate“ auf, weil er sich von seiner auf Hochtouren aufdrehenden schauspielerischen Entourage absetzt, allen voran Marlon Brando, der seine Paraderolle als großer Don Vito Corleone mit Verve ausspielt. Mit sanften dunklen Augen, fast dem Schwiegersohn-Blick, schaut Al Pacino dagegen aus weichen, langen Wimpern oft nachdenklich hervor, seine dichten schwarzen Haare bleiben auch später im Film, als sich seine Figur bereits wandelt, noch meist ordentlich gekämmt. Er spricht leise und überlegt, alles Merkmale seiner Rolle, und alles, als würde es ihm ganz natürlich zukommen. Und ganz allmählich schält er sich aus dieser leisen Existenz heraus, tritt mehr und mehr in den Vordergrund, bis er schließlich die Geschäfte seines Vaters, des Mafia-Bosses, übernimmt und jetzt voll und ganz da ist. Auch auf vorderster Linie der Schauspieler: Er wurde zum emblematischen Darsteller der neuen Ära Hollywoods, die in den 1970er-Jahren einsetzt.

New Hollywood war bereits dabei, sich zum „New Economy Hollywood“ zu wandeln, wie der Filmwissenschaftler Thomas Elsaesser einmal festgestellt hat. Von den kleinen, schmutzigen Filmen, die sich den brisanten sozialen Themen der Wirklichkeit zugewandt hatten, ging man über, sich wieder den Studios anzunähern, brauchte dafür aber Schauspieler, die eine gewisse „Street credibility“ mitbrachten. Keine slicken Typen, sondern vitale Performer, die schon ein bisschen Leben hinter sich hatten.

Die Strasberg-Schule des biographischen Potenzials

Einer von ihnen war Al Pacino. Als er 1972 „Der Pate“ spielte, war Pacino, der am 25. April 1940 in New York geboren wurde, schon über dreißig Jahre alt. Also keiner der jungen Beginners, sondern einer, der reichlich Erfahrung auf den Off-Broadway-Bühnen New Yorks gesammelt hatte. Bereits mit 25 Jahren kam er ins berühmte „Actors Studio“ von Lee Strasberg, der ihn mit seinem „Method Acting“ in die vorderste Reihe der großen Charakterdarsteller brachte. Die Schule vertraute ganz auf das biographische Potenzial, das die Schauspieler als Menschen mitbrachten, eigene, im Unterbewusstsein verborgene Erinnerungen sollten in das Spiel einfließen und es authentisch machen. Al Pacino haderte zu der Zeit, als er auf Strasberg traf, gerade mit seiner eigenen Identität als Abkömmling italienischer Einwanderer und wollte seinen Namen ändern, die italienischen Wurzeln kappen und zu „Sonny Scott“ werden. Es gab eine Zeit in Amerika, so hat er oft erzählt, in der es besser war, seine Herkunft zu verbergen, wollte man es zu etwas bringen. Menschen, deren Nachnamen auf einem Vokal endeten, hatten damals keine Zukunft im Schauspiel-Business.

Es brauchte daher auch Filme wie das im italo-amerikanischen Milieu spielende Opus Magnum Der Pate und einen Regisseur wie Francis Ford Coppola. Er hatte Al Pacino bei einem Auftritt in einem Off-Broadway-Theater entdeckt und den noch Unbekannten für die Rolle des Michael Corleone besetzt – gegen den Widerstand des großen Studios Paramount Pictures. 20 Jahre lang begleitete ihn das dreiteilige Mafia-Epos, in das Pacino all das einbrachte, was ihn früh geprägt hatte. Sein Vater hatte die Familie verlassen, als er gerade zwei Jahre alt war. Pacino zog mit seiner Mutter in die Bronx, wuchs bei den italienischen Großeltern auf, die in erster Generation aus Sizilien gekommen waren, ausgerechnet aus einem Dorf, das genau so hieß wie seine Rolle: Corleone. Seine italienischen Wurzeln haben Pacino so mehr geprägt als andere Nachfahren der dritten Einwanderer-Generation.

Der Umschwung Hollywoods hatte mit dem „Method Acting“ schon eingesetzt, und New York war als „Hollywood am Hudson“ bekannt. Es war der Ort, an dem sich die Genrefilme fanden, mit den Gangstern, mit den schönen, aber auch fatalen Frauen, den gebrochenen Gestalten und widersprüchlichen Anti-Helden, kompromisslos, düster und gleichzeitig vital. Al Pacino hatte in einem seiner ersten Filme noch das wahre New Hollywood kennengelernt, in Jerry Schatzbergs The Panic in Needle Park. Ein Jahr vor dem epischen „Der Pate“ spielte er einen Drogensüchtigen, der in einem New Yorker Stadtpark ein Mädchen vor der Nadel rettet.

Moralisch gut inmitten des Verderbens

Diese moralisch gute Seite inmitten des Verderbens lässt Pacino auch in seinen anderen Filmen durchblicken – bis vielleicht auf einen. In Scarface (1983), Brian De Palmas in jeder Hinsicht gewaltvoller Ballade vom American Dream, spielt Pacino – sehr überzeugend mit spanischem Akzent – den aus Kuba in die USA eingewanderten Tony Montana, einen skrupellosen Drogenboss, der eifersüchtig über seine Schwester wacht und ob seiner widersprüchlichen Moral am Ende untergeht. Pacino machte den aufbrausend-zärtlichen Tony Montana mit unterm Hemd freigelegtem Brusthaar und schweren Goldketten zu einer kultischen Ikone des neuen Gangsterfilms, schmutzig und nahe dran am Pop eines überschwenglichen Miami, das in seinem Jugend- und Schönheitswahn von der abgründigen Seite des Drogendealers angezogen wird.

Pacino in "Scarface" (© UIP)
Pacino in "Scarface" (© UIP)

Michelle Pfeiffer spielt an seiner Seite, mit ihr zusammen hätte er auch in Pretty Woman (1990) spielen sollen, eine Rolle, die Pacino abgelehnt hatte – aber dennoch ein faszinierender Gedanke. In welche dunklen Schattierungen hätten die beiden diese seifenopernhafte romantische Komödie wohl gehüllt?

Romantisch ist Pacino in vielen seiner Rollen, selbst wenn er den harten Cop wie in Michael Manns Heat (1995) spielt, der um seine dritte Ehe kämpft, während er sich ein Duell der Giganten liefert, mit Robert De Niro, seinem vier Jahre jüngeren schauspielerischen „Bruder“. Auch Harold Beckers Sea of Love (1989) gibt eine Ahnung, welch schwarze Romantik uns entgangen sein mag: ein alleinstehender Cop rettet eine Alleinerziehende, die im Verdacht steht, eine Serienmörderin zu sein – auch weil er an das Gute in ihr glaubt. Pacino spielt hier schüchtern-verliebt, zurückhaltend und zögerlich, bevor er im entscheidenden Moment dann äußerst brutal zuschlägt.

An der Seite von Ellen Barkin in "Sea of Love" (© UPI)
An der Seite von Ellen Barkin in "Sea of Love" (© UPI)

Zarte Psychologie und Schmerz

Voller Wucht sind seine Rollen, großartig und authentisch, immer auch durchwoben von zarter Psychologie und Schmerz, der wohl tief in einer brüchigen Jugend wurzelt, am italienischen Glauben an die Familie festhaltend, die dann doch nur zerfällt. Ausgerechnet für seine Rolle in Der Duft der Frauen (1992) gewann er dann einen „Oscar“, nachdem er ab „Der Pate“ 1972 sieben Mal nominiert war. Den bärbeißigen blinden Colonel Frank Slade performt Pacino mit Genuss, manchmal ist er ein wenig drüber, ein klassischer Fall von Overacting. Zum ersten Mal gibt sich Pacino in dieser übersteigerten Form des „Method Acting“, das lange Zeit von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences zuverlässig mit einem „Oscar“ belohnt wurde, dezidiert als Schauspieler zu erkennen, der sein Handwerk voll und ganz beherrscht.

Al Pacino, der bewusste, begnadete Schauspieler: Das ist auch eng verwoben mit seinen Anfängen im Theater, mit seinem Hang zur Bühne. Pacino hat nur zwei eigene Filmprojekte als Regisseur angefasst, und in beiden ging es um das Making-of eines Theaterprojekts: Looking for Richard (1996) und Wilde Salomé (2011). Im ersten zeigt er sich als Vermittler der Texte Shakespeares, will, fast didaktisch, den Amerikanern die Ehrfurcht nehmen vor dem britischen Dramatiker, der altertümlichen Sprache und den fünfhebigen Jamben. In beiden Filmen sieht man ihn selbst auf der Bühne, gleichzeitig dreht er einen Spielfilm aus dem Stoff und das dokumentarische Making-of über die Bühnenproben: Das Zeugnis seiner leidenschaftlichen Spielwut.

Die Sehnsucht nach den großen Klassikern

Man kann diese beiden Filme aber auch nehmen als Sehnsuchtshorizont für die Rollen, in denen sich Al Pacino, der ewige Gangster, Cop, Drogen- oder auch Gewerkschaftsboss, wie zuletzt in The Irishman (2019), gerne öfter gesehen hätte. Die klassischen Rollen der Tragödien, die ebenfalls die innere Zerbrochenheit und das Drama bereithalten, die all seine Figuren mitbrachten, hätten ihn zu einem großen Darsteller des ernsten Fachs machen können – der er auf der Bühne immer wieder sein konnte. Erst 2004 spielte er in Michael Radfords Kaufmann von Venedig den Shylock, und jetzt wieder: Al Pacino ist nun, erneut bei Michael Radford, als King Lear angekündigt. Eine Rolle, die seinem hohen Alter gerecht wird. Kaum zu glauben, dass Al Pacino jetzt schon achtzig Jahre alt ist.

Wiedervereint mit Robert de Niro: Pacino in "The Irishman" (© Netflix)
Wiedervereint mit Robert de Niro: Pacino in "The Irishman" (© Netflix)


Streamingtipp: "Hunters"

Eines von Al Pacinos jüngsten Projekten ist die Serie "Hunters", in der Pacino einen Holocaust-Überlebenden verkörpert, der sich in den 1970er-Jahren als Kopf einer Gruppe etabliert hat, die in den USA nach Alt-Nazis jagt. Die Serie ist seit 21.2. bei Amazon Prime zu sehen. Mehr dazu hier.


Kommentar verfassen

Kommentieren