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Im Affekt #26: An der Theke (Barfly I)

Dienstag, 17.11.2020

Der erste von zwei Beiträgen zum Film „Barfly“ würdigt, wie der Film sich auf die Logik des Trinkens einlässt.

Diskussion

In Barbet Schroeders Film Barflylernt der Kneipenprügler Mickey Rourke die Trinkerin Faye Dunaway kennen. In zwei Beiträgen seines „Affekt“-Blogs würdigt Till Kadritzke den Film als Gegengift zum Themenkino, im ersten Teil mit einem speziellen Augenmerk auf einen Unfall beim Shot-Trinken und einen ganz besonderen Flaschenzug.


Es ist eine scheinbar nebensächliche Szene, aber sie bringt auf den Punkt, wie dieser Film die bürgerliche Perspektive unterläuft, aus der heraus die Alkis in der Kneipe zu bemitleiden wären. Im Zentrum von Kneipe wie Szene: ein alter Mann, dem die Hand so zittert, dass er seinen Shot nicht genießen kann, weil die Hälfte schon weg ist aus dem Glas, als das Glas dann mal ankommt am Mund. Trinken als Scheitern.

Wäre dieser Film ein Sozialdrama, würde er also die Welt zum Teufel wünschen, würde er also nur mitleidig auf jene blicken, zu denen wir Gott sei Dank nicht gehören, souveräne Subjekte, die wir sind, dann könnte dieses Bild so stehenbleiben. Wir würden es wohl abhaken, betroffen den Kopf senken, seine Bedeutung abnicken.

Die kreative Reaktion

Aber sie geht ja weiter! Der Wirt stellt ein neues Glas hin, schenkt ein, der erste ging aufs Haus, try it again. Und der Trinker wird kreativ. Er bindet seinen rechten Arm, den mit der zittrigen Hand, mit einem Handtuch fest, dessen anderes Ende er sich dann hinten um den Hals führt. So kann er nun mit der linken Hand am Handtuch ziehen, um seine rechte Hand zu bewegen. Wo eine verkorkste Psyche war, ist auf einmal ein Wunder der Physik.

Und wo die von einem anderen Film vielleicht nahegelegte Denkbewegung vom „Menschen mit einer Krankheit“ zum „gesellschaftlichen Problem“ führen würde, verläuft sie in diesem Film vom versehrten Körper zur klugen Maschine. Zu einem Flaschenzug. Weil hier nicht scheitern soll, was nicht scheitern darf: das Trinken. „What do you do?“, stellt Mickey Rourke Faye Dunaway die so beliebte wie gefürchtete Kennenlernfrage, nachdem er sie am anderen Ende der Theke entdeckt hat. „I drink“, antwortet die.

„What do you do?“ - „I drink!“ Faye Dunaway und Mickey Rourke in „Barfly“ (© imago images/Ronald Grant)
„What do you do?“ - „I drink!“ Faye Dunaway und Mickey Rourke in „Barfly“ (© imago images/Ronald Grant)

Autonom dem Film gegenüber

Ein Film als Flaschenzug. Die Trinker-Figuren sind keine Helden, sind aber souverän, autonom dem Film gegenüber. Sie sind keine kaputten Existenzen, sondern erstmal Existenzen, in einem Film, in dem es ums Existieren geht, darum, einen Namen zu haben (oder eben nicht), einen Job zu haben (oder eben nicht), und was dann noch existieren heißt, und wer das wie versteht und warum.

„Barfly“ eignet sich also nicht für einen Themenabend zum Alkoholismus, denn seine Logik ist ganz und gar die des Trinkens. Und das Kino kann der Welt nur dann etwas geben, was sie ohne es nicht hätte, wenn es kein Thema aufbereitet, sondern wenn es eine Perspektive einnimmt. Die des Trinkens, zum Beispiel. So scheitert dann auch, wenn überhaupt, dieser Film, niemals aber das Trinken, dem er sich verschreibt. Das muss man erstmal schlucken. To be continued.


"Barfly" ist als DVD/BD beim Label Koch Media erschienen.


Alle Beiträge des Blogs Im Affekt von Till Kadritzke sowie viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

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