© Imageo images/POP-EYE (Ennio Morricone im Januar 2019 in Berlin im Rahmen seiner „The Farewell Tour“, mit der er sich von den Konzertbühnen verabschiedete).

Morricone Forever

Montag, 06.07.2020

Eine Erinnerung an den italienischen Filmkomponisten Ennio Morricone (1928-2020) und seine unsterbliche Musik

Diskussion

Die erste Erinnerung ist Käse. Ein Camembert. In den 1970er-Jahren hasste ich diesen Käse, aber mich faszinierten die grüne Verpackung mit dem stilisierten Champignon – und diese Musik. Es war eine der besten Werbungen im Fernsehen, weil sie mir dank dieser wunderbaren, irisierenden, enigmatischen Musik etwas andiente, was ich eigentlich nie wollte. Erst viel später, ich legte unerlaubterweise die Single mit den tot durch die Luft fliegenden Cowboys in den elterlichen Plattenspieler, war klar: Diese Musik gehört eigentlich nicht zu Käse, sondern zum Tod!

Der unverwechselbare, lyrisch-sentimentale, aber immer energisch kraftvolle Mezzosopran, der mich als Kind so unerklärlich fesselte, weil er einfach nur summte und nie sang, gehörte Edda Dell’Orso. Den Film, für den Ennio Morricone die Musik ursprünglich komponiert hatte, durfte ich nicht sehen, aber wenigstens konnte ich in das unglaublich dynamische Cover hineinkriechen, während ich die Musik aufsog. Erst die Single mit dem Mann mit der Harmonica auf der A-Seite und Edda auf der B-Seite. Und später die LP. Voll mit minimalistischer, avantgardistischer, Kinder verstörender Klassik. Mit archaischen Tönen und wunderbaren Melodien zwischendrin. Nie hatte ich zuvor eine Celesta gehört und dann noch mit dieser wehmütigen Musik, von der ich mir nicht vorstellen konnte, für was sie denn geschaffen worden war.

Musik wie kaum ein anderer zuvor sie schrieb

Ennio Morricone hat Musik geschrieben wie kaum ein anderer zuvor. Allein die Masse ist schier unfassbar. Hat nach der 500. Filmmusik eigentlich noch jemand weitergezählt? Hat nach Karol – Papst und Mensch 2006 eigentlich noch jemand seine Arbeit goutiert? Einer sicher. Quentin Tarantino, der erst kommen musste, um all den Jungen und Alten in Hollywood noch einmal vorzuführen, was für eine Lichtgestalt sie alle vergessen hatten. Für seinen Western The Hateful Eight gewann Morricone 2016 seinen einzigen „Oscar“, nachdem der „Ehren-Oscar“ von 2007 allenfalls ein verschämtes Feigenblatt war.

Was soll man über einen Mann, der fast 92 Jahre alt wurde, noch sagen? Der (zumindest aus Sicht der Hollywood-Academy) im falschen Land geboren wurde und sich beharrlich weigerte, die englische Sprache zu lernen, die ihn befähigt hätte, John Williams vom Thron zu stoßen? Geboren im Land des Italowesterns, sozialisiert durch Pasta, Rotwein, Puccini und „O sole mio“.

Ennio Morricone ist nicht ausgewandert und geflüchtet vor dem Duce in jenes Land, wo Stechpalmen und Filmstudios in Wäldern wachsen und weit weg von Europa ein Hort entstand für die auf dem alten Kontinent verschmähte Filmintelligenz. Er blieb in Europa und hat lieber 1943 – wie es in Sergio Micelis bemerkenswertem Buch „Morricone – Die Musik, Das Kino“ heißt – „…für deutsche Truppen im Nightclub Florida in Rom (erste Trompete) gespielt.“ Aber nein, Morricone war nie Nazi und hat, selbigem Buch zufolge, bereits 1944 im Hotel Mediterraneo in Rom auch für amerikanische und kanadische Truppen (zweite Trompete) gespielt. Gott sei Dank!

Aber was wäre aus ihm denn schon in Hollywood geworden? Er hat Musik komponiert, die er dort so sicher nicht hätte machen dürfen… Mit Rumgeheule, Rumgeschreie, orchestralem Gewimmere, Peitschenknall und Tönen, die nicht zusammenpassen.

Hunderte Filmmusiken seit den 1960er-Jahren

Wenn man dem guten Sergio Miceli Glauben schenken darf, dann war der Römer schon immer schlau und sehr effizient, was die Noten in seinen Partituren anbetrifft. Immerhin komponieren sich hunderte Filmmusiken seit den frühen 1960er-Jahren nicht einfach so. Für 1986 schreibt Miceli lapidar in Morricones Chronik: „Oscar-Nominierung, BAFTA- und Golden Globe-Award für die Musik zu The Mission. Mit der aus nur zwei Titeln bestehenden Filmmusik erreicht Morricone ein historisches Minimum in der Geschichte der Filmmusik.“ Der Chronist wusste es damals einfach noch nicht besser. Die Filmmusik hat inzwischen anderes zutage gefördert.

"The Mission" (Studiocanal)
"The Mission" (Studiocanal)

Was soll man sagen, wenn man Morricone nach seinem Tod würdigen soll? Dem Mann, der das Lied vom Tod komponiert hat, ist es gelungen, mit Western Westernhasser vor Rührung zum Weinen zu bringen. Und das will etwas heißen! Nicht etwa, weil der Held den Killer getötet oder der Killer einen kleinen Hund getreten hätte, sondern weil Morricone Noten gefunden hat, die übers Hirn direkt in den Bauch fahren und sich dort mit der Seele verbrüdern. Niemand muss an Gott glauben, um der Heiligkeit der Klänge von „Mission“ gewiss zu sein. Niemand muss ein Kommunist sein, um bei Sacco und Vanzetti voller Inbrunst miteinzustimmen, wenn Joan Baez in Gedenken der Hingerichteten Morricones Here’s to you, Nicola and Bart, Rest forever here in our hearts, Thelast and final moment is yours, That agony is your triumph singt. Es passiert einfach so – Musik als wunderbares Hexenwerk.

Ein Requiem für Morricone

Morricone, dessen Schlüsselwerke Für eine Handvoll Dollar, Zwei glorreiche Halunken, Spiel mir das Lied vom Tod, Es war einmal in Amerika und Mission seine filmische Bandbreite zwischen Blei- und Bibelthematiken definieren, könnte auch sein eigenes Requiem komponiert haben. Welches müsste das Lied für seinen letzten Weg sein? Ist es On Earth as it is in Heaven aus Mission, jene drei Minuten und 45 Sekunden Gänsehaut, in einen Chor, eine Klarinette, eine Flöte und Bongos gegossen? Oder, wenn man nicht weinen, sondern lachen möchte, die fröhlichen Triller aus Mund, Panflöte, Peitsche und Kirchenglocke, mit denen der Held aus „Für eine Handvoll Dollar“ in den Sonnenuntergang/Himmel reitet? Am besten beides, denn so würde man Ennio Morricone so in Erinnerung behalten, wie er sich selbst am liebsten gesehen hat: Ganz ernst, mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

"Für eine Handvoll Dollar" (© Constantin-Film GmbH/Jolly Film S.r.l. Rom)
"Für eine Handvoll Dollar" (© Constantin-Film GmbH/Jolly Film S.r.l. Rom)

Kommentar verfassen

Kommentieren