© absolutMedien (Postermotiv zum Film "Turksib")

Die Suche nach dem „Neuen Menschen“

Freitag, 08.05.2020

Die DVD-Edition "Der Neue Mensch" zeichnet mit acht Spiel- und Kurzfilm aus den Jahren 1924 bis 1932 den Wandel des sozialistischen Menschenbildes nach

Diskussion

Sowjetfilme jenseits der Klassiker der russischen Kino-Avantgarde: Die als Sonderausgabe wieder aufgelegte DVD-Edition „Der Neue Mensch“ versammelt je vier sowjetische Spiel- und Kurzfilme aus den Jahren 1924 bis 1932, die mit unterschiedlichen Schwerpunkten um das sozialistische Menschenbild kreisen. Eine filmkünstlerisch sehr diverse, aber durchweg erhellende Zusammenschau.


Das frühe Kino der Sowjetunion gilt als Spiegel und Motor gesamtgesellschaftlicher Umwälzungen, als Herd einer künstlerischen Avantgarde, die bis heute auf die Weltfilmsprache einwirkt. Diese Einschätzung trifft durchaus zu, beleuchtet aber nur einen Teil der Historie. Denn das Spektrum der Wahrnehmung bleibt oft recht eingeengt. Meist wird es überhaupt auf nur vier Namen und wenige Titel reduziert. Sergej Eisenstein (1898-1948), Wsewolod Pudowkin (1893-1953), Dsiga Wertow (1895-1954) und Alexander Dowschenko (1894-1956) gelten als die großen, unanfechtbaren Pioniere des seinerzeit von den Intellektuellen in Westeuropa und der USA euphorisch gefeierten „Russenfilms“.

Bei einem genaueren Blick auf die Oeuvres und Biografien offenbaren sich gravierende Brüche und Widersprüche auch dieser Meister. So sind in ihren frühen Filmen schon Spuren zu den späteren Indoktrinationen des Stalinismus angelegt. Wie schon unter Lenin der Terror zum Alltag gehörte, so verloren die Regisseure auch nicht erst in den 1930er- bis 1950er-Jahren ihre politische und künstlerische Unschuld.

Das russisch-sowjetische Filmschaffen jener Zeit war insgesamt sehr viel vielfältiger, als ein erster Draufblick nahelegt. Dass eine differenzierte Auseinandersetzung mit dieser kinematografischen Epoche lange nur bruchstückhaft stattgefunden hat, liegt an inzwischen überholten, aber immer weitergereichten Lehrmeinungen, aber auch an dem schlichten Umstand, dass viel zu wenige Filmbeispiele zugänglich waren.


Metamorphosen des Idealbilds vom Neuen Menschen

Nun bietet die Doppel-DVD „Der Neue Mensch“ (erschienen bei absolutMEDIEN) Gelegenheit, einige der Leerstellen aufzufüllen. Sie bündelt auf zwei Scheiben vier lange und vier kurze, durchweg selten gezeigte Beispiele aus den Jahren 1924 bis 1932. Mit dem Titel der DVD wird ein häufig benutzter Terminus der damaligen Propaganda zitiert. Die ständig beschworene neue Zeit brauchte natürlich auch einen neuen Menschentypus. Wie dieser aussehen sollte, wird in den Filmen beschworen. Er verändert sich im Laufe der Jahre mehrfach. Einer der Vorzüge der Edition besteht darin, dass durch die chronologische Anordnung der Filme diese Metamorphosen eindrücklich nachvollziehbar werden.

Folgerichtig ist der älteste der vier Langfilme gleichzeitig der noch am spürbarsten „revolutionäre“. „Bett und Sofa“ von Abram Room entstand nach einer Idee des Autors Viktor Schklowski und erlebte im März 1927 seine Uraufführung. Erzählt wird eine klassische „ménage à trois“, die allerdings ganz und gar nicht traditionell daherkommt.

"Bett und Sofa" (© absolutMedien)
Ljudmila Semjonova in "Bett und Sofa" (© absolutMedien)

Zwei Freunde lieben dieselbe Frau; als diese schwanger wird, kann die Vaterschaft nicht zweifelsfrei benannt werden. Den beiden Liebhabern (der eine ist ein Drucker, der andere Architekt) fällt nicht Besseres ein, als ihre Geliebte zur Abtreibung zu überreden. Diese entschließt sich jedoch zur Austragung des Kindes und lässt die Männer hinter sich – ein bemerkenswertes Statement weiblicher Selbstbestimmung, noch getragen von der Euphorie, die sich unter der Amtszeit der ersten Familien-Volkskommissarin Alexandra Kollontai verbreitet hatte. Als Ort des Geschehens bildet Moskau den Hintergrund einer von Geschäftigkeit übersprudelnden, pulsierenden Metropole. Wobei sich das Geschehen weitgehend in geschlossenen Räumen abspielt, als Kammerspiel zwischen drei ungleichen Menschen.


Ein Statement weiblicher Selbstbestimmung

Wie andere Filme jener Zeit auch fällt „Bett und Sofa“ formal eklektisch aus. Naturalistische Momente stehen neben propagandistischen und experimentellen Einschüben. Immer wieder wird auf den privaten Plot rekurriert, aber nie im Sinne einer klassisch „auserzählten“ Fabel. Auf erfrischend-selbstverständliche Weise bleiben diverse Auslassungen und Sprünge ohne Interpretation einfach stehen. Es waren wohl auch die dadurch erzeugte Nervosität und der stets etwas ruppige, auch provisorische Stil, der damals das Publikum im Westen begeisterte.

Der russische Originaltitel lautet „Tretja meschtschanskaja“ („Dritte Kleinbürgerstraße“) und beschreibt viel besser als der deutsche Verleihtitel „Bett und Sofa“, worum es Room und Schklowski eigentlich ging: nämlich um die ironische Schilderung von spießigen Verhaltensmustern, die im Widerspruch zum großspurig-revolutionären Gebaren der männlichen Figuren stehen. Zuletzt ist es die Frau, die den Ausbruch aus der (namentlich damals tatsächlich existierenden) „Kleinbürgerstraße“ schafft und ganz allein den Weg in die Zukunft wagt.

Schon bald sollten sich die in „Bett und Sofa“ noch nachvollziehbaren Ansätze von Toleranz und Experimentierfreude auflösen und sogar in ihr Gegenteil verkehren. „Der Mann, der sein Gedächtnis verlor“ (1929) von Friedrich Ermler entstand bereits auf der Schwelle zum Stalinismus. Der Film widmet sich dem Schicksal eines Mannes, der durch Weltkrieg, Revolution und Bürgerkrieg aus den Bahnen seiner Selbstwahrnehmung geschleudert wurde. Diese Konfusion wird durch grandiose Metaphern beschworen, wie etwa in jener berühmten Szene mit einem im Schlachtfeld stehenden Kruzifix mit Gasmaske.

"Der Mann, der sein Gedächtnis verlor"
"Der Mann, der sein Gedächtnis verlor" (© absolutMedien)

Der Vorwurf lautet: „Psychologismus“

Die auf der DVD präsentierte Restaurierung erfolgte 1967 anlässlich des 50. Jahrestages der Revolution. In der vorangestellten, weihevoll vorgetragenen Einführung heißt es, dass es sich um eine wahre Geschichte handle, über „das neue Bewusstsein und die neue Psychologie, die durch unsere Große Revolution entstanden sind.“ Heute erscheint dieser Film vor allem durch seine visuelle Gestaltung von Belang; er ist der formal am meisten geschlossene von den vier Langfilmen. Gedreht wurde zwar teilweise in wirklichen Pflegeeinrichtungen, psychologisch gesehen allerdings bleibt die Erweckung der durch den Krieg traumatisierten Hauptfigur eine ideologisch diktierte Konstruktion. Dennoch wurde dem Film und seinen Machern von ihren kulturpolitischen Gegnern „Psychologismus“ vorgeworfen. Man war damals gerade dabei, das sozialistische Gesundheitswesen von westlichen Einflüssen zu säubern. 1930 wurde das „Staatliche Institut für Psychoanalyse“ aufgelöst, 1936 landete die Lehre Freuds endgültig auf dem Index.

Die beiden anderen abendfüllenden Filme der Edition zeugen von der Konsolidierung eines mehr und mehr zum bloßen Ideal erstarrenden Menschenbildes. Es ging nun nicht mehr um Empathie und um Individuen mit nachvollziehbaren Konflikten, sondern nur noch um geradlinig-ideologische Projektionen. Rudimente aus der experimentellen Phase des frühen sowjetischen Kinos fungieren lediglich als dekorative Elemente.


Lob der Kollektivierung

Der in der Ostukraine gedrehte Kollektivierungsfilm „Das Leben in der Hand“ von Dawid Marjan erweist sich dennoch als eine lohnenswerte, wenngleich auch etwas zwiespältige filmhistorische Ausgrabung. Gerade der teilweise stark fragmentarisch wirkende Charakter des Films macht ihn zu einem ungewöhnlichen Zeitdokument. Exemplarische Beispiele des Alten und Neuen werden hier polemisch gegeneinander positioniert, wobei sich einzelne Handlungsstränge und eben noch wichtige Charaktere auf überraschende Weise im Nichts verlieren. Im Umkehrschluss wird bis zuletzt versucht, immer wieder neue Motive und Figuren einzuführen. Das überfrachtet den Plot, wirkt teilweise kurios, auch unfreiwillig komisch. Nimmermüde Bestarbeiter, Neuerer und Kolchosbauer werden hier Trinkern, Kulaken und Saboteuren gegenüberstellt. Es steht außer Frage, wer am Ende den historischen Triumph davontragen wird.

"Das Leben in der Hand" (© absolutMedien)
"Das Leben in der Hand" (© absolutMedien)

Das Leben in der Hand“ erzählt von Planerfüllung, Diebstahl, Familienleben, Alkoholismus, Kollektivierung sowie von der unvermeidlichen Kritik und Selbstkritik. Ein Kind stirbt an den Folgen mangelnder Arbeitsmoral seitens des Vaters. Die stets vorbildliche Mutter-Genossin geht danach erstaunlich schnell zur Tagesordnung über und reiht sich wieder ein in die geschlossene Front der Aktivisten. Am Ende steht eine orgiastische Ernteschlacht mit anschließendem Festbankett. Milch und Honig fließen. Dieses Finale wirkt umso makabrer, da wenig später in der realen Ukraine eine der verheerendsten Hungersnöte des 20. Jahrhunderts ausbrach. Dem „Holodomor“ fielen in den Jahren 1931 und 1932 Millionen von Menschen zum Opfer.


Wie aus verwaisten Jungs gute Sozialisten werden

Der ebenfalls 1931 fertiggestellte „Der Weg ins Leben“ von Nikolai Ekk widmet sich dem Millionenheer russischer Waisenkinder jener Zeit und den Versuchen ihrer Resozialisierung. Im Zentrum steht eine Bande minderjähriger Obdachloser, die sich auf das Bestehlen von frisch in Moskau ankommenden Reisenden spezialisiert hat. Sie werden von der Miliz gefangen genommen und in einem Heim interniert. Hier erleben sie zum ersten Mal eine Art der Zuwendung, die in einigen von ihnen ein Umdenken auslöst.

Ein anfangs besonders renitenter Stromer wandelt sich durch das besonnene Einwirken der Pädagogen nach und nach zum Besseren. Er entfaltet Potenzen, zu einem wertvollen Mitglied der sozialistischen Gemeinschaft zu werden, zu einem wahrhaft Neuen Menschen! Doch noch nicht alle seine ehemaligen Spießgesellen sind schon so weit gereift wie er – was ihm zum Verhängnis wird. Sein tragischer Tod entlädt sich schließlich zur Apotheose, das Kind wird zum sozialistischen Märtyrer.

Hinter dieser pathetisch vorgetragenen Botschaft mit dem bei Anton Makarenko (dem Chef-Pädagogen der UdSSR) entlehnten Titel steht allerdings eine düstere Wirklichkeit. Nicht zufällig wartet der Film am Ende mit einer Widmung an den Tscheka-Gründer Feliks Dzierżyński auf. Gedreht wurde in Heimen, die unmittelbar dem Geheimdienst unterstanden. Ein humanistischer Geist waltete in diesen Anstalten ganz sicher nicht.

"Der Weg ins Leben"
"Der Weg ins Leben" (© absolutMedien)

Der Weg ins Leben“ war der erste sowjetische Tonfilm, der bis zum Ende der Sowjetunion (und darüber hinaus) zum Kanon ihrer filmischen Selbstdarstellung gehörte und sich ungebrochener Popularität erfreute. Die in ihm gesungenen Lieder wurden zu beliebten Schlagern. Bittere Ironie ist, dass Hauptdarsteller Iwan Kyrla trotz seines immensen Erfolgs später selbst in die Mühlen des Terrors geriet. 1937 wurde er verhaftet und verschwand irgendwo im Lagersystem des „Archipel Gulag“, wo er 1943 im Alter von nur 34 Jahren starb. Sein Lebensweg war kurz, wie der unzähliger anderer auch. Ungeachtet seines tatsächlichen Schicksals wurde die von ihm verkörperte Rolle zur Blaupause für viele nachfolgende Kinder-Märtyrer in Kino und Literatur.


Kurzfilme zwischen Innovation und ideologischer Pflichterfüllung

Vier kurze Filme runden die Auswahl von „Der Neue Mensch“ ab. Auch sie bewegen sich zwischen innovativem Ansatz und ideologischer Pflichterfüllung. Drei Trickfilme dürften für Liebhaber dieser Gattung wertvolle Entdeckungen darstellen. Mit „Beherrscher des Alltags“ (1932) kann eine frühe Puppen-Animation des späteren Großmeisters Alexander Ptuschko („Ilja Muromez“) bestaunt werden.

Insgesamt stellt die vom Münchner Slawisten Alexander Schwarz sachkundig zusammengestellte Edition eine wichtige Bereicherung der noch immer von vielen weißen Flecken beherrschten Landkarte der sowjetischen und osteuropäischen Kinematografie dar. Alle acht Beiträge sind unabhängig von ihren filmischen Qualitäten in dem Sinne sehenswert, dass sie die Basis für ein besseres Verständnis stärken. Mit entsprechender historischer und ästhetischer Kontextualisierung ausgestattet, können sie Utopien und deren Umkippen in Willkür nachvollziehbar machen. Sie zeugen damit auch von der Genealogie des noch heute evidenten „Homo sovieticus“. Versuche, diesen zu überwinden, gehören zur schwierigen künstlerischen Praxis in der russischen und damit auch europäischen Gegenwart. Dies zeigen zum Beispiel auch die aktuellen Kontroversen um das DAU-Projekt von Ilja Chrschanowski.


Die Doppel-DVD „Der neue Mensch. Euphorie, Alltag und Illusion im sowjetischen Film zwischen Revolution und Stalinismus“ ist bei absolutMEDIEN als Sonderausgabe neu erschienen und kostet 14,90 Euro.

Ergänzend bietet absolutMedien via vimeo den Dokumentarfilm "Turksib - Die Stahlstraße" an, zum Ausleihen für 2.99 EUR, als Download zum Kauf für 4,99 EUR.

Poster zu "Turksib"
Poster zu "Turksib"




Kommentar verfassen

Kommentieren