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Serie: Modern Love - Staffel 2

Mittwoch, 25.08.2021

Die zweite Staffel der Anthologie-Liebesserie erkundet zeitlose Dynamiken und aktuelle Probleme zwischenmenschlicher Beziehungen – und zwischendurch auch um den Einfluss von Corona auf die Liebe

Diskussion

Zugfahrten können nervig sein. Menschen drängen sich vorbei, schmatzen mit ihren geruchsintensiven Snacks, telefonieren lautstark über Sitzreihen hinweg oder verlieren sich in ihren Displays. Für die Studentin Paula (Lucy Boynton) ist ein gutaussehender Mann (Kit Harington) der einzige Lichtblick auf einer Zugfahrt nach Dublin. Der setzt sich zuerst aber nicht zu ihr. Nach einer Weile sind Paula und der Beau aber allein im Abteil. Sie kommen ins Gespräch, obwohl beide unterschiedlicher nicht sein könnten. Paula ist Mediävistin, Michael arbeitet in der Tech-Branche. Sie ergründet die komplexe Vergangenheit, er vereinfacht die komplexe Gegenwart. Doch eine der bewährten Regeln von Liebeskomödien besagt, dass Gegensätze sich anziehen. Aus dem Gespräch wird ein Flirt, und am Ende der Reise sind die Verliebten sich ihrer so sicher, dass sie nicht einmal Telefonnummern tauschen.

Before Lockdown

Draußen aber macht ein Virus namens Corona die Runde und lässt die Menschen schneller als sonst von den Bahnsteigen davoneilen. Durchsagen weisen auf Sicherheitsmaßnahmen hin. Paula und Michael halten das Ganze für übertrieben. In ein paar Wochen wird die Panik vorbei sein, und sie werden sich am Bahnhof wiedertreffen. Das mutet nach eineinhalb Jahren Corona-Pandemie ziemlich naiv an! Auf die Turteltäubchen wartet in der Folge „Fremde im Zug“ das monotone Gefühl des ersten Lockdowns, der aus Zoom-Fitnessvideos und Filmmarathon-Abenden besteht. Paula verbringt die Zeit bei ihrer Mutter, Michael bei einem Kumpel, der ihm die romantische Idee eines Wiedersehens mit Paula auszureden versucht. So etwas passiert doch nur in Linklaters „Before“-Trilogie; in der Realität ist ein Wiedersehen von zwei Fremden nahezu unmöglich, wenn Ausgangssperren herrschen und der persönliche Radius höchst begrenzt ist.

Fremde im Zug“ erzählt charmant, wie die aktuellen Umstände der Pandemie Einfluss auf das Liebesleben nehmen. Die meisten anderen Folgen der zweiten Staffel von „Modern Love“ konzentrieren sich eher auf die zeitlose Dynamik von Beziehungen. Die acht in sich geschlossenen Episoden, die erneut auf Kolumnen der „New York Times“ basieren, spielen abwechselnd in New York und in England. Die schwächeren Episoden bergen nette, aber wenig überraschende Erkenntnisse; in der Auftaktfolge „Die Straßen des Lebens“ etwa die Geschichte einer Frau, die den Oldtimer ihres verstorbenen Mannes verkaufen will; am Ende leuchtet ihr aber ein, dass Gegenstände durchaus einen emotionalen Wert haben.

Love Happens

Generell besteht die größte Gemeinsamkeit der präsentierten Liebesgeschichten darin, dass sie mit einem positiven Gefühl enden. In „Zweisamkeit in Einsamkeit“ treffen sich zwei ehemalige College-Freunde wieder. Damals hatte der Womanizer die Gefühle, die die Freundin für ihn hegte, ignoriert; sie hatte sich schüchtern zurückgehalten. Jetzt im Alter, sie ist mittlerweile eine erfolgreiche Komikerin über Dating-Probleme, zeigt er Reue; die beiden lächeln sich an. Einer Versöhnung (und einer möglichen Beziehung) steht nichts mehr im Weg.

Genauso ergeht es zwei Schülerinnen in der Folge „Bin ich...? Das Quiz“, die ihre Sexualität und ihre Zuneigung entdecken. Zwei der acht Folgen zeigen queere Beziehungen, die nicht extra betont, sondern selbstverständlich erzählt werden, sodass sich aus den Geschichten allgemeingültige Fragen ableiten lassen. In „Wie hast du mich in Erinnerung?“ wird ein Date von zwei Männern rekapituliert, wobei sich die Sichtweisen der beiden auf das Treffen in Details sehr unterscheiden. Die eine Version leuchtet magisch, die andere bleibt nüchtern. Der Kniff besteht darin, dass keine der beiden Versionen einem der beiden Männer zugeordnet wird. So bleibt das zufällige Wiedersehen auf einem Spaziergang ambivalent. Beim Vorbeigehen tauschen sie lediglich Blicke aus. Wie groß kann die Diskrepanz der Erinnerungen sein? Und gilt das auch für die Wahrnehmung der Liebe?

Date mit einer Vampirin

Dass Beziehungen meistens ungleich sind, aber im besten Fall ins Gleichgewicht gebracht werden können, umspielt die Folge „Von Eulen und Lerchen“. Darin daten eine Zeichnerin und ein Lehrer bei einem Abendessen, wobei sie sich ein Rührei bestellt. Die nächsten Male treffen sie sich ebenfalls abends. Das ist an sich nichts Besonderes, doch die Frau erzählt über sich im Voice-Over: „The moon is my sun and the sun is my moon“. Sie arbeitet ausschließlich nachts und schläft tagsüber. Vermutlich ist die Frau eine Vampirin. Doch die Erwartung an eine Mensch-Vampir-Romanze wird unterlaufen. Die Zeichnerin erklärt ihrem Freund, dass sie ein medizinisches Problem habe. Bluttrinken sieht man sie nicht. Stattdessen verschläft sie das Mittagessen (Sonne!) mit der Mutter des Lehrers. Daraufhin trennt sich das Paar.

Von Eulen und Lerchen“ wandelt sich zu einer metaphorischen Erzählung darüber, wie Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Befindlichkeiten schwer zusammenleben und den Alltag meistern können. Doch weil „Modern Love“ immer eine Lösung parat hat, ist auch dem Tagmenschen und der Nachtschwärmerin eine Chance vergönnt!

Filmdetails
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