© Viviana Morizet (Die Regisseurin Manele Labidi)

Mit High Heels und Hidschab

Mittwoch, 29.07.2020

Vom Leben zwischen zwei Kulturen: Die französisch-tunesische Filmemacherin Manele Labidi über „Auf der Couch in Tunis“

Diskussion

Regisseurin Manele Labidi entwirft mit „Auf der Couch in Tunis“ ein erfrischend paradoxes Bild aus der Zeit nach dem „Arabischen Frühling“. Die Psychologin Selma (Golshifteh Farahani) kehrt aus Paris in ihr Heimatland zurück, um dort eine psychotherapeutische Praxis zu eröffnen, und trifft erst auf Skepsis und Abneigung, aber auch auf ganz unterschiedliche Menschen, die der Fremden ihr Herz öffnen. Die 37-jährige Filmemacherin, die sich als Französin und Tunesierin zugleich fühlt, hat zwei Länder, aber keine Heimat und schaut trotz aller politischen Rückschläge optimistisch in die Zukunft.


Warum haben Sie das Thema „Rückkehr in das Land der Eltern“ als Komödie verfilmt?

Manele Labidi: Wenn es um die arabische Welt geht, wird es im Film oft dramatisch und eindimensional. Männer sind Machos, Frauen Opfer, Terrorismus und Islamismus stehen auf der Agenda ganz oben. Diese Klischees wollte ich nicht bedienen, sondern eine alltägliche Geschichte erzählen. Im Krieg oder während der Revolution geht das Leben weiter. Man muss Kinder erziehen, fürs Essen sorgen, alles das tun, was sonst auch so anfällt. Da passt das Komödiengenre mit seiner Tiefe und Vielschichtigkeit und seiner Lust an Subtexten sehr gut. Man kann auch politisch etwas vermitteln, ohne in die Lehrerrolle zu verfallen. Die Zuschauer sollen sich mit den Figuren identifizieren können; der Ton der Erzählung soll sie einbeziehen und für die Aussage des Films sensibilisieren. Komödien öffnen Herzen und wecken Emotionen. Außerdem zählt Humor zum integralen Bestandteil tunesischer Kultur. Da enden Dramen oft im Absurden. Lachen und Weinen haben die gleiche Dynamik. Wenn ich auf Larmoyanz gesetzt hätte, wäre das an dem Land und seine Menschen total vorbei gegangen.


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Kontinuierlich streben Menschen aus dem Maghreb nach Europa; Selma geht den umgekehrten Weg. Ist das realistisch?

Labidi: Genau diese Umkehrung interessierte mich. Es gibt viel emigrierte Tunesier, die wieder in das Land ihrer Väter zurückwollen. In Europa geht es ihnen gut, aber sie spüren die Ausgrenzung und die Vorurteile gegenüber Migranten aus dem arabischen Raum. Sie sagen sich: Dann lasst uns in Tunesien etwas schaffen. Die Realität entpuppt sich leider als ziemlich anders. Sie werden nicht mehr als Einheimische angesehen, sondern misstrauisch betrachtet. Enttäuscht kehren viele wieder nach Frankreich zurück. Nach der Sanften Revolution haben sich junge Leute nach Tunesien aufgemacht und sind unsanft auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Neuankömmlinge sind verloren, müssen sich erst einmal über das soziale Beziehungsgeflecht informieren, die sozialen Codici lernen.

Muss erst die gesellschaftlichen Regeln lernen: Golshifteh Farahani als Selma (© Prokino)(
Muss erst die gesellschaftlichen Regeln lernen: Golshifteh Farahani als Selma (© Prokino)

Woher resultiert dieses „Missverständnis“?

Labidi: Vor allem wir Frauen erfahren Ablehnung, weil man uns für Französinnen hält. Viele stellen sich wohl vor, wie wir in Paris ein wildes Leben mit tausend Lovern führen, Alkohol trinken und uns in Clubs amüsieren, auf der Straße rauchen und alle Freiheiten der Welt genießen. Deshalb gelten wir als Schlampen, jedenfalls für die meisten Männer. Wir repräsentieren ein Leben außerhalb der Tradition, das bedroht ihre Grundfesten. Für die Menschen vor Ort sind wir keine Tunesier. Das sagen die Polizisten auch zu Selma. Sie kennt die Regeln nicht. Es ist wirklich komisch: Wenn ich in Tunis ankomme, bin ich gut gelaunt; aber nach 15 Minuten auf der Autobahn gehen mir alle auf die Nerven. Das ständige Geschrei und die riskanten Überholmanöver machen mich wahnsinnig. Dann aber kippt ein Schalter um; ich arrangiere mich mit dem Unerwarteten, bin selbst plötzlich anders, rede lauter, lache lauter…

Und andere Unterschiede?

Labidi: Wie in vielen muslimischen Ländern ist die Religion sehr stark in der Gesellschaft verankert, und es ist schwierig, Individualität auszuleben. Die Gruppe dominiert. Sich nicht anzupassen, verlangt sehr viel Kraft und Mut. Die Menschen führen verschiedene Leben: Nach außen mimen sie die Gläubigen, trinken aber schon nachmittags Whiskey. Ihre Kinder ermahnen sie zu heiraten und warnen vor Sex vor der Ehe; sie selbst nehmen es mit der Treue aber nicht sehr genau. Schon über Sex zu reden gilt als Teufelszeug. Dieses ständige Lügen und die inneren Widersprüche, die moralischen Zwänge machen die Menschen verrückt. Sie verlieren ihre Persönlichkeit, weil sie nie so sein dürfen, wie sie sind. Vor allem die Mittelschicht ist betroffen. Die hängt zwischen Tradition und Moderne fest. Bei den Ärmeren geht es ums nackte Überleben, und die Oberschicht frönt sowieso einem westlichen Lebensstil.

Gruppendynamik in "Auf der Couch in Tunis" (© Prokino)
Gruppendynamik: "Auf der Couch in Tunis" (© Prokino)

Ihre Protagonistin ist Psychotherapeutin. Werden die in Tunesien gebraucht?

Labidi: Freud und die Psychoanalyse sind nicht sehr bekannt, aber das Interesse daran wächst schnell, wie auch der Bedarf an ausgebildeten Therapeuten. Nach der Revolution nahmen posttraumatische Störungen und Depressionen zu. Doch der Besuch bei einem Psychotherapeuten erscheint immer noch sehr intim. Deshalb fand ich es spannend, die Reaktion der Gesellschaft auf so ein Angebot von außen zu zeigen. Es gab nach dem „Arabischen Frühling“ eine große Gesprächsbereitschaft; an jeder Ecke, in jedem Laden wurde heiß diskutiert. Eine Revolution kann ihr Ziel nur erreichen, wenn sie auch das Innere der Menschen gewinnt, sie mitnimmt auf die Reise und überzeugt. Ein Regimewechsel allein reicht nicht.

Überraschenderweise lassen sich auch Männer von einer Frau beraten…

Labidi: In einigen arabischen Ländern wäre das unvorstellbar. Aber die Mentalität in Tunesien ist eine andere. Vielweiberei ist verboten, die Jungen sind neugierig. Die Frauen sind stark und arbeiten in anspruchsvollen Berufen, etwa als Ärztinnen; wir können wählen. Die Beziehung zwischen den Geschlechtern ist offener und lässiger als in Algerien oder Marokko. In meinem Filmschaffen will ich weg vom Image des zurückgebliebenen Landes mit verschleierten Frauen. Ich streite deren Existenz nicht ab, doch die Situation ist komplexer.

Auf der Suche nach tunesische Identität jenseits von Stereotypen (© Prokino)
Auf der Suche nach tunesische Identität jenseits von Stereotypen (© Prokino)

Aber gibt es nicht auch in Tunesien eine Rückkehr zur Verschleierung, zu konservativer Kleidung?

Labidi: Zugegeben: Heute verhüllen mehr Frauen ihr Haar mit Schal, Kopftuch oder Hidschab als in den 1980er- und 1990er-Jahren. Dabei spielt aber nicht nur die Religion eine Rolle, sondern auch der Wunsch nach einer neuen Identität gegenüber westlichen Rollenbildern. Schicke Hidschabs von teuersten Pariser Modeschöpfern und viel Make-up sind ein Statement, manchmal auch eine Modefrage, keine Frage der Unterdrückung. Was für die eine das Tattoo ist, ist für die andere der Schleier. High Heels und Hidschab schließen sich nicht aus.

Selma wirkt etwas naiv. Sie tappt blindlings in die Fallen der Bürokratie.

Labidi: Das ist der Fehler, wenn man zurückkommt: Man glaubt, alles zu wissen, auch weil man die Sprache beherrscht. Doch dann folgt die Ernüchterung. Niemand wartet auf einen oder empfängt einen mit offenen Armen. Wenn die Sachbearbeiterin im Amt auf konkrete Fragen immer nur „Inshallah“ antwortet, kann das einen zur Weißglut bringen. Selma ist intelligent, aber ungeschickt; ihre Naivität ist normal.

Was haben Sie mit dieser Figur gemein?

Labidi: Ihre Risikobereitschaft, in Tunesien eine therapeutische Praxis zu eröffnen, gefällt mir. Selma ist keine rigorose Feministin, sondern eine selbstbewusste Frau. Sie wird von der Sehnsucht getrieben, die auch mich und viele in Frankreich lebende Migranten nach der Revolution erfasste, etwas gutzumachen in dem Land, das unsere Eltern verlassen haben, etwas zu schaffen, was diese nicht geschafft haben. Vielleicht waren wir etwas blauäugig.

In Europa landen viele Flüchtlinge aus den Maghreb-Staaten. Würden Sie denen raten, besser zu Hause zu bleiben und vor Ort etwas zu verändern?

Labidi: Auf die Frage weiß ich keine Antwort. In Tunesien fehlen Jobs, es herrschen Vetternwirtschaft und Korruption, ohne Verbindungen läuft nichts. Die Leute träumen vom Eldorado Europa, allein schon deshalb, weil es für ihre Kinder mehr Möglichkeiten bietet. Ich verstehe das. Gleichzeitig bedeutet diese Flucht nach Europa oder Kanada für das Land einen Aderlass gut ausgebildeter Menschen wie Ärzten oder Ingenieuren. Dieses Potenzial fehlt beim Neuaufbau der Gesellschaft.

Schwierige Rückkehr in die Heimat der Eltern (© Prokino)
Schwierige Rückkehr in die Heimat der Eltern (© Prokino)

Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Labidi: Ich bin in Frankreich geboren und verdanke dem Land sehr viel. Ich fühle mich dort wohl, auch wenn ich sehe, wie die Migranten aus dem Maghreb behandelt werden. Ich habe hier studiert und bin mit einem Franzosen verheiratet, wir haben zwei kleine Kinder. Jedes Jahr fahre ich nach Tunesien, aber dort werde ich nicht hundertprozentig akzeptiert. Das ist eine Tragödie: Man hat zwei Länder, aber keine Heimat, versucht eine Balance zwischen zwei Kulturen. Ich fühle mich als Französin und als Tunesierin.

In Paris führen Sie ein privilegiertes Leben.

Labidi: Jetzt. Aber ich stamme aus einfachen Verhältnissen, meine Eltern gehörten zur Arbeiterklasse, ökonomisch ging es uns nicht gut. Dennoch haben sie viel Energie in meine Ausbildung und die meiner Geschwister gesteckt. Das Mantra zu Hause lautete: Lerne, mach’ was aus deinem Leben. Ich hatte das Glück, nicht in einem tristen Ghetto, sondern in einem gemischten Viertel aufzuwachsen. Hätte ich meine Jugend in der Banlieue verbracht, würden wir uns heute wohl nicht unterhalten.

Was haben Sie bei diesem Film gelernt?

Labidi: Ich habe gelernt, aus der Situation spontan zu lernen. Man schreibt das Drehbuch, und dann folgen Überraschungen und Chaos. Da sollte man sich nicht die Haare raufen, sondern sich fragen: Welchen Nutzen kann ich daraus ziehen? Wichtig ist die Offenheit gegenüber den Schauspielern, das Sich-Einlassen auf ihre Wünsche und Marotten. Ich hatte mit Golshifteh Farahani eine bekannte Schauspielerin, und auf der anderen Seite Laiendarsteller. Das war eine Herausforderung, aber daran bin ich gewachsen. Dieser Film ist eine Liebeserklärung an das Land meiner Eltern.

Die euphorische Stimmung nach dem „Arabischen Frühling“ ist vorbei. In den letzten Jahren brodelt es in Nordafrika wieder; es gab Demonstrationen. Wie sehen Sie die Zukunft?

Labidi: Demonstrationen gehören zur Demokratie, die in Tunesien im Großen und Ganzen funktioniert. Wir sind ins kalte Wasser gesprungen und waren darauf nicht vorbereitet, weil wir davor in einer Diktatur lebten. Unsicherheit und Angst sind Teil des politischen Wechsels. Diese nutzten die Islamisten zur Profilierung; sie sind bestens organisiert in ihren Netzwerken. Aber ich bin sicher, dass wir diesen fundamentalistischen Bestrebungen widerstehen werden; die Menschen wehren sich gegen Gängelung und verordneten Gehorsam von Oben. Allerdings schlägt die ökonomische Krise voll durch; die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Wirtschaft dümpelt vor sich hin. Dennoch: die Tunesier, vor allem die Tunesierinnen, lassen sich ihre Rechte nicht mehr nehmen. Ich bleibe optimistisch.

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