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Komprimierte Gefühle: Online-Dating im Kino

Mittwoch, 27.10.2021

Die Beziehung des Kinos zum Online-Dating ist kompliziert, weil Tinder, Grindr & Co. Filme inszenatorisch vor größere Herausforderungen stellen. Gleichzeitig reizt der digitale Flirt durch seine Entgrenzung von On und Off

Diskussion

Es ist mittlerweile eine weitverbreite Form der Beziehungssuche, über Internet und Apps potenzielle Gegenüber kennen zu lernen und mit ihnen zu kommunizieren. Der gesellschaftliche Blick aufs Online-Dating bei Tinder, Grindr & Co. ist gleichwohl ambivalent, was sich auch in Filmen widerspiegelt, die sich damit beschäftigen. Oft führen Online-Beziehungen im Kino zu realen Verbindungen, doch manchmal lotet es spielerisch auch andere Möglichkeiten aus. Erkundungen im Netz des Online-Datings im Kino.


„Nun, die Dinge werden momentan ziemlich ernst“, stellt Kip (Aaron Ruell) fest, als ihn sein Onkel fragt, wie es denn mit der neuen Freundin laufe. Der Mann, der eigentlich Kipland Ronald Dynamite heißt und Fliegerbrille mit Schnauzbart kombiniert, rührt kurz mit dem Strohhalm im Milchshake herum. Dann ergänzt er stolz: „Ich meine, wir unterhalten uns jeden Tag etwa zwei Stunden online, also könnte man sagen, dass die Dinge ziemlich ernst werden.“

Seit dem Erscheinen von Napoleon Dynamite (2004) ist diese Szene, in der Kip mit der zunehmenden Ernsthaftigkeit des Verhältnisses zur Chatpartnerin angibt, zum Meme geworden und zu einem bedeutenden Beitrag von zeitgenössischer Netzkultur. Durch die Kombination von Text und Bild lässt sich mit seiner Hilfe all das beschreiben, was „ziemlich ernst“ werden könnte – es allerdings auf den ersten Blick nur bedingt ist. Aber Kips virtuelle Freundin ist kein bloßer Gag, auch wenn sie in der Indie-Komödie von Regisseur Jared Hess lange als unsichtbare Größe, als Spinnerei oder Betrügerin gehandelt wird. Im letzten Drittel des Filmes aber darf sie endlich auftreten; es gibt sie wirklich, diese LaFawnduh (Shondrella Avery). Anders als die Zuschauenden hat Kip nie daran gezweifelt.


Das passende Vokabular

Während Napoleon Dynamite die Prozesse des Kennenlernens zwischen LaFawnduh und Kip ausspart (und gegen Filmende eine romantische Paarbeziehung präsentiert, die in der Hochzeit ihren Abschluss findet), pflegen andere Filme einen offensiveren Umgang mit der Alltagspraxis Online-Dating. Unter diesem Begriff können alle internetbasierten Dienste verstanden werden, die User miteinander verbinden: zum Flirten und Kennenlernen, für eine Affäre, eine Beziehung, den One-Night-Stand, Casual Sex oder Sexting.

Wie man sich eine Tanzpartnerin angelt: "Napoleon Dynamite" (imago/Everett Collection)
Wie man sich eine Freundin angelt: "Napoleon Dynamite" (© imago/Everett Collection)

Die Kontaktaufnahme, die sich teils noch immer über Singlebörsen und Webbrowser abspielt, hat sich aufgrund der Entwicklung des Smartphones in Apps wie Tinder, Grindr, Bumble, OkCupid und Her verlagert. Durch die Beschränkungen und Isolationserfahrungen einer pandemischen Welt verzeichneten Dating-Portale und -Apps erst recht großen Zuwachs, wenn eine Umarmung zum exklusiven Gut wird. Es wird interessant zu beobachten sein, wie das Genre der Romantic Comedy darauf in den nächsten Jahren reagiert.

Über die verschiedenen Social-Media-Dienste differenzieren sich die Räume aus, innerhalb derer wir uns verabreden und verstehen, uns verlieben und begehren, zunehmend getrennt nach ökonomischen, sozialen und kulturellen Hintergründen. Es liegt nahe, sich damit zu befassen, wie Filme Online-Dating inszenieren.


Intermedialität als Darstellungsaufgabe

Die Beziehung zwischen Kino und Online-Dating ist kompliziert. Denn zum einen geht die Darstellung von Online-Dating mit größeren Herausforderungen einher. Wer per Computer oder Smartphone flirtet, weiß, dass – obwohl manche Dinge erstaunlich schnell kommuniziert werden können – die maßgeblichen dramaturgischen Prinzipien des Online-Datings Warten (manchmal wirklich, wirklich langes Warten), Verzögerung und Wiederholung sind. Neben dieser besonderen Zeitlichkeit stellen sich Fragen nach der Auflösung von intermedialen Verhältnissen, wie sie das Online-Dating für das Kino bereithält. Das Smartphone, mit dem nicht nur per Text kommuniziert werden kann, sondern das auch Telefon, Kamera, Datenbank und Gedächtnisspeicher ist, wird dabei zum Extremfall, der Visualisierungen einfordert: von Sprachnachrichten, eigenen Videos und Fotos der Figuren, von Memes, Gifs, Stickern und Emojis.

Ebenso wollen Chaträume und Kontaktbörsen als Oberflächen der verschriftlichten Zärtlichkeiten nachgebildet werden. Programme und Apps müssen gezeigt werden, die so wirken sollen wie die, mit denen wir alltäglich umgehen und uns selbst entwerfen, es aber eben nicht sind (Stichwort: Produktplatzierung). Zugleich erkunden Filme, die sich mit Online-Dating beschäftigen, die vermeintlichen Grenzen des On- und Offline-Seins (falls es letzteres überhaupt noch gibt), und arbeiten an ihrer Verbindung, falls es beispielsweise zum ersten Treffen in der häufig so adressierten „realen Welt“ kommt.

Bei diesen Herausforderungen handelt es sich um konkrete Darstellungen, die viele Filme zu umgehen versuchen. Die Auseinandersetzung des Kinos mit digitalen Flirtumgebungen bringt jedoch mindestens einen entscheidenden Mehrwert mit sich: Wir haben es mit Figuren zu tun, die sich ziemlich selbstreflexiv durch die Filme bewegen, und die daran arbeiten, sich selbst und ihre Bedürfnisse in Sachen Sex/Nähe/Liebe zu formulieren. Sie geben sich neue Namen, hantieren mal zaudernd, mal betont kompetent mit Profilen anderer Figuren und den komprimierten Gefühlen dahinter, gleichwohl in der Angst, selbst Stereotyp zu sein; und doch umgibt sie in dem Wunsch nach einem „Mehr“ ein Geheimnis, das unauflösbar erscheint.


Pathos und Portal: E-Mail für Dich“

Die Geschichte des Online-Datings im Kino könnte bei einem Höhepunkt einsetzen. In Nora Ephrons E-m@il für Dich (1998), der für die damalige Zeit aufregend futuristisch war, läuft kontinuierlich ein Technologie-Diskurs mit. Schon in einer der ersten Szenen geht es um das Spiel Solitär als „Ende der westlichen Zivilisation, wie wir sie kennen“, weil laut Zeitungsmeldung in Virginia kaum gearbeitet, sondern nur noch gezockt wird. Der eigene Computer wird als Ort thematisiert, mit dem ein Umgang gefunden werden muss, eine angemessene Dosierung, sonst droht der Kontrollverlust. Nicht umsonst betreibt Kathleen Kelly (Meg Ryan) einen kleinen Buchladen, den „Shop around the corner“, eine letzte Bastion des Analogen, die von einer Handelskette inklusive Dumping-Preisen bald aus dem Viertel vertreiben wird.

Joe Fox (Tom Hanks), Sohn des Besitzers von „Fox & Sons Bookstores“, ist folglich eine Bedrohung für Kathleen. Online aber, ohne Kenntnis ihrer tatsächlichen Identitäten, tauschen sich die beiden als „Shopgirl“ und „NY152“ miteinander aus. Ihr Wechsel von Nachrichten, die mit „Dear Friend“ beginnen, steht in der Tradition einer Brieffreundschaft, ehe sich daraus tiefere Zuneigung entwickelt (deswegen zeigt der Film oft Momente des Lesens und Tippens alleine vor dem Laptop oder Tower-PC). Es sind Sätze voller Pathos, die in „E-m@il für Dich“ fallen, die aber genau darin die besonderen Eigenarten des Online-Datings beschreiben. „Ich gehe online und halte den Atem in meiner Brust an“, schreibt Kathleen, um zu vermitteln, wie es sich anfühlt, von „NY152“ eine neue Nachricht zu erhalten. Und später: „Das Seltsame an dieser neuen Form der Kommunikation ist, dass du eher über nichts sprichst als über irgendetwas. Aber ich will nur sagen, dass dieses Nichts mehr für mich bedeutet hat als so viele Irgendetwasse.“

"Shopgirl" und "NY152" in "E-m@ail für Dich" (imago images/Mary Evans)
"Shopgirl" und "NY152" in "E-m@ail für Dich" (© imago images/Mary Evans)

Interessant an „E-m@il für Dich“ ist, dass Vor- und Abspann nahelegen, als ereigne sich der Film selbst auf dem Computer-Screen. Zu Beginn scheint ein Programm zu starten, ehe sich New York als bunt animierte 3D-Oberfläche zeigt. Als man die Türe zu Kathleens Appartement sieht, findet der Wechsel zum eigentlichen Filmbild statt. Später kehrt die Rahmung dann als Desktop-Movie zurück, nachdem Kathleen und Joe im Central Park geknutscht haben. Internet und Kino zeigen sich als Portale in andere Welten, die Menschen miteinander verbinden; im Falle von „E-m@il für Dich“ stets begleitet durch die AOL-Stimme, die von der nächsten Nachricht kündet oder auch nur einen guten Morgen wünscht.


„I don’t really know what I like“: Beach Rats“

Trotz des Erfolgs bei Kathleen und Joe hat Online-Dating in „E-m@il für Dich“ ein schlechtes Image. Der Film wird es nicht so recht los, auch weil sich beide Figuren zu Beginn in Beziehungen befinden, denen sie das Chatten verheimlichen. Den Cyberspace als Ort geheimer Bekanntschaften und Bedürfnisse, die dort inkognito geäußert werden können, demontiert „E-Mail für Dich“ allerdings ziemlich schnell; Joe weiß, dass es sich beim „Shopgirl“ um die Buchhändlerin Kathleen handelt.

Einen spannenderen Umgang mit Anonymität im Internet pflegt da Eliza Hittmans Beach Rats(2017) über den Teenager Frankie (Harris Dickinson), der online bei „Brooklyn Boys“ mit älteren Männern schreibt und per Webcam flirtet. Davon wissen Frankies Freunde, eine latent homophobe Gruppe, und seine Familie natürlich nichts. Eines Tages fängt Frankie eine Beziehung mit Simone (Madeline Weinstein) an, während das Hadern mit der eigenen Sexualität weitergehen und Szenarien des Coming-Outs und Letting-Ins ausstehen.

Die verbale Sprache tritt in "Beach Rats" in den Hintergrund (Salzgeber)
Die verbale Sprache tritt in "Beach Rats" in den Hintergrund (© Salzgeber)

War der Strand von Coney Island noch ein utopischer Ort für Frankie, die Adresse, um sich mit Männern heimlich zum schnellen Sex zu treffen, rollt die Zukunft als Welle Richtung Land. Veränderungen werden angespült. Gerade im Vergleich zu „E-Mail für Dich“ tritt die Sprache bei „Beach Rats“ in den Hintergrund. Den wortkargen Frankie kennzeichnet vielmehr eine Fixierung auf Körper, die er mit dem Film teilt. Hittman analysiert die Bildförmigkeit von Figuren, die Posen und Performances von Männlichkeiten, bei denen immer wieder verunklart wird, ob sie homo- oder heterosexuell codiert sind. Nicht nur das Webcam-Bild der schwulen Kontaktbörse fragmentiert die Gesichter und Körper derjenigen, die in Erscheinung treten. „Beach Rats“ bearbeitet seine Figuren und zeigt sie als Ausschnitthafte, die vom Publikum zusammengesetzt werden wollen.

„Beach Rats“ impliziert außerdem, weshalb Online-Dating für nicht-heterosexuelle Menschen, die immer noch gesellschaftlich ausgegrenzt werden, eine wesentlich wichtigere Rolle spielt, als das noch in Nora Ephrons verschmustem New York der Fall ist. Wenn es Verfolgung, Scham und Ängste gibt, wenn Schwulenbars und andere analoge Orte der Zusammenkunft durch die Gentrifizierung der Städte verdrängt werden, bedarf es neuer Infrastrukturen der Begierde. Grindr bot das ab 2009, bevor es überhaupt vergleichbare Apps für heterosexuelle Menschen gab.


Avatare auf Bestellung: „Somebody“

Ein anderer Matching-Prozess vollzieht sich in Miranda Julys Kurzfilm Somebody (2014), der eine gleichnamige, von der Künstlerin selbst erdachte App in den Mittelpunkt rückt. Was anfänglich wie eine Dating-Oberfläche für das Smartphone wirkt, entpuppt sich als „messaging service“ im komplexeren Sinne. Über Somebody lassen sich Personen auswählen, die stellvertretend Botschaften übermitteln. So verkündet der weinende Paul (Cory Roberts) im Park einem jüngeren Mann: „Ich bin’s, Jessica. Ich liebe dich so sehr. Ich kann nur einfach nicht länger deine Freundin sein.“

Dass Paul weinen soll, hatte Jessica (Sophie Hannah) zuvor per App angewählt, bevor sie ihn zum Übermittler machte. Ebenso wird ihr die Entfernung angezeigt, die er und der Ex-Freund in spe voneinander entfernt sind – eine übliche Anzeige in Dating-Apps. Immer wieder sind in dem Kurzfilm Figuren zu sehen, die mit ihrem Smartphone besser umgehen können als ihren Mitmenschen.

"Somebody" von Miranda July (Hi! Production)
"Somebody" von Miranda July (© Hi! Production)

Über Konventionen des Interface-Designs von Dating-Apps, die „Somebody“ zitiert, führt July die einzelnen Szenen ad absurdum, und denkt zugleich ziemlich ernsthaft über die Funktionsweise von Avataren nach, mit denen wir uns zumeist (ob freiwillig oder nicht) durch das Internet bewegen. Wie funktionieren diese Platzhalter, diese eigentlich grafischen Stellvertretungen, die doch kein „Ich“ sind, aber ein „Ich“ bedeuten, mit dem andere wiederum interagieren können? Was sind die Bedingungen, unter denen ein „Ich“ überhaupt noch in unserer Welt auftreten kann und als individuell erkannt wird, wenn doch alles miteinander vernetzt ist?

Neben der Sequenz mit Jessica, Paul und dem in den Wind geschossenen Partner besticht „Somebody“ noch durch weitere Szenen, in denen es auf unterschiedliche Arten und Weisen um solche ausgelagerte Kommunikation geht, sei es eine Entschuldigung der besten Freundin oder gar ein Heiratsantrag im Restaurant, bei der die Köchin immer wieder auf ihr Handy schauen muss, um den vorgegebenen Text nicht zu vermasseln. Ausschließlich zwischenmenschlich bleibt all das nicht. July trumpft auch mit einer chattenden Pflanze auf, die nicht mehr länger ignoriert und endlich auch mal wieder gegossen, berührt, befriedigt werden will, wenn ein Finger testet, wie feucht die Blumenerde ist.


Trennungsszenarien

Es scheint, dass filmische Beschäftigungen mit Online-Dating im Kino eigentlich eher an Trennungen interessiert sind: zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Maschine und gelegentlich auch zwischen Mensch und Pflanze; aber auch zwischen analoger und digitaler Sphäre, Liebe und Sex; zwischen denen, die mit den (nicht mehr ganz so) neuen Medien alltäglich umgehen und denen, für die das ganze Konzept „Online-Dating“ merkwürdig fremd ist. Diese Trennungen treten im Kino aber nicht als stabile Grenzen auf, sondern mit großer Ambivalenz und Durchlässigkeit, wo das eine stets in das andere hineinwirken kann und sich Szenarien verkomplizieren, wenn das nächste Drama auf einer gläsernen Oberfläche beginnt.

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