© imago images/Everett Collection ("Das Schweigen")

Zum Tod von Gunnel Lindblom

Mittwoch, 27.01.2021

Ein Nachruf auf die schwedische Schauspielerin, Autorin und Regisseurin (18.12.1931-24.1.2021)

Diskussion

Die schwedische Schauspielerin Gunnel Lindblom wurde in den 1950er-Jahren Teil von Ingmar Bergmans Filmfamilie und spielte ihre berühmteste Rolle in seinem Skandalerfolg „Das Schweigen“. In Filmen ihrer Kollegin Mai Zetterling nutzte sie die Chance, um konventionelle Frauenrollen aufzubrechen, und setzte mit ambitionierten Inszenierungen eigene Akzente im schwedischen Kino.


Die am 18. Dezember 1931 in Göteborg geborene Gunnel Lindblom nahm wie viele Darstellerinnen ihrer Generation zunächst Schauspielunterricht, arbeitete dann auf der Bühne, beim Film und fürs Fernsehen. Sie zählte – wie Ingrid Thulin, Bibi Andersson, Mai Zetterling, Harriet Andersson oder Eva Dahlbeck – zum Clan des Großmeisters Ingmar Bergman, der seine Darstellerinnen oft auch in persönliche Beziehungen verwickelte. Der überschaubare schwedische Kulturbetrieb nach dem Zweiten Weltkrieg funktionierte als kleiner Kreis mit patriarchalischen Strukturen.

Gunnel Lindblom avancierte nach ihrem Filmdebüt in Gustav Molanders „Kärlek“ (Liebe, 1952) bald zu den gefragtesten schwedischen (Film-)Schauspielerinnen. Bereits als Jugendliche vom Theaterbazillus infiziert, besuchte sie ab 1950 die Stadttheater-Schule ihrer Geburtsstadt. Ingmar Bergman entdeckte sie dort und holte sie 1954 ans Theater nach Malmö. Schon damals hinterließ ihre außergewöhnliche emotionale Intensität und ihre natürliche Bühnenpräsenz großen Eindruck beim Publikum.

Kleinere Nebenrollen in Bergman-Filmen ebneten ihr den Weg. In Das siebente Siegel(1956), einem theatralisch-metaphysischen Mittelalter-Spiel des Lebens, verkörperte sie ein Dorfmädchen. In Die Jungfrauenquelle (1959) musste ihre Figur auf dem Weg in die Kirche mitansehen, wie ihre Schwester von Hirten vergewaltigt und umgebracht wird. In Licht im Winter (1962), wo sie die Frau eines depressiven Fischers spielte, der an der Hilflosigkeit eines am Glauben zweifelnden Pfarrers leidet, gelingt ihr die konsequent mimische Reduzierung aufs Wesentliche.


Berühmtheit durch „Das Schweigen“

1963, an der Seite von Ingrid Thulin, gelang Gunnel Lindblom mit ihrer bedeutendsten Rolle im weltweiten Skandalon Das Schweigen der endgültige Durchbruch. Die auf einer Heimreise in einem fremden Ort gestrandeten Schwestern Anna und Ester geraten in eine existenzielle Krise. Ihre Hassliebe, ein subtiles Spinnennetz aus Begierde, Lust und Urangst, beschreibt eine Welt ohne Gott, den Verlust tradierter Werte und die Krankheit der Gefühle. Lindblom interpretierte diesen Horror vacui mit selbstbewusster Eleganz. Ihre tiefe Wildheit strahlt ein unergründliches Geheimnis aus, eine protestantische Kühle. Das kalte Montagekonzept reflektierte die Nüchternheit der Inszenierung auf den Gesichtern der Protagonistinnen wie in einem Spiegel.

Ingrid Thulin und Gunnel Lindblom (r.) in "Das Schweigen" (imago/Everett Collection)
Ingrid Thulin und Gunnel Lindblom (r.) in "Das Schweigen" (© imago/Everett Collection)

Durch Mai Zetterlings frauenorientiertes Spielfilmdebüt Liebende Paare (1964) bekam Lindblom Kontakt zum „neuen schwedischen Film“. Die Romanverfilmung entlarvte die Unfähigkeit der Männer, lauter Vertreter einer dekadenten Oberschicht vor dem Ersten Weltkrieg, die nicht auf die Empfindungen von Frauen eingehen können. Auch die Mitwirkung in Zetterlings „Die Mädchen (1968), nach der Komödie „Lysistrata“ von Aristophanes, bot ihr neben Bibi und Harriet Andersson eine gute Gelegenheit zur satirischen Reflexion der Geschlechterrollen. Doch so wie der Aufstand der Frauen (in der Provinz) scheitert, verhallte auch der feministische Weckruf im Kontext der sogenannten „Schwedenfilme“.

In Bergmans Szenen einer Ehe (1973) übernahm Lindblom nur noch eine kleine Rolle. Sie wollte eigene Ideen umsetzen, endlich ernstgenommen und nicht auf „Das Schweigen“ reduziert werden. „Ich hasse es, wenn mich Leute auf Label festlegen. Das Wichtigste ist, dass man ihnen nicht glaubt. Es fühlt sich gut an, in Filmen mitgewirkt zu haben, die man nicht vergisst. Die fünf Bergman-Filme bedeuteten einen ungeheuren Effekt, aber wichtig für meine eigene Entwicklung war die Zusammenarbeit mit ihm am Theater.“

Vom Theater kam die Schauspielerin dann aber wieder auf den Film. „Der Film erreicht andere Menschen, außerhalb der kulturellen Kreise um das Theaterpublikum. Für Frauen ist es wichtig, Filme zu machen, das Muster zu durchbrechen, dass Filme von Männern produziert, inszeniert und geschrieben werden. Ich möchte dieses Vakuum mit Frauenporträts füllen, ihrer Lebenssituation, um etwas Reales und Identifikationsangebote zu schaffen. Künstlerisch integer und im Wissen um meine Privilegien!“


Eigene Regie-Arbeiten mit realistischen Frauenporträts

Lindblom arbeitete mit Bergman weiter am Königlichen Dramatischen Theater von Stockholm zusammen. Dort führte sie ab 1974 selbst Regie und bereitete mit Unterstützung von Bergmans Firma „Cinematograph“ ihren ersten eigenen Spielfilm vor. Ein Paradies(1976) erzählt vom selbstgefälligen schwedischen Bürgertum, das sich auf öden Familienfeiern in idyllischen Sommerlandschaften ergeht. Aufgestaute emotionale und soziale Leere mündet in einen Streit um Versäumnisse des Wohlfahrtstaates und die Schuld der in Selbstverwirklichungstrips gefangenen Frauenbewegung.

Vier Jahre später setzte Gunnel Lindblom mit Sally und die Freiheit (1980) den Weg als Drehbuchautorin und Regisseurin fort. Ihr Film über drei Generationen von Frauen stellt die knapp 30-jährige, aus dem Arbeitermilieu stammende Sally in den Mittelpunkt. Gut ausgebildet, früh mit einem Anwalt verheiratet, will sie eine ungeplante Schwangerschaft beenden. Der Ausbruch aus dem engen Familienkorsett und ihr unbändiger Freiheitsdrang mündet aber bald in den Armen eines charmant-toleranten Künstlers. Sicherheit und Geborgenheit der Familie vermissend, wird sie erneut schwanger – und wieder verlassen. „Ich wollte sehen, ob es möglich ist, einen intelligenten Film über eine junge, normale schwedische Frau in einer ganz alltäglichen Situation zu machen. Mit dem sich viele Frauen heute erkennen und identifizieren können. Ich wollte einen Film über mich, meine Schwester, meine Mutter und meine Tochter machen“, gestand die Filmemacherin unverkennbar autobiografische Anklänge.

Lindblom übersetzte diese Klarheit auch auf ihr berufliches wie privates Rollenverständnis. „Seit ich keine Schauspielerin mehr sein wollte, verzichtete ich auf idealisierte Frauenporträts; deshalb ist Sally eine Anti-Heldin, die sich finden, sich durchkämpfen muss. Ich selbst spiele darin Sallys Kollegin Nora, die ihre Lektion im Leben gelernt hat, ihre Stärken kennt und weiß, wann man Kompromisse schließt, vor allem selbst entscheidet.“ Verbirgt sich dahinter auch eine Sehnsucht der Frauen, Karriere, Familienglück, Emotionalität und Freiheitsträume perfekt zu verwirklichen? Als Künstlerin wollte Gunnel Lindblom diese ernste Problematik ohne wohlfeile Moralpredigten vermitteln.

Gunnel Lindblom (.). in "Verblendung" (imago/Mary Evans)
Gunnel Lindblom (l.) in "Verblendung" (© imago/Mary Evans)

Karriereausklang mit Stieg Larsson

Als eine Verpflichtung durch das Hollywood-Studio 20th Century Fox ohne Erfolg blieb, kehrte Lindblom in ihre Heimat zurück. Da weitere Drehbuchprojekte keine finanzielle Unterstützung bekamen, arbeitete sie wieder als Regisseurin fürs Theater und Fernsehen. 1986 entstand dann noch einmal ein Spielfilm, Sommernächte auf dem Planeten Erde, die larmoyante Erinnerung eines Schriftstellers an einen Sommer mit der Familie seiner späteren Frau, die Egoismus und scheiternde Beziehungen thematisiert.

In späteren Jahren tauchte Lindblom dann doch wieder als Schauspielerin auf: 2009 spielte sie im Thriller „Verblendung, dem ersten Teil von Stieg Larssons Millennium-Trilogie, die undurchsichtige Isabella Vanger, das weibliche Oberhaupt einer Großindustriellenfamilie. 2011 absolvierte sie noch einen Auftritt in der Serie „Der Kommissar und das Meer“ in der Folge Eiserne Hochzeit. Das Filmfestival von Stockholm verlieh ihr 2018 einen Ehrenpreis. Am 24. Januar ist Gunnel Lindblom im Alter von 89 Jahren verstorben.

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