© Mubi (aus „Upstream Color“)

Déjà-vu und Quantensprung

Dienstag, 23.06.2020

Das rauschhaft-zerebrale Kino von Shane Carruth

Diskussion

Nach seinem Science-Fiction-Debüt „Primer“ aus dem Jahr 2004 wurde der US-Independent-Filmemacher als „uneheliches Kind von David Lynch und James Cameron“ gehypt. Obwohl Carruth sich seitdem rarmacht und nur einen weiteren Film, „Upstream Color“ (aktuell bei Mubi zu sehen), fertig gestellt hat, der genießt der Film-Autodidakt mittlerweile Kultstatus.


In Garagen kann Großes passieren, das ist spätestens seit Silicon Valley kein Geheimnis mehr. Viele kleine Start-ups träumen weiterhin vom Mythos, sich aus dem heimischen Bastelraum heraus ins Big Business hochzukatapultieren. In dieser Hinsicht ist dem US-amerikanischen Filmemacher Shane Carruth 2004 mit seinem Erstling „Primer“ ein vermeintlicher Doppelschlag gelungen. Denn nicht nur der Film spielt in weiten Teilen in einer solchen Garage, sondern auch Carruths Do-It-Yourself-Arbeitsweise könnte als Start-up-Strategie interpretiert werden, um so schnell wie möglich nach Hollywood zu gelangen.

Carruth ist Film-Autodidakt in Reinform – für „Primer“ machte er nahezu alles selbst: Drehbuch, Regie, Schnitt, Soundtrack. Und er spielte auch eine der beiden Hauptrollen. Das geschah zunächst sicherlich aus Budget-Gründen, aber auch aus dem Impuls heraus, die künstlerische Freiheit zu behalten. Das Geld reichte nur für einen Take pro Szene, weshalb Carruth und sein Spielpartner David Sullivan zuvor regelrechte Repetitorien abhalten mussten, um sicher durch das technikaffine und dialoglastige Script zu kommen. Carruths Hintergrund als gelernter Ingenieur – vor seiner Filmkarriere programmierte er Flugsimulatoren – war hier bestimmend, denn der Film bemüht sich keineswegs, die technischen Details für Laien zu verkürzen oder zu umschreiben. "Primer" strotzt nur so vor physikalischen Details und ist gerade deshalb ungeachtet seiner behäbigen Geschwindigkeit so fordernd.

„Primer“
„Primer“ mit Shane Carruth (rechts) und David Sullivan

„Primer“: Anleitung für Zeitreisende

„Primer“ folgt den beiden Kollegen Aaron (Carruth) und Abe (Sullivan), die neben ihrem Job in einer Technikfirma an eigenen Projekten tüfteln und zufällig, quasi als Nebenprodukt ihrer Arbeit, die physikalische Grundlage für eine Zeitmaschine entwickeln. Sie halten ihre Entdeckung geheim und wollen sie dazu nutzen, den Aktienmarkt zu antizipieren und reich zu werden. Carruth erzählt dies bis zur Hälfte des Films als beinahe bürokratisch-technische Anleitung für Zeitreisende. Nach und nach beschleicht einen dann jedoch das Gefühl, dass man diesem beinahe behäbig dahinplätschernden Geschehen nicht mehr recht folgen kann, weil einem die Essenz dieser Ausführungen immer mehr entgleitet. Das hat damit zu tun, dass durch Abes und Aarons Zeitreise-Versuche die Raum- und Zeitachsen ineinander verschachtelt werden und lineare Logiken nicht mehr greifen.


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Spätestens ab dem Moment, in dem eine Zeitmaschine in der Zeitmaschine auftaucht, wird es mehr als kompliziert, und das Bröckeln der Linearität greift auch auf die emotionalen und psychologischen Ebenen des Films über. Genau das aber ist es, was „Primer“ zu einer solchen Sensation macht: Carruth feiert eben diesen Zustand der Unschärfe. Jeder Versuch, während des Sehens die immer weiter fortschreitende Verknotung des Raum-Zeit-Kontinuums gedanklich mitzukartografieren, scheint diesen Prozess zu beschleunigen.


Ein zerebrales Flimmern und Wabern

Anders als die „High Concept“-Science-Fiction-Filme, wie sie etwa Christopher Nolan oder Darren Aronofsky präsentieren, geht es Carruth nicht darum, am Ende den zugrundeliegenden Algorithmus enthüllt zu haben, um dem Zuschauer eine Form der Gratifikation zu bieten, sondern gerade die Inkongruenz der immer wieder umschlagenden Gedankenwelten als immersives Moment zu zelebrieren. Carruth setzt an die Stelle des „Mindfuck“, der filmischen Gehirnverknotung, deren Entwirrung das Ziel ist, ein zerebrales Flimmern und Wabern, das sich auch über das Ende des Films hinaus fortpflanzt. „Primer“ ist ästhetisch eher mit der handgemachten Technikwelt eines Michel Gondry verwandt, jedoch konzeptuell sehr nahe an Arbeiten wie Denis Villeneuves Literaturadaption „Arrival“ (2016) und den flirrenden Erfahrungswelten in den Filmen von Paul Thomas Anderson.

Das Handgemachte an „Primer“ befördert also den Science-Fiction-Gedanken regelrecht. Die zerlegten Computer und Kühlschränke in der Garage werden zum Abbild von Aarons und Abes obsessiver Geistesarbeit, die sich wiederum auf den Zuschauer überträgt.

„Primer“
„Primer“

Einer der aufregendsten Science-Fiction-Filme

Shane Carruth muss ähnlich obsessiv und perfektionistisch gearbeitet haben, um ein solches Micro-Budget-Projekt nahezu im Alleingang zu stemmen. Er produzierte „Primer“ für lediglich 7.000 Dollar, womit ihm ohne Übertreibung einer der aufregendsten Science-Fiction-Filme der letzten 20 Jahre gelungen ist. Der Film schlug im Januar 2004 wie aus dem Nichts auf dem Sundance-Festival ein und bescherte Carruth direkt den „Großen Preis der Jury“, quasi den Ritterschlag des Independent-Films und das Sprungbrett nach Hollywood. Steven Soderbergh, der Pate aller Filmemacher auf dem Weg zu großen Produktionen, nannte ihn nach seinem Erfolg das „uneheliche Kind von David Lynch und James Cameron“.

Sein nächstes Projekt „A Topiary“, ein Science-Fiction-Film mit Coming-of-Age-Plot, hatte nicht nur Soderbergh als Unterstützer, sondern der brachte auch David Fincher mit an Bord – also zwei Schwergewichte des Independent-Films im Hollywoodzirkus. Doch einmal Garage, immer Garage: Das durch und durch Unkonventionelle, das „Primer“ zum Überraschungshit gemacht hatte, liegt eben tief in Carruths Arbeitsweise. Er werkelte mehrere Jahre an dem Projekt, entwickelte selbst 3D-Animationen von Fabelwesen und ließ sich in verschiedenen Unternehmen in die Kunst der Special-Effects einweihen. Er sagt über sich selbst, dass er sich in solchen Details bisweilen wochen- und monatelang verfransen und verlaufen kann. Das scheint Carruth auch hier bis zur Perfektion getrieben zu haben, denn Rian Johnson heuerte ihn zwischenzeitlich für seinen eigenen Zeitreise-Film „Looper“ (2012) als Berater für die Special Effects an. Das Script für „A Topiary“ war mittlerweile geleakt, und Carruth entfernte sich von dem Projekt – oder schien vielmehr selbst in eine Zeitschleife gerutscht zu sein: Nach mittlerweile neun Jahren ohne eigenen Film stand er scheinbar auf der Kippe, von der Hoffnung des Indiefilms zur vergessenen Eintagsfliege zu werden – und überraschte die Filmwelt dann erneut mit einem Donnerschlag.


„Upstream Color“: Sinfonie der Sinneseindrücke

Seinen zweiten Film „Upstream Color“ hatte er ohne Ankündigung entwickelt und gedreht, weshalb das Werk 2013 in Sundance zu einem der am meisten erwartetsten Wettbewerbsbeiträge hochstilisiert wurde. Die lobhudelnden Vergleiche blieben auch hier nicht aus. Der Ruf einer Kreuzung aus Terrence Malicks traumhaften Geisteslandschaften und David Finchers psychotischen Albträumen eilte dem Film voraus. Ganz von der Hand zu weisen sind diese Analogien nicht, denn gerade Malicks Meditation „The Tree of Life“ (2011) findet in ihrer luftigen Aneinanderreihung von Erinnerungsfetzen eine ästhetische Entsprechung in „Upstream Color“.

Carruth baut darin die Untersuchung von Identität, die in „Primer“ schon anklang, zu einer regelrechten Sinfonie aus Sinneseindrücken aus. Im Zentrum dieser Reflektion steht die junge Frau Kris (Amy Seimetz), die mithilfe eines aus Maden gewonnenen Gifts gekidnappt und ihrer Identität beraubt wird. Auf ihrem Weg zurück in ein Leben und ein neues Selbst trifft sie auf Jeff, dessen Geschichte vertraut wirkt und sich nahezu organisch mit ihrer eigenen verwebt. In einem immer breiter werdenden Strom aus psychologischen und physiologischen Entsprechungen entwirft Carruth ein ganzes Netzwerk aus miteinander verlinkten Identitäten – Henry David Thoreaus „Walden“, Orchideenjäger, ein Sammler von Naturlauten und ein medizinisches Experiment, in dem scheinbar das Bewusstsein zwischen Mensch und Tier übertragen werden kann, spielen unter anderem eine Rolle und fließen beinahe osmotisch ineinander.

„Upstream Color“
Shane Carruth in „Upstream Color“

Wenn Erinnerungsbilder versagen, übernimmt die Klangebene und führt ungeahnte Verbindungslinien zwischen Pflanzen-, Tier- und Menschenwelt weiter. In „Upstream Color“ dehnt und biegt Carruth die Kausalität von Naturgesetzen bis hin zum synästhetisch-mentalen Knistern, das kurz vor einem Kurzschluss zu stehen scheint. 10 Jahre nach seinem ersten Erfolg gelang Carruth also das Unwahrscheinliche – ein zweiter, komplett selbst finanzierter und produzierter Indie-Hit, Déjà-vu und Quantensprung zugleich.


Harsche Hollywood-Kritik

Und nun? Hier setzte dann tatsächlich eine Zeitschleife ein, denn sein im Anschluss angekündigtes Epos „A New Ocean“ befand sich ähnlich lange in Vorproduktion wie „A Topiary“. So richtig glaubte wohl niemand mehr daran. Carruth tauchte in den letzten Jahren immer wieder als Schauspieler in kleinen, handverlesenen Filmen auf, etwa als Polizist in der tragikomischen Psychostudie „Swiss Army Man“ (2016), und er steuerte den Soundtrack zu der von Steven Soderbergh produzierten Serie „The Girlfriend Experience“ (2016) bei.

Ende 2019 kündigte Carruth dann überraschend an, sich aus dem Filmgeschäft zurückzuziehen. In einem Interview mit dem Onlineportal „Indiewire“ erläuterte er seine Entscheidung und kritisierte dabei auch sehr deutlich die gängige Produktionspraxis in Hollywood. „Wir sind hier nicht im alten Griechenland. Diese Stadt ist so, wie alle sagen. Wir engagieren Models und lassen sie Worte verkünden, die sie nicht verstehen, und leuchten sie dabei gut aus. Nur ein Prozent davon ist sehenswert.“ Er habe noch ein großes Projekt vor sich und sei dann fertig mit dem Filmbusiness. „Ich will nicht den Rest meines Lebens damit verbringen, mit diesen Arschlöchern zu sprechen, um meine Finanzierung zusammenzubekommen.“

„Upstream Color“
„Upstream Color“

Kurz nach dem Interview belebte er den Twitter-Account von „Upstream Color“ wieder und stellte ein Konzeptvideo zu „A Topiary“ ein. Eine Marketing-Aktion für das ominöse letzte Projekt? Nicht auszuschließen.

Doch just Mitte Juni 2020 folgte für seine Fans geradezu aus dem Nichts das gesamte Drehbuch von „A Modern Ocean“ sowie Entwürfe zum Soundtrack mit Hinweisen, zu welchen Szenen man sie hören sollte. Ein Twitter-User fragte Carruth, weshalb er das Drehbuch zum Download anbiete. Carruth erklärte, die Veröffentlichung sei kein Schachzug, sondern aus dem Gedanken heraus entstanden, dass vermutlich jeder ein geheimes, weil unrealisiertes Projekt in der Schublade habe - und er es nicht vergeuden wolle.

Damit ist klar: Shane Carruths Independent-Gedanke ist keine Pose, sondern eine Haltung. Das macht ihn in einem Franchise-verliebten Business, das aus Verbandelungen und Gefälligkeiten besteht, nahezu unangreifbar und seine Arbeit als Filmemacher tatsächlich unabhängig – ganz gleich, ob „A Modern Ocean“ letztendlich produziert wird oder nicht.



Upstream Color“ (2013) läuft seit 8. Juni im Programm des Streaming-Anbieters MUBI;Primer“ war bei MUBI ursprünglich für den 29. Juni programmiert, der Start musste kurzfristig auf den 20. Juli verschoben werden. Beide Filme sind auch als US- oder UK-Import auf DVD bzw. BD verfügbar.

„A Topiary“ sowie das Script und die Entwürfe zum Soundtrack von „A Modern Ocean“ hat Carruth auf dem wiederbelebten Twitter-Account von „Upstream Color“ bereitgestellt.

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