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Geduld und Leidenschaft - Lina Wertmüller

Freitag, 10.12.2021

Zum Tode der italienischen Regisseurin Lina Wertmüller (14.8.1928-9.12.2021)

Diskussion

Die einer adligen Schweizer Familie entstammende Lina Wertmüller begann als Assistentin von Federico Fellini und inszenierte ab den 1960er-Jahren eigene Filme. Fantasievolle und freche Zugriffe auf Gegenwart wie Vergangenheit waren ebenso ihr Markenzeichen wie provokante Positionen zu Geschlechter- und Klassenkampf. Für Sieben Schönheiten(1975) wurde sie als erste Frau überhaupt für den Regie-„Oscar“ nominiert. Am 9. Dezember ist sie im Alter von 93 Jahren gestorben.


Bei der kleinen Veranstaltung für den „Governors Award“ 2019, den „Ehrenoscar“ für das Lebenswerk, einem festlichen Bankett abseits der eigentlichen „Oscar“-Verleihung, flankierten Isabella Rossellini, Sophia Loren und ihre Tochter Maria die damals 91-jährige Lina Wertmüller. Die italienische Filmemacherin funktionierte die Ehrung sogleich zu einer kleinen feministischen Demonstration um. Sie wog den Ehrenpreis verächtlich in der Hand: „Er ist schwer und ein Mann. Statt Oscar sollte es eine Frauenstatue sein und Anna sollte sie heißen.“ Wertmüller dürfte dabei an Anna Magnani gedacht haben, die sie als Regieassistentin von Federico Fellini kennengelernt hatte. Isabella Rossellini übersetzte ihre kurze, fast gehauchte Dankesrede sichtlich amüsiert, bevor die alte Dame erzählte, was ihr Leben als Filmemacherin bestimmt hatte: „Geduld und Leidenschaft“.

Umstritten waren viele ihrer Filme vielleicht gerade deshalb, etwa Sieben Schönheiten (1976), der im KZ spielt, es mit seiner brisanten Mischung aus Gewalt, Tod und Sex aber bis zur „Oscar“-Verleihung schaffte. Pasqualino Settebellezze, ein Zuhälter mit angeblich sieben Schönheiten aus Neapel, watet durch die Latrine des Lagers, in der alle Grazie verschwindet, und schlägt sich als kompromissloser Opportunist durch die feindliche Welt eines Konzentrationslagers, in das er eigentlich nur durch eine Verkettung unglücklicher Umstände geraten ist. Er lässt sich sogar von einer dicken KZ-Wächterin „vernaschen“. Wie ein großer Käfer füllt sie das Bild, bis Pasqualino von ihr zumindest visuell geradezu „verschlungen“ wird. Ein durchaus kontroverses, obszönes Bild.

 

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Über Nacht die bekannteste Filmemacherin der Welt

Lina Wertmüllers Film „Sieben Schönheiten“ wurde 1977 für vier „Oscars“ nominiert. Sie konkurrierte als allererste Frau um den renommierten Regie-„Oscar“, zusammen mit John G. Avildsen („Rocky“), Alan J. Pakula („Die Unbestechlichen“), Sidney Lumet („Network“) und Ingmar Bergman („Von Angesicht zu Angesicht“). Als Nominierte hatte sie sogar Martin Scorsese und dessen frühes Meisterwerk „Taxi Driver“ ausgebootet. Lina Wertmüller ging bei der „Oscar“-Verleihung bekanntermaßen leer aus. Dafür aber war sie über Nacht zur bekanntesten Filmemacherin der Welt geworden.

Provokant, aber international erfolgreich wurde Wertmüllers KZ-Film „Sieben Schönheiten“ (© IMAGO / Everett Collection)
Provokant, aber international erfolgreich: „Sieben Schönheiten“ (© IMAGO / Everett Collection)

Die Feministin und Antifaschistin mit ihren weißumrandeten übergroßen Brillengläsern war in Europa damals längst eine feste Größe. Als Regieassistentin hatte sie Federico Fellini bereits 1963 bei dessen selbstreflexiver Bestandsaufnahme Achteinhalb begleitet und im gleichen Jahr mit I basilischi ihren ersten eigenen Film gedreht. Mit anderen italienischen Filmemachern ließ sie in dieser Zeit das Erbe des Neorealismus zugunsten einer fantasievolleren und auch frecheren Umgangsweise mit der Wirklichkeit hinter sich.

Ihre Helden sind Feministinnen, Kommunisten, Antifaschisten und Frauen der Steinzeit. Zu dem grotesken Film Als die Frauen noch Schwänze hatten, 1970 von Pasquale Festa Campanile mit Senta Berger in der Hauptrolle inszeniert, schrieb sie das Drehbuch, ebenso wie zu dem Killerfilm Brutale Stadt von Sergio Sollima mit Charles Bronson.

Immer häufiger führte sie auch selbst Regie: „Wenn im Krieg und in der Liebe alles erlaubt ist, dann ist auch im Kino alles erlaubt“, erklärte sie und wurde als kompromisslose Filmemacherin mit einer ganz unverwechselbaren Bilderwelt bekannt. In „Liebe und Anarchie“ (1973) kommt beispielsweise ein kleiner Bauer aus dem Veneto nach Rom. Er will Mussolini töten, versteckt sich vorerst aber im Bordell von Salome, die ihn unterstützen will. Deren Lebenswelt macht das kleine Bäuerlein Tonino ganz verrückt. Als ihm auch noch Tripolina – eine der Damen dieser Halbwelt – ausgesprochen schöne Augen macht, ist es um ihn geschehen.

Wie der Blick der dunkeläugigen Tripolina den Tonino trifft, wie er erst einmal gar nicht hinschauen mag und lieber weiter an seinem Hühnerbein herumknabbert, gehört zu den ganz großen Liebesszenen des Kinos. Daran ändert auch das Bordell nichts, in dem Liebe und Anarchie eine feste Verbindung eingegangen sind. So heißt dann auch der Film, bei dem der Titel die Anarchie der Liebe genauso gemeint ist wie die Liebe zur Freiheit und zur Anarchie. Dumm nur, dass Tonino sich so sehr in dieser Welt verliert, dass er das geplante Attentat auf den Feind der Freiheit, auf Mussolini, glatt verschläft.

Geschlechterverhältnisse standen immer wieder im Zentrum ihrer Arbeiten wie in „Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August“ (© IMAGO / Allstar)
Geschlechterverhältnisse standen immer wieder im Zentrum ihrer Arbeiten wie in „Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August“ (© IMAGO / Allstar)

Politisch provokativ und romantisch

Und so ist „Liebe und Anarchie“, ähnlich wie Sieben Schönheiten, so politisch provokativ wie romantisch, aber auch ein wenig hoffnungslos. Mit Faschismus und Geschlechterkampf oder auch mit der Mafia hat sich Wertmüller in all ihren Filmen beschäftigt. Und dabei oft Grenzen überschritten. Etwa wenn sich eine junge Frau vergewaltigen lässt, weil sie den Fernseher, der ihr wichtigstes Hab und Gut ist, auf keinen Fall fallen lassen will und ihn während des gesamten Geschlechtsakts entschlossen in die Höhe stemmt („Tutto a posto e niente in ordine“ aus dem Jahr 1974). In Deutschland lief der Film als Operation gelungen – Patient tot; wörtlich übersetzt hätte der Film jedoch „Alles prima, aber nichts ist in Ordnung“ geheißen; so bezeichnet man in Italien sprichwörtlich das politische System, auch schon lange von Silvio Berlusconi, den Lina Wertmüller später heftig attackierte.

Wertmüllers Filme waren offene Feldschlachten im Krieg der Klassen und der Geschlechter. „Swept Away“, heißt ihr Film über eine reiche Frau und einen Mechaniker in der englischen Kurzfassung, in der sich Mariangela Melato und Giancarlo Giannini auf einer einsamen Insel all ihrer Zivilisationskleidung beraubt sehen. Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August, heißt dieser Film über Mann und Frau als Elementarmächte mit seinem deutsch übersetzten Originaltitel, der zu Lina Wertmüllers schönsten zählt. Die unglaublich langen Filmtitel machte sie zu ihrem Markenzeichen. Der längste davon hat 179 Buchstaben, und man muss ihn sich schon auf Italienisch anhören, um dessen ganze Poesie erschließen zu können: „Fatto di sangue fra due uomini per causa di una vedova, si sospettano moventi politici“. Auf Deutsch schnurrte das schlicht zu Blutfehde(1979) zusammen.

„Blutfehde“ entfaltet ein satirisches Sittenbild vor dem Hintergrund des wachsenden Faschismus (© IMAGO / Allstar)
„Blutfehde“ entfaltet ein satirisches Sittenbild vor dem Hintergrund des wachsenden Faschismus (© IMAGO / Allstar)

Die Bandwurm-Titel klingen nach mittelalterlichen Novellen, und gewiss hat diese Vorliebe von Arcangela Felice Assunta Wertmüller von Elgg Spanol von Braueich damit zu tun, dass Lina Wertmüllers vollständiger Name einen ähnlich barocken Klang verbreitete. Ihre grellen, grotesken Geschichten über Sex und Politik, Gewalt und Gefühle werden dem Kino fehlen. Und dem Theater. Mit dem Stück „Liebe und Magie in Mammas Küche“ eroberte sie 1987 auch die Bühne. In Berlin inszenierte Peter Palitzsch die Geschichte eines grotesken Muttertiers mit Elisabeth Trissenaar in der Hauptrolle. Im Fernsehspiel „Mannaggia alla Miseria“ („Verdammt zum Unglück“) ließ sich Lina Wertmüller 2008 überzeugen, eines der Lieder des Films selbst zu singen. Das Lied heißt „Non è un granché“ – so toll bin ich doch gar nicht. Doch! Sie war so toll und einmalig im europäischen Kino.

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