© Filmwelt Verleihagentur/Sant&Usant/V. Kossakovsky/Egil H. Larsen ("Gunda")

Die Empathie-Maschine

Donnerstag, 26.08.2021

Bemerkungen zum Mitgefühl (im Kino) anlässlich des Kinostarts von "Gunda", der auf ungewöhnliche Weise die Tiere eines Bauernhofs nahebringt

Diskussion

Macht uns das Kino zu besseren Menschen, indem es uns in andere Menschen und Kreaturen hineinversetzt? Anlässlich des Kinostarts des Dokumentarfilms "Gunda", der auf ungewöhnliche Weise am Leben von Schweinen, Hühnern und anderen Tieren eines Bauernhofs Anteil nehmen lässt, stellt sich die Frage, wie es um die Macht des Kinos bestellt ist, Tiere mit neuen, empathischeren Augen sehen zu lassen.


Der Dokumentarfilm „Gunda“ von Victor Kossakovsky vermag so manches auszulösen, was unter anderem daran liegt,dass er zwei ganz grundlegende Fragen stellt, eine an das Leben und eine an dasKino, beide schwer trennbar. Die das Leben betreffende Frage hängt mit demVerhältnis von Mensch und Tier zusammen, jene an das Kino mit dem Mitgefühl.Für 93 Minuten widmet sich „Gunda“ einigen Tieren auf einem Bauernhof:hauptsächlich einer Sau samt ihrem Nachwuchs, Kühen und einer einbeinigenHenne. Kossakovsky zeigt diese Lebewesen in einer radikalen Fiktion. Seine Bilder sparen die Menschen größtenteils aus. Es wirkt fast so, als würden diese Tiere auf sich alleingestellt leben. Das entspricht natürlich nicht der Wirklichkeit, hilft aber dabei, anderes auf diese Lebewesen zu schauen.


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Der Vorschlag des Filmemachers lautet: Befreien wir diese zynisch benannten „Nutztiere“ aus der Abstraktion, zeigen wir, wer sie sind und was sie fühlen, bevor sie geschlachtet werden. Kossakovskys Beweisführung steht auf wackeligen, aber mitreißenden Beinen, denn sie setzt darauf, dass man die Lebenswürde und womöglich gar die inneren Regungen der Tiere sehen kann, dass man mit ihnen fühlt und das Grauen erkennt, dass wir ihnen antun (selbst wenn der Bauernhof hier keinem Massenvernichtungslager gleicht wie anderswo beschrieben oder bebildert, etwa in Georges Franjus Schlachthoffilm „Das Blut der Tiere). Über „Gunda könnte man sagen, was Orson Welles einst über „Kein Platz für die Eltern von Leo McCarey sagte: der Film würde einen Stein zum Weinen bringen.

Da das Kino als entscheidendes Medium des 20. Jahrhunderts gilt, erübrigen sich folgende Fragen eigentlich: Hat uns das Kino zu besseren Menschen gemacht? Macht uns das Kino zu besseren Menschen? Dennoch können sie gestellt werden. Manchmal hilft es schon, zu scheitern. Diese Fragen sind zu groß für einen einfachen Text, und genauso ist es mit dem Mitgefühl. Ohnehin blitzen im Kino oft die großen, entscheidenden Themen auf und vergehen wieder, werden also nie ganz greifbar, auch nicht in machtlosen Texten wie diesem, die alles, was zu persönlich und lebensnah scheint, in Abstraktion und Allgemeinheiten überführen. Vielleicht eine Erinnerung daran, dass wir letztlich doch immer allein vor einem Film sitzen und die überbetonten sozialen, gesellschaftlichen und politischen Aspekte einer gewissen Konstruktion unterliegen.

Da dies aber nun einmal so ist und sich das Thema des Mitgefühls (auch gegenüber den Tieren) im Kino aufgedrängt hat, folgen Bemerkungen für einen Text, der erst geschrieben werden muss.

Wer sich einen Überblick verschaffen möchte über die begrifflichen Fehldeutungen und philosophischen Grundideen zu Mitgefühl, Mitleid, Empathie oder Sympathie im Kino, dem sei das Werk „Empathie im Film. Perspektiven der Ästhetischen Theorie, Phänomenologie und Analytischen Philosophie von Malte Hagener und Ingrid Vendrell Ferran (Hrsg.) empfohlen.

Hier soll es eher um andere Themen gehen:

Der US-amerikanische Filmkritiker Roger Ebert hat das Kino einmal als Empathie-Maschine bezeichnet. Eine gewagte These für ein Medium, dass genauso gut (oder besser) Hass propagieren kann.

Mitgefühl ist auch im Kino immer eine Wahl. Man kann, wie es in Scorseses „Goodfellas einmal heißt, mit den Bösewichten fühlen, man kann sich nicht berühren lassen, man kann mit einzelnen Figuren oder einem möglichen Paar fühlen, aber auch mit dem Film selbst, den Filmemacherinnen, der Musik, einem kleinen Detail oder mit dem Menschen, mit dem man ins Kino gegangen ist. Es gibt dafür keine Regeln.

Bedeutung der Nahaufnahme für das Mitgefühl: Wir sehen (in „Gunda“) der Sau in die Augen, und in den Augen erkennen wir (uns?). Noch wichtiger könnte der Blick durch die Augen der Sau sein, dann sieht man die Welt durch die Augen eines anderen Wesens. Dadurch, so der Gedanke, kann man den Anderen besser verstehen. Ideal des Kinos: den Anderen kennenlernen, den Fremden in uns entdecken.

"Gunda" (© Filmwelt Verleihagentur / Sant & Usant/V. Kossakovsky/Egil H. Larsen)
"Gunda" (© Filmwelt Verleihagentur/Sant & Usant/V. Kossakovsky/Egil H. Larsen)

Eine Andere sehen und mit ihr fühlen. Geht das? Das würde zumindest Offenheit erfordern. Wie ist es mit Tieren, Dingen, dem ganzen Planeten? In der Novelle „Das Leben der Tiere“ von J. M. Coetzee heißt es einmal: Wenn man mit Figuren fühlen kann, die es gar nicht gibt, kann man auch mit Tieren fühlen.

Das Mitgefühl mit einem Tier - wie in „Gunda - ist gleichzeitig sehr einfach (Anthropomorphismus, man denke nur an all die Animationsfilme) und unmöglich (die Schwierigkeit, sich in ein Tier hineinzuversetzen); kein Gleichgefühl möglich, ohne Imaginationsarbeit. Man spricht von poetischer Imagination.

Man liest oft von der Zärtlichkeit des Blicks. Eine Filmemacherin würde sich der Welt oder ihren Figuren zärtlich nähern. Man muss achtgeben, dass es vor lauter Zärtlichkeit überhaupt noch einen Blick gibt. Einfühlsamkeit kommt mit einer ganzen Grammatik daher: Musik, Nahaufnahme, menschliche Geste. Das hat nichts mehr mit blicken zu tun und eigentlich auch nicht mit Mitgefühl.

Manchmal sieht man weniger, weil man fühlt (Liebe macht blind, sagt der Volksmund).

Ist Mitgefühl steuerbar, etwa durch den Einsatz sentimentaler Musik? Es gibt sicher Signale, auf die medienkonsumierende Menschen trainiert werden.

Idee: sich Filme ansehen, um zu sehen, wie es jemandem geht. Gibt es das? Vielleicht in den Filmen von Tsai Ming-liang, in denen seit 30 Jahren dieselben Figuren kommen und gehen.

Kann man mit der Kamera lieben? Es ist schwer vorstellbar, man kann wohl eher begehren. Mitgefühl als Form der Liebe, nicht der Lust. Das hat auch immer damit zu tun, wer blickt und wer Mitgefühl hat. Manchmal reicht es, wenn man Mitgefühl auf der Leinwand sieht, um selbst mitzufühlen. Manchmal mögen die Filmemacherinnen mitfühlen, der Zuschauer aber nicht. Manchmal fühlt man mit und weiß gar nicht weshalb.

Mitgefühl ist überbewertet im Kino. Eigentlich geht es zuvorderst darum, etwas wahrzunehmen. Was man dabei fühlt, ist eine ganz andere Frage. Vielleicht wäre es besser oder zumindest ein Anfang, von Demut zu sprechen. Es geht doch um den Respekt vor jenen, die man sieht oder filmt. Es könnte darum gehen, die Menschen nicht bloßzustellen, sie ernst zu nehmen. Aber es kommt auch vor, dass man „Feinde“ filmt und kritisch blickt.

Dann gibt es jene, die sich kein Mitgefühl erlauben in ihren Filmen (die sich überhaupt in Zurückhaltung bezüglich ihrer persönlichen Gefühle üben): Cristi Puiu oder Ulrich Seidl sind Beispiele im zeitgenössischen Kino. Der möglichst neutrale Blick hat großen Wert. Er fordert die Zuschauerin heraus, sich zu positionieren, wenn man es denn möchte.

Im Kinematografischen an sich (man denke an Lumière) ist eigentlich gar kein Platz für den kunstvollen, fühlenden Blick eines Autors. Stattdessen ein Verhältnis zwischen Welt und Kamera, in dem Mitgefühl nur ein Filter wäre.

Überbetonung von Freundschaft und Empathie bei Dokumentarfilmemacherinnen. Es scheint heute wichtig (wahrscheinlich aus einem postkolonialistischen Abwehrreflex heraus), dass Filmemacher mit ihren Protagonisten befreundet sind, vor allem dann, wenn diese keine professionellen Schauspieler sind.

Kann man auch Filme drehen, um zu zeigen, dass einem etwas gleichgültig ist?

Müdigkeit des Mitgefühls: bewirkt durch Reizüberflutung (zu viele Bilder, die Mitleid erzeugen sollten oder wollen). Ständiger Bedarf nach Mitgefühl überall. Wer nicht mitfühlt, begeht ein moralisches Verbrechen?

„Denn gäbe es ein böswilliges Wohlwollen, was freilich unmöglich ist, dann könnte auch der, welcher wahrhaft aufrichtiges Mitleid hegt, wünschen, es gäbe Leidende nur zu dem Zwecke, Mitleid empfinden zu können. So kann also ein Schmerz wohl gebilligt, nie aber darf er geliebt werden.“ (Augustinus)

"Gunda" (© Filmwelt Verleihagentur / Sant & Usant/V. Kossakovsky/Egil H. Larsen)
"Gunda" (© Filmwelt Verleihagentur/Sant & Usant/V. Kossakovsky/Egil H. Larsen)

Viele sehen sich selbst auf der Leinwand. Erkennen sie sich nicht, fehlt ihnen etwas. Können sie nur mit sich selbst fühlen?

Trotzdem fühlen wir ja selten wirklich das gleiche wie die Figuren oder die Tiere auf der Leinwand. Wir erahnen eher und wollen sie beispielsweise beschützen, damit sie nicht so leiden, wie wir ahnen, dass sie leiden würden.

Das Kino kann einen auf das Schlimmste im Leben vorbereiten. Man fühlt mit kranken, sterbenden, verlassenen, einsamen, tragischen Figuren und ahnt, wie sich der Schmerz anfühlen wird.

Darin liegt ein Wert des Mitfühlens im Kino. Der andere hat damit zu tun, dass man mit Menschen aus fremden Welten, Opfern, Tätern fühlen kann.

Bedeutung des Verständnisses: Kein Mitgefühl ohne Verstehen? Es gibt ein Verständnis ohne Verstehen.

Die Frage der Sorge: die Ahnung vom Gefühl der Anderen (auch der Tiere) bedeutet mehr, als schlicht das gleiche zu fühlen, denn aus ihr erwächst Verantwortung, während aus dem Gleichgefühl nur Betroffenheit entsteht.

Wenn es zur Kunst gehört, über die allgemeine Wahrnehmung hinauszugehen, dann gibt es eine Notwendigkeit, dort mitzufühlen, wo Mitgefühl normalerweise versagt wird: also zum Beispiel bei einem Schwein, einem Nutztier.

Das Kino ist dafür gemacht, Mitgefühl für die Sprachlosen zu wecken, weil es - im Gegensatz zur Literatur - nicht an Sprache gebunden ist. In George Millers „Happy Feetwird diese Sprachlosigkeit überwunden. Das kräftigste, mitfühlendste Bild des Films ist dennoch jenes des Pinguins, der in die Gesichter der ihn anstarrenden Menschen im Zoo blickt.

Es gab immer Filme und Dichterinnen, die uns beibrachten, zu fühlen.

Der Zoo ist ohnehin Siedepunkt des seltsamen Verhältnisses der Menschheit zum Mitgefühl mit Tieren und gleichermaßen eine Analogie zum Kino. Frederick Wiseman hat darüber mit „Zoo einen Film gedreht. Unser absurder Versuch, ein Leben in Gefangenschaft (vor einer Kamera) zu einem Leben zu machen. Rechtfertigung dadurch, dass es keine Nicht-Gefangenschaft mehr gibt auf dieser Welt. Der Zoo existiert als künstlicher Raum, der uns Mitgefühl lehren kann (oder Ignoranz, denn wann bedenken wir der Tiere, die im Zoo sind, wenn wir nicht im Zoo sind?).

Es ist weitaus schwieriger (und weniger medienwirksam), Mitgefühl für Schweine aufzubringen als für Pandas. In diesem Sinn gehört das Mitgefühl zur gleichen Industrie wie das Kino: einer Industrie der oberflächlichen Schönheit. Dem Zuschauer wird eigentlich gar nicht zugetraut, sich einzufühlen. Alles wird schon zubereitet, ganz so, als wäre Mitgefühl einfach.

In Filmen ist oft die Idee des Tieres wichtiger als das Tier selbst. Auch bei Kossakovsky, der sich sehr auf Mutterschaft und Gefangenschaft stürzt. Auf der anderen Seite betont er das animalische Sein der Tiere, das Fleisch, das uns diese Fremdheit erfahrbar macht. Man kann fühlen, wie es ist, dort mit den Schweinen zu sein. Ähnliches ließe sich in Bezug zu Kühen über „Cow“, den jüngsten Film von Andrea Arnold, sagen.

Mitgefühl gegenüber Tieren ist auch eine Geste der Überlegenheit. Ich habe dich besiegt, jetzt tust du mir leid.

Ist Mitgefühl genug? Oder beruhigt es nur das Gewissen? Ja, wir sind innerlich noch nicht abgestorben, wenn wir zu Tränen gerührt werden, bevor wir wieder alles vergessen und weiterleben, als wäre nichts passiert. Daran zu glauben, dass ein Film Menschen verändern kann, wäre naiv.

Was bringt den Figuren (und Tieren) unser Mitgefühl im Kino?

Kann uns eine Sau, die panisch auf dem Boden schnüffelnd nach ihren eben zur Schlachtung entfernten Kindern sucht, verändern? Ich denke, ja.

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