© Marian Stefanowski / Deutsche Kinemathek (Prüfung der fotografischen Qualität eines Filmbildes)

Filmkriminalisten

Freitag, 19.11.2021

„Frame by Frame – Film restaurieren“ - Eine Ausstellung der Deutschen Kinemathek

Diskussion

Die Ausstellung Frame by Frame – Film restaurieren (28.10.2021-2.5.2022) in der Deutschen Kinemathek in Berlin bietet einen Einblick in die Geschichte, Technik und Praxis der Filmrestaurierung und fügt der seit Jahren stattfindenden Diskussion zum Filmerbe die Position hinzu, einfach zu zeigen, was Filmrestaurierung eigentlich ist.


Die Filmgeschichte besteht nicht nur aus den Filmen, die wir heute noch sehen können. Viele Filme vor allem aus der Stummfilmzeit sind verschollen. Die Lagerung von Filmrollen ist ebenfalls von Bedeutung. Filmmaterial auf Zelluloid-Basis, das bis in die 1950er-Jahre verwendet wurde, ist sehr empfindlich und zum Beispiel leicht entflammbar. Andere Filme liegen zwar noch vor, allerdings nicht unbedingt in der Originalversion. Im internationalen Verleih wurden Filme oft verändert, umgeschnitten und gekürzt. So erging es auch dem Film Das alte Gesetz des Regisseurs Ewald André Dupont aus dem Jahre 1923. Weil die Zensurbestimmungen unterschiedlich waren, gab es für jedes Land eine eigene Schnittfassung. Für „Das alte Gesetz“ erwies sich dies letztlich durchaus als gewinnbringend. Lange Zeit konnte der Film grundsätzlich nicht vorgeführt werden. Das Originalnegativ oder eine Kopie der deutschen Fassung gelten bis heute als verschollen, aber in den 1980er-Jahren wurden in ausländischen Archiven fünf fremdsprachige Fassungen gefunden. Die Bearbeitung des Films konnte beginnen. Allerdings lag keine Zulassungskarte (der Filmzensur) vor, sodass eine wichtige Grundlage für die Rekonstruktion fehlte. Denn in der Zensur wurden die Filme detailliert beschrieben. Erst Jahre später tauchte auch diese Karte auf. Die Restaurierung des Films konnte voranschreiten. Restaurator Martin Koerber erläutert: „Dann haben wir den Fall nochmal aufgemacht. So wie Kriminalisten das machen, wenn sie plötzlich eine Tatwaffe finden. Der Projektor oder auch der Schneidetisch ist ein Tatort. Und wenn man genug Indizien hat, kann man den Tathergang rekonstruieren.“


      Das könnte Sie auch interessieren:


Film restaurieren als Abenteuer

Martin Koerber zählt zum Team der Ausstellung Frame by Frame – Film restaurieren, die seit dem 28. Oktober bis zum 2. Mai 2022 in der Deutschen Kinemathek zu sehen ist. Seit Jahrzehnten arbeitet er als Filmrestaurator. Er gehört zu den Meistern seines Fachs, das er seit 2003 auch als Professor an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin vermittelt. Im Interview erzählt er von der Faszination seiner Tätigkeit. Mit dem Ausstellungsmaterial von „Das alte Gesetz“ demonstriert er, wie spannend die Rekonstruktion eines filmischen Werks sein kann, investigativ und archäologisch. Die Geschichte des Films ist auch eine Geschichte verschollener Schätze und spektakulärer Funde. In der Ausstellung werden solche Entdeckungen auf einer Weltkarte präsentiert.


Reparatur eines gerissenen 35mm-Filmstreifens (© Marian Stefanowski / Deutsche Kinemathek)
Reparatur eines gerissenen 35mm-Filmstreifens (© Marian Stefanowski / Deutsche Kinemathek)

„Der spektakulärste Fund wäre, wenn jemand die fehlenden Rollen von Erich von Stroheims „Greed“ wiederfindet“, so Koerber. Immerhin ein faszinierendes Beispiel für eine erfolgreiche „Bergung“ eines Filmklassikers ist Fritz Langs Science-Fiction-Klassiker Metropolis (1927). Hier zeigt sich auch, dass die Archäologie der Filmrestaurierung wesentlich damit zusammenhängt, dass es häufig unterschiedliche Fassungen beziehungsweise Kopien von Filmen gab. Als „Metropolis“ am 10. Januar 1927 im UFA-Palast am Zoo in Berlin Weltpremiere hatte, waren die Erwartungen enorm. Doch der Erfolg fiel wesentlich bescheidener aus als erhofft, mit der verhängnisvollen Konsequenz, dass die UFA den Film kürzen ließ. Diese Fassung war danach etwa in den USA zu sehen, was auch damit zusammenhing, dass es einen Deal mit den amerikanischen Unternehmen Paramount und MGM gab. Weitere gekürzte Fassungen waren in unterschiedlichen Ländern zu sehen und 1936 brachte die UFA ihrerseits eine neue Version ins Kino.

Als in den 1960er-Jahren begonnen wurde, die Originalfassung zu rekonstruieren, stand man vor dem Problem, dass die 1927 herausgeschnittenen Szenen als verloren galten. 2008 wurde eine Kopie der Urfassung des Films, die diese 25 Minuten umfassenden Szenen enthielt, im Filmmuseum Pablo C. Ducrós Hicken in Buenos Aires gefunden. Der argentinische Filmverleiher Adolfo Zicovich-Wilson hatte sie 1927 nach der Premiere erworben. Später geriet sie irgendwie in den Besitz des argentinischen Filmkritikers und -sammlers Peña Rodriguez, und von dort landete sie wiederum einige Zeit später in den Beständen des Filmmuseums in Buenos Aires. Allerdings handelte es sich um ein schlechtes 16mm-Duplikat einer 35mm-Verleihkopie, die viele Schäden aufwies. Dennoch handelte es sich um wertvolles Material, das die nahezu vollständige Rekonstruktion von „Metropolis“ möglich machte. Im Rahmen der „Berlinale“ 2010 war der Film dann zum ersten Mal wieder in der weitestgehend ursprünglichen Fassung zu sehen.


Vom analogen zum digitalen Restaurieren

„Metropolis“ und „Das alte Gesetz“ sind zwei der Filme, die in der Ausstellung als Belegmaterial für die Arbeit der Filmrestaurierung herangezogen werden. Weitere aufgenommene Stummfilme sind Sylvester (1924, Regie: Lupu Pick) und „Der Katzensteg“ (1927, Regie: Gerhard Lamprecht). Menschen am Sonntag (1930, Regie: Robert Siodmak) markiert den Übergang zum Tonfilm. Mit dem wenige Jahre später entstandenen Die Insel der Dämonen(1933, Regie: Friedrich Dalsheim) ist auch ein dokumentarischer Film im Programm. Neuere Spielfilme sind Tobby (1961, Regie: Hansjürgen Pohland), Neun Leben hat die Katze (1968, Regie: Ula Stöckl) und Deutschland, bleiche Mutter (1980, Regie: Helma Sanders-Brahms). Der Experimentalfilm „Alaska“ (1968, Regie: Dore O.) komplettiert die Bandbreite der Herausforderungen bei der Filmrestaurierung.


Filmstreifen mit unterschiedlichen Schäden: Oxidierte Aussilberung, Wasserschäden, Emulionsschäden (© Marian Stefanowski / Deutsche Kinemathek)
Filmstreifen mit unterschiedlichen Schäden: Oxidierte Aussilberung, Wasserschäden, Emulsionsschäden (© Marian Stefanowski / Deutsche Kinemathek)

In der Werkstatt erleben wir die konkrete Arbeit der Restaurierung. Auf mehreren Monitoren laufen kurze Filme, in denen die Expertinnen und Experten ihre Arbeit anhand der Filmbeispiele kommentieren. Nostalgie kommt bei den analogen Geräten auf: ein Abziehtisch für den Filmvergleich und ein Umrolltisch. Nostalgie, weil damit heute kaum noch gearbeitet wird. Ein Leuchttisch zeigt die unterschiedlichen Schäden, die am Filmmaterial auftreten können. Hier bietet sich die Gelegenheit, selbst in die Rolle des Filmrestaurators zu schlüpfen. Auf einem Leuchttisch befinden sich mehrere Filmstreifen mit diversen (teilweise irreversiblen) Schäden, die mit einer Lupe begutachtet werden können. Einen Filmriss sieht man mit bloßem Auge und vielleicht auch noch ein Brandloch. Aber Wasserschäden, Emulsionsschäden oder Verunreinigungen nimmt man mithin nur mit Hilfe eines optischen Geräts wahr. Die Schäden sind vielfältig. So gibt es auch den biologischen Schaden, Befall durch Schimmel oder Bakterienfraß. Besonders leicht entzündlich wird ein Filmstreifen bei Nitrofilmzersetzung infolge von Alterung oder schlechter Lagerung.

Die Behebung dieser Einbußen im Filmmaterial wird indessen kaum noch analog durchgeführt. Die Filmrestaurierung ist digital geworden. „Genauso wie die Postproduktion sich weiterentwickelt hat Richtung Digitalisierung, ist das bei der Restaurierung natürlich auch der Fall“, so Martin Koerber.

Wie lässt es sich begrifflich fassen, wenn aus analogem Filmmaterial Nullen und Einsen werden? Von Simulation wurde gesprochen, die Filmwissenschaftlerin Barbara Flückiger bevorzugt den Begriff der Übersetzung. Bei der Übertragung des Filmmaterials in den Computer gibt es zunächst noch keine nennenswerten Qualitätseinbußen, meint Koerber. Probleme entstünden bei der digitalen Projektion. Die findet mittlerweile in den Kinos jedoch nahezu flächendeckend statt. „Wir können mit einem 35mm-Film heute gar nicht mehr so viel anfangen, weil er gar nicht überall vorgeführt werden kann“, erläutert Koerber.

Für den Filmrestaurator ist die Digitalisierung ein zweischneidiges Schwert. Einerseits wurde durch sie seine Arbeit wesentlich vereinfacht, andererseits geht aber der Film in seiner klassischen haptischen Materialität verloren. Wie geht Martin Koerber damit um? „Ideologisch ist es schwer, technisch ist es einfach. Wir können uns minimal invasiver – würde man in der Medizin sagen – verhalten als früher. Ich muss zum Beispiel im Original keinen Schnitt mehr machen. Und verliere nicht einen Millimeter Originalsubstanz. Weil ich den gar nicht mehr anfasse, außer im Scanner. Oder in der Reparatur vorher, damit er durch den Scanner durchkommt. Natürlich ist es aber ein Medienwechsel, der auf der Leinwand anders aussieht. Sie kennen das aus dem Kino. Das Licht geht aus und Sie sehen, dass die Leinwand schon ein bisschen erhellt ist, weil die digitale Projektion kein totales Schwarz kennt.“

35mm-Filmstreifen mit oxidierten Aussilberungen (© Marian Stefanowski / Deutsche Kinemathek)
35mm-Filmstreifen mit oxidierten Aussilberungen (© Marian Stefanowski / Deutsche Kinemathek)

Hier treten also Dilemmata auf, die hohe und differenzierte Ansprüche an die Arbeit der Filmrestaurierung stellen. Weitere filmethische Probleme spielen auch auf anderen Ebenen der Filmrestaurierung eine wichtige Rolle.


Ethische und ästhetische Herausforderungen

In dem Bereich Ästhetik/Ethik geht es um Fragen, die in Theorie und Praxis der Filmrestaurierung seit vielen Jahren diskutiert werden. Nico de Klerk schrieb 1994: „Der Vorrang des Originals resultiert nicht nur aus einer Praxis und Ethik der Filmrestaurierung: denn in dieser Auffassung konvergiert ein vorherrschender Begriff von Filmgeschichte mit dem der Filmerhaltung.“ Was aber ist erhaltenswert und wie findet man dies heraus? Richtet man sich danach, was die Filmemacherin oder der Filmemacher intendierte, oder sind auch solche Versionen relevant, die für die Auswertung in einem Land umgeschnitten wurden?

Solche Entscheidungen betreffen auch die Farbstimmung, die oft nicht mehr aus dem Filmmaterial hervorgeht. Anhand eines Ausschnitts aus Deutschland, bleiche Mutter werden mehrere Farbstimmungen an einem Monitor durchgespielt. Auch Musik ist in den Prozess der Filmrestaurierung involviert. So existiert die Originalmusik zu Menschen am Sonntag nicht mehr, was dazu führte, dass der Film im Laufe der Zeit mit immer wieder neuen Kompositionen vorgeführt wurde – die den Besucher beim Herumschlendern in diesem Ausstellungsbereich akustisch begleiten.

In anderer Hinsicht herausfordernd sind Experimentalfilme. Hier wird oft gezielt gegen die Norm gearbeitet, meint Martin Koerber, so wird etwa anders belichtet als üblich. Was die Rekonstruktion erschwert. Dies gilt etwa für „Alaska“, einen Film, der allerdings gemeinsam mit der Filmemacherin restauriert werden konnte. Diese Zusammenarbeit oder auch die mit Kameraleuten ist für die Restaurierung wertvoll. Deutlich wird dies, wenn der Kameramann Jürgen Jürges über den von ihm fotografierten Deutschland, bleiche Mutter spricht.


Restauratorinnen und ihre Arbeit (© Marian Stefanowski)
Restauratorinnen und ihre Arbeit (© Marian Stefanowski)


Filmerbe

Eher zufällig, aber sehr passend, so Koerber, fand das Filmerbe-Festival Film Restored vom 3. bis 7. November statt. Die Insel der Dämonen war auch im Festivalprogramm vertreten. Ein unmittelbarer Zusammenhang zum Thema „Filmerbe“, das in den vergangenen Jahren zeitweise heftig diskutiert wurde und 2014 zu einer Petition an den Deutschen Bundestag führte (siehe Initiative Filmerbe in Gefahr), besteht ebenfalls nicht – kann aber zweifellos hergestellt werden. In den Diskussionen, die zum Filmerbe in den vergangenen Jahren geführt wurden, nahm die Digitalisierung einen prominenten Platz ein. Aber auch nach der spektakulären Aussage der Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die Digitalisierung des Filmerbes sei eine „Jahrhundertaufgabe“, hat sich noch nicht so viel getan wie notwendig. In seiner Darstellung des aktuellen Standes der Digitalisierung stellte der Filmhistoriker Jeanpaul Goergen im Oktober 2020 dar, dass immerhin Fortschritte durch das zu Beginn des Jahres 2019 angelaufene Förderprogramm Filmerbe festzustellen seien.

Für Martin Koerber war der Metropolis-Fund von 2008 von besonderer Bedeutung, hatte er 2001 doch die digitale Restaurierung von „Metropolis“ im Auftrag der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Wiesbaden durchgeführt. Für ihn ist die Ausstellung daher besonders wichtig, erzählt sie doch von der Tätigkeit, die sein Leben geprägt hat.

Kommentar verfassen

Kommentieren