Berlin: Spuren des Jahrhunderts

Die DVD-Reihe »Film – Stadt – Berlin« holt ­selten ­gezeigte Filmschätze ans Licht der ­Öffentlichkeit

Diskussion

Uschi ist 16, Verkäuferin in einem Bekleidungshaus und sehnt sich danach, Mannequin zu werden. Ihr Freund Hans träumt von einem Job als Autoschlosser. Sie lebt im Osten, er im Westen von Berlin, das macht die Sache kompliziert. Denn wir schreiben die 1950er-Jahre, der Kalte Krieg vergiftet das Klima, greift in Lebensläufe und Schicksale ein, und das erst recht in der offenen Stadt Berlin vor dem Bau der Mauer. Wer sich heute in die Atmosphäre jener Zeit hineindenken und sie vielleicht sogar hautnah erfühlen will, der schaue sich die Filme von damals an. Kino als geronnene Zeit.

Uschi und Hans, gespielt von Annekathrin Bürger und Ulrich Thein, sind die Hauptfiguren in der DEFA-Produktion »Eine Berliner Romanze« (1956), dem Eröffnungsbeitrag der DVD-Reihe »Film – Stadt – Berlin«. Ein für damalige Verhältnisse nahezu unideologischer Film, leise, zärtlich, wie getupft. Wolfgang Kohlhaase, der Drehbuchautor, und Gerhard Klein, der Regisseur, orientierten sich an den italienischen Neorealisten, die sie liebten und verehrten: ein offenes Herz, ein offener Blick für die Freuden und Nöte der so genannten kleinen Leute. Authentisch sollte es sein, und ohne den Holzhammer von Agitation und Propaganda, was Klein und Kohlhaase auf bestechende Weise auch gelang.


Tiefe Einblicke in die Kalte-Kriegs-Denkungsart

In der Reihe »Film – Stadt – Berlin« sind bisher sieben DVDs erschienen, sie setzt auf Entdeckungen in der – vornehmlich ostdeutschen – Filmgeschichte. Als Pendant zu »Eine Berliner Romanze« wurde für die Reihe beispielsweise der im selben Jahr gedrehte, lange Zeit völlig vergessene Film »Der Fackelträger« (1955) ausgegraben, eine DEFA-Satire auf die West-Berliner Justiz, die seinerzeit den Bogen vom Ungeist der NS-Ära bis in die Adenauer-Zeit schlagen wollte. Hauptfigur des derben, holzschnittartigen Films ist ein Oberstaatsanwalt namens Sänger, der dringend einen spektakulären politischen Fall braucht, um ans Bundesgericht nach Karlsruhe befördert zu werden. Dafür kommt ihm die vermeintliche Verschleppung seines Hausmeisters (grandios: Friedrich Gnass) nach Ost-Berlin gerade gelegen. Dieser jedoch, ein fröhlicher Trunkenbold, war dort nur festgesetzt worden, weil er in der S-Bahn randaliert hatte. Als er nach wenigen Stunden ausgenüchtert wieder im Westen auftaucht, muss der Fall zu den Akten gelegt werden. Was der Karriere des abgrundtief antikommunistischen, martialischen Anwalts jedoch keinen Abbruch tut.

Als einer der Autoren von »Der Fackelträger« zeichnete seinerzeit ein Friedrich Karl Hartmann – ein Pseudonym, hinter dem sich kein Geringerer als der Ost-Berliner Star-Anwalt Friedrich Karl Kaul versteckte. Mit seinem ersten DEFA-Opus versuchte er nun, seinen verhassten West-Berliner Rivalen, den Oberstaatsanwalt Hans Cantor, zu decouvrieren. Allerdings hatten Kaul und die DEFA ihre Rechnung ohne die große Politik gemacht: Als »Der Fackelträger« im September 1955 uraufgeführt werden sollte, kam plötzlich ein Stoppsignal von ganz oben. Denn nach der Genfer Konferenz vom Juli lag plötzlich Entspannung in der Luft, Bundeskanzler Adenauer reiste zum ersten Mal in die Sowjetunion, und ein antiwestlicher Propagandafilm war zu diesem Zeitpunkt gerade nicht opportun.

»Der Fackelträger« lag dann rund zwei Jahre auf Eis. Erst 1957 kam er in die Kinos, allerdings keineswegs in Ost-Berlin, sondern, schamhaft verborgen, nur in der weit entfernten DDR-Provinz. Dann verschwand er für Jahrzehnte im Archiv. Die Ausgrabung in der Reihe »Film – Stadt – Berlin«, flankiert von einigen knallharten propagandistischen DEFA-Dokumentarfilmen jener Jahre als Bonus (zum Beispiel »KgU – Kampfgruppe der Unmenschlichkeit«, 1955, R: Joachim Hadaschik), erlaubt tiefe Einblicke in die Kalte-Kriegs-Denkungsart, der sich die Babelsberger DEFA zu Zeiten der offenen Grenze zwar bisweilen verpflichtet fühlte, mit der sie ästhetisch und politisch aber nie glücklich wurde: kein Kunst-, wohl aber ein Zeitdokument.


Parallele ­Welten jenseits der Tagespolitik

Zu den schönsten Entdeckungen der Reihe gehört Dietmar Hochmuths Diplomfilm »Heute abend und morgen früh« (1979), ein Kleinod, das über Jahre als verschollen galt. Christine Schorn spielt eine Zahnärztin, die an einem Freitagnachmittag nach Dienstschluss durch die Stadt flaniert, scheinbar ziellos, jedenfalls nicht auf direktem Weg zu ihrer Wohnung am Berliner Alexanderplatz. Die Kamera von Jürgen Lenz nimmt sich Zeit, Menschen, Straßen und Räume zu beobachten: von der Charité bis zur alten Berliner Markthalle.

Als der Film fertig war und dem Fernsehen der DDR zur Ausstrahlung vorlag, hieß es dort, der Regisseur hätte zwischen der Friedrichstraße und dem Alexanderplatz keine Dreckecke ausgelassen, das könne man auf keinen Fall zeigen. Daraufhin wurde wenigstens eine Kopie für die Studiokinos gezogen, allerdings Anfang der 1980er-Jahre nach kurzer Laufzeit wieder vernichtet. Erst jetzt konnte eine weitere Kopie in Moskau gefunden werden: Grundlage für die digitale Abtastung und die Produktion dieser DVD.

Noch eine Entdeckung: Filme des Regisseurs und Brecht-Schülers Peter Voigt. »Dämmerung – Ostberliner Bohème der 50er Jahre« (1992) holt junge Männer und Frauen von einst vor die Kamera und lässt sie über Träume und Motive von damals reflektieren: Schauspieler wie Rolf Ludwig, Ekkehard Schall und Stefan Lisewski, den Bildhauer Werner Stötzer, den Architekten Kurt Mühle beispielsweise, auch den greisen einstigen Chefideologen des DDR-Fernsehens Karl-Eduard von Schnitzler, der in den späten 1940er-Jahren aus dem Westen in den Osten übergesiedelt war. Sie erzählen von Bert Brecht, Hanns Eisler und John Heartfield, von ziemlich viel Alkohol, der in legendären Ost-Berliner Intellektuellen-Etablissements wie der Hajo-Bar oder dem Esterhazy-Keller geflossen sein muss. Von parallelen Welten jenseits der Tagespolitik, von der Bewegung im scheinbar freien Raum. Und davon, wie Menschen und Orte im Orkus des Vergessens verschwinden.

»Theaterarbeit« (1975), der zweite Film dieser DVD, blickt auf das erste Vierteljahrhundert des Berliner Ensembles zurück, mit Szenen aus Proben und Aufführungen sowie mit Interviews, die Peter Voigt vornehmlich mit Bühnenhandwerkern und Beleuchtern führte: Theatergeschichte »von unten«. Gleichsam archäologische Filme, ehe die Zeit alle Spuren verwischt.


Film-Stadt-Berlin: Die Reihe

Anbieter: Icestorm


Eine Berliner Romanze DDR 1956. Regie: Gerhard Klein. 78 Min. FSK: Ab 0.

Leichensache Zernik DDR 1972. Regie: Helmut Nitzschke. 96 Min. FSK: Ab 12.

Heute abend und morgen früh / Motivsuche DDR 1979/90. Regie: Dietmar Hochmuth. 51/107 Min. FSK: Ab 6.

Frühling in Berlin BRD 1957. Regie: Arthur Maria Rabenalt. 96 Min. FSK: Ab 12.

Geschichten jener Nacht DDR 1967. Regie: Ulrich Thein, Gerhard Klein, Frank Vogel, Karlheinz Carpentier. 104 Min. FSK: Ab 6.

Der Fackelträger DDR 1955/1957. Regie: Johannes Knittel. 79 Min. FSK: Ab 6.

Dämmerung – Ostberliner Bohème der 50er Jahre / Theaterarbeit BRD 1992/DDR 1975. Regie: Peter Voigt. 90/60 Min. FSK: Ab 6.

Foto: Still aus "Frühling in Berlin". ©Icestorm

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