© IMAGO / Prod. DB (aus „Le Magnifique“)

Le Magnifique

Dienstag, 07.09.2021

Zum Tode von Jean-Paul Belmondo (9.4.1933-6.9.2021)

Diskussion

Sein breites Lächeln und ein ungebrochener Tatendrang kennzeichneten den französischen Schauspieler Jean-Paul Belmondo bis ins hohe Alter, auch eine sympathische Herzlichkeit und der kleine Schalk in den Augenwinkeln. Der Draufgänger verzauberte mit seiner locker-dreisten Art Filmkunst- wie Unterhaltungsregisseure und spielte sich in die Herzen des Publikums. Am Montag, 6. September 2021, ist er im Alter von 88 Jahren in Paris gestorben.


Adrien Dufourquet ist eigentlich komplett im Ferienmodus. Acht Tage Urlaub hat der Soldat, die er mit seiner Verlobten Agnès in Paris verbringen will, doch aus der Erholung wird nichts. Als Agnès von Entführern in ein Auto gezerrt wird, hechtet der Augenzeuge Adrien aus einem Fenster auf die Straße, braust ihnen mit einem Motorrad hinterher – und wird für den Rest von Philippe de Brocas „Abenteuer in Rio“ permanent in Bewegung sein. Nach dem Motorrad sind es Autos, Flugzeuge und Fahrräder, auf denen sich Jean-Paul Belmondo in oft wahnwitzigem Tempo in diesem Film vorwärtsbewegt. Er springt mit dem Fallschirm ab und balanciert auf Baustellen oder an Hauswänden entlang über schwindelnde Abgründe, wenn er nicht gerade die Verfolgung beziehungsweise Flucht schwimmend oder rennend fortsetzen muss.

„Abenteuer in Rio“ war 1964 der Film, der das Star-Image des jungen Jean-Paul Belmondo zementierte: Ein niemals stillstehender Draufgänger, der auf der Leinwand in einer Weise hyperaktiv agierte, wie es wohl seit Douglas Fairbanks in der Stummfilmzeit kein Schauspieler mehr gezeigt hatte, dazu wie dieser bereit, seine tollkühnen Stunts auch noch selbst auszuführen. Zugleich aber machte Belmondo nie den Eindruck, als würde er in der Tradition von Fairbanks oder Errol Flynn diese Herausforderung auf die leichte Schulter nehmen; sein Held Adrien – und auch das wurde mit diesem Film ein Markenzeichen – wirkt vielmehr beständig überrascht von all den Widrigkeiten auf dem Weg zu seinem Ziel. Oft sieht er sogar alles andere als heldenhaft aus, wenn es ihn mit einem seiner Fahrzeuge aus Kurven reißt, er sich mühsam über Mauern wuchtet, durch Staub wälzt und immer wieder erschöpft eine Station erreicht, wo ihn alsbald die nächste anstrengende Aufgabe erwartet; unverdrossen ist allein das breite Lächeln, mit dem er dem Publikum signalisiert, dass es sich auf seinen ungebrochenen Tatendrang weiterhin verlassen kann.

Ein Held, der seine gute Laune nicht verliert: Jean-Paul Belmondo in „Abenteuer in Rio“ (© IMAGO / Prod. DB)
Ein Held, der seine gute Laune nie verliert: Jean-Paul Belmondo in „Abenteuer in Rio“ (© IMAGO / Prod. DB)


Das Schauspielern lag ihm im Blut

Das außergewöhnlich körperliche Spiel lag Jean-Paul Belmondo offenkundig im Blut. Die frühen Träume des 1933 geborenen Sohns des Bildhauers Paul Belmondo von einer Karriere als Boxer lebte der Schauspieler vor der Kamera aus, wo er regelmäßig auch die Fäuste sprechen ließ. Doch auch seine Art, in einem historischen Abenteuerfilm wie de Brocas „Cartouche, der Bandit“ (1962) mit dem Degen umzugehen, war kaum mit seinen heroischen Leinwand-Vorgängern zu vergleichen. Bei Belmondo wurden Fechtszenen zu frechen, ironischen Demonstrationen einer Fertigkeit, die man einem offensichtlich nicht dem Adel, sondern dem einfachen Volk entstammenden Heißsporn gar nicht zugetraut hätte. Der augenzwinkernde Kontakt zum Publikum war dabei kein Bruch der Illusion, sondern quasi unabdingbar, die immer weitere Steigerung – bis hin zur bewussten Selbstparodie späterer Belmondo-Filme wie Le Magnifique“ (1973) und „Ein irrer Typ“ (1977) – konsequente Zuspitzung.

Wie wichtig dem Schauspieler Jean-Paul Belmondo die Gunst der Zuschauer war, hat er in zahlreichen Interviews betont. Nicht nur in seinen populären Unterhaltungsfilmen, sondern auch in seiner Zusammenarbeit mit einigen der angesehensten Filmkünstlern Frankreichs war das ebenso unübersehbar. Wenn er in Jean-Luc Godards Filmen „Außer Atem“ (1960) und „Elf Uhr nachts“ (1965) die „vierte Wand“ durchbricht und vorgeblich das Publikum im Kinosaal anspricht, ihm Fragen stellt oder es auch beleidigt, ist das weit mehr als ein ironischer Bruch mit den Kino-Gepflogenheiten.

Während der direkt in die Kamera gerichtete Blick von Jean-Pierre Léaud am Ende von „Sieküssten und sie schlugen ihn“ (1959) für die sensible Seite der gerade aufkommenden „Nouvelle Vague“ stand, spiegelten Belmondos locker-dreiste Art und seine schnoddrigen Sprüche deren raue, anarchistische Elemente wider, ohne dass Belmondo – und damit auch die hinter ihm stehende filmische Bewegung – dabei unsympathisch gewirkt hätten. Sein unbekümmerter Lebenskünstler nahm schnell für sich ein, wozu sein auffallendes Gesicht viel beitrug. Die als Folge seiner Boxambitionen gebrochene Nase, die wulstigen Lippen und die etwas schiefstehenden Augen waren von seinen Lehrern auf der Schauspielschule noch als Hindernis betrachtet worden, jemals Liebhaber- oder überhaupt Hauptrollen spielen zu können; das Aufbruchskino ab den späten 1950er-Jahren, das keine glatten Helden mehr wollte, fand in Belmondos charismatischem Aussehen hingegen die optimale Verkörperung.

Mit 27 Jahren wird Belmondo in „Außer Atem“ zur Ikone (© StudioCanal)
Mit 27 Jahren wird Belmondo in „Außer Atem“ zur Ikone (© StudioCanal)


Rasante Karriere, großes Rollenspektrum

So gelang Jean-Paul Belmondo nach einigen Jahren als Nebendarsteller – etwa als Störenfried einer bourgeoisen Familie in Claude Chabrols „Schritte ohne Spur“ (1959) – mit dem ikonischen Auftritt als kleiner Ganove und Bogart-Verehrer in „Außer Atem“ 1960 der Durchbruch. Von da an schien er ein Jahrzehnt lang nicht mehr zur Ruhe zu kommen, so begehrt war er unter Filmemachern. Neben den Nouvelle-Vague-Filmern spannten ihn auch Vertreter des Publikumskinos ein, etwa Henri Verneuil, der in „Ein Affe im Winter“ (1962) mit Belmondo und Jean Gabin die Stars zweier Generationen zum höchst effektiven Duo vereinte, aber auch Philippe de Broca oder Jacques Deray.

Zugleich war Jean-Paul Belmondo zu Beginn seiner Karriere sehr daran interessiert, sich nicht auf einen Rollentyp festzulegen. Schon Claude Sautets „Der Panther wird gehetzt“ (1960), nur wenige Wochen nach „Außer Atem“ gestartet, bot ihm eine andere Spielart des jungen Möchtegern-Ganoven; im selben Jahr erschien er als bebrillter Intellektueller neben Sophia Loren in „Und dennoch leben sie“, 1961 bewies er in Jean-Pierre Melvilles „Eva und der Priester“ als Geistlicher im Glaubenskampf mit einer atheistischen Kommunistin die Gabe für sensibles, zurückhaltendes Spiel, auf die Melville auch bei zwei weiteren gemeinsamen Filmen setzen konnte. 1966 war Belmondos in Louis Malles „Der Dieb von Paris“ ein nachdenklicher Einbrecher aus Leidenschaft, 1969 für Truffaut ein überraschend passiv der von Catherine Deneuve verkörperten Glücksritterin gegenüberstehender Unternehmer in „Das Geheimnis der falschen Braut“. In den 1970er-Jahren fand er mit Alain Resnais in „Stavisky“ (1974) für das Porträt des gleichnamigen Finanzbetrügers zusammen, das ihm eine faszinierende Variation seiner energetischen Leinwandauftritte erlaubte: Eine Figur voller Charme und großer Gesten, die sich selbst von dem Eindruck blenden lässt, den sie auf andere machen will, und die vorgetäuschte Größe für echt hält.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Jean-Paul Belmondo die Zahl seiner Filmauftritte im Vergleich zu den 1960er-Jahren bereits stark reduziert; zudem hatte er mit „Cerito Films“ eine eigene Produktionsfirma gegründet. Beides machte ihn noch sensibler für das Verhalten der Zuschauer und ließ ihn finanzielle Einbußen – etwa mit „Stavisky“ – stärker empfinden. Als Reaktion wurden seine Rollen nun gleichförmiger, mit dem vorherrschenden Typus von Teufelskerlen, denen bei zahlreichen Großstadt-Western ab „Angst über der Stadt“ (1974) oder in Weltkriegs-Abenteuern wie „Das As der Asse“ (1982) auch die unmöglichsten Herausforderungen spielend gelangen. Damit konnte Belmondo lange darauf zählen, nicht nur die Verbrecher der Filme einzufangen, sondern auch seine Zuschauer.

Seit den 1970er-Jahren setzte Belmondo mehr und mehr auf Unterhaltungsfilme wie „Borsalino“ (© IMAGO / Allstar)
Seit den 1970er-Jahren setzte Belmondo vor allem auf maßgeschneiderte Unterhaltungsfilme wie „Borsalino“ (© IMAGO/Allstar)


Rückkehr ans Theater

Als die Reihe der Kassenerfolge mit dem Flop von „Der Profi 2“ (1986) ein abruptes Ende nahm, kehrte der Schauspieler nach über 25 Jahren ans Theater zurück und gewann mit den Paraderollen als Jean-Paul Satres Kean und als Cyrano de Bergerac sein Publikum wieder. Auch seine letzten prägnanten Kinoauftritte waren Männer, die fast aufgegeben hatten, sich dann aber doch noch mal ins Leben zurückkämpften, wie in den Filmen von Claude Lelouch, „Der Löwe“ (1988) und „Les Misérables“ (1995).

Gesundheitliche Probleme, insbesondere ein schwerer Schlaganfall im Jahr 2001, führten dazu, dass Jean-Paul Belmondo sich aus dem Kinogeschäft zurückzog. Ein letztes Mal trat er 2008 für „Ein Mann und sein Hund“ vor die Kamera, fand damit aber keine Gnade mehr bei Kritikern und Fans. Von denen brauchte er aber auch keine neuen mehr, denn die Verehrung des liebevoll „Bébel“ genannten Schauspielers war nicht nur in seinem Heimatland ungebrochen. In seinen letzten Jahren erhielt er zahlreiche Ehrungen für sein Lebenswerk, unter anderem bei den Festivals von Cannes und Venedig sowie bei den „Césars“. Bei öffentlichen Auftritten zeigte Jean-Paul Belmondo noch immer sein markantes Lächeln und seine Herzlichkeit. Am 6. September 2021 starb der ewig energiegeladene Darsteller in Paris.

Eine Altersrolle als Millionär, der noch einmal von Null anfängt, spielte Belmondo in „Der Löwe“ (© IMAGO / Prod. DB)
Eine Altersrolle als Millionär, der noch einmal von Null anfängt, spielte Belmondo in „Der Löwe“ (© IMAGO / Prod. DB)

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