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Trügerische Gewöhnlichkeit - Matt Damon

Sonntag, 05.09.2021

Eine Annäherung an den Schauspieler Matt Damon, der wie kaum ein anderer die Kunst der Zurückhaltung beherrscht und seine Figuren auf sympathische Weise erdet

Diskussion

Der 1970 geborene Matt Damon ist seit seinem Durchbruch mit „Good Will Hunting“ in den 1990er-Jahren einer der großen Hollywood-Stars. Dabei hat seine Star-Persona nichts Aufdringliches, vielmehr beherrscht er wie kaum ein anderer aktueller US-Schauspieler die Kunst der Zurückhaltung. Seine Figuren sind oft vorbildhaft, erscheinen aber nie überlebensgroß, sondern ganz alltäglich und auf sympathische Weise geerdet. Eine Annäherung an das Geheimnis des Darstellers, der aktuell in Stillwatereinen Vater im Kampf für seine inhaftierte Tochter spielt.


Der Schauspieler James Stewart äußerte einst: „Eine der wichtigsten Dinge, die man beachten muss, wenn man schauspielt, ist zu vermeiden, dass man das Schauspiel sieht.“ Ein vernünftiger Ratschlag, könnte man meinen, aber so ganz hat er uns nicht gerettet vor zahllosen übertriebenen Monologen und sich im Bild abspielenden Kämpfen um Aufmerksamkeit und Ruhm. Den jungen Matt Damon aber scheint diese Formulierung erreicht zu haben, denn er folgt ihr strengstens und ist vielleicht auch deshalb zu einem der ganz großen Filmstars der vergangenen 30 Jahre aufgestiegen.

Mit dem Start seines jüngsten Films Stillwater, in dem der Schauspieler einen konservativen Vater aus Oklahoma verkörpert, der für seine in Marseille inhaftierte Tochter kämpft, scheint es längstens an der Zeit, die Karriere des Darstellers zu betrachten. Schließlich ist aus dem jungenhaften Helden aus Good Will Hunting (1997) vor den Augen des Kinopublikums ein vom Leben gezeichneter Vater geworden. Wie in kaum einer anderen Schauspielerkarriere jüngerer Machart gibt es keine Zäsur, keinen versuchten Imagewandel, kein Comeback, keine großen Skandale (wenn man von diversen, etwas weltfremden Aussagen in Interviews absieht, die ihn vor allem in den Sozialen Medien immer wieder in Kritik geraten lassen) und schwierige Phasen. Alles baut schön und logisch aufeinander auf, eine Musterkarriere, fast langweilig.

In „Stillwater“ spielt Matt Damon einen Bohrarbeiter, der die Unschuld seiner Tochter beweisen will (© Universal)
In „Stillwater“ spielt Matt Damon einen Bohrarbeiter, der die Unschuld seiner Tochter beweisen will (© Universal)

Betont alltägliche Figuren

Es stimmt schon, dass man manchmal sogar vergisst, dass Matt Damon in einem Film mitgespielt hat. „Ich will nicht, dass die Menschen Matt Damon sehen“, äußerte er jüngst gegenüber der „New York Times“ und zeigte damit einmal mehr, wie sehr er sich das Diktum von James Stewart, aber auch das seines Vorbilds Gene Hackman einverleibt hat. Hinzu kommt, dass Damon oftmals jene bodenständigen, alltäglichen, weißen Männer der Mittelklasse verkörpert, die das Hollywoodkino bis vor kurzem unangefochten dominierten. Figuren, die darauf angelegt sind, gewöhnlich zu sein, damit sich ein Großteil der anvisierten Zuschauerschaft mit ihnen identifizieren kann. Heute sinkt die Nachfrage nach solchen Figuren in Hollywood. Das liegt an einem politischen Umdenken, aber vor allem an der Dominanz von großen Flagship-Produktionen, in denen Damon jenseits der Jason-Bourne-Filme kaum auftaucht.


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Dieser Mann, der so sehr aussieht wie alle anderen, dass er in einer Welt, in der jeder nach seinen Spiegelbildern sucht, 2007 zwangsläufig zum „Sexiest Man Alive“ gewählt wurde, lächelt wie ein sympathischer Nachbar, er spricht wie der Arzt, zu dem man gerne geht, seine blassblauen Augen strahlen Vertrauen aus, und nichts an ihm könnte auf den ersten Blick irritieren oder faszinieren. Damon ist der personifizierte Alltag, und so wurde er auch oft besetzt. Denn wenn diesem Mann etwas zustößt, dann geht uns das alle an!

Vom sorgenden Vater im lauwarmen Familienfilm Wir kaufen einen Zoo über den vorbildlichen Rugbyspieler Francois Pienaar in Clint Eastwoods Invictusoder den vom Leben deprimierten, verlassenen Ehemann in Alexander Paynes Downsizingbis im Angesicht der Coolness seiner Kollegen überforderten Taschendieb in der „Ocean’s“-Reihe behält sich Damon eine beinahe rationalistische Erdung. Die Ratio ist dem Banalitätskünstler auch deshalb so nahe, weil er – ein Erbe seines Durchbruchs als Will Hunting in dem Film, der ihm gemeinsam mit Ben Affleck den „Oscar“ für das beste Drehbuch einbrachte – Intelligenz in der Star-Persona besitzt. In so unterschiedlichen Filmen wie Der Marsianer – Rettet Mark Watney, Der talentierte Mr. Ripleyoder Departed – Unter Feindenspielt Damon überdurchschnittlich intelligente Figuren.

Zurückgelassen auf dem Mars, entwickelt Matt Damons Astronaut in „Der Marsianer“ eine Überlebensstrategie (© IMAGO / Everett Collection)
Zurückgelassen auf dem Mars, entwickelt Matt Damons Astronaut in „Der Marsianer“ eine Überlebensstrategie (© IMAGO / Everett Collection)

Nachvollziehbare Überlegenheit

Vor allem als alleiniger Marsbewohner findet Damons Figur für fast jede Handlung eine wissenschaftliche Erklärung. Statt der reinen Muskelkraft, die er durchaus auch zu bedienen weiß, entscheidet der Kopf über Leben und Tod. Solches Wissen ist erstmal alles andere als gewöhnlich, mögen manche einwenden, aber Damon lässt es gewöhnlich erscheinen. Seine Figuren handeln nie larger than life; wenn sie mehr wissen oder können, dann, weil sie trainiert wurden, und wenn sie moralisch verwerflich handeln, dann aus Angst oder Abhängigkeiten. Die irrationalste Szene im gesamten Oeuvre von Matt Damon findet sich daher in einem Sketch des Late-Night-Hosts Jimmy Kimmel, mit dem Damon seit vielen Jahren eine Running-Gag-Fehde austrägt, bei der es darum geht, dass Kimmel dem Star untersagt, in seiner Show aufzutreten. Im Sketch rund um einen „Handsome Men’s Club“, in dem nur die schönsten Männer ihrer Zunft zugelassen werden, verdrängt Damon Kimmel als Vorstand mit einer heimtückisch geplanten Meuterei und fällt am Ziel seiner Träume in ein superböses Lachen, das – und schon sind wir wieder auf dem Boden der Tatsachen – nur der Imagination Kimmels entspringt.

Aber auch der Boden der Tatsachen kann unterschiedlich verlegt werden, und Damon hat im Lauf der Jahre unglaublich viele Nuancen im Gewöhnlichen gefunden. Er beherrscht fast sämtliche Genres, kann den passiv-unscheinbaren Arbeiter genauso verkörpern wie den heldenhaften Actionstar, den lustigen Anarcho, den beliebten Politiker, den sorgenden Familienvater genau wie den tragischen Einzelgänger. Obwohl Damon immer gewöhnlich erscheint, verwandelt er sich mit jedem Film vollkommen.

Filmemacher setzen diese Fähigkeit ein, um von doppelbödigen Figuren zu erzählen, bei denen das scheinbare Normalo-Dasein nur ein Trugbild ist, hinter dem sich Abgründe und kriminelle Machenschaften verbergen. Robert De Niros Der gute Hirte ist ein solcher Film, Der Informant, Departed - Unter Feinden oder Suburbicon auch. In Christopher Nolans Interstellarspielt der Schauspieler besonders eindrücklich mit seinem Image und gibt seiner Figur aus Der Marsianereine neue, korrupte Wendung. Vor allem in Scorseses herausragendem Gangsterfilm „Departed – Unter Feinden“ spielt Damon derart fies, dass der von Jack Nicholson gemimte Massenmörder fast menschlich daherkommt. Die doppelten Identitäten, die Lügen und karriereorientierten Managerqualitäten fügen sich zu einem zeitgemäßen Bild des gewöhnlichen Bösen, das immer dann gewinnt, wenn es schnell und opportunistisch denkt.

Wie in „Departed“ kann Matt Damons Alltäglichkeit auch Abgründe verbergen (© Warner Bros.)
Wie in „Departed“ kann Matt Damons Alltäglichkeit auch Abgründe verbergen (© Warner Bros.)

Konfrontiert mit den Veränderungen der Welt

Auf der anderen Seite seines Spektrums wählt Matt Damon viele Rollen, die sich um Nachhaltigkeit und Umweltschutz drehen. Wenn man so möchte, ist es das, was den Auteur Damon interessiert. Filme wie Downsizing, Der Marsianer – Rettet Mark Watneyoder seine famose Sprechrolle als Bill der Krill in Happy Feet 2lassen ein Engagement des Schauspielers durchscheinen. Dass er dieses oft anhand eher konservativer Figuren erzählt, macht seinen Beitrag umso wertvoller. Wie auch in Stillwaterblüht Damon in der Rolle des einfachen Mannes auf, der mit den schnellen Veränderungen und neuen Notwendigkeiten der Welt konfrontiert wird. Seine Figuren beweisen Widerständigkeit und Flexibilität, aber sind nicht frei von Zweifeln, Ängsten oder Versagen. Wie in Le Mans 66 – Gegen jede Chanceverkörpert er auch ein komplexes, gebrochenes Selbstbild der USA. Man wundert sich nicht, dass Damon zweimal vor der Kamera Clint Eastwoods stand, schließlich finden sich die beiden in solchen Themen. Allgemein arbeitet Damon häufiger mit den gleichen Filmemachern: Steven Soderbergh, George Clooney, Paul Greengrass oder Gus van Sant.

Da Damon alles tut, um zu verstecken, dass er spielt, ist es schwer, auf bestimmte Ticks oder Techniken hinzuweisen. Einzig sein ausgeprägter Hang, in Szenen gleichzeitig zu sprechen und zu essen, muss angeführt werden. Er kaut sowohl in lustigen als auch in tragischen Szenen, er beißt, um jemand einzuschüchtern oder seinen Charme spielen zu lassen. Man würde gerne so essen können wie Damon, der in der mühelosen Beiläufigkeit dieser existenziellen Tätigkeit ein Pendant zur gespielten Gewöhnlichkeit findet. Zwar kann er von der Art, wie er das Besteck hält, über das Kauen bis zum Schlucken sämtliche Schritte des Essvorgangs steuern, aber etwas entwischt auch ins Unterbewusstsein seiner Figur, es sind die automatisierten Prozesse, in denen sich ganz freudianisch die tieferen Wahrheiten der Figuren offenbaren. Jene Wahrheiten, die von Schauspielern, nicht aber von den Figuren gespielt werden können.


Das vieldeutige Lächeln als Starmerkmal

Die andere Seite dieser Medaille ist sein Lächeln, vielleicht sein wirkliches Starmerkmal. Es ist gleichermaßen falsch und aufrichtig, einnehmend und entfremdend. Oft kommt es selten, aber plötzlich und enthält eine ganze Lebensgeschichte. Es kann alles sein und wenn man genau schaut, dann lässt sich dasselbe auch für die Blicke, die Schritte oder die Art und Weise, ein Lenkrad zu halten, sagen. Allerdings fordert Damon selten ein, dass man ihn wirklich ansieht. Eher verlangt er, dass man sich vorstellt, man wäre er. Er ist einfach da, bereit, die Story zu tragen, und das gibt und raubt ihm gleichermaßen Charisma. In mancher Hinsicht entspricht das Schauspiel Damons dem unsichtbaren Schnitt Hollywoods; beiden geht es um die nahtlose Erfahrung einer geschlossenen Welt, die uneingeschränkte Identifikation sucht.

Die Jason-Bourne-Reihe bietet Matt Damon die Rolle eines zwiespältigen Helden (© Universal)
Die Jason-Bourne-Reihe bietet Matt Damon die Rolle eines zwiespältigen Helden (© Universal)

Die scheinbare oder tatsächliche Identitätslosigkeit seiner Figuren, die so sehr einlädt, sich selbst auf der Leinwand zu entdecken, kann sich auch in innere Dramen transformieren. So gehören die Bourne-Filme, in denen der titelgebende Agent über lange Zeit nach seiner Identität sucht, zu den dunkelsten Filmen des Schauspielers. In ihnen zeigen sich Narben, die nur vom Bewegungskino zugenäht werden können. So wird gesprungen, gekämpft und gerannt, um endlich leben zu können. Aber meistens so, dass selbst hier der Boden der Tatsachen nicht wirklich verlassen wird. Damons Bourne ist kein Superheld, weder körperlich noch moralisch. Es ist auch nicht immer möglich, ihn zu mögen.

Noch eindrücklicher verharrt die Abwesenheit von Identität in Gus van Sants Gerry, einem kontemplativen Wüstentrip, in dem sich zwei Freunde in einer Wüste verlaufen. In den endlosen, von der Sonne verformten Perspektiven verwandelt sich die Landschaft in eine innere Verlorenheit, und was man glaubte zu sehen, wird radikal hinterfragt. Damon ist der perfekte Schauspieler, wann immer man jemanden sucht, bei dem alles so ist, wie es scheint, und er ist der perfekte Schauspieler, wann immer man jemand sucht, bei dem nichts so ist, wie es scheint.

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