© rbb/zero one film/Julia Terjung

Auf zwei Dimensionen zusammengefaltet

Donnerstag, 19.11.2020

Ein Porträt der Szenenbildnerin Silke Fischer

Diskussion

Die Szenenbildnerin Silke Fischer hat an der Bildsprache von vielen deutschen Filmen wie „Toni Erdmann“ und „Vor der Morgenröte“ und zuletzt der Netflix-Miniserie „Unorthodox“ mitgewirkt. Die Kunst ihres Metiers besteht darin, zwischen Skript, Regie und Kamera eine Räumlichkeit zu (er-)finden, die sich in die Flächigkeit der Leinwand oder des Bildschirms übersetzt lässt. Silke Fischer zeigt so, wie Menschen und Welten in Widersprüchen leben.


Alles befindet sich im Umbau. Eine Familie zieht von Berlin nach Kassel in ein vorstädtisches Einfamilienhaus. Kartons und Kisten stehen herum. Die Wände sind teilweise von der Tapete befreit, teilweise mit Farbe bestrichen. Die Fenster sind mit Planen abgeklebt. Im Gang versucht der Vater die Fliesen zu einem Muster zu legen. Er scheitert. Die kleinen Quadrate wollen nicht zusammenpassen.

Was hier bildlich nicht zusammenpasst, gelingt auch auf der Beziehungsebene des Films „Montag kommen die Fenster“ von Ulrich Köhler nicht. Stattdessen haut die Mutter einfach ab, geht erst zu ihrem Bruder, dann in ein abgelegenes Hotel im Wald. Sie mäandert durch die Gänge, Gästezimmer, Speise- und Tennishallen des Betongebäudes, das innen mit seinen Blumenvorhängen und Holzmöbeln den angestaubten Charme des letzten Jahrhunderts verströmt. Am Ende kehrt die Mutter zum Einfamilienhaus zurück.


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Mittlerin zwischen den Dimensionen

Der Kontrast zwischen Haus und Hotel ist offensichtlich, aber gleichzeitig subtil. Hier das Spießbürgertum, dort das Erholungsversprechen. Der Szenenbildnerin Silke Fischer gelingt es, die Räume in ihrer filmischen Realität zu verankern – in diesem Fall wurde on Location, also vor Ort, gedreht, in Gebäuden, in denen Fischer dezente Veränderungen vorgenommen hat.

Die Fliesenmuster bestimmen das Szenenbild in „Montag kommen die Fenster“ (© Piffl Medien)
Die Fliesenmuster bestimmen das Szenenbild in „Montag kommen die Fenster“ (© Piffl Medien)

Das Team um Regisseur Ulrich Köhler konnte auf ein leerstehendes Wohnhaus zugreifen, Wände und Türen einfügen oder rausreißen. Das Hotel wiederum haben Fischer und Köhler auf einer Location-Tour im Harz entdeckt. Fehlende Räume wie die Tennishalle und die Flure wurden mit einem „smooth cut“ verbunden. Silke Fischer sieht sich als Mittlerin, die „die vorgefundene dreidimensionale Welt so begreift und für den Film vorschlägt, dass sie auf zwei Dimensionen zusammengefaltet werden kann“.


Wilde Vorgärten und luftige Lofts

Das funktioniert auch in dem vielfach ausgezeichneten „Toni Erdmann“ – nach „Alle Anderen“ bereits ihre zweite Zusammenarbeit mit Maren Ade. Der Anfang und das Ende spielen in Aachen, in der Heimat von Winfried (Peter Simonischek), einem der zentralen Protagonisten. Das Haus des pensionierten Musiklehrers ist voll mit Schachteln, Erinnerungsstücken und einem Victor-Vasarely-Plakat. Der Vorgarten ist zugewuchert, ungezügelt, frei – ein wenig wie die Träume eines Alt-68ers –, während die neue Generation, Tochter Ines (Sandra Hüller), eine Unternehmensberaterin, woanders Karriere macht.

Im Hauptteil besucht Winfried alias Toni Erdmann (Stichworte Gebiss und Perücke) Ines spontan in Bukarest. Auch in Rumänien wurde zum größten Teil on Location gedreht, was dem Film eine starke Authentizität verleiht. Ein Dutzend Hotels und über 50 Apartments haben Silke Fischer und ihr Team begutachtet und sich dann für eine Penthouse-Wohnung einer Gated Community mit großen Fenstern und Terrasse entschieden, die ganz im Gegensatz zu Winfrieds Reihenhauswohnung wirkt: hell, modern, luftig. Die Pflanzen in den Töpfen sind um einiges gezähmter als die im wilden Aachner Garten.


Ein Auge für Details

Das Set-Design von „Toni Erdmann“ besteht wieder aus Gegensätzen: Alt versus neu. Sozialliberal versus Neoliberal. Kreativität versus Ökonomie. Das Kino liebt optische Kontraste, weil sich allein durch das Ansehen von Gegenständen, Räumen und Gebäuden Konflikte ergeben, die die Figuren später austragen. Der breitschultrigere und ältere Winfried wirkt in dem Designerloft immer ein bisschen unbedarft. Dafür hat er ein Auge fürs Detail: er entdeckt eine verwelkte Blume und fotografiert sie. Ines’ Blicke richten sich dagegen hauptsächlich auf die Bildschirme von Laptop und Smartphone.

Arbeit mit Gegensätzen in „Toni Erdmann“ (© NFP)
Arbeit mit Gegensätzen in „Toni Erdmann“ (© NFP)

Silke Fischer studierte zunächst Kunstpädagogik und Theologie und später visuelle Kommunikation an der Hochschule für Bildende Kunst Hamburg; seit den späten 1990er-Jahren ist sie als Production-Designerin tätig (anfangs zusammen mit Kollegin Stephanie Wirth und mit Volko Kamensky). Sie denkt Requisiten bei ihren Sets immer mit: „Wir waren ein gleichberechtigtes Team aus zwei Szenenbildner*innen. Darüber hinaus haben wir zu Beginn bei den Low-Budget-Produktionen, an denen wir beteiligt waren, alle anderen Jobs im Art Department meistens mitgemacht und fanden diesen All-Round-Zugriff richtig und wichtig. Sobald wir begannen, mit Bauteams, Requisiteuren, Set-Dekorateuren und Dressern arbeiten zu können, habe wir gemerkt, wieviel Wissen und Mehrwert durch die Spezialisierung entsteht.“


Recherche, Recherche, Recherche!

Details beleben Orte wie die Interieurs der chassidischen Gemeinde im New Yorker Stadtteil Williamsburg in der Miniserie Unorthodox“ von Maria Schrader. Die Holzmöbel, der Kronleuchter, die Polstermöbel, das Geschirr… Alles wirkt für Außenstehende sehr authentisch. Silke Fischers Motto lautet: „Image based research“: Sie sucht in Fotobüchern und in Privatfotosammlungen auf Flohmärkten, in Spiel- und Dokumentarfilmen, in der Malerei, in der Mode und in der Architektur.

Man könnte ihre Arbeit auch als Archäologin beschreiben, die sich ins kollektive, visuelle Unterbewusstsein gräbt, wo Bilder bereits zirkulieren: „Bei „Unorthodox“ habe ich durch den Kontakt unseres Consultants Eli Roosen Zugang zu zwei Privathaushalten in der ultraorthodoxen Satmar-Gemeinde in Williamsburg. Diese Besuche waren sehr inspirierend, da es insgesamt wenig veröffentlichtes Bildmaterial aus dem Alltagsleben der Community gibt.“

Fremde Welt: Beim Dreh von „Unorthodox“ (© imago images / Prod. DB)
Fremde Welt: Beim Dreh von „Unorthodox“ (© imago images / Prod. DB)

Die Recherche kann in fremde Kulturkreise führen oder auch in vergangene Epochen. In dem eindringlichen Film Lore von Cate Shortland hat Silke Fischer die unmittelbare Nachkriegszeit wiederauferstehen lassen. Der Zweite Weltkrieg ist verloren, die Nazi-Eltern lassen Lore mit ihren Geschwistern allein. Zusammen machen sie sich auf den Weg zur Großmutter. Die impressionistische Kamera streift mit den Kindern durch Wälder und Wiesen, zu Hütten und Häusern, die alle ge- und verbraucht aussehen: modriges Holz, abgenutzte Tapeten, staubige Spinnenweben, löchrige Wände. Die Diskrepanz zwischen der Wunschvorstellung der Nazis vom Landleben und von der Wirklichkeit ist hier szenenbildnerisch der größte Kontrast.


Mit Erinnerungsstücken aus Europa im Gepäck

Für das Stefan-Zweig-Biopic „Vor der Morgenröte“ ist Silke Fischer in einen ähnlichen Zeitraum „gereist“ – in die 1930er- und 1940er-Jahre. Die örtlichen Kontraste ergeben sich aus der Vier-Kapitel-Struktur plus Pro- und Epilog. Es sind Stationen des Exilanten Stefan Zweig in Süd- und Nordamerika: Buenos Aires, Bahia, New York und Petrópolis. Klimatisch unterscheiden sich diese Orte deutlich, und die Bildsprache sorgt dafür, dass sie es auch optisch tun – von tropisch-heiß (grün-warm) bis winterlich-frostig (blau-kalt).

Erstaunlich sind in diesem Fall eher die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede. Überall finden sich kulturelle Reste von Europa, von einem Kontinent, der zeitgleich in Schutt und Asche gelegt wird. Zu Beginn fällt der weiße klassizistische Stuck und das überdimensionale Blumenbouquet in der brasilianischen Botschaft auf, in Buenos Aires die Marmorpfeiler und Wandteppiche, in New York stammt die Küche zwar aus den 1940ern, doch die bunten Türfenster, die Samtsofas, die modernen Gemälde und der jüdische Kerzenständer evozieren eine großbürgerliche Eleganz, die am Ursprungsort gerade vernichtet wird.

In Brasilien auf den Plantagen und Dörfern sind die Erinnerungsstücke am spärlichsten gestreut. Die farbigen Holzvillen und die weißen Ziegelbauten erinnern an die Kolonialzeit der Portugiesen. Dafür hat das Filmteam die Insel Sao Tomé als Brasilienersatz ausgesucht. Die dortigen Kolonialbauten mussten nur wenig verändert werden. Lediglich der Transport von Möbeln und Requisiten aus den 1940er-Jahren erwies sich als Herausforderung. Die kleinen Sachen wurden im Gepäck der Teammitglieder mitgebracht. Nur der Oldtimer kam per Containerschiff nach Sao Tomé. Hier dominieren Urwälder und Plantagen.

Der Prunk in der brasilianischen Botschaft bestimmt den Auftakt von „Vor der Morgenröte“ (© NFP)
Der Prunk in der brasilianischen Botschaft bestimmt den Auftakt von „Vor der Morgenröte“ (© NFP)

Drehen im Zeitalter des Klimawandels

Um Natur geht es auch in Silke Fischers aktuellem Projekt, dem ARD-Film „Ökozid“ – in dem die Natur bezeichnenderweise aber nicht sichtbar ist. Der Film spielt in der nahen Zukunft, knüpft aber inhaltlich an den aktuellen Forschungsstand zum Klimawandel an. Vor dem Internationalen Gerichtshof (wegen Hochwasser von Den Haag nach Berlin verlegt) wird die Bundesrepublik Deutschland von einer Koalition aus 31 Staaten des globalen Südens angeklagt, die europäischen Klimaschutzvorgaben abgeschwächt und blockiert zu haben. „Ökozid“ ist ein reiner Gerichtsfilm. Das heißt, er spielt größtenteils im Gerichtssaal. Angesichts der verhandelten Thematik ist es sehr konsequent, dass auf keinem der Sets Grünflächen zu sehen sind. Die Natur taucht hier ausschließlich in Nachrichtenbildern von Klimakatastrophen auf oder in Form der extrem gleißenden Sonne vor dem Gerichtsgebäude, die die Figuren mit Helligkeit und Hitze erdrückt. Draußen zu leben ist kein Spaß mehr.

Drinnen zu leben wiederum bedeutet mit Technik zu leben. Die sterilen Stehtische sind mit Bildschirmen ausgestattet. Der Social-Media-Schreibtisch hat eine Tastatur in die Tischplatte integriert. Und die wandhohen Fenster der Hochhäuser sind mit Jalousien und Vorhängen aus Alufolien verhängt. Die nicht mehr so weit entfernte Science-Fiction-Angst vor Hitzewellen hat Silke Fischer ins Räumliche übersetzt.


Filmsets – eine widersprüchliche Utopie

Der Innenraum des Gerichts, wo der Großteil der Handlung stattfindet, erzählt noch eine andere Geschichte. Es ist ein geschlossener Kuppelbau innerhalb des Gerichtsgebäudes, der sich wie das „Eden Project“, der berühmte botanische Garten in Cornwall, aus Gitterformen zusammensetzt und damit ideale Bedingungen für Stabilität (Erdbeben!) und Luftzirkulation (Corona!) bietet.

Der Klimawandel-Prozess im Kuppelbau: „Ökozid“ (© rbb/zero one film/Julia Terjung)
Der Klimawandel-Prozess im Kuppelbau: „Ökozid“ (© rbb/zero one film/Julia Terjung)

Dass ein Virus die Dreharbeiten im Sommer 2020 begleitet oder eher beschwert hat, verschleiert Fischer nicht. Kläger*innen, Verteidiger*innen und Richter*innen sitzen getrennt durch Plexiglasscheiben voneinander an Holzpulten. Diese in Abständen voneinander angeordneten Pulte bilden einen großen, offenen Kreis, der durch einen durchgängig verlaufenden Lichtbalken verbunden wird. Diese Kreisform mit den unterschiedlichen Länderparteien wirkt fast parlamentarisch, demokratisch und fair – auch ein wenig utopisch. Denn die pauschale Schuldzuweisung beim Klimawandel stellt sich als schwierig und komplex heraus.

Auch ökologisches oder „grünes“ Drehen, das in den letzten Jahren immer häufiger diskutiert wird, versuchten Silke Fischer und das Art Department umzusetzen, indem sie Requisiten und Bauelemente wiederverwendet oder nach dem Dreh ans Team, an Motivgeber oder an Außenstehende weitergegeben haben. Dass es sich bei den Aluminium-Vorhängen in „Ökozid“ nicht gerade um das aktuell nachhaltigste Material handelt, ist laut Fischer anderen Gründen geschuldet: „Am Ende zählen Optik und Kosten.“

Das passt ganz gut zum räumlichen Verständnis der Set-Designerin: „Welt und Charakter stehen meistens im Widerspruch zueinander. Mich interessieren Filmbilder, die diese Widersprüche aushalten.“ Nicht alles in dem Gerichtsgebäude ist ökologisch hundert Prozent sinnvoll. Aber immerhin sitzen ein paar mächtige Menschen unter einer Kuppel gemeinsam am Tisch und verhandeln über eine Zukunft, die sich mehr nach Gegenwart anfühlt.

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