© DEFA-Stiftung/Hartkopf Rambow

Wie „Fräulein Schmetterling“ doch noch fliegen lernte

Donnerstag, 20.05.2021

Das 1965 verbotene und noch nicht fertiggestellte Drama „Fräulein Schmetterling“ von Kurt Barthel ist jetzt aufwändig rekonstruiert und vervollständigt worden. Zum 75. DEFA-Jubiläum erschien der letzte der „Verbotsfilme“ nun auf DVD.

Diskussion

Für die Kulturwächter der SED war eine staatliche Jugendfürsorgerin, die in „Fräulein Schmetterling“ den bezeichnenden Namen „Frau Fertig“ trug, ein No-Go, weshalb die Dreharbeiten zu dem von Christa und Gerhard Wolf geschriebenen Drama 1965 abgebrochen und alle bisherigen Filmmaterialien eingelagert wurden. Ein halbes Jahrhundert später ist daraus jetzt doch noch ein Film geworden, wie ihn sich der Regisseur Kurt Barthel seinerzeit wohl erträumt haben mag.


Der Film „Fräulein Schmetterling“ nach einem Drehbuch von Christa und Gerhard Wolf gehört zu jenen zwölf Filmen der DEFA, die nach dem berüchtigten 11. Plenum des SED-Zentralkomitees im Dezember 1965 verboten wurden. Nachdem der Film auch 1990 nicht fertiggestellt wurde, lag bislang nur eine nach dem Drehbuch geordnete, rohe und von Kamerageräuschen überlagerte Dokumentation der überlieferten Materialien vor, die vor allem wissenschaftlichen Zwecke diente. Ein Team der DEFA-Stiftung hat sich jetzt die im Bundesarchiv eingelagerten Negative, Positive und Tonbänder noch einmal vorgenommen. Das Resultat ist eine digital restaurierte und komplett synchronisierte Endfassung, ein „fertiger Film“, wie ihn sich Regisseur Kurt Barthel (1931-2014) einst erträumt haben mag. Für die Kinos steht eine dcp zur Verfügung, bei Icestorm erscheint „Fräulein Schmetterling“ auf DVD. Und der mdr bereitet eine Fernsehpremiere vor.


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Wenn ein Film, dessen Dreharbeiten vor über fünfzig Jahren stattfanden, erst jetzt zum guten Ende kommt, ist das ein bemerkenswerter Vorgang. Wenn das Drehbuch auch noch von Christa und Gerhard Wolf stammt, darf das Ganze erst recht ein besonderes Ereignis genannt werden. „Fräulein Schmetterling“ wurde wie elf weitere DEFA-Arbeiten nach dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED im Dezember 1965 verboten. Die von Regisseur Kurt Barthel hergestellte Rohfassung, die Anfang 1966 für die staatlichen Zensurgremien vorlag und nach dem Verbot im Staatlichen Filmarchiv der DDR eingebunkert wurde, ging im Zuge der Wendewirren nach 1990 verloren.

In „Fräulein Schmetterling“ geraten zwei Schwestern nach dem Tod des Vaters in die „Obhut“ staatlicher Behörden (© DEFA-Stiftung/Hartkopf Rambow)
In „Fräulein Schmetterling“ geraten zwei Schwestern nach dem Tod des Vaters in die „Obhut“ staatlicher Behörden (© DEFA-Stiftung/Hartkopf Rambow)

Aus den Restmaterialien wurde vor fast zwanzig Jahren eine Dokumentation der erhaltenen Einstellungen zusammengefügt, vornehmlich für wissenschaftliche Zwecke und bei öffentlichen Vorführungen zwingend an eine Einführung und anschließende Diskussion gebunden – das war der Wunsch von Christa und Gerhard Wolf. Jetzt entschloss sich die DEFA-Stiftung, sämtliche überlieferten Negative, Positive und Tonmaterialien noch einmal zu prüfen, ob daraus nicht doch ein „richtiger“ Film montiert werden könnte.


Realistische Fabel mit träumerischen Elementen

Wichtig für die Rekonstruktion war die Expertise des Komponisten und Dramaturgen Peter Rabenalt, der 1966 die Filmmusik für „Fräulein Schmetterling“ geschrieben und eingespielt hatte. Die Musikbänder, die in seinem Privatarchiv lagerten, gaben Aufschluss über den Rhythmus, den der Film haben sollte, und über die Balance der verschiedenen gestalterischen Elemente. Denn der Regiedebütant Kurt Barthel wollte in „Fräulein Schmetterling“ nicht nur eine realistische Fabel aus der Berliner Gegenwart erzählen. Eine wichtige Funktion nahmen Traumsequenzen ein, in denen eine freundliche Welt als utopischer Gegenentwurf zur oft problematischen Alltagswirklichkeit imaginiert wurde. Als prägendes stilistisches Element waren zudem Dokumentarszenen vorgesehen, die teils mit versteckter Kamera aufgenommen wurden: Alltagsbilder von Straßen, Plätzen und belebten Parkanlagen, aus der alten Berliner Markthalle, aus dem Automatenrestaurant am Alexanderplatz, vom Abriss alter und Entstehen neuer Stadtquartiere.

Christa und Gerhard Wolf hatten Kurt Barthel während der Dreharbeiten zu „Der geteilte Himmel“ (1964) kennengelernt. Barthel, frisch von der Babelsberger Filmhochschule, arbeitete dort als Regieassistent von Konrad Wolf. Gemeinsam wurde das Projekt „Fräulein Schmetterling“ verabredet, in dem das Schriftstellerpaar Erlebnisse und Erfahrungen seiner beiden Töchter einbrachte. Kindliche Fragen, zusammengefasst zum Thema: Warum müssen Erwachsene die Zukunft der Jungen eigentlich bis ins Detail vorausbestimmen? Warum wird kindlicher Entdecker- und Erfahrungsdrang so oft in enge Kanäle gezwängt? Müssen Kreativität und Poesie dabei zwangsläufig verlorengehen?

Helenes Vorstellungen entsprechen nicht denen des Berufsberaters (© DEFA-Stiftung/Hartkopf Rambow)
Helenes Vorstellungen entsprechen nicht denen des Berufsberaters (© DEFA-Stiftung/Hartkopf Rambow)

Als Hauptfiguren erfanden die Wolfs das knapp 18-jährige Mädchen Helene und dessen jüngere Schwester Asta, die nach dem Tod des Vaters von staatlichen Behörden an die Hand genommen werden. Während Helene von einer beruflichen Laufbahn als Stewardess oder Model träumt, sich in schicker Kleidung durch die Straßen flanieren sieht, wird sie von einem Berufsberater als Fischverkäuferin in die Markthalle am Alexanderplatz vermittelt – einschließlich Lederschürze und Holzpantinen. Eine nächste Station ist der Exquisit-Salon an der Karl-Marx-Allee, ein Geschäft für Betuchte, aus dem sie wieder hinausfliegt, weil sie mit ihrer direkten Art wohlhabende Besucherinnen verprellt. Dann darf sie als Busschaffnerin ihre Runden drehen, zwischen dicht gedrängten und nicht immer freundlichen Fahrgästen.

Am Ende bricht sie aus jeder Konvention aus. Den in einem Büro versammelten „Erziehungsberechtigten“ erklärt sie, dass sie Clown werden wolle, und verteilt zusammen mit einem Pantomimen auf dem Alexanderplatz Sonnenblumen. Sie schenkt den Menschen ein Lächeln, und endlich lächeln die auch zurück. Für diese Szenen hatte sich Barthel stilistisch an seinerzeit populären modernen Filmmärchen orientiert, etwa an Vittorio De Sicas „Das Wunder von Mailand“ (1951), das Barthel seit seiner Studentenzeit liebte, oder an Vojtěch Jasnýs tschechischer Parabel „Wenn der Kater kommt“ (1963).


„Der Schlimmste von allen“

Als das 11. Plenum tagte, befand sich „Fräulein Schmetterling“ in der Endfertigung. Nachdem die DEFA auf dem Plenum einer ideologischen Generalkritik unterworfen worden war, wurde auch „Fräulein Schmetterling“ nach politischen Verfehlungen überprüft. Die Zensoren gerieten außer sich. Das sei „der Schlimmste von allen“, urteilte der Kulturhistoriker Hans Koch, und entdeckte in „Fräulein Schmetterling“ Entfremdung, Nihilismus, Sprachlosigkeit zwischen den Generationen, kurz: eine vollkommene Diskreditierung der sozialistischen Gegenwart. Als Vorbildfilm für „Fräulein Schmetterling“ glaubten die Hüter der reinen Lehre Ingmar Bergmans „Das Schweigen“ (1963) erkannt zu haben – ein angesichts der Sanftheit von „Fräulein Schmetterling“ geradezu absurder, damals aber wie ein Fallbeil wirkender Vergleich.

Mit dem Berufswunsch Clown entzieht sich Helene den „Erziehungsberechtigten“ (© DEFA-Stiftung/Hartkopf Rambow)
Mit dem Berufswunsch Clown entzieht sich Helene den „Erziehungsberechtigten“ (© DEFA-Stiftung/Hartkopf Rambow)

Nur in den Träumen, so hieß es, seien die beiden Mädchen in der Lage, ihre Wünsche zu realisieren, in der Wirklichkeit sei ihnen das verwehrt. Hinzu kamen die Dokumentaraufnahmen: das unwürdige Gedränge am Fischstand, die plattgedrückten Nasen am Schaufenster des teuren Exquisit-Salons. Als Indiz für die vermeintlich sozialismusfremden Intentionen der Filmautoren galt auch der Name der staatlichen Fürsorgerin, die von den Wolfs und Kurt Barthel Frau Fertig genannt worden war. Heute sind diese Vorwürfe kaum mehr nachvollziehbar; das Verbot des Films, wie vieler anderer Verbotsfilme der DEFA, bedarf einer kulturhistorischen Erklärung.

Zu den Herausforderungen der jetzigen Endmontage gehörte es unter anderem, die Vielzahl authentischer Dokumentaraufnahmen zu raffen und in eine Form und Länge zu bringen, die sich dem Gesamtrhythmus des Films unterordnet. Eine wichtige Aufgabe bestand auch darin, die von Kamerageräuschen überlagerten Originalstimmen der Mitwirkenden zu filtern und zumindest partiell zu erhalten: Carola Braunbock als Tante, Rolf Hoppe als Berufsberater, Lissy Tempelhof als Fürsorgerin, Herwart Grosse als Busfahrer. Andere Stimmen, so auch die der slowakischen Hauptdarstellerin Melania Jakubisková, wurden nachsynchronisiert. Dass dabei keine atmosphärischen Brüche entstanden, sondern das Ost-Berlin der 1960er-Jahre in einer geschlossenen Bild- und Tonmontage wieder auflebt, ist die Frucht sensibler Feinarbeit.

Fräulein Schmetterling“ war nach „Spur der Steine“, „Das Kaninchen bin ich“, „Karla“ und anderen inkriminierten DEFA-Filmen der letzte noch fehlende Baustein zur Verbotsgeschichte des 11. Plenums. Gut, dass es den Film nun in einer spielbaren Endfassung gibt.



Hinweise

Fräulein Schmetterling. DDR 1965/66, Regie Kurt Barthel. Mit Melania Jakubisková, Christa Heiser, Carola Braunbrock, Rolf Hoppe. 118 Min. Anbieter: Icestorm. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.

Als Bonusmaterial enthält die DVD den Dokumentarfilm „Zeitschleifen – Im Dialog mit Christa Wolf“ (1991) von Karlheinz Mund und Daniela Dahn.

Der Autor Ralf Schenk war 2004 an der Herstellung der wissenschaftlichen Dokumentation „Fräulein Schmetterling“ beteiligt.

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