© Foerderverein Filmkultur Bonn e.V. (aus "College" mit Buster Keaton)

Stummfilmtage Bonn 2020: live vor Ort & digital

Dienstag, 21.07.2020

Ein breites Spektrum des frühen Kinos - diesmal auch überregional dank Streamingangebot

Diskussion

Sie können auch im Corona-Jahr 2020 stattfinden: Die 36. Stummfilmtage Bonn haben ihr Programm bekannt gegeben und werden auch diesen August wieder Liebhaberinnen und Liebhaber des frühen Kinos nach Bonn locken – wobei dem Festival zupass kommt, dass es eine Freiluft-Veranstaltung ist, die Jahr für Jahr im Innenhof des Bonner Stadtschlosses über die Bühne geht. Der Wermutstropfen: Es werden dieses Jahr jeweils nur 500 Zuschauer eingelassen, um Abstandsregeln wahren zu können, und Mundschutz ist Pflicht. Der Vorteil dabei: Die Stummfilmtage gehen online und richten ihr Angebot damit diesmal an ein überregionales Publikum. Die gezeigten Filme werden nach der Live-Präsentation für 24 oder 48 Stunden – je nachdem, was die jeweiligen Rechteinhaber zugestehen – im Netz auf der Webseite der Stummfilmtage zu sehen sein. Die Musik für dieses Online-Angebot wird teils im Studio eingespielt, teils bei den Live-Präsentationen mitgeschnitten, die auch dieses Jahr wieder von verschiedenen Musikern begleitet werden.

Klassiker & Entdeckungen

Das Programm des Festivals, das vom 6. bis zum 16. August stattfindet, gestaltet sich gewohnt vielfältig: Neben einem Stummfilmtage-„Stammgast“, der Komik-Ikone Buster Keaton (am Mittwoch, 12.8., zu sehen in „College“ („Buster Keaton, der Student“, 1927) und großen Klassikern wie Henrik Galeens „Der Student von Prag“ (1926, zu sehen am 13.8.) und Pudowkins „Sturm über Asien“ (1928, zu sehen am 15.8.) gibt es wieder viele Entdeckungen von weniger bekannten Werken zu machen. Dazu gehört zum Beispiel eine Arbeit der 1873 geborenen österreichischen Filmpionierin Luise Fleck, die zusammen mit ihrem ersten Mann bereits 1910 in Wien ein erstes Filmstudio gründete, später dann mit ihrem zweiten Mann, dem jüdischen Filmemacher Jakob Fleck, nach Berlin übersiedelte und dort u.a. für die UFA mit ihm zusammen als Regie-Duo zahlreiche Filme realisierte, bevor das Paar mit der Machtergreifung der Nazis zuerst zurück nach Österreich und schließlich nach Shanghai übersiedelte. Aus der Berliner Phase der beiden stammt der Film, den die Stummfilmtage Bonn am 10.8. präsentieren und der auch inhaltlich höchst interessant ist: „Mädchen am Kreuz“ (1929) kreist um eine junge Studentin, die Opfer einer Vergewaltigung wird, und thematisiert den verhängnisvollen Umgang einer prüden, latent frauenfeindlichen Gesellschaft mit sexueller Gewalt.

Von der Geisterkomödie bis zum Western

Ebenfalls ein gesellschaftskritischer Beitrag: Am Sonntag, 16.8., läuft zum Abschluss der Stummfilmtage ein früher Antikriegsfilm: „Verflucht sei der Krieg“ (1914) des 1877 geborenen französischen Filmemachers Alfred Machin, der ab 1912 einen belgischen Ableger der Pathé Filmproduktion mit aufbaute, ist eine Art Menetekel des wenige Monate später beginnenden Ersten Weltkriegs. Darüber hinaus umfasst das Programm der Stummfilmtage einen Genre-Spielraum, der von René Clairs Geister-Komödie „Das Phantom des Moulin-Rouge“ (1925, zu sehen am 14.8.) über den frühen Western „Wolf Lowry“ von und mit William S. Hart (1917, zu sehen am 11.8.) bis zur schwedischen Jugendbuch-Adaption „Die Mälar-Piraten“ (1922) von Regisseur Gustaf Molander reicht.

Eröffnet wird am 6.8. mit einem Star des jiddischen Theaters der 1920er-Jahre: Molly Picon, 1898 unter dem Namen Małka Opiekun als Tochter polnisch-jüdischer Einwanderer in New York geboren, spielt im 1923 entstandenen Film „Ost und West“ die Tochter eines wohlhabenden, aus Osteuropa in die USA emigrierten jüdischen Vaters, die anlässlich einer Familienfeier der Mischpoke in der alten Heimat in einem osteuropäischen Schtetl einen Besuch abstattet, der sich für sie dann ziemlich unerwartet entwickelt.


Hinweis:

Während der Stummfilmtage sind die gezeigten Filme (wie auch alle anderen Informationen zu den Veranstaltungen) auf ihrer Website (https://www.internationale-stummfilmtage.de/) abrufbar.

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