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Im Affekt #21: Ein Neustart

Montag, 02.11.2020

Zur Mitte seines Siegfried-Kracauer-Stipendiums zieht Till Kadritzke eine Art Zwischenbilanz und skizziert das weitere Programm.

Diskussion

Nach 20 Beiträgen zu seinem Blog „Im Affekt“ zieht Siegfried-Kracauer-Stipendiat Till Kadritzke eine Zwischenbilanz und strebt zugleich eine Neuausrichtung für die folgenden Beiträge an. Zum Auftakt entwirft er eine Art Programm für die zukünftigen Erwartungen an die Texte, die vor allem Gedanken anreißen und systematisieren sollen.


Die unpersönliche Welt des Affekts hat mich in diesem Blog bislang immer wieder beschäftigt – und wird das weiterhin tun. Allerdings in etwas veränderter Form. Ich werde im Folgenden ein paar Grundgedanken der bislang veröffentlichten Beiträge noch einmal zusammenfassen, um damit das Programm für den zweiten Teil von „Im Affekt“ zu umreißen. Die Form des Blogs wird dabei einer Neujustierung unterzogen. Er soll von nun an weniger eine Sammlung von Texten werden denn eine Sammlung von Gedanken, die ein Ethos schärfen.

Dieses Ethos habe ich vorwiegend in den beiden letzten Essays „(Not)Looking for Freedom“ und „Die Filter der Wahrnehmung“ in der Reihe „Politische Cinephilie“ umrissen. Beide Essays drehten sich letztlich um den Gedanken, dass das Politisch-Filmische dort zum Ausdruck kommt, wo die Kategorie des Individuums, oder, psychologisch gesprochen, die Idee des Selbst, keine Rolle mehr spielt. In „(Not)Looking for Freedom“ ging es mir dabei vor allem um eine Ebene über der Kategorie des Individuums, in dem Sinne, dass es hier um ein Kino ging, das nicht das Einzelne in den Blick nimmt, sondern die Umstände oder die Verhältnisse. In der das Selbst nicht der Lebenswelt trotzt, in der es existiert, oder sich heroisch aus ihr befreit, sondern mit ihr verwoben ist. In der es nicht auf der einen Seite soziale Zwänge und auf der anderen Seite das rebellische Selbst gibt, sondern sich beides durchdringt. In Die Filter der Wahrnehmungging es dagegen eher um eine Ebene unterhalb des Individuums, um jenes diffuse Reich der Affekte und Wahrnehmungsfilter, das Menschen miteinander teilen, ein Reich, das sie nicht besitzen oder ausdrücken wie Gefühle, sondern bewohnen.


Zugriffe auf das Reich jenseits des Selbst

Begriffe wie das Unpersönliche (im Gegensatz zur psychologischen Konzeption einer Figur), die gewöhnlichen Affekte (im Gegensatz zu bestimmbaren Emotionen) oder auch des Dividuellen (im Gegensatz zum Einzigartigen, das einer konkreten Person zuzuordnen ist), die ich allesamt aktuellen literarischen und kulturwissenschaftlichen Diskursen entnehme, sind dabei Konzepte, die dieses Reich jenseits des Selbst zu greifen versuchen. In diesem Blog habe ich mich außerdem mit filmischen Versuchen auseinandergesetzt, dieses Reich zu adressieren: die gewöhnlichen Affekte der Animationsfilme von Don Hertzfeldt, die Strukturporträts von Frederick Wiseman, die teilbaren Figuren und das Absehen vom Eigenen bei Mia Hansen-Løve, oder das radikal anti-emotionale Werk von Christopher Nolan.

Im zweiten Teil des Blogs „Im Affekt“ sollen diese Gedanken angereichert werden, allerdings in kürzeren Beiträgen, in Fragmenten, in Erinnerungen an Filme, Erfahrungen in der Welt oder Fundstücke aller Art. Die verbleibenden drei Essays werden sich dagegen wieder systematischer und nüchterner dem Problem zuwenden, das mich weiterhin umtreibt: neuere Formulierungen des Politischen und ihr schwieriges Verhältnis zum Kino – weil das Wirken des Kinos umso kraftvoller ist, je stärker es bei sich und seinen Affekten bleibt, und es doch durch und durch aus Welt gemacht – und damit politisch – ist.


Alle Beiträge des Blogs Im Affekt von Till Kadritzke sowie viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

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