© Berlinale 2022/Glassriver, Juliette Rowland (aus "Black Sands")

(Über-)Leben in Island: „Black Sands“ & "Berdreymi“ bei der Berlinale 2022

Donnerstag, 17.02.2022

Diskussion

Mit der Serie „Black Sands“ und dem Coming-of-Age-Drama „Berdreymi“, das in der Sektion „Panorama“ glänzte, war Island bei der Berlinale 2022 würdig vertreten. Beide Produktionen verweigern sich jeder Postkarten-Romantik der nordischen Insel und punkten mit starken, rauen Geschichten.


Die Berlinale versteht sich fast trotzig als Publikumsfestival, selbst in Zeiten wie diesen. Und so findet zwar kein großer roter Teppich statt, aber die Nähe zwischen Prominenz und Publikum wird dennoch gesucht – mit gebührendem Abstand versteht sich. Die Macher des isländischen Krimi-Achtteilers Black Sands“, der im Rahmen der „Berlinale Series“ vorgestellt wurde, kamen gleich in Reisebusstärke ins International Kino unweit vom Alexanderplatz, um ihn erstmals Publikum außerhalb der Insel zu präsentieren. „Bitte kommt trotzdem auch weiterhin nach Island. Es ist nicht ganz so schlimm dort, wie wir hier den Anschein geben“. Es ist nicht nur der Vulkanstrand Reynisfjara am Kap Dyrhólaey schwarz und unergründlich, auch die wenigen Menschen, die in seiner Nähe wohnen, haben dunkle Geheimnisse. Eigentlich schaut sich Baldvin Zophoníasson eher keine Serien mit Morden an, aber, so führt der Regisseur nach der Premiere auf der Bühne weiter aus „… mir macht es ungemein Spaß, selbige zu inszenieren.


      Das könnte Sie auch interessieren:


Eine Tote am Strand und viele Geheimnisse

Und so beginnt „Black Sands“ gleich mit einem atemberaubenden Drohnenflug über das steile Kliff und den tief unten liegenden Strand, auf dem sich eine weiße, leblose Frau als einziger Fremdkörper weit sichtbar abzeichnet. Eine andere Frau, Aníta (Aldís Amah Hamilton), hat es (aus Gründen, die wir im Laufe der Serie erfahren) schon früh aus der Gegend vertrieben; sie kommt nun als fertige Polizistin zurück. Ihr erstes „Hallo“ gilt nicht etwa ihrer eigenbrötlerischen Mutter Elín (Steinunn Ólína Þorsteinsdóttir), sondern ihrem väterlichen Freund und Vorgesetzten Ragnar (Þór Tulinius), der sie auf dem Weg zum Elternhaus abfängt und gleich zum Schwarzen Strand mitnimmt. Eine deutsche Touristin starb hier eines unnatürlichen Todes. Viele Fremde sind hier schon verschwunden, zumeist, weil sie die sich plötzlich auftürmenden Wellen am steil abfallenden Glassteinstrand unterschätzt haben.


"Black Sands" (© Berlinale 2022/Glassriver, Juliette Rowland)
"Black Sands" (© Berlinale 2022/Glassriver, Juliette Rowland)

„Es ist eigentlich mehr ein Familiendrama als eine Krimigeschichte“, meint Hauptdarstellerin und Co-Autorin und Aldís Amah Hamilton auf die Bemerkung aus dem Publikum, das die ersten zwei Teile doch recht „zwischenmenschlich“ und weniger „actionreich“ seien. Steinunn Ólína Þorsteinsdóttir führt weiter aus, dass das Problem in Island weniger die Morde sind als die Familienmitglieder, denen man einfach nicht aus dem Weg gehen könne. Man müsse wirklich aufpassen, mit wem man ins Bett geht, „im Zweifel ist man mit ihm verwandt“.

Die Geschichte einer desaströsen Kindheit: „Berdreymi“

Auf die Idee, dass sich sein Island-Bild nachteilig auf die fürs Land so wichtige Tourismusbranche ausüben könnte, ist Regisseur und Autor Guðmundur Arnar Guðmundsson sicher nicht gekommen. Dabei ist sein „Panorama-Sektions“-Beitrag „Berdreymi“ ein Schlag ins Gesicht. Der freie englische Titel „Beautiful Beings“ („Berdreymi“ bedeutet „Zukunftstraum“) ist genau das Gegenteil dessen, was in Guðmundsson Coming-of-Age-Drama zu sehen sein wird. Es ist nichts weniger als die Geschichte einer desaströsen Kindheit, aus der 14-jährige Balli versucht, das Beste zu machen. Nicht zuletzt wegen seines asozialen Elternhauses (Vater spielt keine Rolle, Mutter drogenabhängig), gilt Balli als Außenseiter. Alkohol und Nikotin haben sein Hirn chronisch vernebelt, und fürs Glasauge ist sein im Knast sitzender Stiefvater verantwortlich. Doch bevor es besser wird, muss es erst einmal schlechter werden. Balli weiß nicht wirklich warum, aber Addi, der Anführer des brutalsten Schläger-Trios der Schule, entwickelt Gefühle für den „Abschaum des Viertels“. Es mag auch daran liegen, dass Addi nicht nur von Gewalt beseelt ist, sondern auch von seherischen Tagträumen, in denen auch der geschundene Balli eine Rolle spielt. Für diesen ist das der erste soziale Kontakt außerhalb seiner Familie. Doch als neuer Teil der Gang wird die Aussicht auf eine Integration in den Suburbs sich rosiger.

" (© Berlinale 2022/Join Motion Pictures, Sturla Brandth Grøvlen)
"Berdreymi" (© Berlinale 2022/Join Motion Pictures, Sturla Brandth Grøvlen)

In Guðmundsson Island findet man keine eindrücklich abgelichteten Touristenattraktionen. Sein Reykjavik erinnert an eine Abbruchkante der Zivilisation, und das Leben darin an die Existenz auf einer Müllhalde. Dennoch blüht, in all dem Moloch aus Gewalt und Schmutz, ein Fünkchen Zwischenmenschlichkeit. Eine deprimierende und dennoch wunderbare Geschichte einer Freundschaft, die durch ein beachtliches, weil auch in den Extremen glaubwürdig agierendes (Jugend-)Ensemble zu einem Ereignis wird.

Nicht von dieser Welt

Wenn in Island gar nichts mehr geht, helfen im Zweifel die Geister und Naturwesen, die nicht nur im Film allgegenwärtig sind. Die steil aufsteigenden Felsen in der Dünung am schwarzen Strand von Kap Dyrhólaey sind angeblich zwei Trolle, die versucht haben, ein Schiff an Land zu schleppen, aber von Sonnenstrahlen getroffen zu Stein erstarrten. In „Berdreymi“ sind es die ebenso archaischen wie märchenhaften Erscheinungen, die Addi den Weg weisen.

Nach der umjubelten Premiere im „Panorama“-Hauptkino Zoo Palast wird Regisseur Guðmundsson vom Publikum gefragt, ob er den selbst Erfahrungen mit dem Übersinnlichen habe. „Jeder von uns hat diese Erfahrungen, und jeder am Set hat von Erfahrungen nicht von dieser Welt berichten können. Das ist in Island allgegenwärtig.“ Und das gute Dutzend Cast & Crew, das sich mit ihm auf der Bühne versammelt hat, nickt, ohne zu schmunzeln. „Damit muss man eben rechnen, wenn man uns besucht!“ Und das meint der eigentlich eher lockere Filmemacher dann plötzlich ganz ernst.

Kommentar verfassen

Kommentieren