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Filmklassiker: Die seltsame Liebe der Martha Ivers

Donnerstag, 08.10.2020

In dem Film noir „Die seltsame Liebe der Martha Ivers“ von Lewis Milestone führt Barbara Stanwyck den Typus der Femme Fatale zur Vollendung.

Diskussion

In dem Film noir „Die seltsame Liebe der Martha Ivers“ von Lewis Milestone steht eine von Barbara Stanwyck gespielte Femme Fatale im Mittelpunkt, die ein erfolgreiches Unternehmen führt und gleichzeitig ein Verbrechen aus ihrer Kindheit verschleiert. Die Beziehung zu den Männern zeigt, wie Liebe und Abhängigkeit miteinander verschränkt sein können. Die düsteren Innenräume und extravaganten Kostüme kreieren eine Atmosphäre von Reichtum und Ausweglosigkeit. Der Filmklassiker ist auf Amazon Prime in deutscher Sprache abrufbar.


Martha Ivers heißt eigentlich Martha Smith. Sie will kein Aschenputtel sein. Anstatt der Stiefmutter, in diesem Fall der Tante, klein beizugeben und auf einen Prinzen zu warten, nimmt das junge Mädchen die Sache selbst in die Hand. In einer verregneten, blitzenden und donnernden Nacht, als Martha nach einem Ausreißversuch mit dem mittellosen Sam Masterson von der Polizei in die düstere Villa zurückgebracht wird, erschlägt das Mädchen die Tante mit einer Rute. Ein fremder Mann soll es gewesen sein. Das bezeugten auch der junge Walter O’Neil und sein Vater, der es auf Marthas Erbe, das Unternehmen der Tante, abgesehen hat.

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18 Filmjahre später mimt Barbara Stanwyck die erwachsene Martha Ivers. Sie hat die Firma vergrößert und den Gewinn vervielfacht. In den Kleidern der Kostümbildnerin Edith Head, die die schmalen Hüften und die breiten Schultern betonen, und mit dem glänzenden Schmuck auf den samtigen und pelzigen Stoffen beherrscht Stanwyck jede Szene. Sie zwinkert nicht einmal. Sie fixiert ihr Gegenüber. Nichts entgeht ihren Augen. Zwei Jahre zuvor hat die Schauspielerin schon in Billy Wilders „Frau ohne Gewissen“ (1944) eine Femme Fatale verkörpert. Hier perfektioniert sie den Archetyp.

Van Heflin und Kirk Douglas als Rivalen (© imago images/Everett Collection)
Van Heflin und Kirk Douglas als Rivalen (© imago images/Everett Collection)

Walter O’Neil wird von dem noch jugendlichen Kirk Douglas in seiner ersten Filmrolle gespielt. Mit seinen Grübchen lächelt er auch in den Momenten, in denen er sich aus Verzweiflung mit Alkohol zuschüttet. Seine Rolle ist nicht die des naiven Manns, der auf die Schönheit der Femme Fatale reinfällt. Er ist bereits reingefallen und weiß nicht zu entkommen.

Böse Frauen haben Erfolg

Die Beziehung von Walter und Martha ist eine reine Zweckbeziehung. Er verheimlicht ihr Verbrechen. Sie ermöglicht ihm dafür, ein Anwalt und Lokalpolitiker zu werden. Die Kleinstadt trägt sogar den Namen der bösen Stieftante: Iversville. Beruflich erfolgreichen Frauen misstraut man(n) in den 1940er-Jahren in Hollywood besonders; ein Jahr nach dem Ende des Weltkriegs sind die Männer in die Arbeitswelt zurückgekehrt.

In dem Film noir „Die seltsame Liebe der Martha Ivers“ von Lewis Milestone ist aber die Femme Fatale nicht die alleinige Troublemakerin. Die Sache wird komplizierter. Der frühere Schwarm Sam (Van Heflin) kehrt zurück, trifft auf die kleinkriminelle Frau Toni (Lizabeth Scott), die er mithilfe von Martha und Walter aus dem Gefängnis holen will. Das aktiviert vergangene Spannungen, denn Martha hat immer noch Gefühle für Sam. Seine Bitte klingt wie Erpressung, und niemand in der Viererkonstellation ist bereit nachzugeben.

„Your whole life has been a dream.

Der Film implodiert fast vor zwischenmenschlichen Spannungen und seiner düsteren Atmosphäre. Entweder regnet es nachts oder es dampft tagsüber aus den Schornsteinen von Ivers’ Fabriken. In mahagonivertäfelten und mit Möbeln zugestellten Innenräumen duellieren sich die Figuren mit kurzen, prägnanten Sätzen, die typisch für die „hard-boiled“-Krimis dieser Zeit sind: „I dreamt of you, Sam.“ – „Your whole life has been a dream.“

Was diesen Film noir so düster macht, ist die Einsicht, wie sehr jeder oder jede Liebende vom anderen abhängig ist. Walter liebt Martha und braucht sie für seinen Beruf. Martha liebt Sam, braucht aber Walter, um nicht verraten zu werden. Sam liebt Toni, braucht aber Martha, um finanziell seiner Spielerexistenz zu entkommen. Toni wiederum liebt zwar auch Sam, braucht aber Marthas Hilfe, um straffrei davonzukommen.

Gefangen in Iversville: Toni (Lizabeth Scott) und Sam (Van Heflin). (© imago images/Everett Collection)
Gefangen in Iversville: Toni (Lizabeth Scott) und Sam (Van Heflin). (© imago images/Everett Collection)

An „Die seltsame Liebe der Martha Ivers“ lässt sich exemplarisch ablesen, wie schwierig es ist, den Film noir ausschließlich als Genre zu definieren. In diesem Fall ist er Thriller und Melodrama zugleich. Die pessimistische Einsicht, niemanden gleichzeitig lieben und haben zu können, ist der Ursprung seiner durchgängigen Dunkelheit, die sich nie lichtet. Seelisch steht der Film damit näher an den Filmen von Rainer Werner Fassbinder als an den Melodramen von Douglas Sirk.

Niemand kann mit niemanden zusammen sein

Am Ende kann sich einer der beiden Männer von der Femme Fatale emanzipieren, der andere nicht. Und Martha zementiert ihren eigenen Mythos. Wenn hier schon niemand mit niemanden zusammen sein kann, dann möchte sie wenigstens sie selbst sein. Im Angesicht des Todes nimmt sie ihren ursprünglichen Nachnamen an: Martha Smith.


Filmografische Hinweise:

Die seltsame Liebe der Martha Ivers. Schwarz-weiß. USA 1946. Regie: Lewis Milestone. Mit Barbara Stanwyck, Van Heflin, Lizabeth Scott, Kirk Douglas. 117 Min. FSK: ab 16. Anbieter: Amazon Prime

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