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Orte des Trostes

Sonntag, 29.11.2020

Der „Film der letzten Zuflucht“ von Thomas Henke lotet die Suche nach Orten des Trostes angesichts schwerer Schicksalsschläge als Herausforderung aus, die Menschen jenseits ihrer Überzeugungen miteinander verbindet

Diskussion

Die Filminstallationen des Medienkünstlers Thomas Henke entziehen sich der einfachen Wiedergabe, weil sie zu intimen Zwiegesprächen zwischen Leinwand und Betrachter verführen. In Berlin war jüngst in der Kirche St. Thomas von Aquin für kurze Zeit sein „Film der letzten Zuflucht“ zu sehen, der von Orten des Trostes angesichts letzter Dinge handelt.


Ein älterer Mann Ende 50 mit gepflegtem weißem Bart schließt sein Wohnmobil auf, setzt sich hinter den Campingtisch und fängt zu erzählen an. Auch wenn er in „Film der letzten Zuflucht“ von Thomas Henke keinen Meter weit fährt, nimmt der Film doch auf eine Reise mit, in deren Verlauf Lebensentwürfe aufscheinen, Geschichten vom Scheitern und vom Widerstand, vom Ringen um Sinn und um Antworten auf letzte Fragen.

Der Bericht des Mannes über die Adoption eines anfangs vierjährigen Jungen und seine Versuche, eine emotionale Beziehung zu dem Jungen aufzubauen und Rückschläge nicht als Scheitern zu bewerten, führen als eine Art roter Faden durch den zweistündigen Film. Verwoben wird dies mit den Gesprächen mit acht weiteren Persönlichkeiten, die aus ihrer jeweiligen Perspektive das Leitmotiv einer letzten Zuflucht oder der „letzten Dinge“, wie dies in der frühchristlichen Theologie genannt wurde, aufgreifen.

Ringen um Sinn: die Schriftstellerin Felicitas Hoppe (Henke Medien)
Ringen um Sinn: die Schriftstellerin Felicitas Hoppe ( © Henke Medien)

Die „Gesprächspartner“ sind die Schriftstellerin Felicitas Hoppe, der Philosoph Thomas Mucho, die Benediktinerin Schwester Luitgardis sowie der Choral „Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ …“ von Johann Sebastian Bach, auf Klavier ohne Text interpretiert. Hinzu kommen ein Palliativmediziner, eine junge Patientin aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, ein Jugendpsychologe sowie eine schwer erkrankte und mittlerweile verstorbene junge Frau, die ihre krankheitsbedingte Sprachlosigkeit literarisch überwindet. Gleichzeitig entzieht sich der Filmessay jedoch jeder Systematisierung oder Kategorisierung.


An schwer zugänglichen Orten

Der Regisseur Thomas Henke versteht sich als „Medienkünstler“; seine Tätigkeit wäre mit „Filmemachen“ auch nur sehr unzureichend umschrieben. Henke nimmt die Zuschauer mit in sehr intime Situationen; man ist zugegen, wenn sich Menschen mit ihren Ängsten und Hoffnungen angreifbar und verletzlich machen. Der Film weitet die Perspektiven des Publikums, wenn der Adoptivvater im engen Wohnmobil seine Lebens- und Erziehungsgeschichte erzählt, er beunruhigt aber auch die Sehgewohnheiten, wenn die Interviews teilweise auf die Wände von Abbruchhäusern projiziert oder O-Töne teilweise auf Schwarzbild gesetzt werden. Die Kamera führt durch die Modellstadt „METROPOLAR – exit city“ von Lorenz Estermann, gewissermaßen eine Installation in der Filminstallation, eine unbelebte „Zufluchtsstadt“ (Johannes Rauchenberger), die als eine Art „Promenade“ den Film gliedert. Untermalt wird die „exit city“ von einer Klangspur, die die NASA von der Sonne aufgenommen hat; ein unangenehmer, drängender perkussiver Klang, der Ohr und Lautsprecher gleichermaßen herausfordert.

Die kunstvoll-irritierende, in gewisser Weise auch anstrengende Montage führt aber dazu, dass sich der Film mit seinen Protagonisten festsetzt, weil man die Menschen nicht mehr vergessen kann. Ebenso liegt es an der Montage, dass sich die inhaltlichen Aussagen der Protagonisten auf erstaunliche Weise ergänzen, auch wenn sich ihre Thesen und inhaltlichen Positionen zu widersprechen scheinen.


Nachdenken über sich und das Wesentliche

Die Premiere von „Film der letzten Zuflucht“ fand nach einer Preview in der Karwoche 2019 in Graz im Oktober 2020 in der Kirche Thomas von Aquin in der Katholischen Akademie Berlin statt. Es ist nicht die erste Zusammenarbeit der Akademie mit Henke. Dessen Installation „Film der Antworten“ (2004-2012) wurde von der Akademie sogar erworben. Darin sprechen zwölf Benediktinerinnen aus der Abtei Mariendonk am Niederrhein über ihre Berufung und ihren Glauben. Das auf drei Leinwänden gleichzeitig projizierte Werk, das aus Gesprächen erwuchs, die Henke zwischen 2004 und 2009 mit den Nonnen führte, nähert sich mit einer vierstündigen Laufzeit dem Lebenskonzept der Ordensschwestern.

Der "Film der Antworten" (Henke Medien)
Der "Film der Antworten" ( © Henke Medien)

Ein anderes filmisches Projekt von Henke, „Porträts 1.13“, haben der Künstler und der Direktor der Akademie, Joachim Hake, sogar gemeinsam realisiert. Der Titel bezieht sich auf den Vers „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht“ aus dem ersten Korintherbrief des Apostels Paulus (Vers 13) und verweist auf die Reflexionen der sechs Gesprächspartner aus Kunst und Kultur, die über das Wesentliche in ihrem Leben, aber auch generell nachdenken.


Leisen Tönen auf der Spur

Der „Film der letzten Zuflucht“ führt die Themen von Thomas Henke weiter. Alle seine Werke verbindet ein behutsames Interesse an den Gesprächspartnern sowie Fragen nach Spiritualität und den „letzten Dingen“. Für eine gewisse Kontinuität sorgen auch Gesprächspartner wie Thomas Macho und Felicitas Hoppe sowie Henkes Ehefrau Peggy Henke, die für den Schnitt genannt wird, und Henkes unlängst verstorbener Tonmann Udo Radek, dem „Film der letzten Zuflucht“ gewidmet ist. Radeks Anteil an dem Film wird besonders im Interview mit Julia Ney deutlich. Die junge Frau litt an einer tödlichen Erbkrankheit, die ihr zunächst die Kontrolle über ihre Hände und dann auch über ihre Lippen raubte. Gemeinsam mit ihrer Sprachtherapeutin hängt Radek (und mit ihr der Zuschauer) der jungen Frau an den Lippen; er folgt ihren kaum verständlichen Äußerungen – und erfährt gleichzeitig mit den Antworten so viel mehr über ihre eigene Ungeduld angesichts ihrer Unzulänglichkeit, aber auch über ihren Lebenswillen sowie über ihre luziden Formulierungen über das, was sie unweigerlich auf sich zukommen sieht und dem sie sich stellt: „Loslassen, was sich im Tod bündelt.“

Alle Gesprächspartner*innen sind aufrichtig, aber auch selbstkritisch. Felicitas Hoppe, die über den Satz aus der katholischen Liturgie, „Herr, ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“, staunt und offenbar glaubt, dass Sprache Genesung bewirken kann. Erschütternd ist auch die Aufrichtigkeit der jungen Frau aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, die sich in ihre letzte Zuflucht „wegträumt“ und über sich erzählt, dass ihr Körper zwar lebe, doch ihre Seele tot sei. Für den Psychologen bedeutet „Zuflucht“ das Recht auf Nicht-Wissen; die „Fähigkeit zu verdrängen“ ist für ihn die „Grundlage unseres Lebens“.


Die Spektralfarben des Lebens

Eigentlich möchte man den ganzen Film nacherzählen und die allermeisten Zitate aufschreiben, zumal „Film der letzten Zuflucht“ derzeit nicht gesehen werden kann. Zu viele beeindruckende Positionen, Bekenntnisse und Träume finden in den sehr dichten zwei Stunden Platz; der Film tauge nicht „für eine flotte Filmankündigung“, so Johannes Rauchenberger, kein Pressetext könne auch nur annähernd vermitteln, was auf die Betrachter einströme. „Es sind tiefe Bilder, die uns Thomas Henke hinterlässt, keine überheblichen Ratschläge in den verletzlichsten Phasen des Lebens, sondern Erzählungen des puren Lebens wie in Spektralfarben verdichtet. Dadurch werden seine Protagonisten in einer unerhörten Größe und Tiefe porträtiert.“

Im geschützten Raum: "Film der letzten Zuflucht" (© Henke Medien)
Im geschützten Raum: "Film der letzten Zuflucht" (© Henke Medien)

In „Film der letzten Zuflucht“ ist viel von Schutzräumen die Rede. In gewisser Weise braucht auch der Film selbst einen solchen Schutzraum, um vorgeführt zu werden; Sakralbauten erscheinen Henke dafür besonders geeignet. Eineinhalb Jahre nach der „Preview“ des Films in der Karwoche 2019 in Graz lief der Film in der Kirche St. Thomas von Aquin in der Katholischen Akademie in Berlin, fast einen Monat lang, den ganzen Tag über, jeweils acht Stunden lang, also viermal hintereinander. Es erscheint schwer vorstellbar, einen solchen Film „im Vorübergehen“ anzusehen, doch die Kirche liegt mitten zwischen Tagungshotel und Tagungsbereich; die Tür steht meist offen, man kann kommen und gehen, wie man möchte. Der „installative“ Charakter ist sogar expliziter Teil des Konzepts; so wichtig Henke der geschützte, sakrale Raum ist, so wichtig ist ihm auch, dass man selbst entscheiden kann, was sich ein Besucher zumutet und wann er wieder geht, ohne sich – wie im Kino – vor dem Nebenmann rechtfertigen oder entschuldigen zu müssen. Auch wer nur für einen Teil der Filmreise zugestiegen sei, könne davon etwas für sich mitnehmen. Man kann den Film also durchaus wie eine Ausstellung betrachten, in der sich mitunter schon nach zwei Bildern der Eindruck ergeben kann, genug gesehen zu haben.


Eine digitale Präsentation ist keine Alternative

Seit Anfang November musste die Filmausstellung Corona-bedingt geschlossen werden; die ursprünglich geplante Finissage entfiel. Damit ist „Film der letzten Zuflucht“ erstmal nicht wieder zu sehen. Das Werk online zu stellen, als Streaming-Angebot, kann sich Henke nicht vorstellen. Zwar will er sich diesen Möglichkeiten nicht verschließen, doch bislang scheint ihm keine Plattform den angemessenen Raum für den Film zu gewährleisten. Hinter diesem Vorbehalt steckt keine künstlerische Eitelkeit oder elitäre Attitüde; Henke empfindet es vielmehr so, dass er dies seinen Protagonistinnen und Protagonisten schuldig sei. Sie hätten sich ihm anvertraut und über ihre letzte Zuflucht bereitwillig Auskunft gegeben. Dieses Vertrauen will er nicht missbrauchen und den zugesicherten Schutzraum preisgeben.

Man könnte „Film der letzten Zuflucht“ jederzeit auch unter Einhaltung der Corona-Regeln zeigen, mit Anmeldung, Abstand und einem Hygienekonzept. Es bräuchte dazu nur einen passenden Ort, bevorzugt eine Kirche, vielleicht auch ein Museum, um sich von Thomas Henke auf dessen filmische Reise mitnehmen zu lassen.

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