© imago images / Future Image (Bill Murray bei der Verleihung des Lifetime Achievement Award auf dem 14. Internationalen Filmfestival von Rom)

Der Zen-Komödiant

Montag, 12.10.2020

Der Schauspieler Bill Murray hat die Tiefenentspannung zur Kunst erhoben

Diskussion

Bill „Groundhog Day Ghost Bustin’ Ass“ Murray ist längst nicht mehr nur ein Schauspieler, sondern ein Kultfilm in Person und ein skurriles, komisch-melancholisches Gesamtkunstwerk. Derzeit ist der Star, der im September 2020 seinen 70. Geburtstag feierte, in „On the Rocks“ im Kino und ab 23.10. auf AppleTv+ zu sehen, seiner zweiten Zusammenarbeit mit Regisseurin Sofia Coppola nach "Lost in Translation". Eine Hommage.


In jeder Verwandtschaft gibt es diesen einen Onkel oder Vetter, auf den sich alle freuen, wenn eine Familienfeier ansteht. Weil er immer lustige Geschichten erzählt, sich nicht um die eingeschliffenen Gepflogenheiten schert und es irgendwie geschafft hat, Kind zu bleiben, ohne peinlich zu werden. Die Anekdoten, die er immer und immer wieder zum Besten gibt, sind über die Jahre zu Familienmythen geworden – niemand weiß mehr so recht, ob sie wirklich so passiert oder nur über Jahre hinweg gesponnenes Seemannsgarn sind. Eine solche Figur ist auch der amerikanische Schauspieler Bill Murray, der es sich zwischen Geister- und Murmeltierjägerei angeblich auch zum Hobby gemacht hat, auf privaten Karaoke-Sessions, Junggesellenabschieden und Studentenpartys Wildfremder aufzutauchen, mitzufeiern und wieder zu verschwinden. Seinen Status als Superstar sieht er scheinbar recht entspannt; Interviewtermine verpasst er schon mal wegen einer Runde Golf, und in den Premieren seiner eigenen Filme schläft er bisweilen ein – zugegeben, Kinoschlaf ist einer der schönsten Zustände und ja auch ein Vertrauensbeweis.

Kult: Bill Murray mit seibnen "ghostbusters"-Kollegen (© imago images/Cinema Publishers Collection)
Kult: Bill Murray mit seinen "Ghostbusters"-Kollegen (©imago images/Cinema Publishers Collection)

Der Vorzeige-Slacker

Seine Tiefenentspannung füllt mittlerweile ganze Bücher und Ratgeber mit Vergleichen zu Taoismus und Zen. Bill Murray, so scheint es zumindest, ist für nun schon zwei Generationen Kinogänger so etwas wie der Lieblingsonkel und spirituelle Vorzeige-Slacker – nur wenige reale Menschen kommen so nah an die relaxte Figur des Dude aus „The Big Lebowski“ (1998) von den Coen-Brüdern.

In jedem Fall hellen sich die Gesichter auf, wenn Bill Murray auf der Leinwand erscheint oder jemand seinen Namen nennt, denn nahezu jeder und jede verbindet eine Kindheitserinnerung, einen magischen Kino- oder Fernsehmoment mit einem seiner Filme – sei es der sein Protonenpack schwingende Geisterjäger Peter Venkman in „Ghostbusters“ (1984), der zur Dauerschleife von „I Got You, Babe“ aufwachende Phil Connors in „Und täglich grüßt das Murmeltier“ (1993) oder der wehmütig durch Tokio schlurfende und im Ohrensessel japanischen Whisky schlürfende Schauspieler Bob Harris in „Lost in Translation – Zwischen den Welten“ (2003). „For relaxing times, make it Suntory Time“ säuselt er da mit samtiger Stimme in die Werbekamera, und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass da mehr als nur eine Prise Bill Murray in Bob Harris steckt.

Vom „New Guy“ bei „Saturday Night Live“ zum Kinostar

Tatsächlich erinnert dieser fiktive Werbespot an einen seiner ersten Fernsehauftritte: In einem Monolog der Comedyshow „Saturday Night Live“ sitzt Murray 1977 in einem ähnlichen Ohrensessel, die Haare brav zur Seite gekämmt. Er ist der „new guy“, der Neue, wie er sagt und tatsächlich war er der erste Neuzugang zum Gründungsensemble, das seit 1975 zusammen spielte. Seine Freunde aus Chicago, Harold Ramis, Dan Aykroyd und John Belushi, waren bereits dabei; in der „Windy City“ hatten sie gemeinsam Anfang der 1970er-Jahre bei der Comedytruppe „Second City“ ihre Karrieren begonnen. Nachdem Murray in den ersten Monaten bei SNL lediglich als Statist eingesetzt worden war, wandte er sich im Mai 1977 in einem gleichermaßen bescheidenen und doch frechen Auftritt an das Publikum. Als erster „new guy“ der „Saturday Night Live“-Geschichte entschuldigt er sich in diesem beinahe vierminütigen Monolog dafür, dass er bisher nicht lustig gewesen sei: „It’s not the material, it’s me“, sagt er mit ernster Miene, obwohl natürlich klar ist, dass die Autoren keine eigenen Figuren für ihn vorgesehen hatten.

Die Rolle des reumütigen Klosterschülers zieht er eisern durch, rollt seine gesamte Kindheit mit acht Geschwistern in einem katholischen Haushalt aus und den Wettstreit darum, wer den Vater am Essenstisch als erstes zum Lachen brachte – seine tatsächliche Familiengeschichte. Die wiederholte Beteuerung, dass er privat der witzigste Typ sei und nur noch den Dreh rausfinden müsse, wie er das auch vor der Kamera rüberbringen kann, hatte dann auch Erfolg. Kurz darauf entwickelte das Autorenteam Sketche und wiederkehrende Rollen für ihn – allen voran „Nick, the Lounge Singer“, der mit Schnauzer und Glitzeranzügen den Entertainer gibt. Eine seiner Standardnummern ist eine Fahrstuhlversion der Titelmelodie zu George Lucas’ „Krieg der Sterne“ (1977), der er einen Text hinzudichtete: „Star Wars, Nothing but Star Wars. Don't let them end. Ah, Star Wars! If they should bar wars, please let these Star Wars stay! “

Improviationstalent

Die Gesangsnummern sollten auch in seinen Filmen zu einem Markenzeichen werden – von der „Ballad of The Green Berets“ in der Golfkomödie „Caddyshack – Wahnsinn ohne Handicap“ (1980) über die melancholische Karaoke-Einlage von Roxy Musics „More Than This“ in „Lost in Translation“, „The Bare Necessities“ als Stimme von Balu dem Bären in der Realverfilmung von „The Jungle Book“ (2016), bis hin zu einem inbrünstigen Mitgrölen von Bob Dylans „Shelter From The Storm” zum Walkman in „St. Vincent(2014) und der nach ihm selbst benannten Weihnachtsrevue „A Very Murray Christmas“ (2015).

Murray in "St. Vincent" (©Polyband)
Murray in "St. Vincent" (©Polyband)

Nicht nur sein Gesang blieb, sondern auch die Zusammenarbeit mit seinem Freund, dem Drehbuchautor und Schauspieler Harold Ramis – und die sollte beide nach SNL zu Superstars machen. Mit „Caddyshack“ (1980) hatten sie ihren gemeinsamen Durchbruch und wurden 1984 mit „Ghostbusters“ zu Superstars – Ramis hatte gemeinsam mit Dan Aykroyd das Drehbuch geschrieben und spielte zudem den Geisterjäger Egon Spengler. Murray war als Peter Venkman und Aykroyd als Raymond Stantz besetzt. Der kanadische Regisseur Ivan Reitman war ebenfalls Teil der eingeschworenen Truppe, deren Zusammenarbeit mit „Und täglich grüßt das Murmeltier“ 1993 ihren Höhepunkt hatte. Reitman schwärmt auch heute noch von Murrays Bandbreite und dem aus der Chicagoer Comedytruppe stammenden Improvisationstalent. Er habe von ihm immer einen Take genau nach Drehbuch verlangt und ihn dann improvisieren lassen. Dabei seien oft unerwartete, aber atemberaubende Sequenzen entstanden und viele davon habe er letztendlich auch in den Filmen verwendet. Seine Performance als Peter Venkman basiert zwar auf dem Drehbuch, sei aber nahezu gänzlich improvisiert gewesen, berichtet Reitmans Sohn. Man mag es sich gerne vorstellen, denn Murrays Komik ist keine laute oder oberflächliche, sondern wohldosiert. Auch wenn man nicht so weit gehen kann, ihn mit dem Stoneface eines Buster Keaton zu vergleichen: der Stoizismus seiner Figuren dient einem ähnlichen Zweck.

Die Gleichzeitigkeit von Komik und Melancholie

Murrays Schabernack jedoch steckt vielmehr in kleinen Verschiebungen der Mimik und im Timing – anders als viele Comedians spielt er wenig körperbetont, sondern verkehrt das Auftreten seiner Figuren beinahe ins Gegenteil. Sein Gespür für peinliche Pausen ohne jegliche Regung ist einzigartig. Bisweilen wirkt er daher auch wie ein wandelnder Kuleschow-Effekt, denn gerade solche Pausen sowie seine minimalistische Mimik und Gestik laden eben dazu ein, Gefühlslagen und Emotion in seine Figuren hineinzuprojizieren. Aktion und Reaktion fallen dann zusammen und erzeugen oft gleichzeitig Komik und Melancholie – Bill Murray ist ein Meister darin, die Nuancen und Abstufungen dieser Gefühlskombination zu ergründen. Die Schauspielerin Tilda Swinton, mit der er bereits für „Broken Flowers“ (2006) und „The Dead Don’t Die“ (2019) vor der Kamera stand, beschreibt ihn recht treffend als „müdes Kind, das so heftig lachen musste, dass ihm alles wehtut und dem es zu anstrengend ist, den Witz zu erklären“.

"Broken Flowers" (©Tobis)
"Broken Flowers" (©Tobis)

Diese Herangehensweise ist es auch, die seine scheinbar plötzliche Wandlung von komödiantischen zu dramatischen Rollen Ende der 1990er-Jahre vorbereitet und teilweise sogar schon vorweggenommen hat. Die Resignation und Melancholie seiner späteren Figuren sieht man Phil Connors nach ein paar Murmeltier-Runden in der Provinz bereits an, wenn er seiner Kollegin und Flamme Rita beim Frühstück ungerührt aufzählt, welche Todesarten er bereits hinter sich hat und mutlos feststellt: „Ich bin ein Gott.“

Vom Blockbuster-Star zur Arthouse-Ikone

Mit „Rushmore“ (1998) von Wes Anderson, „Lost in Translation“ von Sofia Coppola und nicht zuletzt „Broken Flowers“ von Jim Jarmusch konnte er auch ein breites Publikum davon überzeugen, dass er dramatische Rollen mehr als auszufüllen vermag. Die Rolle als abgehalfterter Schauspieler Bob Harris in „Lost in Translation“ öffnete für ihn eine Vielzahl von Türen und die Preise, die er für seine Darstellung bekam, machten ihn zu einem der gefragtesten Charakterdarsteller Hollywoods.

Doch statt seinen Status auszunutzen, zog Murray für sich persönlich die Notbremse, um sein Privatleben vom Star-Ruhm nicht überrollen zu lassen. Bei der Verleihung der „Golden Globe Awards“ 2004 eröffnete er seine Dankesrede ähnlich wie seinen „New Guy“-Sketch mit der schlichten Aufzählung von Wahrheiten. Statt einer Vielzahl von Förderern und Mitarbeitern zu danken, stellte er nur fest: „Ich habe vor ein paar Wochen meinen Agenten gefeuert und mein persönlicher Fitnesstrainer hat sich umgebracht.“ – das Publikum tobte.

Der Filmfamilienmensch

Tatsächlich hat Murray seitdem keinen Agenten oder Manager mehr, lediglich einen Anwalt für vertragliche Angelegenheiten. Für Anfragen hat er eine kostenpflichtige Telefonnummer eingerichtet, die er unregelmäßig abhört. Einer der gefragtesten Hollywoodschauspieler ist quasi nicht greifbar, außer man hat bereits mit ihm gearbeitet oder ist mit ihm befreundet. So verwundert es also nicht, dass er in den letzten 15 Jahren viele seiner Projekte mit befreundeten Filmemachern gedreht hat. Je nachdem, wen man fragt, heißt es, Murray könne schwierig sein, er selbst sagt, Wes Anderson, Sofia Coppola und Jim Jarmusch wüssten eben, wie man mit Leuten umgeht, und deshalb arbeite er gerne mit ihnen.

Murray mit Regisseurin Sofia Coppola bei den Dreharbeiten zu ihrem jüngsten gemeinsamen Film, "on the Rocks" (©AppleTV+)
Murray mit Regisseurin Sofia Coppola bei den Dreharbeiten zu ihrem jüngsten gemeinsamen Film, "On the Rocks" (©AppleTV+)

Für Wes Anderson stand er bisher acht Mal vor der Kamera, der neunte Film, „The French Dispatch“ ist für 2021 angekündigt. Mit Jarmusch arbeitete er bisher dreimal zusammen, und die lange erwartete Reunion mit Sofia Coppola, „On the Rocks“ ist nach einem kurzen Kinostart Ende Oktober online verfügbar. Nach seiner jahrelangen Zusammenarbeit mit der Chicagoer Comedyclique hat er in diesen drei Regie-Größen seine neue Filmfamilie gefunden. Jarmusch, selbst eher ein bodenständiger Zeitgenosse, der weiterhin in seiner alten Wohnung in der New Yorker Bowery wohnt und seit jeher die Rechte an den Negativen seiner Filme hat, also auch so unabhängig wie möglich von den Entscheidern mit dem großen Geld sein will, Jarmusch also zeigt uneingeschränktes Verständnis für Murray: „Ich mag an Bill, dass er sich selbst beschützt. Er beschützt seine Lebensrichtlinien – wie sein Job aussieht und wie er sein Leben leben will.“

Leben als öffentlicher Undercover-Einsatz

Dieses Leben könnte man als öffentlichen Undercover-Einsatz bezeichnen. Seine Tiefenentspannung scheint eine authentische Grundhaltung zu sein – eben wie ein Onkel oder Vetter tut er Dinge wie alle anderen auch und geht mit seinem Wiedererkennungswert sympathisch proaktiv um: So hält er angeblich immer wieder wildfremden Menschen auf der Straße oder in Bars von hinten die Augen zu, fragt mit seiner markanten Stimme „Wer bin ich?“, und nachdem er sich zu erkennen gegeben hat, lässt er seine Opfer mit einem „Das glaubt Ihnen niemand!“ so unvermittelt stehen, wie er sie überfallen hat. Diese Geschichten wären nur die urbanen Mythen, nach denen sie klingen, gäbe es nicht vermehrt Videos und Fotos von seinen Donquichotterien; etwa Videos von seinem ausgelassenen Feiern auf einem Junggesellenabschied, in den er zufällig geriet, oder – eine der schönsten, weil selbstlosesten Anekdoten – ein Foto von einer Studentenparty im schottischen St. Andrews, auf der er uneingeladen erschien, tanzte, noch kurz den Abwasch machte und wieder verschwand.

Wie auch immer man diese Auftritte, Erscheinungen oder gar Heimsuchungen nennen will – sie sind mittlerweile legendär und füllen ganze Bücher und einen Dokumentarfilm, und andere Filmemacher inszenieren sie als quasi-religiöse Offenbarungen: In Jim Jarmuschs Episodenfilm Coffee and Cigarettes“ (2003) ist Murray, wie er selbst sagt, in einem Diner undercover als Kellner tätig, was den Rapper GZA nicht davon abhält, ihn als „Bill ‚Groundhog Day Ghost Bustin’ Ass’ Murray!“ zu begrüßen. Und in „Zombieland“ (2009), in dem er sich selbst spielt, scheint er die einzige Figur zu sein, die nicht auf der Flucht vor den Untoten ist, sondern lieber gemütlich in Zombie-Verkleidung Golf spielt und die Apokalypse auszusitzen versucht.

Auch wenn dieser gänzlich un-hollywoodeske Zausel in Hawaiihemd und Fischerhütchen vielleicht auch nur eine Rolle ist, die Rolle seines Lebens sozusagen, seine Wirkung ist ungebrochen; erst Ende September feierte Murray seinen 70. Geburtstag – mit einem riesigen Tortenhut auf dem Kopf lief er vor dem Rockefeller-Center in New York Schlittschuh. Der Vergleich mit Taoismus und Zen mag etwas esoterisch klingen, doch wirkt es tatsächlich meditativ, in den Anekdoten und Geschichten seiner mysteriösen Erscheinungen zu schwelgen, eben wie zu Weihnachten, wenn der Lieblingsonkel seine ollen Kamellen auspackt. Man wünscht sich dann, jenseits des dauerklingelnden Telefons, des dauerdingeldongelnden Maileingangs wie Murray in einem Interview zu „The Dead Don’t Die“ auch einfach sagen zu können „Sorry, dass ich mich nicht gemeldet habe, ich war damit beschäftigt, mein Leben zu leben.“

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