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Filmklassiker: „Chicago – Weltstadt in Flegeljahren“ (1931)

Montag, 23.11.2020

Ein nüchterner Blick auf Chicago: Heinrich Hausers „Weltstadt in Flegeljahren“ von 1931 ist jetzt mit einer neuen Filmmusik auf DVD und Blu-Ray erschienen.

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1931 veröffentlichte der Schriftsteller und Weltenbummler Heinrich Hauser ein Reisebuch über seine Erfahrungen in Chicago, dem im gleichen Jahr auch der dokumentarische Stummfilm „Chicago – Weltstadt in Flegeljahren“ folgte, in dem sich sowohl die Faszination des Autors für den technischen Vorschritt als auch seine wachsende Skepsis gegenüber der Automatisierung niederschlug. Sachlich und nüchtern folgt der Film dem urbanen Leben und unterwirft sich auch im Schnitt dem Rhythmus der Stadt. Nach einer einmaligen Aufführung in Berlin im Jahr 1931 landete der Film im Archiv. 1984 wurde er neu entdeckt und rekonstruiert; jetzt ist der Film mit einer neuen Musik auf DVD und Blu-Ray wiedererschienen.


„Dies ist die schönste Stadt der Welt: ein technischer Traum aus Aluminium, Glas, Stahl, Zement und künstlichen Sonnen, fremdartig wie ein anderer Stern“. So charakterisierte der deutsche Seemann, Weltenbummler, Farmer und Fotograf Heinrich Hauser (1901-1955) die US-amerikanische Metropole in seinem Essay „Feldwege nach Chicago“, der 1931, im selben Jahr wie das nun auf DVD aufgelegte Filmporträt „Chicago – Weltstadt in Flegeljahren“ erschien. Es war das Jahr, in dem Al Capone endgültig hinter Gittern landete und die Prohibitionszeit ihrem Ende entgegenging.

Das „pubertierende“ Chicago nimmt im Film wenig Raum ein. Nach einigen Straßenszenen, die Elend und Arbeitslosigkeit zeigen, blendet Hauser einen Zwischentitel ein, „Hier findet Hollywood Stoff für Kriminalfälle“. Mit zwei nachfolgenden Kameraeinstellungen wird der Kinostoff nachgeliefert: Zwei Männer mit Schiebermützen im Gespräch. Schnitt auf ein Juweliergeschäft. Ein kurzer Gedankensprung vom Dokumentar- in den Gangsterfilm.


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Ansonsten porträtiert Hauser die damals zweitgrößte (heute drittgrößte) Stadt der USA überaus sachlich und nüchtern. Anders als Städtefilme von Walter Ruttmann („Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“, 1927) oder Dziga Vertovs Blicke auf Kiew, Moskau und Odessa in „Der Mann mit der Kamera“ (1929) unterwirft Hauser die Großstadt nicht einem dezidierten Formwillen. Seine Kamera folgt dem, was die Stadt ihm anbietet; der Film bewegt sich im Takt der Metropole, anstatt selbst einen Rhythmus vorzugeben. Hausers Zurückhaltung hängt sicher auch damit zusammen, dass der Filmemacher sich in einer fremden Umgebung aufhielt, während Ruttmann und Vertov sich in „ihren“ Städten auskannten.



Nach einem „Establishing Shot“ über Chicago im Morgengrauen geht die Kamera wieder auf Abstand, um sich – abseits der Häuserschluchten – den Baumwollfeldern, dem Mississippi und den Raddampfern zu widmen. Nach der überraschend ländlichen Ouvertüre wird das geschäftige Treiben der expandierenden Metropole entfaltet, bevor sich der Film mit den automatisierten Fabriken beschäftigt. Förderbänder sind zu sehen, aber kein Arbeiter weit und breit. „Wo ist der Mensch?“, wundert sich ein Zwischentitel.


Kritisch, aber nicht anklagend

Hauser nähert sich Chicago und der modernen Arbeitswelt kritisch, aber nicht anklagend. 1906 hatte Upton Sinclair in seinem Roman „The Jungle“ die schlimmen Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen Chicagos angeprangert. Hauser verkürzt die Irritation zur Ellipse, wenn er eine Herde Schafe auf dem Weg zur Schlachtbank zeigt und nach dem eingeschobenen Titel „40 Minuten später“ lakonisch auf die Fleischkonserven schneidet, die im Sekundentakt vom Förderband purzeln. „Die Technik“, schrieb Hauser, „ist sicher etwas, was der Mensch überwinden muss. Aber man überwindet nicht, indem man flieht. Wir müssen durch die Technik hindurch und über sie hinaus, sie ist ein Fegefeuer, das uns prüft.“

„Weltstadt in Flegeljahren“ war nicht für das normale Kinoprogramm vorgesehen, sondern für Matinéen und Sondervorstellungen. Die Uraufführung fand am 2. Oktober 1931 im Berliner Alhambra-Kino in Berlin im Rahmen einer neuartigen Kooperation statt, die verschiedene Berliner Kultureinrichtungen zur Förderung des „Kulturfilms“ eingegangen waren. Hausers Film erntete ausnahmslos gute Kritiken, aber seine unaufdringliche Dialektik wird ihm zum Verhängnis. Der Produzent Hubert Schonger will „Weltstadt in Flegeljahren“ als Lehrfilm vertreiben, doch das steuerbefreiende „Prädikat“ wird ihm von der Berliner „Bildstelle des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht“ verweigert. Statt in den Kinos anzulaufen, landet der Film für Jahrzehnte im Archiv.




Erst spät wiederentdeckt

Für eine Filmreihe im Hamburger Programmkino Metropolis wird der Stummfilm im August 2000 erstmals wieder im Kino gezeigt, mit Schlagzeug und Bass begleitet von der Hamburger Band Field. Bereits zwei Jahre zuvor war das vergessene Werk Gegenstand eines Fernsehexperiments des Westdeutschen Rundfunks geworden. Wilfried Reichart und Hans-Ulrich Werner unterlegten den Originalfilm mit Tönen und Geräuschen sowie passenden Texten aus Hausers „Feldwege nach Chicago“. Von Hausers damaligen Kamera-Standpunkten wurden eigens neue Filmaufnahmen gemacht. Beide Filme, Hausers historischer Schwarz-weiß-Film und der WDR-Farbfilm, wurden als parallel über den Bildschirm laufende Montage im Dezember 1998 ausgestrahlt.

Leider wurde das Experiment nicht für die neue DVD übernommen, zumindest nicht in visueller Form. Immerhin ist die Tonfassung von Reichart und Werner anwählbar, als Alternative zur brandneuen, von Andy Miles komponierten Orchestermusik, die im Stil des traditionellen Chicago-Jazz anhebt und sich dann aber in Richtung Modern Jazz bewegt – und damit eine musikalische Brücke von den 1930er-Jahren in die Jetztzeit schlägt. Schließlich sind die Millionenstädte mitsamt ihren Verheißungen und Abgründen ein immer noch aktuelles Thema.



Chicago – Weltstadt in Flegeljahren“. s/w. USA 1931. Regie: Heinrich Hauser. 65 Min. DVD/BD. Extras: Neue Musikfassung von Andy Miles (2020). Tonfassung von Wilfried Reichart und Hans-Ulrich Werner mit Passagen aus Hausers Chicago-Buch „Weltstadt in Flegeljahren“. Bezug: absolut Medien

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