© imago images / Everett Collection (Alan Parker 1987 am Set von "Angel Heart")

Freiheit im Mainstream: Alan Parker

Montag, 03.08.2020

Ein Nachruf auf den britischen Regisseur, Autor und Produzenten (14.2.1944-31.7.2020)

Diskussion

Der Regisseur Alan Parker repräsentierte das britische Kino in all seinen Facetten. Er orientierte sich am großen Publikum, forderte aber auch bei Hollywood-Produktionen kreative Freiheiten ein. Zu seinen bekanntesten Werken zählen Musikfilme wie „Fame“, aber auch zeitlose Dramen wie „Birdy“. In seinen letzten Jahren widmete er sich vermehrt der Malerei.


Alan Parker repräsentierte das britische Kino in all seinen Facetten. Aufgrund seiner unorthodoxen Mainstream-Ausrichtung war der international erfolgreiche Quereinsteiger bei der Kritik allerdings nicht unumstritten. Sympathisch-zupackende Charaktere, gespielt von namhaften Schauspielerinnen und Schauspielern, unterstützt von einer souveränen Handwerkskunst und einer ansprechenden Produktionsästhetik bestimmten seine Handschrift. Am 31. Juli 2020 ist Alan William Parker nach längerer Krankheit im Alter von 76 Jahren in London gestorben.

Der am 14. Februar 1944 geborene Parker wuchs im Stadtteil Islington im Norden von London auf. Die Mutter arbeitete als Schneiderin, der Vater als Anstreicher. Von der Fotografie begeistert, verdingte er sich zunächst als Texter in einer Werbeagentur, wo er das Geschäft mit Worten und Zeichnungen in allen Facetten lernte. Die klare Kundenorientierung harmonierte in der für junge Leute offenen Branche ideal mit seiner Liebe zur Musik. Ab 1969 realisierte er mit einer eigenen Produktionsfirma über 500 Werbespots.

Knowhow aus Werbeclips als Basis

„Ich entstammte einer Generation von Filmemachern, die nur in der kommerziellen Werbebranche anfangen konnten, weil die damalige britische Filmindustrie am Boden lag. Für Leute wie Ridley und Tony Scott, Adrian Lyne, Hugh Hudson oder mich erwiesen sich die Werbeclips als extrem wichtig“, erklärte Parker einmal. Seinem musikalisch-visuellen Knowhow vertraute die BBC in zwei Fernsehspielen, die dann die Chance auf den ersten Kino-Spielfilm eröffneten.


Das könnte Sie auch interessieren:



Der 1976 aufgeführte „Bugsy Malone“ setzte auf zwei bewährte Genres – das Musical und den Gangsterfilm. Die auf Heranwachsende zugeschnittene Geschichte, mit einer blutjungen Jodie Foster als Barsängerin, wird heute eher als mit Patina belegte Zuckerwatte, wenngleich mit köstlichem Slapstick, oder als ironische Kino-Persiflage eingestuft. Produziert wurde das Kinodebüt von Alan Marshall und David Puttnam; mit beiden verband Parker die Ausbildung in der Werbebranche. „Bugsy Malone“ gab seine jahrzehntelange filmische Marschroute vor. Parker orientierte sich nicht am „sozialdemokratischen Ethos“ der Free-Cinema-Bewegung oder am nahezu gleichaltrigen Mike Leigh, sondern zog das am großen Publikum interessierte Filmemachen vor.

Spagat zwischen künstlerischer Freiheit und kommerzieller Tauglichkeit

Die Dominanz des Hollywood-Kinos, das sich während seiner knapp 40-jährigen Karriere vom Produktionsstandort Großbritannien immer stärker zurückzog und erfolgversprechende Talente nach Los Angeles lockte sowie die Ablehnung des aufgesetzten Autorenkinos bestimmten Parkers Selbstverständnis. Der bedeutende Unterstützer der britischen Kinematografie forderte künstlerische Freiheiten für die Kreativen, aber auch eine kommerzielle Tauglichkeit von Kinoproduktionen ein. Ein Spagat, den auch sein schmales Oeuvre immer wieder versuchte.

Fred Zinnemann, den Parker als seinen Mentor bezeichnete, habe ihn gelehrt, dass Filmemachen ein großes Privileg sei, das man nicht vergeuden dürfe. Parkers engagierte Filmgeschichten, egal ob mit historischen oder zeitgenössischen Stoffen, lebten von plausiblen, in der Realität verwurzelten Dialogen und Figuren, die nicht vor Konflikten zurückscheuten. Seine Sympathie galt dabei den Schwachen und den Außenseitern der Gesellschaft, die ihren Weg erst suchen mussten. Für den Schnitt seiner Filme engagierte Parker stets Gerry Hambling, für die Kamera verpflichtete er den Neuseeländer Michael Seresin.

"Angel Heart" (© STUDIOCANAL)
"Angel Heart" (© STUDIOCANAL)

Trotz der Fokussierung auf Kinoerfolge blieben einige Werke hinter seinen (eigenen) Erwartungen zurück. Die Kritik reagierte meist ambivalent auf die Auswahl seiner Stoffe. „Angel Heart“ (1987), eine in den 1950er-Jahren angesiedelten Detektivgeschichte, lotst mit seiner harten, suggestiven Direktheit in die Abgründe der menschlichen Seele, zu Satanismus und Okkultismus. „Mississippi Burning – Die Wurzel des Hasses“ (1988) ist ein packendes Plädoyer für den Kampf um die US-amerikanischen Bürgerrechte und über den grassierenden Rassismus der 1960er-Jahre. Die Sicht des weißen, historisch bedingten „Narrativs“ verteidigte der Regisseur vehement.

Musikfilme wie „Fame“ und „Die Commitments“

Zu seinen bekanntesten und auch erfolgreichsten Produktionen zählen seine Musikfilme. „Fame – Der Weg zum Ruhm“ (1980) ist die authentische Momentaufnahme vom Lebensalltag junger Musik- und Schauspielstudenten an einer Kunsthochschule in den New Yorker Slums. „The Wall“ (1982) begeisterte weltweit als Hommage auf die britische Rockgruppe Pink Floyd. „Die Commitments“ (1991), das unterhaltsam-realistische Porträt einer aufstrebenden irischen Soul-Band aus der Arbeiterschicht, fängt das gesellschaftliche Ambiente musikalisch stimmungsvoll ein. Madonnas Starpower bescherte der Andrews-Lloyd-Webber-Verfilmung „Evita“ (1996) aber nicht nur Lorbeeren. Das „Lexikon des Internationalen Films“ urteilte: ein „perfekt inszenierter gigantischer Videoclip“.

Ein Höhenflug in Parkers Schaffen: "Birdy" (Warner)
Ein Höhenflug in Parkers Schaffen: "Birdy" (© Warner)

Parker schrieb das Drehbuch zu „Evita“ zusammen mit Oliver Stone, der bereits die Vorlage zu „12 Uhr nachts – Midnight Express“ (1977), lieferte. Parkers zweitem Spielfilm, ein bis heute umstrittener Gefängnisfilm, handelt von einem US-amerikanischen Studenten, der mehrere Kilo Haschisch aus der Türkei schmuggeln will, erwischt und zu lebenslanger Gefängnishaft verurteilt wird. Nach fünf qualvollen Jahren gelingt ihm schließlich die Flucht. Der mit zwei „Oscars“ prämierte (Kult-)Film wurde trotz der großartigen Leistung seines Hauptdarstellers wegen seiner kompromisslosen Brutalität und seiner angeblich klischeehaften, antitürkischen Gesinnung kritisiert.

Sir Alan Parker

Parker gelangen aber auch eine Reihe zeitloser Dramen, etwa das interkulturelle Epos „Komm und sieh das Paradies“ (1990), das eine Liebesgeschichte zwischen einem Filmvorführer und einer jungen Japanerin im Zweiten Weltkrieg entfaltet. Oder das sensible, 1984 entstandene Psychodrama „Birdy“, das einen Außenseiter porträtiert, der über seinen Einsatz im Vietnamkrieg nicht hinwegkommt und von Familie und Militärbehörden im Stich gelassenen wird. In der verschrobenen Satire „Willkommen in Wellville“ (1994), einer Adaption des gleichnamigen Romans von T. C. Boyle, karikiert Parker den aus der Vorjahrhundertwende stammenden Gesundheits- und Wellness-Hype, der Körperkult-Fanatikern als aktueller Religionsersatz dient. An der Kinokasse, aber auch bei der Kritik floppt der Film allerdings.

Parkers insgesamt 14 Kinofilme wurden mit zahlreichen Preisen, darunter sechs „Oscars“, ausgezeichnet. Seine Verdienste für die britische Filmindustrie spiegeln sich auch in den zahlreichen Ehrungen: 1998 fungierte er als Aufsichtsratsmitglied im British Film Institute (BFI), 1999 im Aufsichtsrat des U.K. Film Council. 2002 adelte ihn die Queen zum „Sir“ Alan Parker. 2013 wählte man ihn zum Präsidenten des 1980 gegründeten europäischen Verbands der Film- und Fernsehregisseure (FERA).

Parkers letzter Film: "Das Leben des David Gale" (Universal)
Parkers letzter Film: "Das Leben des David Gale" (© Universal)

In seinem letzten Spielfilm, „Das Leben des David Gale“ (2003), einer Reflexion über die Todesstrafe in den USA, interviewt eine ehrgeizige Journalistin einen wegen Vergewaltigung und Mord zum Tode verurteilten Literatur-Professor (gespielt von Kevin Spacey). Spätere Projekte scheiterten, weil Parker die nervenaufreibenden Finanzierungsprobleme und die Abhängigkeit von allmächtigen Studiobossen nicht mehr akzeptierte, die ihre Anmerkungen zu seinen Drehbüchern durchsetzen wollten und dadurch die Atmosphäre der Originalgeschichte verwässerten. Für ambitionierte Stoffe mit europäischer Individualität erhielt er in Hollywood kaum noch Rückendeckung. Die fortschreitende Digitalisierung des Herstellungsprozesses hebelte seiner Ansicht nach überdies die künstlerische Autonomie des Regisseurs aus und fördert eine neue Abhängigkeit.

Der vielseitige Parker startete eine Rückkehr zu seinen Anfängen in der Werbebranche und machte eine Art zweite Karriere. Seine neue Leidenschaft und Kreativität galt dem Zeichnen und der Malerei. Seine künstlerische Richtung definierte er als „armer (Robert) Rauschenberg, Edward Ruscha und Barbara Kruger, mit einem Schuss (Kurt) Schwitters“. 2018 vermachte Alan Parker seine umfangreichen Arbeitsmaterialien dem National Archive des British Film Institut (BFI).

Kommentar verfassen

Kommentieren