Coming-of-Age-Film | Deutschland/Niederlande/Polen 2019 | 94 Minuten

Regie: Carolina Hellsgård

Eine 13-jährige Deutsche fährt mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester in den Urlaub nach Andalusien, wo sie weitgehend sich selbst überlassen ist. Als sie sich mit einem jungen Strandverkäufer aus dem Senegal anfreundet, versucht sie, ihm zu helfen, droht durch ihre gut gemeinten Handlungen jedoch seine Lage noch zu verschlimmern. Ausgefeiltes Adoleszenz- und Freundschaftsdrama, das zwischen satirisch überzeichnetem Ferienbetrieb und Notlage der Flüchtlinge mit dem Mut zur Ambivalenz Klischees klug vermeidet. Die zum Entrückten tendierende Bildsprache verleiht der Freundschaft dabei unaufdringlich märchenhafte Züge. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland/Niederlande/Polen
Produktionsjahr
2019
Regie
Carolina Hellsgård
Buch
Carolina Hellsgård
Kamera
Wojciech Staroń
Musik
Alex Simu
Schnitt
Ruth Schönegge
Darsteller
Zita Gaier (Claire) · Gedion Oduor Wekesa (Amram) · Sabine Timoteo (Sophie) · Nicolais Borger (Zoe) · Malik Adan (Marco)
Länge
94 Minuten
Kinostart
02.07.2020
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Coming-of-Age-Film | Drama

Drama um eine 13-jährige Deutsche, die beim Urlaub in Andalusien Freundschaft mit einem illegal dort lebenden Senegalesen ihres Alters schließt, mit ihren Hilfsversuchen seine Lage aber nicht gerade verbessert.

Diskussion

Es gibt einen Moment in „Sunburned“ von Carolina Hellsgård, da kann einem schon mal kurz die Luft wegbleiben. In den letzten 20 Minuten des Films versteckt ein junges Mädchen aus Deutschland einen senegalesischen Strandverkäufer in der Luke eines Bootes. Die Urlauberin will ihm helfen, von Spanien nach Marokko zu gelangen, weg aus der aussichtslosen Flüchtlingscamp-Zwischenhölle zurück nach Afrika, zu seinem Vater, nach dem er sich sehnt. „Can you breathe?“ fragt sie ihn unsicher, öffnet noch einmal den Verschlag. „I think so“, sagt er. Sie wünscht ihm schöne Träume. Deckel zu.

Inzwischen ist „I can’t breathe“ zum weltweit hörbaren Aufschrei gegen Rassismus geworden. Als Ende Mai 2020 der Afroamerikaner George Floyd in Minneapolis durch Polizeigewalt zu Tode kam, hatte „Sunburned“ seine Weltpremiere in Rom schon längst hinter sich. Dem nachträglichen Hereinbrechen dieser aktuellen Assoziation hält der Film erstaunlich gut stand, aus einem einfachen Grund: Er weiß eigentlich nichts. Weltflüchtig ist er und hat zugleich die Weltweisheit gefressen, so wie man es von Pubertierenden kennt.

Jeder bleibt für sich

Was gibt es schon zu wissen über diese Familie, außer dass jedes Mitglied letztlich für sich bleibt: Sophie (Sabine Timoteo) reist mit ihren beiden heranwachsenden Töchtern Claire (Zita Gaier) und Zoe (Nicolais Borger) in ein Ressort im kargen Süden Spaniens. Einen Vater gibt es nur als Leerstelle, Claire vermisst ihn. Die Mutter überlässt die Teenager weitgehend sich selbst und findet schnell einen Urlaubsflirt. Zoe, die 15-Jährige, tut es ihr gleich, also stapft die 13-jährige Claire mit kindlichem Unmut allein los, an den Strand, zu den Strandverkäufern, die sie anquatschen.

Schon die ersten Bilder errichten zwei Welten, zwei Konzepte, zwischen denen sich das Erlebte aufspannen wird. Der Kontrast zwischen der felsigen Uferlinie, in deren Zerklüftungen sich aus der Vogelperspektive das Meer drängt, und dem Seriellen und Eingehegten der touristischen Aufbewahrungs-Architektur aus Strandliegen und Balkonen (oft von schräg unten gefilmt) setzt sich fort in den improvisierten Hütten im Flüchtlingscamp einerseits und dem gediegen-fahlen Ambiente der Hotelzimmer andererseits. Auch die Urlauber bewegen sich genormt, zu Formationen angeleitet von Animateuren; die Strandverkäufer mit ihrem bunten Plastikschmuck jagen auf sich allein gestellt den Touristen nach. Über allem ein milchig-blauer Himmel. An klaren Tagen, heißt es, sieht man von hier aus Afrika.

Viel verrät der Film nicht, aber er zeigt, was man vom Dazwischen aus sehen könnte. Wojciech Starons an geometrischen Fiebrigkeiten, an trennenden und überblendenden Glasscheiben interessierte Bildgestaltung und Ruth Schönegges auf konventionelle Gegenschüsse oft verzichtende Montage lassen erkennen, dass Regisseurin Hellsgård eher an der fließenden Unruhe und „strengen Architektur“ Michelangelo Antonionis orientiert ist (wie sie selbst sagt) als an pathetisch durcherzählter Sozialromantik, wie sie etwa in Sebastian Schippers Roads überdeutlich ausbuchstabiert ist. Stärker noch als in ihrem Debüt Wanja (2015) über eine aus der Haft Entlassene oder in ihrem zwischen Jena und Weimar angesiedelten Pandemie-Zombiefilm Endzeit (2018) errichtet Hellsgård Zwischenwelten, die das Unbestimmte und Ungelöste aushalten.

Das ganze Elend in drei Sätzen

Eurozentristischen Rassismus, der genau zu wissen glaubt, wo der Übergriff aufhört und das empathische Verbundensein beginnt, frühstückt Hellsgård, die auch das Drehbuch schrieb, zum Beispiel mit drei Sätzen weg. Da fragen und befehligen die in Bonbonfarben gekleideten Freundinnen Claires deren neuen Kumpel, den Strandverkäufer Amram (Gedion Oduor Wekesa aus Styx), bei der Hotelzimmer-Party: „Where do you come from? Show us how you dance there!“ Und als er sich ziert: „Here is more money!“ Das ganze Elend in drei Sätzen.

Die Überhöhung Afrikas als Tor zum durchschnittseuropäischen Unbewussten dreht Hellsgård um, indem sie die Weißen ein quasi-schamanistisches Ritual spielen lässt: Durch Atemtechnik und einen festen Griff um den Brustkorb beschert man sich da eine kurze Ohnmacht und schöne Träume. Amram will sich dieses Spiel bei den angeschickerten Hobbymedizinmännern und -frauen abgucken, um im Traum Klarheit über sein Leben und über Claire zu erlangen.

Claire sind die größeren Zusammenhänge noch nicht klar, ihr Resonanzraum, der ihr ständig nur widerspiegelt, dass sie ein Kind sei, treibt sie zu kleinen Experimenten: Eine Softporno-Pose, mit der sie sich beim Tanz-Workshop vorstellt, gerät zur Blamage; in einer teuren Boutique schlüpft sie zum Erstaunen ihrer Mutter, anderes Extrem, in einen Hidschab. In ihrem Versuch, Amram zu helfen, richtet sie dann gründlich Schaden an: Die Kreditkarte und den Ehering ihrer Mutter schenkt sie ihm, Dinge, die ihr nichts bedeuten, deren Verschwinden aber das Zimmerpersonal beinahe den Job kostet und Amram eine Tracht Prügel einbringt. Die anderen Geflüchteten können jemanden, der sie in Verruf bringt, nicht gebrauchen.

Entrückung ersetzt Gewissheiten

Hellsgård ordnet an und beobachtet, lässt vor allem auch weg (wir sehen die Prügelszene nicht). Statt Gewissheiten zu bebildern und eine zwischen deutscher Wohlstandsgesellschaft und afrikanisch-europäischem Migrationselend angesiedelte Moralgeschichte für eine leitartikeltaugliche These auszubeuten, nimmt die in Berlin lebende schwedische Regisseurin den Filmtitel als Hinweis auf ihren ästhetischen Anspruch ernst: Wer sich, wie der Film, der Sonne im Übermaß aussetzt, dem scheinen die Dinge entrückt, surreal, kreisförmig, ohne linearen Fortgang; scharfe Konturen bleichen aus.

Das Bild „des Schwarzen“ wird dabei immer mehr ins Phantasmagorische gerückt, wie ein Nachbild auf der Netzhaut des Begehrens. Die Darstellung der Freundschaft, zwar unsentimental lesbar als Austausch von Geld und Gefühlen und als Projektionsfläche für Identitäts- und Ortswechsel, gewinnt zugleich einen Glanz, der unaufdringlich ins Märchenhafte hinüberreicht. Indem sie all diese nur angerissenen Motive mit dem Ungewissheits-Lebensalter Pubertät zu einem kraftvollen visuellen Ganzen fügt, gelingt Hellsgård ihr bislang reifster Film.

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