© IMAGO / ZUMA Wire (Setfoto zu "Die Mafiosi-Braut", 1988)

Zum Tod von Dean Stockwell

Mittwoch, 10.11.2021

Ein Nachruf auf den US-amerikanischen Schauspieler Dean Stockwell (5.3.1936-7.11.2021), der in seiner Karriere mehrere Durststrecken überstand

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Der US-amerikanische Schauspieler Dean Stockwell durchlebte eine Karriere mit mehreren Erfolgsphasen, die von langen Durststrecken unterbrochen wurden. In den 1940er-Jahren zeigte er schon als Kind herausragendes Talent, als junger Erwachsener glänzte er mit sensiblen Porträts, doch dauerhaft konnte er sich erst ab Mitte der 1980er-Jahre als vielseitiger Charakterdarsteller in Filmen wie „Paris, Texas“ und „Blue Velvet“ etablieren. Am 7.11.2021 ist Dean Stockwell verstorben.


Ein Mann kehrt aus der Wüste zurück. Jahrelang war er verschwunden. Sein ganzes Verhalten zeigt, dass er schlimme Erfahrungen hinter sich hat, die ihn ums klare Denken und die Sprache gebracht haben. Doch jener Travis Henderson, der in Gestalt von Harry Dean Stanton zu Beginn von Wim Wenders’ großartigem Amerika-Film Paris, Texas“ (1984) wieder in die Zivilisation tritt, hat zu dieser noch einen letzten Kontakt, der seine Rettung sein wird. Ein Zettel mit einer Telefonnummer bringt Travis’ Bruder Walt ins Spiel, der den Verschollenen in Texas abholt und ihn nach Kalifornien fährt. Bei der langen Tour lässt Walt nicht ab von den Versuchen, zu seinem verstummten Bruder durchzudringen – eine von Frust und Momenten des Ärgers geprägte, durch Hartnäckigkeit und unmissverständliche brüderliche Zuneigung aber letztlich erfolgreiche „Behandlung“. Als Travis in Kalifornien eintrifft und dort mit seinem Sohn wiedervereint wird, ist er bereits verändert.

Es ist eine Ironie dieses Films, dass in der Realität der Darsteller von Walt, Dean Stockwell, derjenige war, der gleichsam aus der Wüste zurückkehrte. Anfang der 1980er-Jahre war seine Karriere derart ins Stocken geraten, dass er sich als Makler über Wasser halten musste; die Rolle in „Paris, Texas“ erhielt der Endvierziger, weil er Harry Dean Stanton von früher kannte, ihm zufällig wiederbegegnet war und dieser ihn an Wenders empfohlen hatte. Für Stockwell wurde die Rolle des hilfsbereiten Bruders zum dritten Anlauf seiner Hollywood-Karriere, die nach „Paris, Texas“ ihre längste Phase des Erfolgs und der kontinuierlichen Arbeit erfahren sollte.


Das echteste Kind von Hollywood

Begonnen hatte die Zeit im Rampenlicht für den 1936 geborenen Sprössling einer im Showgeschäft beheimateten Familie schon im Kindesalter. 1945 gab der neunjährige Dean Stockwell in zwei erfolgreichen Filmen seinen Einstand, in der romantischen Saga „Die Entscheidung“ und als junger Fan der Marine im Musical „Urlaub in Hollywood“ neben Gene Kelly und Frank Sinatra. 1946 spielte er in der Bestseller-Verfilmung „Das Vermächtnis“ einen irischen Waisenjungen, der bei seinen schottischen Verwandten unterkommt und gegen alle Widerstände den Weg zum Mediziner einschlägt. Es sind Rollen, die dem lockenköpfigen Jungen mit den aufmerksamen Augen noch nicht in der Tiefe herausfordern, aber bereits enthüllen, dass Stockwell sich grundlegend von fast allen Kinderdarstellern der „Goldenen Studioära“ unterscheidet. Während viele seiner jungen Kolleginnen und Kollegen auf der Leinwand damals als stets munter plappernde, herumtollende und singende Wesen erschienen, die mit realen Kindern nur entfernte Ähnlichkeit hatten, sind die Figuren von Dean Stockwell oft ernst, still und emotional; wenn sie in Tränen ausbrechen, wirkt dies natürlich und deshalb ergreifend, weil der zehnjährige Junge bereits wie ein erwachsener Schauspieler zu denken vermochte.

Dean Stockwell als Kinderstar 1946 (© IMAGO/ZUMA Wire)
Dean Stockwell als Kinderstar 1946 (© IMAGO/ZUMA Wire)

Diese Fähigkeit zur Einfühlung verschaffte Dean Stockwell rasch seine anspruchsvollsten Kinderrollen. In Elia Kazans „Tabu der Gerechten“ (1947) ist er der Sohn des von Gregory Peck gespielten Journalisten, der sich für eine Reportage als Jude ausgibt; als Folge dieser väterlichen Verstellung wird er in der Schule antisemitisch angegriffen. Noch ambitionierter ist Joseph Loseys „Der Junge mit den grünen Haaren“ (1948), in dem Dean Stockwell eine personifizierte Antikriegsbotschaft ist, ein von Bombenangriffen traumatisiertes Kind, dem grüne Haare als Symbol für die Sinnlosigkeit der Kriege wachsen. Der Film war damals ein Flop; sein Hauptdarsteller spielte jedoch noch eine Zeitlang weiter Jugendliche, bis er seinen ersten Karriere-Abschnitt nach sechs Jahren 1951 beendete.


Verletzlichkeit und Reife: Der zweite Karriere-Anlauf

Als Dean Stockwell nach dem Schulabschluss und einer Phase der Selbstorientierung das erste Mal zurückkehrte, brachte er eine Mischung aus Verletzlichkeit, wie sie einige Jahre früher der junge Montgomery Clift zeigte, und Reife mit sich. Dieses Mal dauerte der Erfolg rund fünf Jahre an, beginnend mit seinem Broadway-Auftritt in „Compulsion“ (1957), den er in der Verfilmung „Der Zwang zum Bösen“ (1959) wiederholte. Stockwell und Bradford Dillman spielen – angelehnt an die realen Mörder Leopold und Loeb aus den 1920er-Jahren – zwei hochintelligente Studenten, die im Glauben an ihre Überlegenheit ein Kind töten, aber rasch überführt werden und nur durch ihren brillanten Anwalt (Orson Welles) der Todesstrafe entgehen.

Das Getriebene dieses Auftritts nimmt Stockwell auch in die D.H.-Lawrence-Verfilmung „Söhne und Liebhaber“ (1960) mit, wo er als künstlerisch begabter Sohn eines Minenarbeiters mit seinem traditionalistischen Vater (Trevor Howard) über Kreuz liegt. Und in „Long Day’s Journey into Night“ (1962) spielt er das junge, sensible und tuberkulöse Alter Ego des Autors Eugene O’Neill – auf Augenhöhe mit seinen Spielpartnern Katharine Hepburn, Ralph Richardson und Jason Robards.

Alle drei Filme zeigen, wie sich Dean Stockwell vom intelligenten Kinderdarsteller zum vielversprechenden Interpreten junger Erwachsener entwickelte. Doch nach der O’Neill-Adaption verschwand er abrupt wieder. Die 1960er- und 1970er-Jahre boten ihm fast nur noch Fernseh-Gastauftritte; gelegentlich trat er auch in Filmen neben befreundeten Darstellern auf, die wie er in diesen Jahren mit der Hippie- und Drogenkultur experimentieren, etwa mit Jack Nicholson in „Psych-Out“ (1968) und mit Dennis Hopper in dessen verkannter Regiearbeit „The Last Movie“ (1971).

Als Dean Stockwell nach fast zwanzig Jahren in der zweiten bis zehnten Reihe ab „Paris, Texas“ zum dritten Mal durchstartete, finden sich neue Elemente in seinem Spiel, die eine teilweise freiwillige, letztlich aber doch unerwünschte Abstinenz vielleicht gerade nahelegt: Abgeklärtheit und insbesondere Selbstironie. Die Augen strahlen nicht mehr unschuldig, sondern listig, die dichten Augenbrauen tun ihr Übriges.


Vielseitiger Charakterdarsteller

So etablierte sich Dean Stockwell, diesmal dauerhaft, als vielseitiger Charakterdarsteller. Hinreißend gelingt ihm 1986 der Auftritt in David Lynchs „Blue Velvet“ als Komplize des Psychopathen Frank Booth, der für dessen bizarre Aggressivität nur müde Augenaufschläge, sanfte Worte und ein mildes Schulterklopfen übrighat. Mit femininer Grazie schmaucht Stockwell seine Zigarettenspitze und treibt Booth mit einer Darbietung zu Roy Orbisons Song „In Dreams“ – ein Scheinwerfer in der Hand, dezentes Tanzwiegen und Lippenbewegungen zu Orbisons überirdisch klarem Gesang – sogar Tränen in die Augen. In dieser Szene spielte Stockwell selbst seinen alten Kumpan Dennis Hopper lässig an die Wand.

In "Blue Velvet" (© IMAGO / EntertainmentPictures)
In "Blue Velvet" (© IMAGO / EntertainmentPictures)

Sehr amüsant gestaltete der immer noch jungenhaft-gutaussehende Schauspieler auch den von seiner Libido getriebenen Gangster in „Die Mafiosi-Braut“ (1988), der in seiner unglücklichen Vernarrtheit in eine durch ihn zur Witwe gewordenen Frau (Michelle Pfeiffer) tragikomische Züge gewinnt – für den Film von Jonathan Demme erhielt Dean Stockwell seine einzige „Oscar“-Nominierung. Im selben Jahr war er für Francis Ford Coppola in „Tucker“ ein versonnen-lakonischer Howard Hughes, der Jeff Bridges’ Unternehmer-Figur auf die rechte Spur bringt; ähnlich mentorenartig trat er von 1989 bis 1993 auch in der Fernsehserie „Zurück in die Vergangenheit“ auf. Als Helfer eines unkontrolliert durch die Zeit taumelnden Quantenphysikers (Scott Bakula) steht er diesem in Hologramm-Form zur Seite, was regelmäßig auch zu existenzieller Bedrängung führt, wenn er durch seine Körperlosigkeit den Freund nicht aus Notlagen befreien kann.

Für „Zurück in die Vergangenheit“ wurde Dean Stockwell viermal für den „Emmy“ nominiert und zog weitere Rollen als Autoritätsfiguren an Land, etwa als Verteidigungsminister in „Air Force One“ (1997), Richter in „Der Regenmacher“ (1998) oder General in „Army Go Home!“ (2001). Mit „Battlestar Galactica“ (2006-2009) wirkte er in einer weiteren Kultserie mit.

Im Kino war er zuletzt 2015 in dem Meta-Drama „Entertainment“ zu sehen – ein angemessener Abschlusstitel für den Schauspieler mit den drei Karrieren. Am 7. November 2021 starb Dean Stockwell im Alter von 85 Jahren in New Mexico.

In "Die Mafiosi-Braut" (© IMAGO / Everett Collection)
In "Die Mafiosi-Braut" (© IMAGO / Everett Collection)

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