© Andre Röhner (Regisseur Andreas Dresen)

"Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" - Andreas Dresen

Dienstag, 26.04.2022

Ein Gespräch mit dem Regisseur Andreas Dresen über seinen Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“

Diskussion

„Das Verhalten unserer Politiker im Fall Murat Kurnaz war unsäglich“, beklagt Regisseur Andreas Dresen. In seinem Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ beleuchtet er die Geschichte des in Bremen wohnhaften Türken, der von 2002 bis August 2006 ohne Anklage im Gefangenenlager von Guantanamo einsaß, aus der Perspektive seiner Mutter - und wählt dabei bewusst einen optimistisch-kämpferischen Tonfall.


Wo waren Sie am 11. September 2011, und was haben diese ikonischen Bilder in Ihnen als Mensch wie als Filmemacher ausgelöst?

Andreas Dresen: Am 11. September 2001 war ich in meiner Potsdamer Wohnung, hatte das Radio an und hörte um 15 Uhr Nachrichten. Dann kam diese irre Meldung, dass ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen sei. Ich habe gleich den Fernseher eingeschaltet und war von diesem Moment an sozusagen live dabei. Das war ja für viele von uns ein absolut surrealer Moment, weil man das Gefühl hatte, in einem dieser US-amerikanischen Katastrophenfilme zu sitzen, obwohl einem schon dämmerte, dass das alles wirklich passiert und die Welt danach sicherlich eine andere sein würde. Das ist sie dann ja leider auch geworden, mit all den verheerenden Folgen. Ich habe den Eindruck, dass seitdem nichts wirklich einfacher, sondern alles viel komplizierter geworden ist.

Wann haben Sie das erste Mal bewusst von dem umstrittenen US-Militärgefängnis Guantánamo gehört? Es existiert ja mit heute 39 Insassen weiterhin und diente für Ihren Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ als zeithistorische Hintergrundfolie.

Andreas Dresen: Das muss so ziemlich genau vor zwanzig Jahren gewesen sein, als es gegründet wurde und ich das erste Mal von diesem Ort des Schreckens hörte. Schnell kamen die ersten Bilder, von denen wir eines auch in unserem Film verwendet haben. Diese seltsam orange-verpackten Menschen mit Kopfhörern, denen die Augen verbunden wurden und die auf dem Boden knien mussten, während um sie herum die GIs liefen, die sie rund um die Uhr bewachten. Das hat mich geschockt und emotional aufgewühlt. Obwohl man damals von den ganzen Ausmaßen nur eine vage Ahnung hatte.

Die Folgen des politischen wie moralischen Versagens der USA reichen vom Irak-Krieg über den Abu-Ghraib-Folterskandal bis hin zum desaströsen Abzug der internationalen Militärstreitkräfte aus Afghanistan.

Andreas Dresen: Ja, die Folgen reichen bis in die Gegenwart hinein; all das ist immer noch sehr präsent, auch wenn der Anfang bereits zwei Dekaden zurückliegt. Leider wurde vieles bis heute nicht ordentlich aufgearbeitet.

In Ihrem Film konzentrieren Sie sich aber nicht auf Murat Kurnaz als zentralem Protagonisten, sondern auf dessen titelgebende Mutter Rabiye. Als eine „Frau aus kleinen Verhältnissen“ kämpft sie zusammen mit dem Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke mit entschlossener Courage um die Rückkehr ihres zu Unrecht inhaftierten und gefolterten Sohnes. Was hat Sie zu dieser dramaturgischen Entscheidung bewegt?

Andreas Dresen: Der Anfang war natürlich Murat Kurnaz und seine unglaubliche Geschichte, die ich aus der Guantánamo-Perspektive angehen wollte. Dabei zeigte sich allerdings sehr schnell, wie schwierig das filmisch darstellbar ist. Alles schien zu kafkaesk und auch zu hoffnungslos…

…und etablierte Genrekonventionen aus dem US-amerikanischen Justiz- oder Rache-Film würden hier sicherlich auch nicht greifen.

Andreas Dresen: Das ist richtig. Die Konstruktionen klassischer Gefängnis- oder Gerichtsfilme funktionierten für diese Geschichte nicht. Schließlich gab es nie eine Chance auf einen Ausbruch oder wenigstens ein Gerichtsurteil. Nicht einmal Anwaltsbesuche oder irgendeine Art von Kommunikation unter den Häftlingen hätten ein treibendes Element sein können. Stattdessen Folter, Willkür und Düsternis. Welches Kinopublikum könnte das auf Dauer ertragen? Während ich mich mit diesen Fragen beschäftigte, lernte ich Murats Mutter Rabiye bei einem Abendessen in Bremen kennen. Das erste, woran ich mich erinnere, war ihr herzliches Lachen! Sie saß an unserem Tisch und hat die ganze Runde prächtig unterhalten. Ich habe mich sofort in diese Frau verliebt. Was ist das doch für eine tolle Person, dachte auf der Rückfahrt nach Berlin. Sie hat fünf Jahre gekämpft und am Ende konnte ihr Sohn tatsächlich nach Deutschland zurückkehren. Vielleicht wäre das ja eine viel bessere Perspektive für die Erzählung? Nachvollziehbarer und auch hoffnungsvoller. Eine Mutter kämpft um ihren verlorenen Sohn. Das versteht man doch überall auf der Welt. Ich hatte das Gefühl, dass sich diese Geschichte so viel mitreißender und kämpferischer erzählen ließe. Gerade auch im Verbund mit dem Rechtsanwalt Bernhard Docke…

…den Sie in Ihrer langjährigen Recherche ebenfalls mehrfach getroffen haben.

Andreas Dresen: Das war ein sehr wichtiger Gesprächspartner für den Film. Gerade auch, was die sehr komplexen juristischen Fragestellungen betraf.

Der Regisseur mit den realen Vorbildern seiner Filmfiguren: Andreas Dresen, Rabiye Kurnaz und Bernhard Docke auf dem roten Teppich der Berlinale 2022 (© IMAGO / Future Image)
Andreas Dresen mit den realen Vorbildern Rabiye Kurnaz und Bernhard Docke (v.l.; © imago/FutureImage)

Im Zuge dessen haben Sie sich auch mehrfach mit Murat Kurnaz getroffen, der heute verheiratet ist und drei Kinder hat. Welchem Menschen sind Sie da begegnet? Im Grunde kann man sich auch nach der Lektüre seines aufwühlenden Buches kaum vorstellen, was er in diesen fünf Jahren in Guantánamo erleiden musste.

Andreas Dresen: Ich hatte sein Buch auch gelesen. Das hat mich sehr mitgenommen. Ich weiß noch, mit welchem Respekt ich ihm das erste Mal gegenüberstand, weil er ein echter „Kerl“ ist. Gefühlt so breit wie hoch, hatte er wirklich riesige Muskelpakete. Ich selbst bin ja eher schmal. Murat ist ein toller Mensch, weil er so sanft und gütig ist. Ich habe ihn mal gefragt, ob er die US-Amerikaner jetzt hasse, für das, was sie ihm angetan haben. Er hat das sofort verneint. Warum sollte er die Amerikaner hassen? Es gab für ihn nie nur „die Amerikaner“. Selbst in der Wachmannschaft von Guantánamo waren nicht alle schlecht zu ihm. Er ist erstaunlicherweise frei von Bitterkeit, was vielleicht auch mit seinem Glauben zu tun hat. Er hat nie eine Therapie gemacht. Bei allem, was er ertragen musste, hat mich das sehr gewundert. Letztlich muss er ein in sich sehr stabiler Mensch sein, sonst hätte er diese schwere Zeit mit all ihren Schrecken gar nicht überlebt. Er hat mir auch furchtbare Dinge erzählt, die nicht in seinem Buch stehen, überraschenderweise manchmal sogar mit Humor. Das macht ihn seiner Mutter sehr ähnlich.

Zugleich steht eine offizielle Entschuldigung oder Entschädigung seitens der Bundesregierung bis heute aus. Der damalige Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier hatte 2002 keinerlei Interesse an einer Auslieferung von Murat Kurnaz durch die USA.

Andreas Dresen: Ich finde es skandalös, dass sich damals auf deutscher Seite kein Politiker bewegt hat. Deswegen habe ich das auch auf der Pressekonferenz der Berlinale noch einmal ausdrücklich betont. Jeder Mensch macht Fehler, natürlich, aber nach nunmehr fast 20 Jahren wäre es an der Zeit, diese endlich einzugestehen. Murat Kurnaz und seine Familie haben eine Entschuldigung und eine Entschädigung verdient.

Abseits des politischen Kontextes ist ihr Film auch eine positiv gestimmte Culture-Clash-Komödie mit satirischen Einsprengseln. Wie wichtig ist es für Sie als Filmemacher, dem Publikum im Kinosessel eine positive Geschichte zu erzählen? Und warum haben Sie sich bei der Besetzung der weiblichen Rolle gerade für Meltem Kaptan entschieden? Sie stammt aus dem Stand-up-Comedy- und Musicalbereich und stand als Schauspielerin noch nie vor einer Kamera.

Andreas Dresen: Beim Blick in die täglichen Fernsehnachrichten graut es einem ja häufig. So groß sind die Probleme, so unlösbar. Umso wichtiger ist es, die Hoffnung nicht zu verlieren, den Humor zu bewahren. Humor ist eine fast schon anarchische Waffe gegen die Verzweiflung an der Welt und ihrem Zustand. Er macht uns erst zu Menschen. Als wir Meltem Kaptan gefunden hatten, waren wir sehr glücklich. Sie hat ein großartiges Timing, wobei ihr Hintergrund als Stand-up-Comedienne sicherlich eine Rolle spielt. Bei den Probeaufnahmen waren ihre Takes meist 10 bis 20 Sekunden kürzer als die ihrer Kolleginnen. Mit der Schnelligkeit ist es im deutschen Kino ja immer so eine Sache, weil man sich allzu oft in Befindlichkeiten ausruht. Dazu kam Meltems ungeheure Kraft, die wunderbar zu ihrer Figur passte. Und dann natürlich ihr schönes Kindergesicht, das in den schweren und düsteren Momenten der Geschichte besonders zum Tragen kommt. Da schaut man durch ihre Augen plötzlich direkt in ihre Seele. Man empfindet große Empathie, geht mit ihr mit, versteht sie. Kurz gesagt: Meltem rührt einen. Das war ausschlaggebend, weil ihr die Herzen der Zuschauer förmlich zufliegen. Hier steht eine Frau aus den sogenannten kleinen Verhältnissen auf, wehrt sich gegen die Mächte dieser Welt - in unserem Fall den US-amerikanischen Präsidenten - und ist erfolgreich. Rabiye Kurnaz zeigt, dass die Welt veränderbar ist und dass man sich nicht unterkriegen lassen sollte.

Meltem Kaptan (vorne) mit Alexander Scheer und Andreas Dresen beim Photocall auf der Berlinale 2022 (IMAGO / Future Image)
Meltem Kaptan (r.) mit Alexander Scheer und Andreas Dresen (© imago/Future Image)

Um das spüren zu können, muss man Ihren Film unbedingt in einem Kino erleben. Wie sehr hat Ihnen das Kinoerlebnis während der Pandemie als Filmemacher gefehlt?

Andreas Dresen: Das war schlicht eine Katastrophe. Die Uraufführung des Films auf der Berlinale hat mir sehr deutlich vor Augen geführt, wie aufregend und beglückend es ist, einen Film zusammen mit anderen im Kinosaal zu erleben. Ich habe jede Reaktion des Publikums gespürt. So etwas funktioniert zu Hause vor dem Laptop nicht. Das Kino ist ein Ort sozialer Kommunikation und Interaktion. Da sitzen ein paar hundert Leute zusammen, die gemeinsam lachen und weinen. Als Filmemacher spürt man förmlich die immense Energie im Raum. Da ist alles da! Und wenn man dann das Kino verlässt, geht es gleich weiter: Der eine wischt sich noch die Träne weg, während andere bereits diskutieren. Deshalb war es gut, dass die Berlinale in Präsenz stattfand, weil wir alle wieder begriffen haben, warum und wofür wir Filme machen. Der Mensch ist schließlich ein geselliges Wesen.

Eine wichtige Ebene bilden erneut die frech-forschen Drehbuchzeilen von Laila Stieler, etwa „Hundertmal hab‘ ich ihm gesagt: Heimat ist, wo man satt wird“ oder „Das ist Kellnerinnen-Style“, die dem Film viel Schwung geben. Mit ihr haben Sie schon das siebte Mal zusammengearbeitet. Was schätzen Sie an ihr und Ihrer Arbeitsweise?

Andreas Dresen: Ihre liebevolle, zugewandte Sicht auf Menschen und ihren wunderbaren Humor! Laila Stieler schreibt los und dann kommen diese hinreißenden Dialoge zustande. Sie ist aber auch offen für Dinge, die wir dann beim Drehen mit den Schauspielern ergänzen. Etwa dieses „Echt jetzt?“ Das stammt von der echten Rabiye und ihren Kindern, weshalb wir es unbedingt im Film verwenden wollten. Aus diesem besonderen Mix entsteht dann der Ton des jeweiligen Films. Es fügt sich ein Baustein an den anderen, wobei ich beispielsweise die Kinder in den Familienszenen oft improvisieren ließ, damit die Sprache lebendiger wird. In echten Familien wird schließlich auch sehr viel durcheinander geredet!

Szene aus "Ranbiye Kurnaz gegen Goerge W. Bush" (© Pandora Film, Andreas Hoefer)
Szene aus "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" (© Pandora Film, Andreas Hoefer)

Welcher Gerechtigkeitssinn treibt Sie als Person und Regisseur an? Sie sitzen seit fast zehn Jahren als Laienrichter im Brandenburger Verfassungsgericht und treten in einem kurzen Cameo-Auftritt selbst in Robe auf der Leinwand in Erscheinung.

Andreas Dresen: Das Verhalten unserer Politiker im Fall Murat Kurnaz war unsäglich. Sie haben ihm nicht nur die Hilfe verweigert, sondern auch aktiv dafür gesorgt, dass er in Guantánamo bleiben musste. Es gibt viele Dokumente, die dieses Fehlverhalten belegen. Was für eine Schande! Wenigstens jetzt könnte man ihn um Entschuldigung bitten, weil man ihm fünf Jahre seines Lebens geraubt hat. Aber es wäre zumindest ein Zeichen des moralischen Anstands.

An welchen Filmstoff arbeiten Sie gerade?

Andreas Dresen: Ich drehe im Sommer tatsächlich schon wieder. Laila Stieler hat erneut das Buch geschrieben. Thematisch geht es um die Geschichte der deutschen Widerstandkämpfer Hilde und Hans Coppi, die in der „Roten Kapelle“ aktiv waren, wodurch ich das erste Mal historisch ganz weit zurückgehen werde, was ich aber mit einem ganz modernen Ansatz verknüpfen möchte.

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