© imago/Ronald Grant (aus "Panzerkreuzer Potemkin")

Kinomuseum-Blog (1): Die Toten auf der Treppe in Odessa

Montag, 28.02.2022

Der Auftakt des neuen Siegfried-Kracauer-Blogs „Kinomuseum“ reflektiert über die Kunst des Kinos, reale Orte wie die Freitreppe in Odessa in filmische Denkmäler zu verwandeln, die den mit ihnen verbundenen Schrecken als Erinnerung aufbewahren.

Diskussion

Es gibt eine Handvoll Kinomuseen auf der Welt, doch den meisten fällt es schwer, die Essenz der Kunstform Film in Räume, an Wände und in Vitrinen zu bannen. So ist das Herz jedes Filmmuseums immer sein Filmtheater. Glücklicherweise besitzt das Kino aber die erstaunliche Kraft, existierende Orte in Denkmäler zu verwandeln.

Die Freitreppe in Odessa ist so ein Ort. Wer sie mit der Erinnerung an Sergei M. Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ betritt, vergleicht nicht nur einen filmischen Schauplatz mit der Realität. Man meint förmlich, zwischen die Einstellungen zu treten, die in Eisensteins Montage die Idee zum Zeitbild machen. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man vielleicht, welch spektakuläre Illusion die Architektur selbst ist, mit ihren 192 sich nach oben verkürzenden Stufen: ein Theatereffekt für Tiefenwirkung, den sich auch gerne das Kino zu Nutze macht. Obwohl diese Treppe über 80 Jahre älter ist als Eisensteins Film, hat sich international für sie der Name „Potemkin Stairs“ eingebürgert. Nur in Odessa erinnert keine Gedenktafel an ihren legendären Filmauftritt.

Offensichtlich hat die Stadtverwaltung in Odessa wenig Interesse daran, sich mit dem Ruhm eines sowjetischen Filmklassikers zu schmücken; noch dazu eines Propagandafilms für den Kommunismus. Als ich 2012 nach Odessa kam, war ich überrascht, dort keinen Hinweis auf einen der größten Filmkünstler aller Zeiten zu finden. Die Mitarbeiterin eines Kulturinstituts erklärte mir dies damit, dass man in diesem Teil der Ukraine einen radikalen Bruch mit russisch-sowjetischen Einflüssen vollzogen hätte. Das betraf offensichtlich auch Eisenstein, einen Juden aus Riga im heutigen Lettland, der nur mit sehr viel Glück von den Säuberungen Stalins verschont blieb.


Odessa und seine berühmte Treppe

Anderseits verdient diese Treppe natürlich auch, um ihrer selbst willen bewundert zu werden. Als die junge Stadt entstand, hatten sich ihre Bürger immerhin eine Sehenswürdigkeit geleistet, die es verdient, auch unabhängig von einem Film bewundert zu werden. Oder als Erinnerungsort für jenes Ereignis zu dienen, das Eisenstein 1925 verfilmte.

Während der russischen Revolution im Jahr 1905 sollen Bürger von der Treppe aus den aufständischen Matrosen zugejubelt haben. In der Nacht zum 28. Juli flüchteten Menschen dann unter Beschuss aus dem brennenden Hafenviertel die Treppe hinauf. Eisenstein, der später beteuerte, die meisterhaft komponierte Szene erst vor Ort improvisiert zu haben, kehrte die Laufrichtung um. Womöglich wird Putins Überfall auf die Ukraine dafür sorgen, dass sich in absehbarer Zeit neue Ereignisse mit diesem Schauplatz nahe dem größten Hafen der Ukraine verbinden.

Für Putins Kriegsrhetorik ist Odessa ein symbolträchtiger Ort. Am 2. Mai 2014 starben dort 48 Menschen bei einem Angriff auf ein Zeltlager prorussischer Aktivisten und dem Brandanschlag auf das Gewerkschaftshaus, in das sie geflüchtet waren; die Verbrechen wurden nie aufgeklärt. Es war das folgenreichste Ereignis außerhalb der Kampfhandlungen des Krieges in der Ukraine, der seit Februar 2014 andauert.


Wenn das Kino Erinnerungsorte definiert

Oft ist es das Kino, das Ereignissen, denen noch kein Denkmal errichtet wurde, Erinnerungsorte setzt. Im Spielfilm wurde dieser Krieg zunächst von dem in Deutschland lebenden, in der Ukraine aufgewachsenen Sergej Loznitsa verarbeitet. Viele seiner Dokumentarfilme, besonders eindrucksvoll „Maidan“ (2014), führen die filmische Beobachtung an jenen Punkt, an dem sich das Zufällige schon allein durch die Ausdauer des Betrachtens zum historischen Tableau verdichtet. Seine Spielfilme nehmen gerne das Stilmittel der langen Einstellungen auf und lenken dabei den gesetzten Zufall noch ein Stückchen weiter - in die Richtung eines Realismus des Absurden. Das verbindet ihn mit dem wohl bedeutendsten ukrainischen Filmemacher, Sergej Paradshanow, dem es in den 1960er-Jahren gelungen war, das Diktat des sozialistischen Realismus gegen einen ganz eigenen Stil zu ersetzen, eine Art folkloristischen Surrealismus.


"Maidan" (© Grandfilm)
"Maidan" (© Grandfilm)

In „Donbass“ (2018) vertraute Loznitsa auf diese oft von ihm erprobten, aber keineswegs unfehlbaren Methoden. Man glaubte gern, dass der Ukraine-Konflikt im Schatten des Desinteresses der Weltöffentlichkeit genug Kafkaeskes hervorbringt, um die 13 Szenen seines Films zu inspirieren. Lose verbundene, tableauhafte Sequenzen führen in leere Winterlandschaften, wo uniformierte Eindringlinge überraschend wenig Eindruck auf eine Landbevölkerung machen, die genug mit der täglichen Korruption zu tun hat. Der Ton ist satirisch, aber nicht immer humorvoll; leicht irreal, aber nicht um Poesie bemüht; manchmal grausam, aber nie erschreckend. Immer wieder staunt man, mit welchem Aufwand diese bitteren Pointen vorbereitet werden: Etwa jene Szene, in der eine Frau in einer Stadtratssitzung einen Eimer Fäkalien über einem Mann entleert, den sie für negative Berichterstattung in der Lokalzeitung verantwortlich macht.

Wie leicht wäre es gewesen, das Thema da anzupacken, wo es weh tut. Auf beide Seiten gibt es genug tabuisierte Verbrechen, an denen zu rühren sich lohnte. Doch wenn fiktionale Bilder auf die Realität eines Konflikts Bezug nehmen, sollten sie sich auch dessen Proportionen stellen. Wenn sich in einer Szene ein Lynchmob auf einen prorussischen Kämpfer stürzt und ihn an einen Pfahl fesselt, denkt man unwillkürlich an die noch viel schrecklicheren Ausschreitungen in Odessa. So gern man die Absurdität derartiger Konflikte auf der Ebene der bloßen Alltags-Surrealität abhandeln möchte, sitzt die Tragik doch ein Stückchen tiefer.


Die angekündigte Invasion

Auch der ukrainische Filmkünstler Valentyn Vasyanovych ist bekannt für lange, statische Einstellungen. Im Herbst 2021 lief beim Filmfestival in Venedig sein Film „Reflection“, der aus 29 Einstellungen in 125 Minuten besteht. Wenn ein Film auf den Schock der russischen Invasion in diesem Februar vorbreitet hat, dann dieser. Die Unbeirrbarkeit des Filmstils korrespondiert im tragischen Höhepunkt mit der Gnadenlosigkeit einer Folterszene: Ein Arzt hat sich von seinem Schwiegersohn überreden lassen, ihn in die besetzte Krim zu begleiten. Als ihn die Folterknechte an den Ort ihres Verbrechens führen – ein ehemaliges Zentrum für zeitgenössische Kunst –, ist dem Mann schon nicht mehr zu helfen.

Die angekündigte Katastrophe der Invasion hat es einem amerikanischen US-Filmemacher ermöglicht, rechtzeitig ins Land zu reisen. Während viele westliche Journalisten bereits das Weite suchen, dreht Sean Penn derzeit in Kiew einen Dokumentarfilm über die Ereignisse. Bereits im November hatte er das Land zu Vorbereitungen besucht und mit Soldaten über die Bedrohung gesprochen. Bei aller Sorge um das Überleben der Menschen in diesem gebeutelten Land ist es ein Trost, dass ein Filmkünstler dem Schrecken ein Denkmal setzt.


Hinweis

Die Beiträge des Kracauer-Blogs „Kinomuseum“ von Daniel Kothenschulte und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

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