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Filmklassiker: "Die letzte Chance"

Freitag, 08.05.2020

Die Uraufführung des packenden Flüchtlingsdramas „Die letzte Chance“ (1946) von Leopold Lindtberg jährt sich am 26. Mai 2020 zum 75. Mal

Diskussion

Vor knapp 75 Jahren wurde das Flüchtlingsdrama „Die letzte Chance“ von Leopold Lindtberg uraufgeführt, das hart mit der Schweizer Politik ins Gericht ging, die Menschen auf der Flucht vor den Nazis an den Grenzen brüsk abwies. 


„Das Boot ist voll!“: Mit diesem zwischen 1933 und 1945 häufig wiederholten Satz rechtfertigte die Schweizer Regierung ihre harte Abweisungspolitik gegen Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland, die aus politischen oder rassistischen Gründen verfolgt wurden. Während des Krieges wurden die Bestimmungen noch verschärft, bis zur völligen Schließung der Grenzen, trotz Kritik und Protest in der Bevölkerung. Die Angst vor Überfremdung und vor Nazi-Deutschland richtete sich gegen die Opfer des Nationalsozialismus. Das schilderte erstmals realistisch der auf wahren Begebenheiten und Schicksalen beruhende Film „Die letzte Chance“, der am 26. Mai 1945 in Zürich uraufgeführt wurde.

Der österreichische Regisseur Leopold Lindtberg (1902-1984) war 1933 selbst aus Deutschland in die Schweiz emigriert, weshalb ihm dieses Thema „besonders nah an der Haut“ war, wie er später erzählte, denn „wir mussten ständig um unsere Emigrantenrechte kämpfen, die wir ja stündlich verlieren konnten“. Bereits in dem 1938 gedrehten Film „Füsilier Wipf“ über die Schweizer Grenzwacht im Ersten Weltkrieg fügten Lindtberg und der Drehbuchautor Richard Schweizer (1900-1965) eine Episode ein, die deutlich auf die aktuelle Flüchtlingssituation anspielte: Zwei aus Kriegsgefangenschaft in Italien geflohene böhmische Soldaten versuchen, in die neutrale Schweiz zu gelangen. Doch einer der beiden Flüchtlinge wird von den italienischen Verfolgern erschossen, unmittelbar vor den Augen der Schweizer Grenzwacht, die nicht eingreifen darf und hilflos zusehen muss. Die Sequenz war ein bewusstes Zitat der berühmten Schlusseinstellung von Jean Renoirs Anti-Kriegsfilm „Die große Illusion“ (1937), in der sich zwei aus deutscher Kriegsgefangenschaft entflohene französische Soldaten über ein Schneefeld zur Schweizer Grenze kämpfen. Die deutschen Soldaten, die sie verfolgen, stellen das Feuer ein, sobald sie erkennen, dass die Flüchtlinge jenseits der Schweizer Grenze und damit in Sicherheit sind. In „Füsilier Wipf“ gelingt es schließlich einem der beiden Flüchtlinge, einen Arm über die Grenze zu strecken, dann erst darf Wipf seinen Arm ergreifen und ihn ganz in die Schweiz herüberziehen.

"Füsilier Wipf" handelt von der Schweizer Grenzwacht im Ersten Weltkrieg
"Füsilier Wipf" handelt von der Schweizer Grenzwacht im Ersten Weltkrieg

Eine hartherzige Abschottungspolitik

Während des Krieges verschärfte sich die öffentliche Diskussion um die Aufnahme der Flüchtlinge, in die sich Lindtberg und Schweizer 1943 erneut mit ihrem Film „Marie-Louise“ über eine humanitäre, nicht unumstrittene Aktion des Schweizer Flüchtlingskinder-Hilfskomitees, das während des Krieges rund 60.000 französische Kinder in die Schweiz holte und ihnen bei Schweizer Familien ein vorübergehendes Asyl verschaffte. „Marie-Louise war ein Kind, das für einige Wochen aus dem zerbombten Frankreich in die ruhige Schweiz kommt, in die neue Familie hineinwächst, so dass es sich gar nicht mehr von ihr trennen kann und nicht zurück will. Aber die Schweizer Behörden wollten es anders, und das Kind musste fast gegen seinen eigenen Willen zurück nach Frankreich.“ Erstmals war in „Marie-Louise“ ein Flüchtling die Hauptperson in einem Schweizer Film. Die Rolle der Marie-Louise spielte die 13-jährige Josiane Hegg, die selbst mit einem Kindertransport des Roten Kreuzes aus Frankreich in die Schweiz gekommen war.

Obwohl Lindtberg später selbstkritisch einräumte, dass er „die humanitäre Bedeutung dieser schweizerischen Aktion ein bisschen zu sehr herausgestrichen hatte, dass man sich selbst zu sehr beweihräuchert hatte“, lenkte der Film schon während des Krieges den Blick auf das auch international immer mehr in den Mittelpunkt rückende Flüchtlingsthema. Der in Schwyzerdütsch und Französisch gedrehte Film hatte im Februar 1944 Premiere und wurde ein großer Erfolg. Nach Kriegsende eroberte die „Tender and Moving Story of a French Girl“ auch in der USA die Herzen von Publikum und Kritik; Richard Schweizer wurde 1945 sogar mit dem „Oscar“ für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde; die erste Oscar-Auszeichnung, die je einer außeramerikanischen Produktion zugesprochen wurde. Einen Teil der unerwartet hohen Einnahmen stiftete der Filmproduzent Lazar Wechsler für die Betreuung von Kriegskindern und Kindern von KZ-Opfern.

Auch in der USA ein großer Erfolg: "Marie-Louise" (1944)
Auch in der USA ein großer Erfolg: "Marie-Louise" (1944)

Der kommerzielle Erfolg von „Marie-Louise“ half Schweizer und Lindtberg, einen schon länger gehegten Plan zu verwirklichen und einen aktuellen Film über die Flüchtlingsfrage zu drehen, die in der Schweizer Öffentlichkeit sehr kontrovers diskutiert wurde, wie Lindtberg sich erinnerte: „Vor allem als (und das ist der Ausgangspunkt des Filmes) die Schweizer Grenzen gesperrt wurden und keine Flüchtlinge mehr aufgenommen werden durften. Niemand durfte mehr hereingelassen werden. Damals gab es noch diese höchst peniblen Regulierungen, dass nur Menschen über 65 Jahre oder Kinder oder nur nachweisbar politisch Verfolgte hereingelassen werden sollten.“


Die Handlung spielt im Herbst 1943

Die Handlung von „Die letzte Chance“ ist dokumentarisch. „Zwar sind die Figuren und Ereignisse erfunden,“ schrieb Lindtberg später, „doch sind sie keineswegs frei erfunden, sondern unter dem Zwang einer erdrückenden Menge von authentischem Material zusammengestellt und nach einem Gesichtspunkt geordnet.“ Der Film spielt während der wechselvollen Kriegsereignisse in Italien vom 6. bis zum 17. September 1943. Der englische Leutnant John Halliday und der US-amerikanische Soldat Braddock flüchten von einem Kriegsgefangenentransport in Oberitalien und versuchen, sich bis zur Schweizer Grenze durchzuschlagen. Auf ihrer Flucht beobachten sie, wie jüdische Männer in einem Güterzug verladen und abtransportiert werden, ohne dass sie helfen können. Sie gelangen schließlich in ein von Partisanen beschütztes Gebirgsdorf nahe der Grenzen; dort treffen sie auf den ebenfalls geflohenen englischen Major Telford, den der Priester des Ortes versteckt hat, und auf eine Gruppe jüdischer Flüchtlinge aus Polen, Holland, Frankreich, Österreich, Deutschland, Serbien, die schon seit Jahren auf der Flucht vor den Nazis sind und in Europa überall als „Unerwünschte“ umherirren. Gemeinsam warten sie darauf, dass ein einheimischer Bergführer sie über die Schweizer Grenze bis ins Tal bringt, damit sie nicht von den Grenzposten zurückgeschickt werden. Denn wer „im Landesinnern aufgegriffen wurde, konnte bleiben, wer an der Grenze gestellt wurde, musste zurück.“

Die deutsche Offensive nach Mussolinis Befreiung verschlechtert die Situation der Flüchtlinge dramatisch. Die SS greift das Dorf an und erschießt alle Männer, auch den Priester und den Bergführer. Die Flüchtlinge entkommen, aber ohne den Führer sind sie hilflos und fürchten, ebenfalls erschossen zu werden, wenn sie den Deutschen in die Hände fallen. Die Soldaten übernehmen die Führung der Gruppe, der sich auch die Kinder der ermordeten Partisanen anschließen. Während einer Rast in einer verlassenen Berghütte, diskutieren sie darüber, dass sie alle aus verschiedenen Ländern stammen und sich doch gegenseitig helfen, wie etwa ein Arbeiter aus Jugoslawien, der einem Jungen einen notdürftigen Schneeschuh umbindet, damit dessen Füße nicht erfrieren. Braddock nimmt den Jungen auf den Arm und singt „We are crazy, we are crazy“ zur Melodie des Kinderlieds „Bruder Jakob“. Alle anderen kennen es auch und stimmen nun in ihrer Muttersprache nach und nach in den Kanon ein: ein berührender Moment der Gemeinsamkeit über alle Nationalitäts- und Standesgrenzen hinweg.

Das Vorbild: "Die große Illusion" von Jean Renoir
Das Vorbild: "Die große Illusion" von Jean Renoir

Doch bevor die Gruppe die Grenze erreicht, wird diese von deutschen Soldaten besetzt. Damit sitzen die Flüchtlinge in der Falle. Ihre dramatische Flucht über Felsen und Schneefelder ist wieder eine bewusste Variation der Schlussszene von „Die große Illusion“. Um den anderen die Flucht zu ermöglichen, lenkt der junge Flüchtling Bernard die Aufmerksamkeit der deutschen Soldaten auf sich, die ihn verfolgen und erschießen. Durch sein Opfer gelingt es den meisten anderen Flüchtlingen, in einem verzweifelten Lauf doch noch die Grenze zu erreichen. Der alte polnische Jude Sokolowski, der zurückgeblieben war, wird von den Soldaten erschossen, die auch Leutnant Halliday tödlich verwunden, der Sokolowski zu Hilfe eilt. Halliday kann sich noch über die Grenze in die Schweiz retten, wo die gesamte Gruppe vom Grenzposten festgenommen wird. Für die jüdischen Flüchtlinge ist die Gefahr noch nicht vorbei, denn der Schweizer Leutnant darf ja nur Kinder, gefangene Soldaten und Menschen über 65 Jahre passieren lassen; für alle anderen jüdischen Flüchtlinge muss er in einer quälend langen Prozedur Instruktionen der Regierung aus Bern holen.


Das Schicksal von Millionen Flüchtenden

In der Diskussion um das Schicksal der Flüchtlinge wirbt der Leutnant um Verständnis für die schwierige Situation der Schweiz, die von faschistischen Staaten eingekreist und abgeschnitten sei. Doch Telford und der verletzte Halliday können ihn überzeugen, dass eine Abschiebung für die jüdischen Flüchtlinge den sicheren Tod bedeuten würde. Deshalb setzt sich der Leutnant bei der Regierung in Bern dafür ein, dass er in diesem Härtefall ausnahmsweise selbst entscheiden darf, und lässt alle Flüchtlinge ins Dorf bringen. Der Film schließt mit dem Begräbnis Hallidays und Aufnahmen eines endlosen Flüchtlingszugs im Schnee mit einem Off-Kommentar: „Millionen Menschen in Europa gehen denselben Weg. Eines Tages werden sie endlich heimkehren können.“

„Die letzte Chance“ gewinnt ein hohes Maß an Authentizität durch seine Aufrichtigkeit, seine wahrheitsgetreue Darstellung und realistische Inszenierung der verzweifelten Situation der Flüchtlinge. Dennoch war der Film „gemessen an der Wirklichkeit, die aus Tausenden von haarsträubenden Dokumenten zu uns spricht (…) ein harmloses Weihnachtsmärchen“, bekannte Lindtberg später; die ganze Wahrheit konnte damals nicht gezeigt werden. Diese hat erst Markus Imhoof in seinem auf Dokumenten beruhenden Film „Das Boot ist voll“ (1980) dargestellt, wobei er immer noch auf Widerstände stieß; so hat das Eidgenössische Department des Innern nach Vorlage des Drehbuchs eine Subvention verweigert, weil dem Film angeblich „die historische Distanz und Würdigung“ mangelte.

Lindtbergs Erbe: "Das Boot ist voll" von Markus Imhoof
Lindtbergs Erbe: "Das Boot ist voll" von Markus Imhoof

Lindtberg schlug in „Die letzte Chance“ auch ästhetisch neue Wege ein, die den Film in die Nähe des Neorealismus rücken. So sprechen alle Darsteller in ihrer Muttersprache; insgesamt kommen so acht Sprachen in dem Film vor; auch suchte Lindtberg bewusst Schauspieler und Laien aus, die selbst Krieg, Flucht und Verfolgung erlitten hatten. So war die Schauspielerin Therese Giehse, die als Frau Wittels den Abtransport ihres jüdischen Mannes miterleben muss, selbst eine Emigrantin aus Nazi-Deutschland, und die Darsteller der Soldaten waren tatsächlich Kriegsgefangene, die in der Schweiz interniert waren und manche Situation des Films am eigenen Leib erlebt hatten.


Es bedurfte der Zivilcourage einzelner Menschen

Wegen der kritischen Darstellung der Schweizer Flüchtlingspolitik wurden die Dreharbeiten von Militär- und Polizeibehörden massiv behindert, durch bürokratische Auflagen, die Verweigerung von Drehgenehmigungen und zeitweilig sogar durch die Beschlagnahmung des abgedrehten Materials. Die Dreharbeiten zogen sich deshalb vom November 1944 bis zum April 1945 hin. Auch die Aufführung sollte verhindert werden, „nur weil wir den Mut hatten, in dem Film zu sagen: So und so war es eben nicht. Die Schweiz hat nicht gesagt, ,Chömed nu inne, ihr liebe Jude und Emigrante!‘, sondern die Schweiz hat strikte Befehle ausgegeben, nicht alle hereinzulassen“, erinnerte sich Lindtberg später: „Es bedurfte der Zivilcourage eines Einzelnen, wie dieser Oberleutnant im Film, der (…) sich für die Rettung der Flüchtlinge einsetzt. Sonst wären sie zu ihren Henkern zurückgeschickt worden. Bern wollte, dass man die Schweiz als internationales Asyl beweihräucherte, aber das ist einfach nicht wahr gewesen! Hätten wir das falsch gezeigt, wäre der Film im Ausland ausgepfiffen worden.“

Dass „Die letzte Chance“ trotz aller Schikanen der Regierung schließlich doch fertiggestellt und aufgeführt wurde, ist wesentlich dem Produzenten Lazar Wechsler und den einflussreichen Verwaltungsratsmitgliedern der Praesens-Filmgesellschaft, Walter Boveri und Gottlieb Duttweiler, zu verdanken, die sich bei der Berner Regierung und den Militärbehörden bis zum Oberbefehlshaber General Henri Guisan ganz entschieden für den Film einsetzten. Wegen der Behinderungen kam „Die letzte Chance“ nicht wie ursprünglich geplant schon 1944 in die Kinos, sondern konnte erst am 25. Mai 1945 in Zürich uraufgeführt werden – wobei auf Grund der persönlichen Intervention des Bundesrats von Steiger in der letzten Sequenz das lange Warten auf die Antwort aus Bern gekürzt werden musste.

"A story of man's love and freedom": "Die letzte Chance"
"A story of man's love and freedom": "Die letzte Chance"

Die letzte Chance“ wurde ein Welterfolg. Die realistische Darstellung der Flüchtlingsschicksale verlieh dem Film eine Glaubwürdigkeit, die das Publikum in aller Welt tief betroffen machte. Bosley Crowther, der einflussreiche Kritiker der „New York Times“, pries den Film als „a story of man’s love of freedom and his regard for his fellow man.(…) On the whole, it must be acknowledged as one of the best films of World War II to date.“ 1946 vertrat „Die letzte Chance“ die Schweiz auf dem Festival in Cannes, in den USA gewann der Film den großen Preis der New Yorker Filmkritik und den „Golden Globe“ der Hollywood Foreign Correspondents Association.


„Die Hölle zum Ausdruck gebracht“

Leopold Lindtberg selbst wurde für „Die letzte Chance“ mit dem Internationalen Friedenspreis ausgezeichnet. Die weltweite Wirkung des Films ist kaum zu überschätzen, wie die zahllosen internationalen Kritiken im Nachlass Leopold Lindtbergs in der Akademie der Künste Berlin eindrucksvoll belegen. Sein Film hat ein Massenpublikum erreicht und wesentlich mit dazu beigetragen, dass das Flüchtlingsproblem, das mit dem Kriegsende nicht erledigt war, einer breiten Öffentlichkeit ins Bewusstsein gerufen wurde. Nach der Vorführung des Films auf dem internationalen Basler Filmkongress 1945 schrieb der französische Kritiker und Widerstandskämpfer Georges Altman: „Zum ersten Mal, seit die Welt aufatmet, seit dem Sieg, schien es uns, dass ein einfacher Film, voller Schamhaftigkeit und Takt, die Hölle zum Ausdruck brachte. Als das Licht im Saal anging, gingen viele von uns zum Regisseur Leopold Lindtberg und sagten ganz einfach: Danke.“


Quellen und Lektürehinweise:

Hervé Dumont: Geschichte des Schweizer Films. Spielfilme 1896-1965, Lausanne 1987.

Hervé Dumont: Leopold Lindtberg und der Schweizer Film 1935-1953. Ulm 1981.

Leopold Lindtberg: Reden und Aufsätze. Zürich und Freiburg 1972.

Markus Imhoof: Das Boot ist voll. Ein Filmbuch. Zürich 1983.

Moorgarten kann nicht stattfinden. Lazar Wechsler und der Schweizer Film. Mit Beiträgen von Walter Boveri, Walter Matthias Diggelmann, Leopold Lindtberg, David Wechsler. Zürich 1966.

Nachlass Leopold Lindtberg im Archiv der Akademie der Künste Berlin

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