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Wo es keine Lösung gibt: Interview mit Carolina Hellsgård

Dienstag, 30.06.2020

Die Regisseurin über ihren Film „Sunburned“

Diskussion

Carolina Hellsgård wurde in Stockholm geboren und studierte an der Universität der Künste in Berlin und am California Institute of Arts. Ihr Debütfilm „Wanja“ hatte seine Premiere auf der „Berlinale“ 2015, ihre zweite Regiearbeit war der eigenwillige, in Thüringen angesiedelte Zombiefilm „Endzeit“. Sunburned(ab 2.7. in den Kinos) ist ihr dritter Spielfilm, eine Satire um ein Mädchen, das im Andalusien-Urlaub einem gleichaltrigen illegalen Strandverkäufer aus dem Senegal helfen will.


„Sunburned“ ist ein sozialkritischer Urlaubsfilm. Was war der Auslöser?

Carolina Hellsgård: Das hat mit Kindheitserfahrungen zu tun, mit meinen Erinnerungen an Sommerurlaube in Spanien. Meine Schwester hatte dort einmal eine Beziehung zu einem Illegalen. Das hat mich und die ganze Familie damals sehr aufgeregt.

Auf welche Reaktionen sind Sie gestoßen, als sie von Ihrer Idee erzählten, einen Film über Flüchtlinge in Südspanien machen zu wollen? Wie haben Sie Filmförderer gefunden?

Hellsgård: Die ersten potenziellen Geldgeber, die wir 2012 ansprachen, waren recht unwillig. Sie fragten, wen das denn interessiere? Oder was afrikanische Immigranten mit Touristen aus dem Norden Europas zu tun hätten? Doch dann kam 2015 die Flüchtlingswelle, und es klingt fast zynisch, aber plötzlich war das Thema auch für Filmförderer interessant. Allerdings waren die Förderer, die das Projekt zunächst abgelehnt hatten, nicht die gleichen, die es nachher unterstützt haben.

Ihre ersten beiden Filme „Wanja“ und „Endzeit“ waren stark am Genrekino orientiert. Warum ist „Sunburned“ jetzt so ganz anders geworden?

Hellsgård: Ich mache sehr gerne Genre-Filme. Das ist, wie wenn man einer Komposition folgt, die einen bestimmten Aufbauplan hat, weshalb man sich sehr auf das Atmosphärische konzentrieren kann. Zu „Sunburned“ passte das aber nicht. Der Film erzählt auf sehr unterschiedlichen Ebenen. Und die Protagonistin Claire ist auch ein wirklicher Mensch. Das kann man nur als Drama erzählen und darf es nicht noch mehr zuspitzen.

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Der Titel „Sunburned“ bezieht sich auf eine Szene, als die Hauptfigur Claire ungeschützt in der Sonne liegt und sich einen schlimmen Sonnenbrand holt. Ist das eine Art Selbstbestrafung oder die Suche nach schmerzhaften Erfahrungen?

Hellsgård: Teilweise ist es auch eine Selbstbestrafung, Claire will sich wehtun. Aber es geht auch um diese Schläfrigkeit und die träumerische Atmosphäre, die durch die Sonne entsteht. Wir können nicht mehr klar sehen, nicht mehr klar denken und verlieren den Blick für die Realität.

Carolina Hellsgård © Farbfilm
Carolina Hellsgård (© Farbfilm)

Die andalusische „All-inclusive“-Touristenburg im Film wirkt wie eine moderne Variante der Gärten der Seligen in Fritz Langs „Metropolis“. Die Dichotomie Arm-Reich, Touristen-Immigranten ist ein bestimmender Grundzug in „Sunburned“. Welche Welten treffen da am spanischen Strand zusammen?

Hellsgård: Es war mir sehr wichtig, zu zeigen, wie diese beiden Welten aufeinanderprallen. Die Familie ist ja wirklich in einer Art Blase gefangen; das sollen die Bilder auch widerspiegeln. Wir haben viel in Innenräumen gedreht, um eine klaustrophobische Atmosphäre zu erschaffen. Wir arbeiten sehr stark mit der Architektur und mit Spiegelungen. Der Ort ist von der normalen Welt abgetrennt. Nur Claire bricht als einzige Person aus dieser Blase aus.

„Sunburned“ ist von seiner Konstellation her ein sehr weiblicher Film. Im Hotel sind überwiegend Frauen beschäftigt, nur auf einer Party sieht man einmal einen männlichen Sextouristen, der Amram, den jungen afrikanischen Verkäufer, anspricht.

Hellsgård: Ich wollte eine Geschichte über diese drei Frauen erzählen, auch wenn Claires Schwester und die Mutter fast Nebenfiguren sind. Aber sie geben einen Kontext vor, und Claire muss sich zu diesem Kontext, zu ihrer Familie, verhalten. Auch die Mutter und die Schwester gehen ihre eigenen Wege. Der Mutter sind die beiden Töchter eigentlich egal, sie weiß, dass ihre Kinder ohne sie besser zurechtkommen werden. Ich mag diese Frauenfigur, weil es ein Tabubruch ist; solche Rollen spielen sonst nur Väter. Ich sehe „Sunburned“ in gewisser Weise auch als einen Anti-Familienfilm. Claire muss sich emanzipieren, sie muss aus dem System ausbrechen und einen eigenen Weg finden.

Welche Rolle spielt Claire in dieser Familie?

Hellsgård: Claire ist innerhalb ihrer Familie eine Art Außenseiterin. Eigentlich wollen sich alle nur amüsieren, doch Claire macht da nicht mit. Sie kann mit den Flirts ihrer Mutter und ihrer Schwester wenig anfangen; sie weiß nicht, wie es ist, begehrt zu werden oder zu begehren. Die Mutter und die Schwester beziehen sie nicht in ihre Abenteuer mit ein. Claire bleibt einsam und etwas verloren zurück. Die kleine Familie, in der keine Kommunikation stattfindet, verströmt eine thrillerartige Atmosphäre.

Gedion Oduor Wekesa und Zita Gaier in „Sunburned“ (© Camino)
Gedion Oduor Wekesa und Zita Gaier in „Sunburned“ (© Camino)

In einigen Szenen verdichten sich diese Beziehungen innerhalb der Familie geradezu bildlich, etwa wenn die Mutter mit ihren Töchtern im Hotel-Shop Kleider anprobiert und Claire am Ende in einem eleganten muslimischen Kleid dasteht. Waren diese Pointierungen schon im Drehbuch festgelegt?

Hellsgård: Alles war im Drehbuch genau angelegt. Wir haben während des Drehs nicht improvisiert. Wir haben aber sehr viel geprobt und dabei auch einige Dialoge angepasst.

Claire verkörpert, wenn auch auf sehr kindliche Weise, die Tragödie der europäischen Helfer. Alles, was sie anpackt, um ihrem Freund zu helfen, geht gründlich schief. Ein Helfersyndrom im kindlichen Alter?

Hellsgård: Genau das war mir wichtig. Es gibt ja dieses Klischee vom weißen Helfer, der den Nichtweißen zu helfen versucht. Mir war sehr bewusst, dass Claire so gesehen werden könnte. Doch Amram, der senegalesische Strandverkäufer, steht wie Claire außerhalb. Er sagt ihr von Anfang an ganz offen, dass er Geld brauche. Sie besorgt ihm zunächst fünf Euro, und als er noch mehr braucht, die Kreditkarte ihrer Mutter. Aber sie kann ihm nicht helfen. Ganz im Gegenteil, sie bringt ihn erst richtig in Schwierigkeiten, weshalb er nicht einmal mehr bei seinen eigenen Leuten bleiben kann. Fast alles, was sie anfasst, läuft schief. Sie ist ein Kind und hat eine ziemlich naive Art, mit diesem Problem umzugehen. Sie sucht nach einer Lösung, aber es gibt keine Lösung.

Welche Lösungen könnte es in den komplizierten und komplexen Zusammenhängen, in denen wir leben, auch geben? Die Atlantikküste zwischen Gibraltar und Portugal war schon in den 1990er-Jahren Anlaufpunkt zahlloser Flüchtlinge aus Afrika. Auch damals war das Meer voller Toter, wie man in „Sunburned“ in ihrer Traumsequenz sehr eindringlich sieht. Das ist noch gar nicht lange her und doch längst vergessen. In welchem zeitlichen Kontext steht „Sunburned“?

Hellsgård: Das Flüchtlingsthema in „Sunburned“ wird leider immer aktuell sein. In dem Film geht es auch um zwischenmenschliche Beziehungen, also wie man miteinander umgeht. Ob man Empathie entwickeln kann und Verständnis für andere Menschen, die nicht die gleichen Chancen haben wie wir. Das ist die eine Sache. Ich finde aber, dass man auf politischer Ebene beim Thema der Migration nicht vorangekommen ist. Immigranten können in Europa kein vernünftiges Leben führen. Dieses Problem löst man nicht, indem man Geld gibt. Natürlich hilft man als Tourist, wenn man darum gebeten wird; strukturell aber müssen die Gesetze geändert werden. Bei der Recherche habe ich mit den Senegalesen gesprochen, die in Andalusien leben. Die sind tatsächlich gefangen; entweder arbeiten sie illegal in der Obstindustrie oder sie schlagen sich als Strandverkäufer durch. Im Winter fahren sie oft nach Paris und übernachten unter Brücken oder in Zeltlagern, unter schrecklichen Bedingungen. Ich habe mit Menschen gesprochen, die seit 15 Jahren in Andalusien sind. Die als Jugendliche hier gestrandet sind. Das ist ein verlorenes, tragisches Leben! Amram ist auch ein solcher Gefangener; Spanien ist für ihn zum Gefängnis geworden. Das hat nichts mit Enge zu tun; auch die Weite der trockenen Wüstenlandschaft ist ein Gefängnis.

Ein satirischer Blick auf den Tourismus-Betrieb prägt „Sunburned“ (© Camino)
Ein satirischer Blick auf den Tourismus-Betrieb prägt „Sunburned“ (© Camino)

Der Film zeigt auch, dass es innerhalb der Immigration verschiedene soziale Schichten gibt. Die Putzfrau im Hotel mit ihrem muslimischen Kopftuch hat offenbar einen anderen Status als der illegale Strandverkäufer aus dem Senegal.

Hellsgård: Im Film sieht man verschiedene Arten von Einwanderern. In Europa unterscheiden wir begrifflich zwischen Flüchtlingen und Migranten. „Sunburned“ handelt eher von Migranten, die aus Afrika kommen. Die Putzfrau stammt beispielsweise aus Marokko und darf in Spanien arbeiten. Beide Länder haben untereinander ein Arbeitsabkommen. Menschen aus dem Senegal dürfen hingegen nicht arbeiten und nicht studieren; sie haben viel größere Schwierigkeiten, sich in der Gesellschaft zu orientieren; sie sind gefangen und gestrandet.

Selbst wenn man den traurigen Hintergrund illegaler Immigranten in Andalusien aus dem Film herauslassen würde, wäre er trotzdem immer noch eine brillante Karikatur unserer Freizeitgesellschaft, in der ein solches Hotel als verheißungsvolles Ziel gilt, für das sich Menschen abrackern, um dann mit mehr oder weniger stumpfsinnigen Unterhaltungsprogrammen in gute Laune versetzt werden.

Hellsgård: Der Film ist tatsächlich auch als Karikatur angelegt. Ich habe mit schwarzem Humor gearbeitet; vieles ist sehr überhöht, nicht unbedingt realistisch, sondern zugespitzt. Ich hoffe, dass man das auch spüren kann; das sollte manchmal durchaus lustig sein. Wir machen uns auch ein wenig über die Figuren lustig, obwohl wir die im Grunde ja selbst sind. Jedes Jahr, wenn wir irgendwohin in Urlaub fahren, geht es uns genauso. „Sunburned“ ist zwar in Matalascañas an der andalusischen Küste gedreht worden, doch diese Hotelanlage könnte überall stehen, in Italien, Frankreich, oder Griechenland.

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