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Der letzte Cowboy

Samstag, 30.05.2020

Clint Eastwood zum 90. Geburtstag in 90 Beobachtungen

Diskussion

Clint Eastwood wird am 31. Mai 90 Jahre alt. Er gehört zu den größten lebenden Leinwand-Idolen der USA, war der Held zahlloser Western und Thriller, ist aber auch ein viel bewunderter Regisseur, Geschäftsmann und eine in den letzten Jahren zunehmend umstrittene politische Figur seines Landes. Eine Würdigung in 90 Beobachtungen.


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Clint Eastwood wurde am 31. Mai 1930 in San Francisco geboren. Im Land spürte man die Auswirkungen des Börsenzusammenbruchs, aber seine Familie war recht wohlhabend. Aufgrund des beruflichen Werdegangs des Vaters zog man in den 1930er-Jahren häufig um.

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Eastwood braucht keine Background-Story. Er spielt die Vergangenheit einer Figur ständig mit. Sein schweigsamer Held in Sergio Leones Dollar-Trilogie verdankt die Introvertiertheit angeblich dem Schauspieler. Dieser habe dem jungen italienischen Regisseur gesagt, dass nur B-Movies versuchen würden, dem Zuschauer alles zu erzählen. In dem von Eastwood inszenieren Drama „Mystic River“ sagt ein Polizist, dass man der Figur von Sean Penn ansehen könne, dass sie im Gefängnis gewesen sei. Es verrate sich in der Körperhaltung.

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Eastwood hat sich inzwischen 24 Mal selbst in der Hauptrolle inszeniert. Damit übertrifft er sogar Woody Allen.

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Er spielt schon lange alte Männer. Männer, die schnell außer Atem sind, die scheinbar ausrangiert wurden. Irgendwann ging er dazu über, sehr alte Männer zu spielen. Dann wirkt sein wütender Trotz, seine Sturheit noch beeindruckender. Man glaubt, dass dieser hagere Mann mit den dicken Äderchen auf den Händen gleich umfallen müsste. Aber plötzlich rennt er allen davon. Mit Ausnahme von Christopher Plummer und Hal Holbrook gibt es nur wenige Star-Schauspielers seines Alters. Allerdings hat er sich als Schauspieler rarer gemacht in diesem Jahrhundert.

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Schon in Filmen wie „Heartbreak Ridge“ und „Perfect World“ thematisiert Eastwood den Ruhestand. Er gehört zu jenen, die gern von letzten Malen, allerletzten Aufträgen erzählen.

Kevin Costner (l.) und Clint Eastwood (r.) beim Dreh von "Perfect World"
Kevin Costner (l.) und Clint Eastwood (r.) beim Dreh von "Perfect World"

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In vielen Filmen von Eastwood folgen Einzelpersonen ihren eigenen Regeln. Das beginnt bei Selbstjustiz, geht über Sterbehilfe und endet immer wieder in der ambivalenten Idee, dass diese Individuen anhaltender verinnerlicht haben, für was die USA stehen soll. Sie sind die Träger der Werte, nicht der Staat oder die Institutionen. Das jüngste Beispiel dieser Philosophie ist der durchaus problematische „Richard Jewell“.

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Vincent Canby schrieb in einer Rezension von „Der Mann, der niemals aufgibt“ in der New York Times: „Der Film hat nichts mit der Realität zu tun und alles mit einer Eastwood-Fiktion. Dabei geht es um eine Kraft (Herr Eastwood), die Dinge in einer kaputten Welt richtigstellt.“

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An Eastwood ist alles eckig und kantig. Das Gesicht wie aus schroffem Gestein geschlagen, die Augen meist mürrisch zusammengezogen, der Gang abgehackt, die Schultern krumm. Alles an ihm hat gelebt.

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Wenn Eastwood lächelt, dann bedeutet das etwas. Er lächelt nicht aus Freundlichkeit in seinen Filmen.

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„Ich arbeite so, wie es mir passt, obwohl ich sicher von den Filmemachern beeinflusst wurde, mit denen ich über die Jahre zusammengearbeitet habe. Don Siegel hat mich beeinflusst, aber auch Sergio Leone und Ted Post. Auch andere Filmemacher aus den Fernsehjahren und Filmemacher, deren Arbeit ich gesehen habe, obwohl ich sie nie kennenlernte. Zum Beispiel mochte ich immer die frühen Filme von Hitchcock.“ (Eastwood im Gespräch mit Stuart M. Kaminsky, 1971)

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Andere Filmemacher, die Eastwood als Einflüsse genannt hat, sind Budd Boetticher, Akira Kurosawa, Howard Hawks oder Anthony Mann.

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Eastwood ist ein Klassizist. In seiner Art, Film zu machen, ist er vielleicht einer der letzten US- amerikanischen Filmemacher und ein Erbe von John Ford. In seinen Filmen herrscht große Klarheit. Es geht nicht nur darum, dass das Publikum dem Plot folgen kann, sondern auch, dass es jede Regung im Subplot versteht und mitdenken darf.

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Eastwood ist in all seinen Filmen daran interessiert, beide Seiten einer Medaille zu zeigen. Am deutlichsten wird das in seinem Ansatz, die Schlacht um Iwo Jima aus US-amerikanischer Sicht in „Flagsof our Fathers und aus japanischer Sicht in „Letters from Iwo Jima“ zu zeigen. Aber eigentlich wendet er dieses Prinzip in jeder Szene an. „Würde Eastwood einen Film über eine Krankheit machen, würde er uns den Kranken zeigen und wie sehr dieser einen Arzt bräuchte. Dann würde er uns den Arzt zeigen und all dessen Unzulänglichkeiten.“ (Ignatiy Vishnevetsky in einer Rezension zu „Invictus – Unbezwungen“)

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„Go ahead, make my day“ aus „Dirty Harry“ ist wohl das berühmteste Eastwood-Zitat. „I've lost my white mouse“, lautet sein erster Satz im Science-Fiction-B-Movie „Die Rache des Ungeheuers“.

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Eastwoods große Leistung für das Hollywoodkino liegt in seinem Umgang mit Helden und Heldentum. Obwohl er kaum von Anthony Manns Maxime abwich („Gran Torino“ und „Honkytonk Man“ gehören zu den wenigen Filmen, in denen Eastwood-Helden sterben), die verlangte, dass ein Held seine Herausforderungen besteht, demontierte er doch das, was man unter Helden verstand.

Kritischer Blick aufs Heldentum: "Gran Torino"
Kritischer Blick aufs Heldentum: "Gran Torino"

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Es kann sein, dass ein Held keine Moral hat.

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Ein Held bei Eastwood ist sehr oft ein Mensch, der eigentlich schon versagt hat im Leben, aber noch einmal die Chance bekommt, es besser zu machen. Jüngstes Beispiel dafür ist „The Mule“.

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Als Variante der Hitchcock-Idee von Männern, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind und deshalb in ein Abenteuer verstrickt werden, werden Eastwood-Figuren oft zu ihrem Handeln gezwungen. Sie werden so lange mit aus den Fugen geratenen Verhältnissen und Ungerechtigkeiten konfrontiert, bis sie einfach eingreifen müssen.

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Aber diese „Helden“ finden in ihrem Heldentum oft eine Möglichkeit, dem eigentlichen Leben zu entfliehen. Sie übergehen jene, die sie zurückgelassen haben. In jüngeren Filmen wie „American Sniper“ findet man solche Helden genauso wie in früheren Arbeiten, etwa in "Bronco Billy".

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In den Filmen von Eastwood sind die Helden oft Machos. Sie lieben Waffen, reißen sexistische oder rassistische Witze, machen sich lustig über psychologische Schwächen. Es gibt wohl mit Ausnahme von John Wayne keine Hollywood-Gestalt, der man ohne Sympathieverlust so viel hat durchgehen lassen.

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Es gibt aber auch kaum einen Filmemacher, der sein eigenes Image derart offensiv demontierte wie Eastwood. In einem Interview mit der Zeitschrift Positif sagte er einmal über „Dirty Harry“: „Der Film liefert sehr einfache Lösungen für sehr komplexe Probleme.“

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Frauen sind meist Opfer in den Filmen von Eastwood. Sie werden geschlagen, misshandelt, vergewaltigt. Er zeigt eine ungerechte, ungleiche Welt. Allerdings gibt er verstörenden Szenen immer ein analytisches Gewicht. Nicht umsonst wurde Eastwood mit Bertolt Brecht verglichen. Seine Filme offenbaren die Zustände, in denen es sich nicht zu leben lohnt.

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Es gibt durchaus starke Frauen in seinen Filmen, auch wenn sie selten sind. Francesca Johnson, gespielt von Meryl Streep, in „Die Brücken am Fluss“ gehört dazu. Es ist einer der wenigen Filme, in denen Eastwood einer Frau eine Wahl gibt. „Die Brücken am Fluss“ ist Eastwoods endgültiger Bruch mit dem Traum vom unverwundbaren Tough Guy.“ (Susanne Weingarten, Der Spiegel 1995).

Abkehr vom "tough guy": "Die Brücken am Fluss" (1995)
Abkehr vom "Tough Guy": "Die Brücken am Fluss" (1995)

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Eastwood schießt in seinen Filmen häufiger als dass er küsst.

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In Filmen wie „Million Dollar Baby“ und „Der fremde Sohn“ stellte Eastwood Frauen ins Zentrum der Handlung. Er zeigt in diesen Filmen nicht unbedingt ein progressives Frauenbild, aber er zeigt, wie schwer es fällt, in einer von Männern dominierten Welt zu leben.

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Die Filmkritikerin Pauline Kael hatte Eastwood immer wieder angegriffen, ob der veralteten Moralvorstellungen seiner Filme („faschistische Ansichten aus dem Mittelalter“). Dabei waren sie sich einig, dass Helden Schwächen haben müssen. Für Kael wären diese aber in einer Zärtlichkeit gelegen oder schlicht darin, dass es Heldinnen statt Helden wären; für Eastwood aber bedeutet Schwäche, dass die Helden falsch handeln. Die womöglich stärkste Frau in einem Eastwood-Film handelt moralisch falsch. Es ist Annabeth Markum in „Mystic River“. Eine Frau, die den fatalen Machismus ihres Ehemanns stützt und zusammenhält.

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Es wäre spannend zu lesen, was Kael von den jüngeren Eastwood-Filmen halten würde. Man kann nicht leugnen, dass es hier und da Ansätze einer versöhnlichen Altersmilde gibt.

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Lange Zeit (bis ein größerer gefunden wurde) war Eastwood Besitzer des größten Blauen Eukalyptus der USA.

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Was ist eine Waffe in einem Film von Eastwood? Die Waffen sind kein Mittel, um besonders toll choreografierte Actionszenen zu orchestrieren, wie das in Western von Sergio Leone immer wieder praktiziert wurde; sie sind auch kein plumpes Symbol für Macht oder Ausdruck eines Stils. Eine Waffe bei Eastwood erzählt immer etwas über die Mentalität derer, die sie benutzen. Sie erzählt von Angst, patriarchaler Gewalt und ambivalenten Formen von Gerechtigkeit.

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Jede Waffe bei Eastwood ist Ausdruck eines nationalen Verständnisses und folgenschweren Missverständnissen der USA.

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Wird in den Filmen eine Waffe benutzt, schließt daran meist die Frage nach der Gerechtigkeit an. Wenn Eastwoods Filmografie eine Sache über Gerechtigkeit sagt, dann die, dass es sie nicht gibt. Jede gefühlte Gerechtigkeit beinhaltet Ungerechtigkeit.

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Es gibt mehrere Internetseiten, die Waffenmodelle auflisten, die Eastwood in seiner Karriere gehalten hat. Es verwundert fast, dass keine Waffe nach ihm benannt ist. Im Videospiel „Red Dead Redemption 2“ kann man sich allerdings den Revolver besorgen, den Eastwood in „Zwei glorreiche Halunken“ führt.

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Er ist eine Kultfigur.

Zeitlos: Clint Eastwood in "Ein Fremder ohne Namen" (1972)
Zeitlos: Clint Eastwood in "Ein Fremder ohne Namen" (1972)

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Sein ikonischer Status hängt eng mit seiner Paraderolle in Western als namenloser, geheimnisvoller Fremder zusammen. Vor allem die Spaghetti-Western von Sergio Leone begründeten den Starstatus von Eastwood, der zuvor in der Fernsehserie „Tausend Meilen Staub“ Bekanntheit erlangte.

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Er inszenierte sich auch selbst immer wieder als Westernheld. Hervorzuheben ist sicherlich der wundervolle „Erbarmungslos“. Aber auch „Der Texaner“, „Ein Fremder ohne Namen“ oder „Pale Rider – Der namenlose Reiter“ gehören zu Glanzpunkten eines Genres, das angeblich schon tot war.

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Es gibt zwei Arten von Western-Regisseuren. Die einen folgen einem klaren moralischen Kodex, die anderen verkomplizieren das Wesen von Moral. Eastwood gehört sicherlich zur zweiten Kategorie.

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Ein Western erzähle nicht nur gewaltvolle Geschichten, schrieb Gilberto Perez, er erzähle von der Bedeutung und dem Umgang mit Gewalt sowie der Errichtung sozialer Ordnung und politischer Autorität. In diesem Sinn kann man auch die Filme von Eastwood verstehen.

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Hinzu kommt, dass sie im Stil des New Hollywood das hinterfragen, was das klassische Western-Genre hervorgebracht hat. Allerdings mit großem Respekt vor den bereits existierenden Filmen.

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„Die Vorstellung, dass zwei Männer auf die Straße gehen und warten, bis der andere zieht, wie etwa in „Rauchende Colts“, fand ich immer albern. Wer zuerst zieht, verschafft sich einen Riesenvorteil.“ (Eastwood in einem Gespräch mit Peter Bogdanovich)

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Man sagt, dass die Beliebtheit des Schauspielers Eastwood seiner Regiekarriere geholfen habe. Es gibt kaum einen Regisseur, zu dem ein großes Publikum eine solche Nähe hat. Als Eastwood mit „Begegnung am Vormittag“ zum ersten Mal einen Film realisierte, bei dem er nicht selbst die Hauptrolle spielte, scheiterte er an den Kinokassen.

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„Western, Jazz und Blues sind die einzigen Dinge, die die Vereinigten Statten hervorgebracht haben.“

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Eine große Leidenschaft von Eastwood ist die Musik und besonders der Jazz. Im Soundtrack zu „Mitternacht im Garten von Gut und Böse kann man hören, wie er das Stück „Accentuate the Positive“ singt.

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In „Honkytonk Man“ spielt Eastwood einen Country-Sänger. Er singt die Lieder selbst mit gewohnt heißerer Stimme.

Traum einer Musiker-Karriere: Clint Eastwood in "Honkytonk Man"
Traum von einer Musiker-Karriere: Clint Eastwood in "Honkytonk Man"

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Zu vielen seiner Filme schreibt Eastwood musikalische Themen.


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„Ich habe Filme gemacht mit Country-Musik, Filme mit klassischer Musik, aber Jazz ist meine erste und große Liebe.“


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Die Musik von Ennio Morricone in den „Dollar“-Filmen wirkt so, als würde sie aus Eastwood selbst kommen. Trotz einiger Angebote hat Morricone allerdings nie einen Soundtrack für einen Eastwood-Film komponiert. Noch wäre dies allerdings möglich!

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Die dunklen, fragmentarischen Bilder in „Bird“, einer bemerkenswerten Annäherung an das Leben und Sterben von Charlie Parker, sind Eastwoods definitive Liebeserklärung an den Jazz. Im Delirium einer Hingabe an die Musik und das Leben reißt einen der Schwindel des begnadeten Jazzsaxophonisten mit in eine andere Welt. Es ist der geheimnisvollste, gefährlichste Film Eastwoods.

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Es gibt kaum einen Hollywoodregisseur, der mit größerer Zurückhaltung drehen kann. In diesem Sinn (und auch bezüglich seiner Vorliebe für Untersicht und leicht variierte, sich wiederholende Einstellungen) ist er ein japanischer Regisseur.

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Eastwood hält eine elegante Distanz zu seinen Figuren.

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Am Set dreht Eastwood äußerst ökonomisch. Schauspieler berichten, dass er nie „Action“ oder „Bitte“ sagt. Er gibt vielleicht einen Fingerzeig oder ein leises Kommando. Grund dafür ist angeblich, dass Eastwood am Set von „Tausend Meilen Staub“ erlebte, wie die Pferde durchgingen, weil der „Action“-Ruf sie aufgescheucht hatte.

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Einstellungen werden kaum wiederholt. Stattdessen bewegt Eastwood die Kamera leicht, verändert den Winkel, die Stimmung. Einmal sagte er, dass Don Siegel und ihn genau das verbunden hätte, nämlich ein Drang, dass es weitergeht, dass es vorwärtsgeht.

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Eastwood hält sich sklavisch an die Drehbücher, die er nie selbst schreibt. Er hält überdies nicht viel von Schauspielproben, was Sean Penn vor dem Dreh von „Mystic River“ dazu veranlasste, diese heimlich mit seinen Kollegen zu organisieren.

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Bemerkenswert ist auch, dass Eastwood von der filmindustriellen Unsitte der Testscreenings freigestellt ist. Das hat den Kritiker Jonathan Rosenbaum einmal dazu veranlasst, Eastwood einen „freien Mann“ zu nennen.

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Wie es früher auch Hitchcock oder Howard Hawks erging, wurde die künstlerische Bedeutung von Eastwood zuerst in Frankreich entdeckt. In den USA war er lange Zeit einfach ein ikonischer Darsteller. Das hat sich inzwischen allerdings verändert.

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Die Stimme von Eastwood ist manchmal nur ein kratziger Hauch in der weiten Prärie. Wortkarg und bestimmt erklingt sie und verrät in ihrer eigenen Zerbrechlichkeit, dass zu viel Staub auf den Stimmbändern liegt. Man hat es hier mit jemanden zu tun, der nur spricht, wenn er muss.

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Es gibt sehr wenige Filmstars, die so viel schweigen.

Bei den Dreharbeiten zu "Mystic River"
Bei den Dreharbeiten zu "Mystic River"

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Außerhalb seiner Filme schweigt Eastwood nicht immer. Politische Äußerungen rund um Barack Obama haben ihm vor einigen Jahren Kritik aus der traditionell tiefdemokratischen Filmszene eingebracht.

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1986 wurde Eastwood sogar zum Bürgermeister von Carmel-by-the-Sea gewählt. Der wohlhabende Ort ist Heimat vieler Künstlerresidenzen. In seiner zweijährigen Amtszeit setzte sich Eastwood für den Umweltschutz ein und lies unter anderem öffentliche Toiletten errichten.

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In manchen Filmen wirkt sein Umgang mit politischen Statements etwas arg gewollt. Gerade in seinen jüngeren Arbeiten versucht Eastwood geradezu krampfhaft, Kommentare zu aktuellen politischen Debatten (Waffenbesitz, Genderthematiken oder Fake-News) abzugeben.

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Es fällt auf, dass sich die Eastwood-Fiktionen mehr und mehr von der echten Welt beeinflussen lassen. Zweifelhafter Höhepunkt dieses Vorgehens ist „The 15:17 to Paris“, in dem Eastwood das vereitelte Attentat auf einen Zug nach Paris verfilmt und in dem die Vereitler des Anschlags sich selbst spielen. Es ist der seltsame, weil nicht ganz ausgearbeitete Versuch, Heldenmythen endgültig mit der Realität zu verschränken.

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Seltener wird über den Humor von Eastwood gesprochen. Aber selbst in den tragischsten Filmen gibt es immer auch ein Lachen. Sei es noch so bitter und zynisch. Seine Figuren sind fast immer Zyniker. Oft sitzt Eastwood in einer Ecke und kommentiert bitter das Geschehen, mehr zu sich selbst als zu allen anderen. Fast hat man das Gefühl, dass Eastwood in diesen Momenten in die Kamera blickt und uns zuzwinkert.

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Filme wie „Bronco Billy“ oder „Der Mann aus San Fernando“ von James Fargo, in dem Eastwood zusammen mit einem Orang-Utan lebt, zehren von einem entspannten, nicht unbedingt auf Pointen ausgerichteten Humor.

Meist übersehen: "Der Mann aus San Fernando"
Enstspannter Humor: "Der Mann aus San Fernando"

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Oft reicht Eastwood bereits ein langgezogenes „Yeah“ für einen Lacher.

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In vielen seiner Filme spielt Eastwood auch humorvoll mit seinem Image. Ein gutes Beispiel dafür findet sich am Anfang von „Erbarmungslos“, als seine Figur es nicht schafft, auf ein Pferd zu steigen.

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Eastwoods Kino braucht Menschen mehr als Budget. Das zeigt sich zum Beispiel in seinem „Space Cowboys“. Im Film rund um einige Oldies, die es im Weltall nochmal wissen wollen, arbeitete er mit größerem Budget als gewöhnlich. Obwohl es einige spektakuläre Science-Fiction-Einstellungen gibt, scheint jeder Blick zu den Sternen von einem Menschen auszugehen.

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Eastwood hat früh damit begonnen, seine eigenen Filme zu produzieren. Er gründete die Firma Malposo und nahm entscheidenden Einfluss auf sämtliche Filme, in denen er spielte.

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Trotzdem ist Eastwood auch so etwas wie der letzte Studioregisseur und -schauspieler. Seit „Dirty Harry“ arbeitet er beinahe exklusiv mit Warner Bros. Seine eigene Produktionsfirma wurde überdies in das große Studio eingegliedert.

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Mit 1,93 Meter zählt Eastwood sicherlich zu den größten Filmstars der Geschichte. Man vergisst jedoch oft, dass Filmstars wie Cary Grant, Gary Cooper, James Stewart oder Gregory Peck allesamt um die 1,90 Meter groß waren.

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Der Poncho, den Eastwood in der „Dollar“-Trilogie trägt, gehört wahrscheinlich zu den bekanntesten Klamotten der Filmgeschichte. Allgemein fällt auf, dass Eastwood oft in leicht beschädigter, abgenutzer Kleidung durch die Filme geht. Wie das Esquire-Magazin einmal schrieb: „Clint hat keine Angst vor Arbeitskleidung.“

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In Don Siegels „Flucht von Alcatraz“ gibt es eine Szene, die das Spiel Eastwoods auf den Punkt bringt. Als sich einer der Gefangenen darüber wundert, dass Eastwoods Figur nicht weiß, wann ihr eigener Geburtstag ist, fragt er: „Wie war deine Kindheit?“ Die Antwort: „Kurz.“

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Dennoch spielen Kindheit und Unschuld eine große Rolle im Werk des Filmemachers. Ein Schlüsselfilm dazu ist sicher „Perfect World“. „‘Perfect World‘ gibt dem Thema der toughen Männer, die ihre Fehler und Frustrationen an ihre Kinder weitergeben, eine wahre Bedeutung.“ (Janet Maslin)

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In „Gran Torino“ und „Weißer Jäger, schwarzes Herz“ arbeitet sich Eastwood in offener Verletzlichkeit und mit erstaunlicher Doppeldeutigkeit bezüglich seiner eigenen Rollen am Rassismus ab. Er schafft es, die Abgründe seiner Figuren voll und ganz zu verkörpern und zugleich in Frage zu stellen.

Abgründig: "Weißer Jäger, schwarzes Herz"
Abgründig: "Weißer Jäger, schwarzes Herz"

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Als Orson Welles „Die Akte Romero“ nach einem Drehbuch, das er zusammen mit Oja Kodar schrieb, realisieren wollte, dachte er an Eastwood für die Hauptrolle. Dieser habe jedoch laut Kodar abgelehnt, weil er die liberale Politik des Buchs nicht guthieß.

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„Kein Schauspieler in der Geschichte des Mediums hat jemals einen solchen Status erlangt, wie Clint Eastwood ihn nun genießt, und wurde gleichzeitig über eine so lange Zeit kritisch angefeindet.“ (Richard Schickel)

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Eastwoods Filme erscheinen in kühlen Farben. Er setzt oft sanftes Gegenlicht ein. Es wirkt so, als würde er in diesen Farb- und Lichttönen ein Pendant zur Coolness seiner Screen-Persona suchen. Im digitalen Zeitalter sind seine Filme weit ins Blaue gerutscht.

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In entscheidenden Szenen springt Eastwood im Schnitt gern über die 180-Grad-Achse. Das vermittelt den Eindruck, dass ein wirklicher Raum existiert.

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Das passt auch gut zusammen mit seinen durchaus dokumentarischen Impulsen. So zeigt er geduldig Abläufe an einem Ort, bevor er zur Handlung übergeht; Beispiele wären die Mine in „Pale Rider –Der namenlose Reiter“ oder die Konzerte in „Richard Jewell“. Er dreht vornehmlich auf der Straße statt im Studio.

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„Für die Gesellschaft, der Kunst nur Ornament ist, erscheint Kunst, die darauf besteht, Arbeit zu sein, als bloße Spielerei.“ (Frieda Grafe) Diesen Satz bringt Alexander Horwath in einem Text zu „Absolute Power“ in Beziehung zu Eastwood. Tatsächlich lässt sich an ihm besonders gut die Dualität zwischen Handwerk und Kunst aufzeigen, die dem Kino nach und nach verlorengeht.

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Obwohl Eastwood nur in verhältnismäßig wenigen klassischen Actionszenen spielte, arbeitete er lange Zeit mit dem gleichen Stuntman, Buddy Van Horn. Dieser agierte auch bis einschließlich „J.Edgar als Stunt-Koordinator in den Filmen von Eastwood. Van Horn wird im Sommer 91 Jahre alt.

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Andere Mitarbeiter, mit denen Eastwood über lange Jahre hinweg zusammenarbeitet, sind Schnittmeister Joel Cox, Sounddesigner Alan Robert Murray oder die Kameramänner Tom Stern und Bruce Surtees.

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Sein Name ist ein Anagramm von „Old West Action“

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Es gibt im Spiel von Eastwood keine Eitelkeiten. Er filmt sich unvorteilhaft, stellt sich auch mal hin wie ein begossener Pudel oder wie ein dampfender Wasserkocher.

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Eastwood ist einer der wenigen Darsteller, die das Diktum der ewigen Jugend in Hollywood umdrehen. Statt für die Ewigkeit ein Bild seiner Jugend im Gedächtnis der Zuseher zu verankern, hat Eastwood so lange als alter Mann überlebt, dass man ihn sich kaum mehr jung vorstellen kann. Zumal er niemals wirklich jung wirkte.

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Nachdem er eine Bande Motorrad-Hippies in „Der Mann, der niemals aufgibt“ verscheucht und sich eine ihrer Maschinen schnappt, schwingt er sich auf das Zweirad. Die von ihm nach Phoenix eskortierte Sexarbeiterin, die vor Gericht aussagen soll, fragt ihn, ob er schon mal mit so etwas gefahren sei. Eastwood murmelt vor sich hin: „Früher einmal. Jetzt muss ich es vortäuschen.“

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Eine Lieblingsszene: In seiner Dokumentation „Piano Blues“ sitzt Eastwood ganz demütig und verzaubert neben Ray Charles am Klavier. Er schmunzelt und wirkt schüchtern wie nie.

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Eine andere Lieblingsszene: In „Ein Fremder ohne Namen“ verlangt der Fremde von den Bewohnern des Ortes, den es zu verteidigen gilt, dass alle Häuser blutrot gestrichen werden. Es gibt keinen rationalen Grund für diese beinahe spirituellen Bilder einer in Rot gefärbten Westernstadt. Die Aufnahmen von Eastwood, der durch das Dorf geht, zeigen nicht nur einen Mann umhüllt von Rot; sie zeigen, dass dieses Rot aus dem Mann selbst kommt.

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Zusammen mit Kelly Reichardt ist Eastwood der große lebende Chronist US-amerikanischer Geschichte. Seine Filme decken ein riesiges Spektrum vom Bürgerkrieg bis zu jüngsten Ereignissen rund um Terrorismus und Krieg ab.

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Eastwoods Karriere ist wie die US-Flagge, die jemand stolz in seinem Garten aufhängt, um zu beobachten, wie sie Jahr für Jahr im Wind weht, nach und nach ihre Farben verliert, bis nur noch Fetzen übrigbleiben, die aber deutlich mehr erzählen als das, was am Anfang dort war. Alles andere bläst der Wind in die Kinogeschichte.

Mit "Für eine Handvoll Dollar" (1964) fing alles an.
Mit "Für eine Handvoll Dollar" (1964) fing alles an.

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Selbst wenn man sich zu mancher Szene oder zu ganzen Filmen aus dem Oeuvre von Eastwood deutlich positionieren kann, fällt es schwer, seine gesamte Filmografie in eine Ecke zu stellen. Zwischen Humanismus und Rassismus, Machotum und Feminismus, republikanischen und demokratischen Werten, Gewalt und Freundlichkeit gibt es keine Eindeutigkeit. Wie bei allen großen Filmemachern entzieht sich das Gesamtwerk dem einfachen Urteil. Es will immer neu, immer mit offenem Blick betrachtet werden.

90

Eastwood könnte auch bei den Rolling Stones spielen. Er hat den Look, die musikalischen Fertigkeiten, die Mentalität, und auch er lebt und lebt und lebt (allerdings ist er alles andere als ein Brite, wie er selbst bemerkte, als man ihm die Rolle des James Bond anbot).

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