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Endlich Kino! Kino-Neustart nach dem Lockdown

Montag, 14.06.2021

Viele Auflagen, große Vorfreude: Die deutschen Kinos sehnen den Neustart herbei

Diskussion

Nach den langen Monaten des Corona-Lockdowns können die deutschen Kinos wieder öffnen; einige nehmen schon im Juni den Betrieb wieder auf. Großflächig wird der 1. Juli als Startdatum anvisiert. Ohne Sicherheitsregeln wird es nicht abgehen; trotzdem zeigt sich das Gros der Kinobetreiber optimistisch, dass nach der langen kinofreien Zeit der Hunger der Filmfans aufs gemeinsame Erleben so groß und das Filmangebot so attraktiv ist, dass die Kinos wieder erfolgreich durchstarten können. Ein Stimmungsbericht quer durch die Republik.


Nach achtmonatigem Stillstand wegen der Corona-Pandemie scheint sich die Leidenszeit der Kinos in Deutschland dem Ende zuzuneigen. Angesichts sinkender Inzidenzzahlen haben die ersten Filmtheater in Modellprojekten wie in Tübingen und Lübeck sowie in ersten Bundesländern den Betrieb wieder aufgenommen. Als erstes Land erlaubte Bayern ab 10. Mai unter bestimmten Bedingungen die Wiedereröffnung der Kinos, als erstes Lichtspielhaus ging das Manhattan Deluxe in Erlangen an den Start, rasch gefolgt von weiteren Filmtheatern. Inzwischen gaben Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bremen zum 31. Mai grünes Licht, Hamburg zum 11. Juni, Berlin zum 18. Juni und Mecklenburg-Vorpommern zum 21. Juni.


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Als einheitlicher Start ist der 1. Juli geplant

Nun sieht es so aus, als ob die Filmpaläste bald flächendeckend wieder öffnen wollen. Drei Kino- und zwei Filmverleihverbände machen sich jedenfalls für einen einheitlichen Start am 1. Juli stark. Damit hinken die Kinos im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zwar deutlich hinterher; in der Schweiz, Österreich, Großbritannien, Frankreich, Portugal, Schweden oder Dänemark laufen längst schon wieder Filme auf der Leinwand. Doch der Aufruf der Verbände scheint zu fruchten. Christine Berg, die Vorstandsvorsitzende des Verbands HDF Kino, in dem sich die meisten deutschen Kinos zusammengeschlossen haben, geht davon aus, dass zumindest unter unseren HDF-Mitgliedern die meisten Kinos den 1. Juli anpeilen. Die größeren Ketten haben dies zum Teil schon offiziell bestätigt". So hat sich Kinopolis auf den Starttag 1. Juli festgelegt und beginnt ab 15. Juni mit dem Ticketvorverkauf. Die Multiplexkette UCI will sogar schon am 17. Juni loslegen.

Der Termin am 1. Juli erlaube „einen realistischen Vorlauf, um Filme zu bewerben und die Kinos wieder hochzufahren“, so Christine Berg. Gerade bei größeren Filmtheatern sei „der Aufwand doch erheblich, bis man den Betrieb wieder aufnehmen kann“. Auch die Verleiher spielen mit; jedenfalls stellen sie für die Startphase eine Reihe attraktiver Filme in Aussicht.


Die "Sommer-Berlinale" beweist derzeit, wie sehr sich Filmfans aufs gemeinsame Kinoerlebnis freuen (© Imago/Future Image)
Die "Sommer-Berlinale" beweist, wie sehr sich Filmfans aufs gemeinsame Kinoerlebnis freuen (© Imago/Future Image)

Bloß kein Flickenteppich!

Das zentrale Motiv für den gemeinsamen Vorstoß der Verbände bestand darin, einen neuerlichen Flickenteppich unterschiedlicher Wiedereröffnungen zu vermeiden, der im Vorjahr aufgrund unterschiedlich regionaler Vorschriften entstanden war. „Wir dürfen auf keinen Fall ein zweites Mal in die Situation wie nach dem ersten Lockdown kommen. Die Kinobranche ist ein nationaler Markt, der sich von den Folgen der Pandemie nur erholen kann, wenn dem durch die Politik Rechnung getragen wird“, betont die HDF-Chefin.

Ihr Kollege Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender des Programmkinoverbands AG Kino/Gilde deutscher Filmkunsttheater, weist darauf hin, dass es im Unterschied zum Vorjahr gelungen sei, dass sich alle Kino- und Verleihverbände auf einen Termin verständigen. Das Datum 1. Juli sei wie 2020 nur eine Empfehlung. Es liegt nun an den Verbänden, die bestmöglichen Rahmenbedingungen für den Markt zu organisieren.

Bräuer verweist auf gute Erfahrungen in Europa: „Wir sehen im europäischen Ausland, dass überall dort, wo die Kinos gemeinsam öffnen, eine stärkere Aufmerksamkeit entsteht und die Kinos einen größeren Erfolg haben. Das treibt uns an. Doch Deutschland besitzt nicht nur eine föderale Vielfalt, sondern auch eine fragmentierte Kinostruktur. Daher sind einige Kinos schon offen oder werden sicherlich noch vorher öffnen, während andere sagen, dass sich auch der Juli für sie nicht lohnt.“


Der Betrieb muss sich rechnen

Die Kinobetreiber treibt vor allem die Frage um, wie ein wirtschaftlich erfolgreicher Restart gelingen kann. Dahinter steht die Sorge, dass die Corona-Auflagen zu hart sein könnten. Berg nennt dazu einige Eckpunkte: „Wir setzen auf mindestens 50 Prozent Auslastungsmöglichkeiten zum Start. Ansonsten können die Kinos wirtschaftlich nicht tragfähig arbeiten. Damit würden dann neben jedem besetzen Platz - oder zwei Plätzen bei zwei Besuchern - mindestens ein beziehungsweise zwei Sitze freibleiben, und das in einer schachbrettartigen Anordnung. Ein aktuell bereits im CineStar in Lübeck laufender Modellversuch zeigt, dass dies sehr gut funktioniert.“ Außerdem bräuchten die Kinos „aus wirtschaftlichen Gründen unbedingt den Wegfall der Maskenpflicht am Platz, denn sie sind zwingend auf die Erlöse aus dem Verzehr angewiesen“.

Vergleichbare Forderungen erhebt die AG Kino. Auch sie lehnt eine Maskenpflicht am Sitzplatz ab. „Das Publikum will und soll ja auch konsumieren und im Dunkeln ist dies auch nicht kontrollierbar“, sagt Bräuer und betont: „Die Kinos verfügen über bewährte Hygienekonzepte. Dazu zählt auch eine funktionierende Kontaktverfolgung mit validen Daten.“ Als hinderlich betrachtet Bräuer auch eine Testpflicht. „Oftmals erfolgt der Kinobesuch spontan. Der organisatorische Aufwand einer Testpflicht ist enorm. Am Ende wäre die Schlangenbildung das einzig verbleibende Risiko beim Kinobesuch.“ Bräuer hebt vor allem hervor, dass seine Vorschläge „die Sicherheit des Publikums in den Vordergrund rücken“. Berücksichtigt werde aber auch, „dass das Kino - der beliebteste Kulturort in Deutschland - ein sinnlicher Ort ist. Da zählt das Wohlfühlen eindeutig zum Erlebnis.“


Oldenburg geht voran

Nicht alle Lichtspielhäuser wollen bis zum Juli ausharren. Das Arthouse-Kino Casablanca in Oldenburg legt schon am 17. Juni los. Der Geschäftsführer Tobias Roßmann: „Wir wollen unser Publikum nicht länger warten lassen und einige neue Filme sind ja auch schon vor dem 1. Juli verfügbar. Unsere Gäste können sich auf ein attraktives Filmprogramm, darunter die ,Oscar‘-Gewinner „Nomadland“ und „Der Rausch“ freuen. Wir starten allerdings mit einem reduzierten Programm, da in einigen Sälen noch Umbauarbeiten stattfinden.“ Roßmann gibt aber auch zu bedenken: „Eine vorzeitige Öffnung macht sicher nicht für jedes Kino Sinn.“


Einer der Filme, mit denen Kinos im Sommer das Publikum locken: "Der Rausch" (© Weltkino)
Einer der Filme, mit denen Kinos im Sommer das Publikum locken: "Der Rausch" (© Weltkino)

Eine wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen Restart ist eine ausreichende Versorgung mit neuen Filmen. Der Casablanca-Chef ist überzeugt, dass zum Restart genug attraktive Filme vorhanden sein werden. „Ich sehe sogar eher ein Überangebot, das einige Kinos sicher vor Herausforderungen bei der Filmauswahl stellen wird. Entscheidend wird dann der Zuspruch des Publikums sein.“ Roßmann erkennt gute Zeichen, dass die Gäste bald wieder im früheren Umfang in die Säle zurückkehren. „Wir bekommen von vielen Gästen die Rückmeldung, dass sie sich schon sehr auf ihren ersten Kinobesuch freuen. Nach so langer Zeit, in der man fast nichts unternehmen konnte, sehe ich schon eine große Lust, wieder etwas zu unternehmen, sei es der Besuch im Restaurant, im Theater oder eben im Kino.“

Und wie sieht das Corona-Regelwerk in Niedersachsen aus? Roßmann: „Vorgesehen ist ein reduzierter Abstand von einem Meter bei entsprechender Lüftungsanlage. Die Maske darf am Platz abgenommen werden. Eine Testpflicht entfällt bei einer 7-Tage Inzidenz von unter 35, was ja derzeit glücklicherweise der Fall ist. Ich denke, dass sind für den Anfang vernünftige Bedingungen. Mittelfristig müssen die Beschränkungen aber fallen, sonst ist ein rentabler Betrieb nicht möglich.“


Erstmal vorsichtig in Köln

Christian Schmalz, der in Köln das Arthouse-Kino Off-Broadway und das Weißhaus-Kino betreibt, will sich an den 1. Juli halten. Allerdings beginnt er mit einem leicht reduzierten Programm. „Wir starten erstmal mit zwei Vorstellungen pro Saal und schauen dann, ob die Erfahrungswerte etwas mehr zulassen, etwa eine Spätvorstellung.“ Möglicherweise werde man schon vorab für Sonderveranstaltungen wie das Kölner Kurzfilmfestival oder die Allerweltskino-Reihe öffnen.

Den Corona-Stillstand hat Schmalz genutzt, um seine Kinos zu renovieren und neue Klima- und Lüftungsanlagen einzubauen. „Im zweiten Lockdown haben wir uns gefragt, was für die Gäste besonders wichtig ist, wenn die Kinos wieder öffnen. Wir kamen schnell zu dem Schluss, dass die Besucher gerne richtig gute Luft atmen wollen.“

Damit die Kinos die Corona-Krise überstehen, haben Bund, Länder und Filmförderungen etliche Hilfsprogramme aufgelegt. Waren sie zielführend? Schmalz: „Im Großen und Ganzen waren die Hilfen ausreichend“. Auch wenn wegen der vielen unterschiedlichen Regelungen auch mal jemand durch das Rost gefallen sei.

Nachdenklich ist der Kinobetreiber vor allem wegen der langfristigen Folgen der Krise: „Einerseits bin ich froh, dass die Pandemie jetzt langsam abklingt und wir zu einem freieren Leben zurückkehren können. Andererseits wird es ein anderes Leben sein. Diese Ich-will-es-so-haben-wie-es-mal-war-Mentalität wird nicht funktionieren. Die Dinge haben sich in acht Monaten verändert."

Wichtig sei, angesichts der Veränderungen das eigene Kulturmodell neu zu denken. Als Beispiel nennt Schmalz das Online-Ticketing. „Vor der Pandemie war es für Filmkunsthäuser nicht vordringlich, den Verkauf der Eintrittskarten und die Platzreservierung über das Internet zu organisieren.“ Auch im Verhältnis zwischen Verleih und Kino sieht er Reformbedarf. „Es ist nicht mehr nötig, einen großen Film jeden Tag in allen Vorstellungen im größten Saal drei Wochen lang zu zeigen. Wenn wir einen Riesenstau an Filmen haben und die alle gezeigt werden sollen, muss man neue Dispositionsmodelle denken. Die könnte man beibehalten, denn mehr Programmvielfalt ist nun mal publikumsfreundlicher.“


Filmflut nicht nur in Frankfurt

Christopher Bausch, Chef der Arthouse-Kinos Harmonie und Cinema in Frankfurt am Main, will ab Anfang Juli zunächst drei Vorstellungen täglich spielen. Vor der Pandemie waren es vier. Als Hauptgrund führt er an: „Man braucht wegen der Auflagen zum Abstandhalten einfach mehr Zeit, um die Gäste in die Säle rein- und rauszulassen.“

Freut sich auf besucher: das "Harmonie"-Arthousekino in Frankfurt am Main (© Harmonie Arthouse Kino)
Freut sich auf Besucher: das "Harmonie"-Arthousekino in Frankfurt am Main (© Harmonie Arthouse Kino)

Für den Neustart erwartet auch Bausch ein Überangebot an Arthouse-Filmen. „Da ist nicht nur der Filmstau durch den zweiten Lockdown seit dem 1. November, es kommen auch die Titel dazu, die es in der kurzen Zeit von Juli bis November 2020 nicht auf die Leinwände geschafft haben. Wir haben also ein gigantisches Filmangebot, vielfältig und bunt. So etwas habe ich in meinem Berufsleben noch nicht erlebt.“

Bausch gibt sich zuversichtlich, dass die Zuschauer rasch Vertrauen schöpfen. „Wir sind guter Hoffnung, dass die Besucher wieder kommen. Wir beobachten ja in Frankreich und Italien, dass die Leute vor den Kinos Schlange stehen. Wenn ich sehe, wie viele Leute auf unsere Posts reagieren, dass wir am 1. Juli aufmachen, glaube ich, dass wir gute Besucherzahlen haben werden.“

Was das voraussichtliche Corona-Regelwerk angeht, so wünscht sich Bausch zunächst eine Obergrenze von 50 Prozent Auslastung. "Im ersten Lockdown haben wir festgestellt, dass wir mit 25 Prozent Auslastung keinen wirtschaftlichen Betrieb führen können. Selbst wenn man das Personal reduziert, kriegt man das nicht hin. Die Corona-Auflagen bringen ja auch einen höheren Aufwand mit sich, etwa durch das Desinfizieren. De facto erzielt man daher kaum Einsparungen.“

Dagegen könne man mit einer Auslastung von 50 Prozent auf eine schwarze Null kommen, sagt Bausch. „Warum nicht mehr? Weil wir die Sicherheit für Mitarbeiter und Gäste gewährleisten wollen“, so Bausch. Nach einer erfolgreichen Probephase wäre er froh, wenn es im Herbst mehr werden würden. „Wir wissen ja auch noch nicht, wann wir endlich wieder mit 100 Prozent Filme zeigen können.“


Bisher nur wenige Kinoschließungen

Heiß diskutiert wird derzeit auch, wie groß der Schaden ist, den die Corona-Pandemie in der deutschen Kinolandschaft anrichtet. Die deutsche Kultur- und Kreativwirtschaft hat im Vorjahr einen Umsatzrückgang von 22,4 Milliarden Euro erlitten. Das ergab ein aktuelles Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages. Am gravierendsten waren die Teilmärkte Filmwirtschaft, darstellende Kunst und Kunstmarkt betroffen, die auf das Umsatzniveau von vor 17 Jahren zurückfielen.

Was die Kinobranche angeht, so hält sich der Schaden bislang offenbar in Grenzen. „Zum Glück mussten bisher nur acht Kinos den Betrieb einstellen“, sagt Christine Berg. „Das zeigt auch, dass die staatliche Unterstützung an vielen Stellen doch sehr gut gegriffen hat.“ Dennoch seien die Reserven der Kinobetreiber jetzt aufgebraucht. „Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir einen erfolgreichen Neustart hinlegen, um wirtschaftlich schnell wieder Tritt zu fassen“.

Auch bei den Arthouse-Kinos haben die Finanzhilfen von Bund, Ländern und Filmförderungen Schlimmeres verhindert. „Bislang wirken die Förderprogramme zum Glück wie Schwimmflügel. Nur in wenigen Ausnahmefällen gab es Schließungen; das hatte dann in der Regel auch andere Gründe“, erklärt der AG Kino-Chef Christian Bräuer, der jedoch zu bedenken gibt: „Entscheidend ist jetzt, dass die Kinos auch nach der Wiedereröffnung so gestützt werden, dass sie nicht gleich der erste stärkere Gegenwind umstößt.“


Starke Streamer-Konkurrenz

Unter Druck stehen die Kinos zusätzlich durch die Streaming-Portale, die in der Pandemie viele Abonnenten hinzugewonnen haben. Während vielfach schon der Tod der Filmtheater vorhergesagt wurde, zeigen sich die Kinomacher eher optimistisch. Christian Schmalz glaubt, dass „die acht Monate Corona-Stillstand dem Publikum klar gemacht haben, dass eine Riesenlücke entstanden ist. Nach dieser langen Zeit werden es die Menschen wieder schätzen, sich mit anderen zu treffen und gemeinsam Kultur zu erleben und damit auch Filmkunstkino.“

Sein Kollege Tobias Roßmann meint: „Ich kenne viele unserer Gäste, die schauen sich gerne mal eine Serie oder einen Film auf Netflix an, gehen aber auch gerne und oft ins Kino. Ich denke, da zeichnet sich eine friedliche Koexistenz ab.“

Auch Christopher Bausch zeigt sich gelassen. „In unserem Bereich der Filmkunst zeigen wir viele deutsche und europäische Filme; da sehe ich erstmal keine Probleme. Wir können aus sehr vielen Filmen auswählen. Ich erwarte sogar, dass die Streaminganbieter nicht mehr die gigantischen Zuwachszahlen bei den Abos haben werden, wenn die Kinos weltweit wieder öffnen. Die müssen sich erstmal auf eine Delle einstellen, denn die Leute haben die Serien rauf- und runtergesehen, die wollen wieder raus und gemeinsam etwas erleben."

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