© Lobster Films ("Le clair de terre")

Guy Gilles und das Kino der Entwurzelung

Dienstag, 24.08.2021

Über den französischen Filmemacher Guy Gilles, der derzeit mit einer kleinen Filmreihe beim Streamingdienst MUBI zu entdecken ist

Diskussion

Der 1938 in Algerien geborene Guy Gilles machte im Frankreich der 1960er- Jahre mit eigenwillig-poetischen Filmen auf sich aufmerksam, brachte es aber international nie zu dem Ruhm wie die Filmemacher der Nouvelle Vague. Drei seiner frühen Regiearbeiten, die einen eindrücklichen Einblick sein Werk geben, sind jetzt beim Streamingdienst MUBI zu entdecken.


Unter dem Titel „Das verlorene Meisterwerk“ präsentiert MUBI derzeit drei Spielfilme des französischen Regisseurs Guy Gilles. Der Begriff eines „verlorenen“ Werks weist filmhistorisch allerdings in die falsche Richtung, denn ‚verlieren‘ lässt sich nur etwas, das man zuvor besessen hat. Doch in Deutschland sind Gilles’ Werke so gut wie unbekannt; seine Filme kamen zu ihrer Zeit nicht in die Kinos. Sie sind also nicht abhandengekommen — sie wurden gar nicht besessen. Trotz Preisen auf Filmfestivals, trotz der Fürsprache von Prominenten wie Marguerite Duras oder Jeanne Moreau, trotz einer großen Sehnsucht nach dem Süden und dem Mittelmeer, die sein Werk durchaus bedient, blieb Guy Gilles hierzulande ein Unbekannter.


Sich findende und wieder verlierende Paare

Bereits in seinem ersten langen Spielfilm „L’amour à la mer“ aus dem Jahr 1965 finden sich Motive und Themen, die Gilles’ Filme so unverwechselbar im modernen Kino machen. Die Liebe ist zu Beginn schon eine Erinnerung. Nachdem sie sich während der Ferien in Deauville das erste Mal trafen und sich verliebten, wartet Geneviève (Geneviève Thénier) in Paris auf den Matrosen Daniel (Daniel Moosmann). Sie verbringen einen Sommer zusammen in der Stadt, der unter dem Zeichen des baldigen Abschieds steht. Daniel wird in Brest stationiert; Geneviève will auf ihn warten. Schon der erste Brief gelingt Daniel nicht so ganz. Die Zeit vergeht, es wird Herbst und Winter; der Frühling beginnt, Briefe werden geschrieben und gelesen.

Geneviéve Thénier, Daniel Moosmann in "L'amour a la mer" (Lobster Film)
Geneviéve Thénier, Daniel Moosmann in "L'amour a la mer" (© Lobster Film)

Gilles’ faszinierende poetische Kraft liegt in der Inszenierung der verstreichenden Zeit, wie Daniel und Geneviève sie je für sich erfahren. Für seine männlichen Hauptfiguren ist Paris keine Stadt der Ankunft, sondern des Aufbruchs und des Verlassens.

Ähnlich wie Daniel ist auch Jean in „Au pan coupé“ ein Unruhiger, der es nicht mehr in der Metropole Paris, in der seine Freundin Jeanne (Macha Méril) lebt, aushält. Auf seinem ziellosen Weg findet er rasch einen rätselhaften Tod am Stadtrand von Lyon, von dem Jeanne nichts erfährt. In beiden Filmen entwickelt Gille eine experimentelle Farbdramaturgie. Er lässt die Bilder zwischen Farbe und Schwarz-weiß nach einem Schema alternieren, das nicht holzschnittartig offenkundig ist. In „L’amour à la mer“ mag man zunächst an eine farbliche Zuordnung von Zeitebenen denken, wie sie Otto Preminger prominent in „Bonjour Tristesse“ eingesetzt hat: Die Gegenwart ist in Schwarz-weiß, die Flashbacks sind in Farbe.


Die Farbe transzendiert die graue Monotonie

Doch auch in ihrer Gegenwart erleben Geneviève und Daniel je für sich Momente in Farbe, wenn sie eigene Sehnsüchte und Wünsche zulassen oder wenn es ihnen gelingt, aus ihrem Alltag gedanklich auszubrechen. Die Welt wird in diesen Momenten lebenswerter, der Blick liebevoller. In „L’amour à la mer“ transzendiert die Farbe die gräuliche Monotonie in Paris. Der film ist jedoch bar jeder Sentimentalität: Gemeinsame Momente in Farbe erleben Daniel und Geneviève nicht.

Der Einsatz von Farbe erscheint in „Au pain coupé“ auf den ersten Blick holzschnittartiger, da offenkundiger: die Gegenwart ohne Jean ist schwarz-weiß. Eine Transzendenz des Alltags ist für die einsame Jeanne nicht möglich, sie hat Jean verloren, und die Erinnerungen bieten ihr kaum Halt. Jean existiert in „Au pain coupé“ nur in bunten Bildern; meist bewegt er sich in seinem dekorierten Zimmer oder in Gärten. Gilles setzt die Farbe sowohl dramaturgisch als auch symbolisch ein. Schwarz-weiß wird zur Negation der Lebenskraft. Ein Zwischentitel beantwortet eine Frage von Jean: „Nein, Jean, es gibt keine schwarzen Blumen.“


Details wie unter einem Brennglas

Für die alleingelassene Frau scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Bewegungen zerfallen in einzelne Momente, die durch langsame Überblendungen ineinandergefügt werden. Statt Handlungen fängt Guy Gilles - nicht nur in diesem Film - gewöhnliche, meist übersehene Details wie unter einem Brennglas ein: Risse in einer Hauswand, modernde Holztüren, aufgereihte Gläser in einem Bistroregal. Hinter den kurzen Momenten der gesteigerten Aufmerksamkeit für Nebensächliches liegt das vergebliche Bemühen, Augenblicken Beständigkeit zu geben.

Neben Macha Méril, die auch kurzerhand die Produktion von „Au pain coupé“ übernahm, tritt in der Rolle des rastlosen und melancholischen Jeans Patrick Jouané nach einer Nebenrolle in „L’amour à la mer“ in der Hauptrolle bei Gilles auf. Er ist eine Art Muse für ihn. Die zentrale Bedeutung Jouanés für den Regisseur wird 1970 durch die Besetzung in „Le clair de terre“ deutlich, der von der Reise eines jungen Mannes namens Pierre von Paris nach Nordafrika erzählt, das er als Kind zusammen mit seinem Vater nach dem Tod der Mutter verlassen hat.

Von Paris nach Nordafrika: "La clair de terre" (Lobster Film)
Von Paris nach Nordafrika: "La clair de terre" (© Lobster Film)

Der Film beginnt mit einer Touristenführung durch Paris, unterbrochen von Postkartenansichten. Der touristische Blick bedingt ein ständiges Unterwegssein, die französische Hauptstadt ist kein Ort der Ankunft, sondern des Durchreisens. Ein Ankommen ist in der ehemaligen Kolonie aber auch nur für einen Moment möglich. Dennoch ist „Le clair de terre“ wohl der leichteste und auch der leuchtendste Film der zusammengestellten MUBI-Auswahl.


Autobiografische Einflüsse

„Le clair de terre“ handelt von der Suche nach der verlorenen Kindheit und einem verlorenen Leben. Offenkundig hat Guy Gilles‘ parallele Arbeit an einem Dokumentarfilm über Marcel Proust („Proust, l'art et la douleur“) Spuren im Drehbuch hinterlassen. Wie kaum ein anderer seiner Filme ist „Le clair de terre“ autobiografisch beeinflusst, was der Kritiker Jacques Siclier für jeden von Gilles’ frühen Filmen betont.

Dabei geht es nicht um eine nacherzählte Lebensgeschichte, sondern um persönliche Erfahrungen, die sich in den Figuren wiederfinden. In diesem Sinne gelang Gilles ein emblematisches (Früh-)Werk der Nouvelle Vague im Sinne der Forderung von François Truffaut, dass Regisseure ein „Kino der ersten Person“ kreieren müssten, in dem sie erzählen, was sie erleben. Gilles’ frühe Filme korrelieren mit einem Gefühl der Entwurzelung, der melancholischen Sehnsucht nach etwas Verlorenem.

1958 verließ der 20-jährige Gilles Algerien und zog nach Frankreich. Er teilte die Erfahrung vieler als „pieds noirs“ bezeichneter Franzosen, die die sich in die Unabhängigkeit kämpfende Kolonie verließen. Gilles ist aber nicht nur ein Flüchtender, er kam nach Paris, um Filmemacher zu werden. Dort traf er auf François Reichenbach, dessen konzentriert-ruhiges Kino heute ebenso im Schatten der großen Namen der Nouvelle Vague steht wie das von Guy Gilles.

Bei dem gemeinsamen Dreh von „Histoire d'un petit garçon devenu grand“ traten die Differenzen zwischen den beiden Filmemachern offen zu Tage. Während Reichenbach sich dem Stil des „cinéma vérité“ verpflichtet fühlte, schwebte Gilles ein Film aus einzelnen Fotografien vor, wie ihn später Chris Marker mit „La Jetée“ („Am Rande des Rollfelds“) verwirklichen sollte.

Szene aus "Proust - L'art et la douleur" (Lobster Film)
Szene aus "Proust - L'art et la douleur" (© Lobster Film)

Trotz des Bruchs mit dem Dokumentaristen blieben Dokumentarfilme und semi-fiktionale Werke ein wichtiger Teil von Gilles Schaffen. Sein Kurzfilm „Le Journal d'un combat“ („Tagebuch eines Kampfes“, 1964), in dem er den schöpferischen Prozess des Malers Francis Savel von der weißen Leinwand über die Zeichnung der Konturen bis zum fertigen Gemälde beobachtete und Alain Delon den Kommentar einsprechen ließ, ist kürzlich als Bonus auf der DVD „Gleichungmit einem Unbekannten“ (Anbieter: Salzgeber) erschienen.

„Le Journal d’un combat“ ist kein Zufallsprodukt, sondern ein Gilles-Film: Während draußen in Schwarz-weiß das monotone Leben in Paris dahinrauscht, entsteht in einem langsamen Prozess die farbliche Welt des Malers. Ohne die Fernsehproduktionen und Kurzfilme wäre Gilles’ Werk kaum denkbar, da nach den Spielfilmen der 1960er-Jahre die Finanzierung von Kinofilmen für ihn immer schwieriger wurde. Er drehte an das französische Polar-Kino und den Film noir angelehnte Werke, kehrte noch einmal zu Patrick Jouané zurück, dessen Körper von einem exzessiven Leben gezeichnet war, und drehte 1995 in den Studios der Cinecittà den ägyptischen Peplum „Nefertiti, la fille du soleil“ mit der ehemaligen Miss Europe Michela Rocco di Torrepadula und Ben Gazzara. 1996 starb Gilles an Aids in Paris.

Eingedenk der vielen Umwege und Hindernisse, der verpassten Anerkennung und dem ungebrochenen Willen zum Filmen sind die drei frühen Filme, die aktuell bei MUBI zu sehen sind, von einer Aura des verpassten Aufbruchs umgeben. Dieses Werk gilt es endlich zu entdecken!


Hinweise

Zu den Filmen von Guy Gilles beim Streamingdienst MUBI

Für Interessierte ohne MUBI-Abo: Die Filme „Au pan coupé“, „Le clair de terre“ und „L'amour à la mer“ sind 2020 in restaurierter Fassung beim französischen Label Lobster Film auf DVD/BD erschienen.

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