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Mehr denn je - Gaspard Ulliel (25.11.1984-19.1.2022)

Montag, 24.01.2022

Erinnerungen an den mit nur 37 Jahren verstorbenen französischen Schauspieler Gaspard Ulliel (25.11.1984-19.1.2022)

Diskussion

Leise Töne sind gewiss nicht das Erste, was man mit den Filmen des Kanadiers Xavier Dolan verbindet, und „Einfach das Ende der Welt“, seine Theateradaption aus dem Jahr 2016, ist darin keine Ausnahme: In der Familie, um die sich der Film dreht, kochen Konflikte schnell bis zum Anschlag hoch, der Streit zwischen der Mutter und ihren erwachsenen Kindern wird ebenso heftig ausgetragen wie die Geschwisterrivalität. Es ist eine Stimmung, wie man sie mit Dolans Oeuvre assoziiert, doch in diesem Fall steht eine ganz Dolan-untypische Figur im Mittelpunkt: Eigentlich ist dies die Geschichte des Schriftstellers Louis, der nach langer Funkstille seine Familie besucht, um ihr zu eröffnen, dass er todkrank ist. Dazu jedoch kommt es nicht, denn Louis wird regelrecht in Beschlag genommen; ein ums andere Mal sind es die Mitglieder seiner Familie, die ihm ihre verborgenen Gefühle enthüllen. Und Louis bleibt nur, von seinem eigenen Schicksal zu schweigen und die Geheimnisse der anderen in sich aufzunehmen, ein Akt berührender Selbstbelastung, um das fragile Gefüge der Familie nicht endgültig zu zerschlagen.


Gaspard Ulliel in "Einfach das Ende der Welt" (© Weltkino Filmverleih)
Gaspard Ulliel in "Einfach das Ende der Welt" (©Weltkino Filmverleih)

Ein „César“ als erster Karrierehöhepunkt

Auch wenn Dolan bei seinem Film auf ein französisches All-Star-Ensemble setzte, ist es der Schauspieler von Louis, der am meisten im Gedächtnis bleibt: Der damals 32-jährige Gaspard Ulliel hat inmitten des exaltierten Spiels um ihn herum die schwierige Aufgabe zu meistern, eine komplexe Gemengelage aus Abwarten, dem ruhigen Willen zur Deeskalation und kleinen Zeichen des Trostes, Widerspruchs und Einlenkens darzustellen. Da Louis beständig unter Beschuss steht, muss er auch jederzeit seine Möglichkeiten zur Reaktion abwägen, und Ulliel lotet die passive Haltung der Figur in zahllosen Nuancen aus. Eine halb abgewandte Körperhaltung, leicht abschweifende Augen oder ein Zug an der Zigarette verweisen auf Louis’ schwierigen Stand, sich auf sein Gegenüber konzentrieren zu müssen, obwohl es doch um ihn gehen sollte. Die subtile Leistung blieb nicht unbelohnt: Der Film verhalf Gaspard Ulliel zum „César“ als bester Hauptdarsteller und damit zum Höhepunkt seiner Karriere. Einem vorläufigen, wie man damals mit guten Gründen annehmen konnte, dem noch viele weitere folgen würden.

Nur fünf Jahre später hat das Leben von Gaspard Ulliel nun jedoch ein brutales Ende genommen: Am 19. Januar 2022 starb der 37-jährige Schauspieler als Folge eines Skiunfalls in den Alpen. Angesichts seines schockartigen Todes ist es wahrscheinlich unumgänglich, dass sich gerade diejenigen seiner Rollen in Erinnerung rufen, in denen Verwundbarkeit ein elementarer Bestandteil war – umso mehr, als seine Sensibilität an andere großartige Darsteller der französischen Filmgeschichte erinnerte, die ebenfalls im Alter zwischen 35 und 37 Jahren starben: Gérard Philipe, Patrick Dewaere, Guillaume Depardieu.


In Kontrast zu grausamen Umständen

Das jungenhafte Aussehen Gaspard Ulliels mit der Ausstrahlung von Unschuld brachte die Filmemacher jedenfalls bemerkenswert oft dazu, es in Kontrast zu grausamen Umständen zu stellen. Gleich drei der verlustreichen Kriege im 20. Jahrhundert durchlitten von ihm gespielte Figuren, angefangen mit André Téchinés „Die Flüchtigen“ (2003), in dem Ulliel einen mit kaum 18 Jahren bereits verlorenen Jugendlichen verkörperte, der eine Lehrerin und ihre zwei Kinder 1940 vor den Deutschen zu retten versucht. In Jean-Pierre Jeunets „Mathilde – Eine große Liebe“ (2004) ist es der Erste Weltkrieg, in dem sein blutjunger Soldat verloren geht und die große Suchaktion seiner Verlobten auslöst, die nicht an seinen Tod glaubt. Ein Film, vom Ansatz ausgerichtet auf Audrey Tautous standhafte Protagonistin und Jeunets Regie-Bombast, der Gaspard Ulliel in den Friedens-Rückblenden und den Schützengraben-Szenen aber eine Vielzahl intensiver Facetten erlaubt und mit der Wiederbegegnung am Schluss – äußerlich fast unversehrt, aber psychisch so zerstört, dass er seine Verlobte nicht wiedererkennt – für ein beklemmendes Finale sorgt. Für Guillaume Nicloux schließlich begab er sich in „Am Ende der Welt“ (2018) in den Indochina-Krieg, wo er als einziger Überlebender eines Massakers auf Rache aus ist, sich aber dann heillos in dem unbekannten Land verliert, als Spiegel des nicht zu gewinnenden Konflikts.


Plakatmotiv zu "Am Ende der Welt" (Les Films du Worso)
Plakatmotiv zu "Am Ende der Welt" (©Les Films du Worso)

„Saint Laurent“: Das vielschichtige Bild eines getriebenen Künstlers

Ebenfalls mit Kampf, wenn auch in anderen Formen, wurde Gaspard Ulliel von Bertrand Bonello in „Saint Laurent“ (2014) konfrontiert. Der Aufstieg des Modedesigners Yves Saint Laurent dient Bonello als Anlass für ein schwelgerische Stilfeuerwerk, in dem den perfektionistischen Designerstücken die Zerrissenheit ihres Schöpfers entgegensteht. Zwischen Schüchternheit und exaltierter Egozentrik versucht Ulliels Yves Saint Laurent permanent, sich selbst zu finden, und Bonellos charakteristische ausgedehnte Einlassung auf das gezeigte Milieu hilft dem Schauspieler ebenso sehr wie dieser dem Film. Mit seinen sachten, aber oft auch überraschend energiegeladenen Gesten kann er das vielschichtige Bild eines getriebenen Künstlers entwerfen. Ein wenig staunt dieser Saint Laurent auch immer über sich selbst, wenn er seine Visionen Wirklichkeit werden sieht, aber auch wenn ihm tatsächlich Liebe begegnet.

Eine ähnliche Beobachterstellung hatte Gaspard Ulliel auch in Stéphanie Di Giustos „Die Tänzerin“, der ebenfalls immens von seinem Auftritt profitiert. Als verschuldeter, äthersüchtiger, heruntergekommener Adliger Louis Dorsay ist er ein Produkt der Dandy-Epoche, der den eigenen Untergang nicht nur nahe vor sich sieht, sondern geradezu zelebriert. Die Serpentinentänze von Loïe Fuller (Soko) verhelfen ihm noch einmal zu etwas Lebenssinn, und es ist das emotionale Zentrum des Films, mitzuerleben, wie Ulliel seiner (fiktiven) Figur wieder ein wenig Lebensfreude einzuhauchen versteht, als Dorsay die Begabung von Fuller entdeckt und sie fördert, wie ihre bravourösen Bühnendarbietungen ihm Kraft zurückgeben und wie diese wieder schwindet, als die Tänzerin den Preis für ihre körperliche Schwerstarbeit bezahlt. In einem Film, der viel von männlichen Übergriffen und Loïe Fullers oft enttäuschter Sehnsucht nach weiblicher Zärtlichkeit handelt, fällt die verständnisvolle Freundschaft zwischen Dorsay und Fuller aus dem Rahmen – und Gaspard Ulliels stille, aber hoch aufmerksame Präsenz gibt dem Film einen faszinierenden Ruhepol.


Einer internationalen Karriere stand nichts im Weg

Bei all dem war er als Schauspieler natürlich nicht exklusiv auf verwundete und vom Leben niedergedrückte Figuren abonniert. Unter den Filmen von Gaspard Ulliel gab es auch die heiteren, optimistischen Beispiele, wo seine Jugendlichkeit strahlte und sein breites Lächeln ohne traurigen Einschlag eingesetzt wurde. Erste Fernsehauftritte, etwa neben Sandrine Bonnaire, hatte er bereits als 12-Jähriger, 2002 fiel er dann in der prominent besetzten Beziehungskomödie Küss mich, wenn du willst (2002) bereits als Jugendlicher auf, der die Liebe entdeckt.

Ähnliche Positiverfahrungen machte er auch in dem von Gus Van Sant inszenierten Beitrag zum Episodenfilm „Paris, je t’aime“ (2006) und in Emmanuel Mourets „Die Kunst zu lieben“ (2011), repräsentierte in „Ein Volk und sein König“ (2018) die junge Strömung der Französischen Revolution und bewies sich auch im Genrekino wie im Gangsterfilm „Inside Ring“ (2009), in dem er als Sohn eines Clanbosses (Jean Reno) einen Weg heraus aus Kriminalität und Gewalt anstrebt. In diesen Filmen schien es theoretisch nichts zu geben, was sich Gaspard Ulliel dauerhaft in den Weg stellen konnte. Auch Hannibal Rising (2007), der sich am reichlich absurden Unterfangen versuchte, dem schillernden Serienmörder Hannibal Lecter eine erklärende Jugendgeschichte beizugeben, gehört in diese Reihe, ein Film, in dem Gaspard Ulliel tapfer die simple Psychologie des Drehbuchs mit Charisma überwand.


Anm der Seite von Adèle Haenel für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: "Ein Volk und sein König (© StudioCanal
An der Seite von Adèle Haenel für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: "Ein Volk und sein König (©StudioCanal)

Eine auch internationale Karriere stand vor und nach der Lecter-Darstellung immer wieder im Raum, und auch das Vermächtnis von Gaspard Ulliels letzten Rollen hätte sein internationales Renommee noch einmal steigern können: Ein Gegenspieler des Titelhelden in der Superhelden-Serie „Moon Knight“ und der Partner von Vicky Krieps in der nächsten Regiearbeit der deutschen Filmemacherin Emily Atef. Der Titel von Atefs Film mag sich nun wie ein Ansporn lesen, im Schock über den Tod des Schauspielers nicht aus den Augen zu verlieren, wie viel er dem Kino geben konnte und wie viele Entdeckungen sich auch in Zukunft noch bei der (Wieder-)Begegnung mit seinen Auftritten werden machen lassen. Der Titel lautet: „Mehr denn je.“

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