© 2021 Sami Kuokkanen/Aamu Film Company (aus „Hytti Nro 6“)

Cannes und die Frauen

Dienstag, 13.07.2021

Femininer Aufschlag: Ein Zwischenbericht vom 74. Cannes Festival

Diskussion

Auffallend viele Filme des Wettbewerbs in Cannes kreisen um weibliche Hauptfiguren oder sind aus deren Perspektive erzählt. Das verändert die Filme und ihren Blick auf die Welt, so, als erhielte das Licht Spektralfarben zurück, die viel zu lange vermisst wurden.


Cannes und die Frauen: Das ist kein einfaches Kapitel für das Festival an der Croisette, wo Filmemacherinnen vor allem im Wettbewerb auch 2021 wieder gnadenlos unterrepräsentiert sind und wo auf dem roten Teppich noch immer streng auf Etikette geachtet wird. Smoking und Fliege sind obligatorisch; für die weibliche Begleitung gilt: je extravaganter und weniger, desto augenfälliger. Daran haben auch „Me Too“ und der 2018er-Protest mit Agnès Varda an der Spitze nicht viel geändert. Dennoch könnte die US-Cartoonistin Alison Bechdel stolz sein, wenn sie die Wettbewerbsfilme mit dem von ihr initiierten Bechdel-Test unter die Lupe nähme: Auffällig häufig sind Frauen die Hauptfiguren, die sich in einer von Männern dominierten Welt behaupten und die Verhältnisse ein Stück weit nach ihren Vorstellungen umgestalten.


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Nanni Moretti stellt Margherita Buy vor eine existenzielle Entscheidung

Prominentestes Beispiel ist gerade Nanni Moretti und sein neuer Film „Tre Piani“, in dem der italienische Autorenfilmer, der auch eine der Hauptrollen spielt, als versteinerter Patriarch so von gestern wirkt, dass er irgendwann sogar ganz aus dem Film verschwindet. Der von ihm verkörperte Richter und seine Frau (Margherita Buy) haben einen missratenen Sohn, der im trunkenen Zustand eine Passantin totfährt und mit dem Auto anschließend in das Haus crasht, auf das im Titel angespielt wird. Der Sohn landet für fünf Jahre im Gefängnis, die Familie zerbricht endgültig, und die Mutter muss sich entscheiden, ob sie bei ihrem Ehemann bleibt oder weiter zu ihrem Sohn hält.


Margherita Buy in "Tre Piani" (© Alberto Novelli)
Margherita Buy in "Tre Piani" (© Alberto Novelli)

Moretti braucht nicht viele Momente, um die destruktiven Muster anzudeuten, die hinter dieser zerstörerischen Familienstruktur stecken. Ihn interessiert nicht die Beschreibung, sondern die Veränderung. Der Richter ist dazu nicht mehr in der Lage, wohl aber seine Frau. Der Film verschafft sich in zwei Zeitsprüngen Luft und verliert sich nicht im Nachzeichnen von Entwicklungen, sondern konstatiert Resultate. Deshalb trägt Margherita Buy am Ende Farbe und stellt ihre Selbstgespräche mit dem Anrufbeantworter ein, auf dem ihr Mann noch immer einen Rückruf in Aussicht stellt.

Der markanteste Moment einer anderen Perspektive ist allerdings eine Szene, in der sich ein weiteres Ehepaar aus dem vornehmen römischen Haus streitet, dessen Bewohner wenig miteinander zu tun haben. Der Mann (Riccardo Scamarcio) ist von der fixen Idee besessenen, dass ein dementer Nachbar seine siebenjährige Tochter sexuell missbraucht haben könnte. Dafür gibt es keinerlei Hinweise, wie ihm seine Frau mit Engelsgeduld immer wieder erklärt; doch als die Situation neuerlich eskaliert, hält sie mitten im Verkehr an und wirft ihn kurzerhand aus dem Auto. Überdies hat sie die Größe, sich nach Tagen des Zerwürfnisses zu entschuldigen – während er sich immer weiter in seinem Wahn verliert.


Sean Penn inszeniert die Geschichte eines männlichen Versagens aus Perspektive einer Tochter

Was Moretti in seiner eher nüchternen, unsentimentalen Art entfaltet, gibt es auch mit einer Portion Pathos und der inszenatorischen Power eines gut budgetierten US-Dramas: In „Flag Day“, rückt Sean Penn neben sich selbst auch seine beiden Kinder Dylan Penn und Hopper Jack Penn ins Zentrum, um die Geschichte eines männlichen Versagens zu erzählen, entwickelt aus der Perspektive der Tochter, die nicht wahrhaben will, dass ihr gottgleicher Dad sich die Welt so zurechtlügt, wie er sie gerade braucht. Penn findet in der Titelmetapher des am 14. Juni gefeierten US-Sternenbanners ein visuell wie narrativ glänzendes Motiv, da der Protagonist all die Paraden und Feuerwerke des Festtages euphorisch für sich reklamiert und diesem Größenwahn auch dann nicht entkommt, als es mit ihm immer weiter abwärtsgeht.


"Flag Day" (2021 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc.).
"Flag Day" (2021 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc.).

Unglücklicherweise ist der „Flim-Flam Man“ die interessantere Figur; doch am erzählerischen Fokus der immer wieder getäuschten Tochter ändert dies nichts. Diesen übernimmt Sean Penn aus der dem Film zugrunde liegenden Literaturvorlage, dem autobiografischen Buch „Flim-Flam Man“ von Jennifer Vogel. Auch fürs Road Movie „Hytti Nro 6“ des finnischen Regisseurs Juho Kuosmanen, das quer durch den Westens Russlands bis ins eisige Murmansk führt, hat eine Autorin, Rosa Liksom, die Vorlage geliefert und damit die weibliche Erzählperspektive vorgegeben. Die Finnin Laura (Seidi Haarla) lässt in Moskau eine ambivalente Affäre zurück und quartiert sich für Tage in einem Zugabteil ein, das sie mit einem kahlgeschorenen Minenarbeiter (Juri Borisow) teilen muss. Der will im volltrunkenen Zustand auch gleich wissen, ob sie käuflich sei. Doch dann entpuppt sich der junge Arbeiter mit der Narbe am Kopf bei aller Ruppigkeit als einer, der das Herz auf dem rechten Fleck hat und seinem Gegenüber mit Neugier und Respekt begegnet.

Der im CinemaScope-Format größtenteils im beengten Reisezug gedrehte Film ist durchgängig aus Lauras Sicht erzählt, die am äußersten Ende des Kontinents frühzeitliche Steinzeichnungen, sogenannte Pedroglyphen, studieren will, die man dann aber kaum zu Gesicht bekommt. Denn die Erlebnisse auf dem Weg durch die winterliche Landschaft sind viel aufregender, bei denen sich die zwei Fremden Schritt für Schritt näherkommen. Die Klasse von „Hytti Nro 6“ liegt darin, wie Kuosmanen diese Annäherung entwickelt, die weder zwangsläufig noch zufällig ist, sondern aus kleinen Wahrnehmungen und Aufmerksamkeiten entsteht.


Zwischen Komödie und Krankenhausdrama: „La Fracture“ von Catherine Corsini

Noch zwei Filme aus dem Wettbewerb, die mit Nachdruck und Erfolg aus der Perspektive weiblicher Protagonistinnen erzählt sind: „La Fracture“ von CatherineCorsini und „Lingui“ von Mahamat-Saleh Haroun. Bei Corsini werden die gewalttätigen Auseinandersetzungen der Gelbwesten im Frühjahr 2019 aus der Sicht eines älteren lesbischen Paares (Valeria Bruni Tedeschi, Marina Foïs) geschildert, das sich in einer Notaufnahme in Paris nicht nur mit Verletzten, sondern auch mit der Gewalt selbst konfrontiert sieht, als Demonstranten mit Tränengas bis in die Klinik verfolgt werden. Der Film ist eine durchtriebene Gratwanderung zwischen Komödie und Krankenhausdrama, mal atemlos, mal zum Lachen komisch, was viel an der kunstvollen Hysterie von Valeria Bruni Tedeschi liegt, die sehr geschickt den bürgerlichen Blick des Publikums mit der Wut und Energie der „Gilets Jaunes“ kreuzt, ohne sich anzubiedern. Wortlastig geht es um Macron, Le Pen und den Klassenkampf; aber auch um den desolaten Zustand des öffentlichen Gesundheitssystems oder in Gestalt einer schwarzen Krankenschwester (Aissatou Diallo Sagna) um die stille Größe von Menschen, die mehr als ihre Pflicht tun.

"La Fracture" (© CHAZ Productions)
"La Fracture" (© CHAZ Productions)

Auffällig ist, dass von vier Protagonisten nur einer ein Mann ist, ohne dass daraus gleich eine „feministische“ Sicht resultieren würde. Dennoch ändert sich die Erzählung schon allein dadurch, dass Frauen im Zentrum stehen, die sich beispielsweise neben allem anderen auch noch um ihre Kinder kümmern müssen. Auch bei Mahamat-Saleh Haroun und „Lingui“ ist dieser Wechsel das entscheidende Moment: über die Verhältnisse im Tschad mit Blick auf und aus dem Blick von Frauen zu erzählen. Es geht um eine alleinerziehende Mutter, die sich und ihre heranwachsende Tochter mit schwerer (Männer-)Arbeit über Wasser hält, bis die Tochter das gleiche Schicksal wie sie selbst erleidet und schwanger wird.

„Lingui“ hat in Cannes nicht viele Freunde gefunden, weil der Film einfach gestrickt und über Strecken auch recht simpel erzählt ist. Doch er mündet in einem fast märchenhaften Happy End, was das Premierenpublikum so lange zu Standing Ovations hinriss, bis die Filmcrew ihre Rührung kaum mehr in Zaum halten konnte. Der afrikanische Geschlechter-Clash ist durch „Lingui“ um eine wichtige Nuance reicher.

Unterm Strich können diese Verschiebungen innerhalb der Erzählungen kein Ersatz oder gar eine Entschuldigung für das Missverhältnis der Geschlechter in der Filmwelt sein, aber sie geben eine Richtung vor und zeigen auf, wie wohltuend es ist, wenn Filme nicht primär um Männer, sondern um Frauen kreisen. Damit taucht Cannes noch lange nicht in lila Farbe; wohl aber erhält das Licht Spektralfarben zurück, die man viel zu lange vermisst hat.

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