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Hof 2021 - Die Liebe oder die Demenz

Dienstag, 09.11.2021

Zum Abschluss der 55. Internationalen Hofer Filmtage 2021

Diskussion

Die 55. Filmtage in Hof entpuppen sich in ihrer hybriden Gestalt als Vor-Ort-Festival mit einer zusätzlichen Streaming-Woche online als vielfältiges, vitales Festival, das sogar zu Corona schon erste Beiträge offerierte. Die Mischung aus bester Unterhaltung, einem Querschnitt durch neue deutsche Filme, einer Reihe mit „Hof“-Klassikern und einer Joachim-Król-Hommage rundete sich zu einem guten Jahrgang.


Die Pandemie hat in gewissen Sparten des Kulturlebens einen nicht unerheblichen Schub in Sachen Digitalisierung bewirkt, der für eine größere Beweglichkeit der Angebote sorgt. So lautete die Ansprache der 55. Internationalen Filmtage Hof konsequent: „Wenn du nicht nach Oberfranken kommst, kommt Oberfranken eben zu dir!“. Die Filmtage (26.-31.10.2021) fanden als Hybrid statt. Die insgesamt 134 Filme konnten damit vor Ort in Hof gesehen und diskutiert werden; allerdings stand dafür nur die Hälfte der sonst üblichen Platzkapazitäten zur Verfügung. Gleichzeitig aber war es möglich, das Filmprogramm vor dem heimischen Bildschirm online zu sichten, sogar mit einer Zugabe von sieben Tagen über das Festivalende hinaus.


Das Festival vor Ort oder zuhause

Noch nicht ganz abzusehen ist, ob die gewählte Form der Zweigleisigkeit nicht einen negativen Einfluss auf die Wahrnehmung und kritische Begleitung kleinerer Festivals in der überregionalen Öffentlichkeit hat, weil zwar Reisekosten entfallen, gleichzeitig aber auch der Reiz der Außeralltäglichkeit entfällt, der die Reise lohnenswert macht. Zudem könnte die Beeinträchtigung der Kino-Öffentlichkeit durch die Pandemie, die nach Ende des Lockdowns nur mühsam zu überwinden ist, auch das Interesse an der Nachberichterstattung zum Festival reduzieren: Wer weiß schon, ob und wann die Mehrzahl der in Hof gezeigten Filme eine Kinoauswertung erfährt?

Aber hybrid bedeutet andererseits eben auch, dass die Kinos vor Ort wieder geöffnet sind. Genau vor diesem Abspielort in Gemeinschaft verbeugte sich Festivalleiter Thorsten Schaumann mit dem Eröffnungsfilm „Das schwarze Quadrat“. Die temporeiche schwarze Komödie von Peter Meister handelt von zwei Kunsträubern, die auf einem Kreuzfahrtschiff das titelgebende Malewitsch-Gemälde an den Auftraggeber übergeben wollen. Um an Bord zu gelangen, überfallen sie zwei andere Passagiere und finden sich unvermittelt als integraler Teil des Entertainment-Programms wieder. Der mit Bernhard Schütz, Jacob Matschenz, Sandra Hüller, Pheline Roggan und Victoria Trauttmansdorff erstklassig besetzte Film besticht durch allerlei pop- und hochkulturelle Referenzen und launige Kunstdiskurse, wenn etwa über eine handgemachte Reproduktion des „Schwarzen Quadrats“ nicht grundlos gesagt wird: „Es riecht nach Urin und ein Schimpanse könnte es gemalt haben, aber das Ding ist 60 Millionen wert.“

Temporeiche schwarze Komödie: "Das schwarze Quadrat" (Port au Prince Pictures)
Temporeiche schwarze Komödie: "Das schwarze Quadrat" (© Port au Prince Pictures)

In bester Komödientradition wird die labyrinthische Enge des Schiffes genutzt, um die Handlung voranzutreiben. Darüber hinaus bestätigt „Das schwarze Quadrat“ nebenbei auch nachdrücklich David Foster Wallaces Einschätzung des Albtraums „Kreufahrt“.

Diese dem Publikum einladend zugewandte Geste bester Unterhaltung wurde noch durch eine Reihe von „Hof-Klassikern“ ergänzt, die auf früheren Festival-Ausgaben entdeckt wurden: „Strangerthan Paradise“, „Männer“, „A Nightmare on ElmStreet“, „Das deutsche Kettensägenmassaker“ und „Eine Nacht lang Feuerland“. Filme, die verdeutlichen, wie weit gefasst das ästhetische Spektrum des Festivals immer schon gewesen ist. Ergänzend kam noch eine Joachim-Król-Retrospektive hinzu, bei der man überprüfen konnte, wie gut „Wir können auch anders“ von Detlev Buck gealtert ist. Sehr gut nämlich. Die ersten Minuten des Films: Joachim Król at his very best!


Filme mit Blick auf die Gegenwart

Nun sollte man solche Einladungen ins Kino mit Ausrufezeichen allerdings nicht als Tendenz zum Schwelgen in alten Zeiten oder zum Eskapismus in schwierigen Zeiten interpretieren, denn natürlich stellte sich über das Gesamtprogramm des Festivals der Bezug zur Gegenwart und ihren Verwerfungen schnell wieder her. Da ist zum Beispiel Martin, der mit seiner Tochter Leyla in Berlin unterwegs ist. Er ist mit seiner Ex verabredet, um das Kind zu übergeben, aber die feiert lieber mit Freunden auf einem Steg. Stichwort: Corona Party! Martin ist not amused. Seit er Vater geworden sei, sei er strenger geworden, erzählt er einer Zufallsbekanntschaft. Und: „Ich komme mir so nazimäßig vor in letzter Zeit. Ich sehe überall nur Ordnungswidrigkeiten. Guck dir die Leute doch mal an! Das ist doch nicht erlaubt!“ Er, Martin, sei dann wohl verantwortungsbewusst, wird ihm entgegnet. Verantwortungsbewusst? „Es gefällt mir nicht, was ich rauskriege über mich bei Corona.“ „Ununterbrochen reden“ (Regie: Frédéric Jaeger) ist ein kurzer Film, aber er notiert sehr präzise die Stimmungslage in Zeiten der Pandemie. Mit deutlichem Hang zur Hygiene und zur Soziopathie. Immerhin: Martin wird später etwas tun, was er zu Beginn des Films bestimmt nicht zugelassen hätte.

Die Pandemie war auch Thema von „Isolation“, einem Kompilationsfilm von Michele Placido, Julia von Heinz, Olivier Guerpillon, Jaco van Dormael und Michael Winterbottom, die aus unterschiedlichen Perspektiven von den Auswirkungen der Pandemie erzählen. Die Resultate fallen mitunter dürftig aus, wenn die bekannten Bilder von leeren Straßen oder Särgen, die von Militärfahrzeugen abtransportiert werden, zusammengeschnitten werden und dazu über die Anpassungsfähigkeit der Menschen philosophiert wird. Wenn die Kunst ein Lebensmittel ist, folgt dann auf den gespürten Mangel jetzt eine Blüte? Weil bemerkt wurde, wie wichtig die Kunst ist? Oder wurde nicht eher entdeckt, wie verzichtbar vieles ist?

Ambitionierter "Omnibus"-Film: "Isolation" (Filmtage Hof)
Ambitionierter "Omnibus"-Film: "Isolation" (© Filmtage Hof)

Julia von Heinz spielt das Thema über Bande, da ihr die viele freie Zeit erlaubt hat, ihrem verstorbenen Vater nachzuspüren, dessen Biografie durch eine andere Form von Isolation geprägt war. Rosa von Praunheim steht hingegen mit Rat und Tat zur Seite. Es gibt Telefonate und E-Mails und Bilder von der Love Parade. Michael Winterbottom wiederum begegnet dem wohlfeilen Selbstmitleid im Lockdown, indem er erzählt, dass die als krisenhaft und bedrückend erfahrene Enge und Untätigkeit für Asylbewerber schlicht Alltag und normalerweise kaum der Rede wert ist. Auch so verschieben sich Perspektiven.


Alles dabei: Krise, Kritik, Kommerz

In der Literaturkritik wird aktuell darüber diskutiert, warum die drohende Klimakatastrophe sich in Romanen und Erzählungen bislang nicht niederschlägt. Nun ist Kino gegenüber der Literatur per se das langsamere Medium, um Gegenwart zu reflektieren. Zumal, wenn es nicht ums No-Budget-Guerilla-Kino geht, sondern um konventionellere Formen des Erzählens. Dennoch konnte man ein paar Mal staunen, auf welche Art und Weise die jungen Filmemacher:innen Krise, Kritik und Kommerz zusammenreimen.

Da war beispielsweise „Apocalypse Baby, We Advertise the End of the World“ von Camille Tricaud und Franziska Unger – eine kunterbunte TV-Verkaufsshow unter den Bedingungen der Post-Klimakatastrophe, in der Produkte wie eine Air Pipe gegen Luftverschmutzung oder Elektroschock-Therapie für fröhlichen Konsum mit Quiz- „Nenne drei Inselgruppen, die durch den Anstieg des Meeresspiegels verschwunden sind!“, offeriert. Die Gewinnerin ist Teresa, die als Graphikerin für das Startup „Ark up“ arbeitet, das sehr erfolgreich schwimmende Häuser produziert. Sie ist dort für das grüne Image des Start-ups zuständig und kennt sich mit der Materie aus. „Apokalypse Baby“ funktioniert mit tollen Popsongs, ist für eine Satire vielleicht etwas zu sarkastisch, aber dafür sehr zielsicher in der Zuspitzung.

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch „Ich kauf mir deine Angst“ von Florian Anders. Hier verkleidet sich ein provokantes Kunstprojekt als Online-Show im Abendmal-Style: Alle an einem Tisch. Künstler Laurenz geht davon aus, dass alles seinen Preis und er seinen Kandidaten diesbezüglich einiges anzubieten hat. Alles außer Moral. Wie viel Geld verlangt ein Migrant dafür, sich von einem Rechtsradikalen vor laufender Kamera zusammenschlagen zu lassen? Lässt sich ein Obdachloser in seinem Schlafsack anzünden und hält 30 Sekunden durch? Laurenz, ironischerweise gespielt von Samuel Koch, gefällt sich in der Rolle des eloquenten Misanthropen, der unter den Teilnehmern auf Opposition hofft. Sina wäre dafür die richtige Kandidatin; sie hat nichts mehr zu verlieren, mal abgesehen von ihrem kleinkriminellen Freund Mario.

Der Kapitalismus ist dem Untergang geweiht: "Ich kauf mir deine Angst" (AndersAnders)
Der Kapitalismus ist dem Untergang geweiht: "Ich kauf mir deine Angst" (© AndersAnders)

„Ich kauf mir deine Angst“ ist sehr unterhaltsam: Ein Low Budget-Film über das große Geld, ein B-Movie voller lustig windschiefer Dialoge und Figuren, die binnen weniger Einstellungen ihre Charaktereigenschaften wechseln können. Gerade noch harter Macker, jetzt greinender Loser. Am Ende geht es natürlich um Moral – und das Kunstprojekt ist nur Mittel zum Zweck, um zu beweisen, dass „der Kapitalismus ein marodes System und dem Untergang geweiht ist“.


Flaschenpost aus früheren Zeiten

Weil aber weder die Pandemie noch die Klimakatastrophe noch die Kapitalismuskritik den Ton des 2021-Festivals nachdrücklich prägten, sondern eher randständig blieben, wirkte das Programm fast wie eine Flaschenpost aus einer Zeit, als noch andere, weniger universelle Themen und Probleme auf der Tagesordnung standen. Die allerdings überhaupt nichts von ihrer Aktualität verloren haben, sondern nur ins zweite oder dritte Glied des Mediendiskurses gerutscht sind.

Der Programmauswahl gelang dabei das bemerkenswerte Kunststück, die unterschiedlichen Filme so auszuwählen, dass sich immer wieder überraschende Resonanzen ergaben. Wollte man diese „alten“ Themen benennen, dann wären das beispielsweise Krankheit, Pflege, eine alternde Gesellschaft, unterschiedliche Modelle von Gemeinschaft jenseits der traditionellen Familie, Pubertät und Heranwachsen, das Soziale.

Lethe“ von Micon Gerthold erzählt vom demenzkranken Rentner Egon (eindrucksvoll: Gerhard Fehn), der aus der irritierenden Gegenwart gerne in die Vergangenheit flüchtet. Die Pflege in der Familie ist von Gereiztheit und Überforderung geprägt; mitunter auch von Vernachlässigung und Gewalt. Der Film löst die Darstellung der Krankheit durch eine Einschränkung des Sichtfeldes der Kamera, die die Figuren voneinander isoliert. Das ist konsequent, wenn man denn davon ausgeht, dass bei beginnender Demenz noch ein Ringen um Erinnerungen im Gespräch stattfindet. Was aber, wenn das Abgleiten in die Demenz vom Kranken nicht mehr als Leiden erfahren wird, sondern lediglich die Familienmitglieder überfordert?

„Lethe“ zeigt auch das, rahmt die Handlung dann aber mit einem Familientreffen, bei dem der verlorene Sohn Sven mit seiner Verlobten auftaucht. Unvermittelt kippt das Bild; jetzt erscheint das Vergessen dem einen eine Gnade, den anderen ein Skandal, weil Abrechnungen nicht mehr verfangen, wenn der Angeschuldigte sich nicht mehr erinnern kann. Der Schluss von „Lethe“ ist schlicht großartig. Der Traum vom Familienglück – alles Lüge, vielleicht, aber dafür tragfähig.


Im Mittelpunkt: Krankheit, Pflege, Sorge

Auf unterschiedliche, aber zumeist originelle Weise beschäftigen sich auch Filme wie „Gehirntattoo“ (Regie: Lukas Röder), „Heil dich doch selbst“ (Regie: Yasmin C. Rams) oder „Würdebewahrerin“ (Regie: Sandro Rados) mit dem Themenkomplex Krankheit/Pflege/Sorge, aber selbst in dem eher konventionellen Drama „Am Ende der Worte“ (Regie: Nina Vukovic) über den Korpsgeist bei der Polizei liegt zu Beginn der demente Vater der jungen idealistischen Polizistin Laura im Wohnzimmer.

Innovatives von der HFF München: "Gehirntattoo" (HFF)
Innovatives von der HFF München: "Gehirntattoo" (© HFF)

Mitunter gelingt es Filmen auch, gleich mehrere dieser Themen aufzugreifen, was dann zu einer gewissen Überdehnung und zu einer Atemlosigkeit führen kann, die allerdings nicht als Oberflächlichkeit verstanden werden sollte. Hier gilt: Hinter jeder Ecke lauert das nächste Problem, die nächste Überforderung. Etwa in „Sugarlove“ (Regie: Isabell Kleefeld)! Am Herd funktioniert die Ehe zwischen dem Soziologieprofessor Patrick und der Psychotherapeutin Julia bestens; beim Sex gehen die Interessen aber auseinander. Zum Glück gibt es Dienstleister wie das Portal „Sugarlove“ und liberale Spielregeln unter Eheleuten, die möglichst transparent gehalten sein sollen. Patrick darf sich als „Sugardaddy“ einloggen und trifft auf „Sugarbabe“ Claire, die auf diese Weise Männer so umfänglich glücklich macht, dass fürs eigene Studium kaum noch Zeit bleibt. Schnell wird klar, dass Patrick von Claires Wesen fasziniert ist, dass auch sie den alten Mann zu schätzen weiß, dass es mit dem vereinbarten „nur Sex“ nicht funktionieren wird, zumal Claire irgendwann klar wird, dass ihr in dieser ménage à trois die Rolle der „outgesourcten Muschi“ zukommt. Was den Film zunächst in eine Art „Verhängnisvolle Affäre 2.0“ umschlagen lässt, bevor ein ehemaliger Sugardaddy Claires die mitunter aufgelaufenen Konflikte blutig entschärft. So weit, so konventionell; die Schauwerte der bürgerlichen Saturiertheit passen allerdings.

Ein anderes Beispiel: Eva, alleinerziehend, und ihr am Asperger Syndrom leidender Sohn Felix, der immer wieder zu Angst- und Wutattacken neigt und deshalb Probleme in der Schule hat. Eva will Felix schützen, was eine permanente Überforderung bedingt, die teilweise auch mit ihrem alle nur denkbaren Probleme antizipierenden Selbstverständnis als liebende Mutter zu tun hat. Der freundliche Nachbar Pelle könnte eine Hilfe sein, zumal er mit Felix gut klarkommt, doch Pelle hat eigene Probleme. „Zwischen uns“ (Regie: Max Fey) erweist sich als wirklich ausgefuchster, atemloser Hindernis-Parkour, bei dem hinter jeder Ecke das nächste Problem lauert. Mit Ansage, was man durchaus goutieren kann, zumal die Überraschungsmomente fehlen, die das Beklemmende der Situation zurichten.


Pubertät ist ganz schön anstrengend

Im Vergleich zu einer Tour de force wie „Zwischen uns“ wirkt die kurze, nur beobachtende Dokumentation „Erwachsen oder sowas“ von Marlena Molitor erfrischend beiläufig. Eine Gruppe junger Mädchen, die sich treffen, um miteinander zu reden. Über die Idee, Abitur zu machen, weil man keinen anderen Plan hat, über Diäten, Narzissmus, Sex, Körper, kurzum: über die Erfahrung, erwachsen zu werden. Dazu wird manchmal geraucht, Musik gemacht, getanzt. Pubertät ist schon ganz schön anstrengend. Eine schöne Sprache wird hier gesprochen, lakonisch, aber schnell.

Am Anfang ein Foto aus glücklichen Tagen: ein Wohnwagen, Oma und Opa, daneben die Schwestern Lilli und Lea. Großartige Sommerferien müssen das damals gewesen sein. Jetzt ist die Oma tot und der Opa ein Pflegefall. Wenn Lilli das Foto sieht, fragt sie sich, ob es wohl einen Ort hinter dem Foto gibt, wo alles so ist wie früher, wo die Zeit stillsteht, wo die schönen Momente gesammelt sind, wo man das Glück festhalten kann – so wie auf dem Foto. Was eine schöne Erinnerung ist, wird in der Gegenwart aber in Frage gestellt. Der ungläubige Blick von Lilli, wenn sie bemerkt, was mit ihrer älteren Schwester Lea passiert, wenn Jungs in der Nähe sind. Dabei sind die Jungs so doof, klopfen dumme Sprüche und saufen.

Die beiden Mädchen leben fast allein mit dem zu versorgenden Opa; ihre Mutter ist selten zuhause und dann zumeist gereizt oder müde. Die Dinge driften auseinander, ein Unglück geschieht. Doch am Ende sorgt Lilli sehr konsequent dafür, ihr Bild vom Glück für immer zu konservieren. Unwillkürlich denkt man kurz ans Ende von Kubricks „The Shining“. Was, wenn Lilli mit ihrer Vorstellung vom Paradies Recht gehabt haben sollte?

AA
Am Ende der Jugend: "Schwere l o s" (© Sohalski Kultur & Medien)

Gewissermaßen am anderen Ende der Jugend angesiedelt ist „Schwere l o s“ (Regie: Alexej Hermann, Elke Weinreich). Maria ist 33 und immer noch am Feiern. Mit wechselnden Männern zieht sie um die Häuser. Im Freundeskreis werden die Beziehungen fester, Familien gegründet und erste Schwangerschaften bejubelt. In dieser Phase der Etablierung wird Maria allmählich zum Fremdkörper; erste Konflikte entzünden sich an ihrem Lebenswandel, der plötzlich nicht mehr en vogue ist, wenn sich werdende Mütter zum Frühstück treffen. Diese Entwicklung lässt sich eine Weile ignorieren, doch dann gerät die Alltagstauglichkeit Marias ins Rutschen. Eine ungewollte Schwangerschaft kommt hinzu. Irritierend ist, dass der Film die etwas moralinsaure Haltung der Freundinnen zu teilen scheint und der Protagonistin tatsächlich eine innere Leere unterstellt. Noch irritierender wird es, wenn die schwangere Maria sich zu einem Beratungsgespräch bei einer Ärztin erscheint und als 33-Jährige scheinbar erstmals erfährt, wie das mit einer Abtreibung so geht. Mein Körper, ein Mysterium? Sehr seltsam, aber dafür hatte „Schwer l o s“ den besten Score des Festivals, besorgt von Philip Thimm.


Schlussbild für einen gute Jahrgang

Die größte Überraschung im bunten Festivalprogramm war indes „Stand Up! Was bleibt, wenn alles weg ist“ von Timo Jacobs. Konnte man ihn bei seinem Regiedebüt „Klappe Cowboy!“ (2012) noch für einen Epigonen seines Entdeckers Klaus Lemke halten, so versprüht sein neuer Film eine Melancholie, die sich gewaschen hat und tatsächlich an Filme wie „Supermarkt“ oder „Fat City“ denken lässt. Jacobs spielt darin den einst erfolgreichen Comedian Charlie Schwarzer, Sohn eines einst noch erfolgreicheren Witzeerzählers. Jetzt wird ihm Demenz diagnostiziert; ein neues Programm wird er sich nicht mehr merken können, die alte Routine zieht nicht mehr. Das Publikum hebt die Beine, weil seine Witze so flach sind. Dazu verlässt ihn seine große Liebe, deren Vater wiederum eine große Nummer im Kunstbetrieb ist. So wandelt der Film mit einer großen Portion Weltekel zwischen Kleinkunst-Spelunken, Szene-Galerien und Vorstadt-Villa, zwischen schlechten und schlecht erzählten Witzen; doch Charlie schlägt sich durchs Getümmel, wird bedroht, erpresst, geschlagen, mutiert mal kurz in Richtung Lenny Bruce, um dann schließlich noch einen schönen, sehr ehrlichen Abgang von der Bühne hinzubekommen.

Was bleibt, wenn alles weg ist: "Stand Up!" (Studio Hamburg)
Was bleibt, wenn alles weg ist: "Stand Up!" (© Studio Hamburg)

Am Schluss geht’s erschöpft, aber nicht gebrochen Richtung Meer, im Gepäck die Liebe. Einmal groß gefühlt, einmal groß gemalt. Ein schönes Schlussbild für einen guten Jahrgang.

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