© Dieter Wieland (aus „Topographie: Grün kaputt“)

Man möchte rasend werden - Die Filme von Dieter Wieland

Donnerstag, 06.05.2021

Eine überfällige Hommage: Die Kurzfilmtage Oberhausen entdecken den „Fernsehjournalisten“ Dieter Wieland und zeigen auf ihrem frei zugänglichen Online-Channel zwölf seiner außergewöhnlichen Filme aus den Jahren 1973 bis 1993

Diskussion

Der 1937 geborene Filmemacher Dieter Wieland machte sich mit zahlreichen Arbeiten für den Bayerischen Rundfunk um den Dokumentarfilm verdient. Mit analytischer Schärfe und prägnanter Bildsprache griff er die Zerstörung von Land, Architektur und Umwelt an und zeigte Alternativen zu verantwortungsloser Politik. Auf dem Online-Channel der Kurzfilmtage Oberhausen sind derzeit zwölf Filme des zeitlebens als „Fernsehjournalist“ unterschätzten Dieter Wieland zu sehen. Eine überfällige Würdigung.


Es ist höchst erfreulich, dass die 67. Kurzfilmtage Oberhausen (1.-10.5.2021) über ihren frei zugänglichen Online-Channel bereits seit April eine Retrospektive mit den Werken von Dieter Wieland im Programm haben. Es werden zehn seiner Filme aus den Jahren 1973 bis 1993 präsentiert, dazu ein aktuelles, zweiteiliges Videogespräch. Das ist umso lobenswerter, weil Wielands Filme von Festivals üblicherweise kaum beachtet werden. Denn es sind Fernsehfilme, zumeist für die Redaktion „Unter unserem Himmel“ des Bayerischen Rundfunks entstanden, ausgestrahlt in Sendereihen, die „Topographie“ oder „Bauen und Bewahren“ hießen. Dieter Wieland (Jahrgang 1937) wird als „Fernsehjournalist“ geführt; da kommen Filmfestivals (auch Kommunale Kinos) nur selten auf die Idee, sich mit ihm zu befassen, obwohl sein Oeuvre in seinem gehaltlichen und ästhetischen Rang dem großer Dokumentaristen wie Chris Marker oder Volker Koepp ebenbürtig ist.

Die erste Begegnung mit einem Wieland-Film war für uns ein elektrisierendes Erlebnis. Wir waren eine studentische Clique von Cineasten, Stammgäste des Münchner Filmmuseums, und sahen dort 1983 Wielands „Grün kaputt“ im Beiprogramm der gleichnamigen, äußerst erfolgreichen Ausstellung des Stadtmuseums. Der 44-minütige Film beginnt mit der Totalen einer Landschaft, die von einem Bulldozer-Kommando zerpflügt wird. Vom Hubschrauber aus gesehen. Dazu der Kommentar, wie in allen seinen Filmen von Wieland selbst gesprochen: „Ein Kahlschlag geht durchs Land. Begradigung. Bereinigung. Erschließung. Beschleunigung. Kanalisierung. Neuordnung. Verordnung. Verödung. Das Land wird hergerichtet, abgerichtet, hingerichtet.“


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    Dann die Suche nach Gegenbildern zur „flurbereinigten“ Landschaft: „Im Innviertel, in Oberösterreich, gibt es noch solche baumbestandenen Felder mit Laubwaldhainen, dazwischen Wild und Vögel, voller Fruchtbarkeit und Geborgenheit. So hat Niederbayern einmal ausgesehen.“

    „Landshut – oder hat die Schönheit noch eine Chance?“ (1973) (© Dieter Wieland)
    „Landshut – oder hat die Schönheit noch eine Chance?“ (1973; © Dieter Wieland)

    Ein augenöffnender Zauber

    Mit solchen sinnfälligen Gegenüberstellungen schreitet der Film voran und entfaltet seinen augenöffnenden Zauber. Diese Magie, die „Grün kaputt“ auch heute noch auszustrahlen vermag, zog uns damals in ihren Bann. Wir waren begeistert und auch voller Bewunderung für die Machart. Schon diese Stimme: eine sonore, melodiös schwingende Stimme, in der untergründig eine Erregung vibriert. Die des Zorns, aber auch der Bewunderung, wenn von den Schönheiten erzählt wird. Der typische Wieland-Tonfall: ein unnachahmlicher Mix aus prophetischem Zorn und trockenem Witz, aus Wahrnehmungspräzision und Poesie.

    Grün kaputt traf auch den Nerv des damals aufkeimenden Bewusstseins, dass es nicht mehr so weitergehen darf mit Plünderung und Verhunzung von Natur und Umwelt. Wir fragten nach, wer dieser Dieter Wieland sei, lasen die biografischen Stichpunkte: 1937 in Berlin-Dahlem geboren, aufgewachsen in Landshut. Studium der Geschichte und Kunstgeschichte in München. Von 1964 an freier Autor, Regisseur und Dokumentarfilmer beim Bayerischen Rundfunk.

    Wir erfuhren, dass Wieland zehn Jahre zuvor schon einen Film über die Altstadtzerstörung in Landshut gedreht hatte, der mächtige Wellen der Empörung bei den Verantwortlichen auslöste. Es kam zu einer nachfolgenden Diskussionssendung, einer „Sternstunde des Fernsehens“. Es gab damals im Rundfunkrat Versuche, „Wieland abzuschießen“, aber der Bayerische Rundfunk hielt zu seinem Autor. Wir erfuhren auch, dass er schon längst jede Menge Bewunderer hatte. Vielen erging es mit seinen Filmen so wie uns mit „Grün kaputt“. Als 2011 der Oberbayerische Kulturpreis an Wieland verliehen wurde, erinnerte sich der Laudator Hans Well von den „Biermösl Blosn“ an die erste Begegnung mit seinen Sendungen: „Es fiel einem wie Schuppen von den Augen. Seine Gegenüberstellung von Bildern stimmiger Häuser mit verhunzten Alt- oder Neubauten, unterlegt mit Sätzen von präziser Wucht, schlugen ein!“

    Fortan suchten wir im BR-Programm nach seinen neuen Arbeiten. Sie wurden meist im Vorabendprogramm ausgestrahlt, das eigentlich nicht im Fokus unserer Fernsehgewohnheiten stand. Wir freuten uns über Filmanfänge wie diesen: „Kennen’s das neue Bayern? Bayern im Landhausstil. Oberbayern, Hochglanzbayern, Superbayern. Super Weiß-und-Blau. Das klassische Ensemble: Rundbogen, Schmiedeeisen, Wognradl, Blaufichte, Jägerzaun… Bayern grüabig, mit viel Schmalz, rustikal. Die Häuser in der Lederhosn. Bayern im Jodlerstil“ („Der Jodlerstil“, 1984).

    „Heckenlandschaften“ (1993) (© Dieter Wieland)
    „Heckenlandschaften“ (1993; © Dieter Wieland)

    Einstellungen ohne Schnickschnack

    Etwa 250 Titel verzeichnet Wielands Filmografie. Was macht den Erzählstil seiner Filme so besonders? Neben Stimme und Tonfall sind es die Bilder: ruhige, klare Einstellungen, die ohne Schnickschnack auskommen. Es gibt sanfte Schwenks, Zooms, Fahrten, der Blick kann wandern, Räumlichkeiten und das präzise Detail erfassen. Bild und Kommentar sind aufeinander bezogen, aber nicht in der Art simpler Illustration. Man kann sich parallel in Wort und Bild einschwingen. Wenn Wieland Interviews einfügt, dann sind sie nicht hergerichtet und protzig ausgeleuchtet wie bei den gängigen Statements in Fernsehfeatures; es ist eher so, wie wenn ein Nachbar Gespräche am Gartenzaun führt.

    Seine Filme sind Einladungen, gemeinsam eine Reise zu machen; sie gewinnen ihre Überzeugungskraft aus der Evidenz des treffenden Beispiels. Dabei fächern sie sich in größte Themenvielfalt auf, durchwandern ländliche und urbane Räume, nehmen Details in den Blick (Dächer, Zäune, Gärten), erzählen von herrlichen Parkanlagen, großen Architekten, prangern an („Unser Dorf soll hässlich werden“), decken die Verheerungen der Flurbereinigung auf, berichten vom Verfall und der möglichen Rettung von Dorfkirchen in Mecklenburg. Wieland ist jedoch kein Nostalgiker, er hat einige Filme beispielhaft gelungener, heutiger Architektur gewidmet („Die große Kunst ein kleines Haus zu bauen“). Er will unsere Sinne für die Wahrnehmung von Qualitäten schärfen.

    Dieter Wieland hat zahlreiche Auszeichnungen, Orden und Preise erhalten, darunter das „Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland“ (1986), den „Bayerischen Architekturpreis“ für seinen „Kampf gegen die Zerstörung bayerischer Städte und Landschaften“ (2007); zuletzt den „Lessing-Preis für Kritik“ im Jahr 2016, der den „kritischen Aufklärer“ würdigte. Zu seinem 80. Geburtstag hieß es: „Er hat mit seinen Filmen, Reden und Ausstellungen das ästhetische Empfinden und das Umweltbewusstsein einer ganzen Generation geprägt.“

    „Unser Dorf soll hässlich werden“ (1975) (© BR)
    „Unser Dorf soll hässlich werden“ (1975; © BR)

    Skepsis gegenüber der Zukunft

    Auf solches Lob reagiert Wieland mit Skepsis: Unter den jungen Filmemachern sehe er keinen, der seine Anliegen weitertragen würde, „und eigentlich sind die Zerstörungen und Verschandelungen immer noch schlimmer geworden. Als ich früher gestritten habe, da konnte man Menschen mit der Kritik noch erreichen, auch Politiker, sogar Ministerpräsidenten, heute prallt das ab, heute interessiert nur noch die Vermarktung, nur noch das Geld!“

    Ins Begleitbuch zur „Grün kaputt“-Ausstellung nahm Wieland eine Passage aus Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ auf. Da formuliert Werther im Brief vom 15. September wortgewaltig seinen Zorn darüber, dass die Frau des neuen Pfarrers die „herrlichen Nussbäume des Pfarrgartens, die mich, Gott weiß!, immer mit dem größten Seelenvergnügen füllten!“ einfach hat abhauen lassen: „Man möchte rasend werden, Wilhelm, dass es Menschen geben soll ohne Sinn und Gefühl an dem wenigen, was auf Erden noch einen Wert hat!“


    Hinweise

    Zur Dieter-Wieland-Retrospektive „Miniaturen und Systeme“ bei den 67. Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen 2021 auf dem kostenlosen Online-Channel des Festivals: https://www.kurzfilmtage.de/de/channel/portraits/

    Verfügbar sind neben einem zweiteiligen Gespräch mit Dieter Wieland (Teil 1, Teil 2) in der Rubrik „Systeme“ die Filme Topographie Landshut – oder hat die Schönheit noch eine Chance? (1973), Topographie: Weibersbrunn– Ein Dorf im Spessart (1975), Unser Dorf soll hässlich werden – Ein Beitrag zum Europäischen Denkmalschutzjahr (1975), Topographie: Grün kaputt (1983), Topographie: Heckenlandschaften (1993) sowie in der Rubrik „Miniaturen“ fünf Beiträge zu „Topographie: Bauen und Bewahren“Das Fenster (1979), Das Dach (1980), Die Tür (1981), Der Zaun (1981) und Die Farbe (1981).

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