© Cannes 2022/Nikos Nikolopoulos (aus "Crimes of the Future")

Cannes 2022: Auf dem Olymp

Mittwoch, 25.05.2022

Eine Soirée zum 75. Jubiläum & neue Filme von den Dardenne-Brüdern, David Cronenberg und Park Chan-Wook

Diskussion

Jeder Regisseur der Welt wäre auf dieses Setting neidisch, wenn sich zur milden Abendbrise das Licht über die Bucht von Cannes ergießt und das Defilee am roten Teppich in einen echten Aufstieg zum Olymp verwandelt. Wenn dann auch noch gefühlt die Hälfte aller wichtigen Filmschaffenden von Costa-Gavras bis Wim Wenders versammelt ist, die Cannes bei der Soirée zum 75. Jubiläum die Ehre erweisen, fühlt man sich für einen Augenblick wirklich in eine andere Welt enthoben.

Es wird ja immer wieder geschrieben und gesprochen, dass das Kino in Cannes wie an keinem anderen Ort der Welt gefeiert wird, was meist etwas übertrieben wirkt, auch wenn es nicht nur journalistischer Emphase entspringt. Doch beim Festakt zum 75. Jubiläum schenkten die Götter dem Festival tatsächlich ihre ganze Gunst, und da sich auch die Organisatoren im Vorfeld sehr viele Mühe gegeben hatten, konkurrierten Würde, Eleganz und das versammelte Weltkino um die Aufmerksamkeit des geneigten Publikums, das in alter Vor-Corona-Glückseligkeit Körper an Körper die Croisette bevölkerte. Die Namen der geladenen Gäste, vom Moderator mit tiefer Stimme klangvoll und mit vielen Kunstpausen zu Gehör gebracht, nahmen sich dabei nicht nur wie ein Who’s Who des Weltkinos aus, sondern ließen auch einen tiefen Blick ins Netzwerk von Cannes zu, wo die Beziehungen zu den Filmemachern seit eh und je gehegt und gepflegt werden: Wer es einmal in die „Sélection officielle“ geschafft hat, wer also zu den „Freunden“ des Festivals zählt, wird in aller Regel immer wieder an die Côte d’Azur eingeladen.


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Zumindest war dies die Politik unter Gilles Jacob und Thierry Frémaux, also seit rund drei Jahrzehnten. Doch inzwischen mehren sich die Zeichen, dass auch in Cannes nicht alles so bleibt, wie es war. Da sind nicht nur die Auseinandersetzungen um die Netflix-Filme oder die designierte Nachfolgerin des Präsidenten Pierre Lescure, der seinen Platz im Sommer für Iris Knobloch räumt, die damit als erste Frau die Leitung von Cannes übernimmt. Augenfälliger sind Äußerlichkeiten wie das Ende der Farben-Hierarchie beim Einlass zu den Filmen; wo bislang nach Prominenz und Wichtigkeit unterschieden wurde, gespiegelt in den Farben der Festivalpässe, geht es jetzt nur noch nach „mit“ und „ohne Ticket“ oder einer „Marché“-Akkreditierung. Und auch der ausgeprägte Kult um Sicherheit und Gesundheit ist einer neuen Lässigkeit gewichen; statt peinlicher Taschen- und Körperkontrolle wird man jetzt meist großzügig durchgewunken, und an Corona erinnert auch nur noch die Durchsage, die Masken während der Vorstellung aufzubehalten; de facto kümmert sich darum niemand mehr; nur Busfahrer oder Menschen in Service-Berufen schützen sich in Cannes vereinzelt noch vor dem Virus.


Preiswürdig: Der neue Film der Dardenne-Brüder

Filmisch nähert sich das Festival nach dem Wochenende bereits der Zielgeraden, auf der sich allerdings täglich neue gewichtige Anwärter für die „Palmen“ einfinden. Allen voran ist dabei „Tori et Lokita“ von Jean-Pierre und Luc Dardenne zu nennen, die in der Migrationsgeschichte um einen zehnjährigen Jungen und eine knapp volljährige Jugendliche zur inszenatorischen Klarheit und Stärke ihrer Anfänge zurückfinden. Die beiden Titelfiguren geben sich als Geschwister aus, seitdem sie auf der Flucht übers Mittelmeer nicht ertrunken sind, und stehen mit aller Kraft und Liebe füreinander ein. Die Behörden zweifeln ihre Verwandtschaft allerdings an, was vor allem für Lokita ein Problem ist, da sie im Gegensatz zum minderjährigen Tori um ihren Status bangen muss.


Starkes Fake-Geschwisterpaar: "Tori & Lokita" (© Cannes 2022/Archipel 35/Les Films du Fleuve/Savage Film)
Starkes Fake-Geschwisterpaar: "Tori and Lokita" (© Cannes 2022/Archipel 35/Les Films du Fleuve/Savage Film)

Bei den Verhören verwickelt sie sich in Widersprüche, weil sie eben nicht wissen kann, dass das Waisenhaus, in dem Tori früher lebte, gar keinen Garten und damit auch keine Bäume besaß. Doch auch sonst muss die junge Frau wie eine Löwin kämpfen; die afrikanischen Schlepper, die sie nach Lüttich verfrachtet haben, drängen rüde auf die Begleichung ihrer Schulden, und auch in der Heimat ist die Mutter verzweifelt auf Geld angewiesen, um die kleineren Geschwister über die Runden zu bringen. Gemeinsam mit Tori verdient sie mit Karaoke ein paar Euro, und ein paar mehr, wenn sie mit Hasch dealt, wobei sich Tori auch hier als cleverer Helfer bewährt.

Die große Kunst des Films und der beiden belgischen Regisseure liegt darin, das Geschehen aufs Wesentliche zu verdichten und unaufgeregt, geradezu provozierend ruhig zu inszenieren. Lokitas Scheitern bei der Asylbehörde wird aus der Perspektive von Tori gezeigt, der vor der Tür wartet, eine Kontrolle durch die Polizeistreife als banger Moment, die Flucht vor den Schleppern als Räuberleiter, mit der einer Konfrontation ausgewichen wird. Dennoch ist das spannender als ein Thriller, weil die Ahnung von Unheil auf dem Geschehen lastet und die sorgfältige Lichtsetzung und die Tiefenschärfe der Kamera die Protagonisten mit umsorgender Hingabe ins Zentrum rückt. Selbst die finale Zuspitzung erwächst aus der Kombination geschwisterlicher Verbundenheit und der Härte der Verhältnisse. Lokita lässt sich darauf ein, für mehrere Monate eine Plantage mit Cannabis zu betreuen, ohne Kontakt zu Außenwelt; dafür soll sie dann einen (gefälschten) Pass bekommen. Doch Tori kann ohne seine „Schwester“ nicht sein und setzt alles daran, mit ihr in Kontakt zu kommen.


Pablo Schils als Toti (© Cannes 2022/Archipel 35/Les Films du Fleuve/Savage Film)
Pablo Schils als Toti (© Cannes 2022/Archipel 35/Les Films du Fleuve/Savage Film)

Wie in allen Dardenne-Filmen ist auch der Stoff ihrer 12. Arbeit aus der Wirklichkeit gegriffen; nicht im platten Sinne einer Geschichte nach angeblich „wahren Begebenheiten“, sondern wesentlich fundamentaler, nämlich als nüchterner Blick auf das Schicksal von Menschen auf der Flucht, als existenzielle Verbeugung vor der Kraft menschlicher Liebe, die selbst im Scheitern und noch in der Katastrophe an der Bezogenheit aufeinander festhält. Das ist dann auch politischer als jede noch so wohlmeinende Position, weil sie den Kern des Humanen, die Würde des Individuums, zum Leuchten bringt. Zumindest die Ökumenische Jury in Cannes wird bei ihren Preisen daran nicht vorbeigehen können.


Chirurgie ist der neue Sex: Futuristisches von David Cronenberg

Die beiden anderen Highlights der letzten Tage, „Decision to Leave“ von Park Chan-Wook und „Crimes of the Future“ von David Cronenberg, dürften bei den kirchlichen Überlegungen weniger zum Zuge kommen, dafür aber umso mehr in den Diskussionen der Internationalen Jury. Vor allem David Cronenberg überrascht mit einem fulminanten Horrorfilm, der visuell und inhaltlich an „Naked Lunch“ anschließt und nicht nur im exquisiten Vorspann an „eXistenZ“ erinnert. Die Handlung kreist um ein von Viggo Mortensen und Léa Seydoux gespieltes Performance-Duo, das in einer von gelbstichiger Patina überzogenen Zukunft bizarren Happenings huldigt: Sie bringt in öffentlichen Sessions neue Organe, die in ihm heranwachsen, zum Vorschein, indem sie seinen Körper wie bei einer Autopsie öffnet und operiert. Hilfreich ist dabei, dass die Evolution den Menschen den Schmerz ausgetrieben hat, zumal Chirurgie als der neue Sex gilt und die deformative Veränderung des Körpers hoch im Kurs steht; bei der Session einer Konkurrentin um die öffentliche Aufmerksamkeit tanzt eine Gestalt, deren Körper von unzähligen Ohren übersäht ist, während Augen und Mund zugenäht sind.


Léa Seydoux & Viggo Mortensen (© Cannes 2022/Nikos Nikolopoulos)
Léa Seydoux & Viggo Mortensen (© Cannes 2022/Nikos Nikolopoulos)

Das Body-Horror-Moment trieb in Cannes niemand aus dem Kino, da sie mit der Cronenberg’schen Ästhetik alter Bilder gefilmt sind, die nur beim Schnitt des Skalpells durch die Haut oder wenn die Lippen zusammengenäht werden, wirklich unangenehm werden; überdies sind die Schock-Elemente in ein dichtes Erzähl- und Anspielungsgeflecht eingebunden, in dem die evolutionären Bedingungen des „New Flesh“, das sich künftig von Plastik ernährt, vielfach gebrochen werden. Und damit die Reflexionen und Anspielungen nicht allzu simpel in den Vordergrund spielen, irrlichtern mehrere Subplots durch die Handlung, in denen Welket Bungué einen Geheimpolizisten und Kristen Stewart eine nicht minder geheime Mitarbeiterin des Büros zur Registrierung neuer Organe spielt.


Vexierspiel: Park Chan-Wooks „Decision to Leave“

Der genaue Blick auf grausige Details spielt auch in „Decision to Leave“ von Park Chan-Wook eine wesentliche Rolle, wenngleich sich die Wahrheit nicht auf der Oberfläche der Fakten widerspiegelt, sondern immer erst retrospektiv in der Kombination und Interpretation der Phänomene erschließen lässt.

Der Sonderermittler der Polizei in Busan untersucht den Todesfall eines Mannes, der von der Spitze einer markanten Bergnadel in den Tod gestürzt ist. Alles deutet auf Selbstmord oder einen Unfall hin; nur die seltsame Gefühllosigkeit der aus China stammenden Witwe auf die Todesnachricht irritiert den Polizisten und stachelt seine Hartnäckigkeit an, für die er legendär ist. Fortan beschattet er die Frau rund um die Uhr und imaginiert sich – auch filmisch – in ihr Dasein hinein, was der Frau nicht verborgen bleibt, die ihrerseits mit ähnlich detektivischem Gespür begabt ist und ihr Gegenüber ausspäht. In der Prosa des Cannes-Kataloges echot dies so wieder: „A suspect who is hiding her true feelings. A detective who suspects and desires his suspect. Their decision to leave“.


"Decision to Leave" (© Cannes 2022/CJ ENM Co., Ltd., MOHO FILM)
"Decision to Leave" (© Cannes 2022/CJ ENM Co., Ltd., MOHO FILM)

Bis es so weit ist, dass der eine oder die andere sich zum Gehen entscheidet, nimmt Park Chan-Wook auf eine barock ausgeschmückte, vielfach verzweigte und sich in ihren Verästelungen kunstvoll spiegelnde Geschichte mit, die mit stupendem visuellem Einfallsreichtum und einem hohen Erzähltempo ein lustvolles Vexierspiel kreiert, das mehr als einmal in sich zusammenschnurrt, ohne dass es damit seine Geheimnisse schon preisgegeben hätte. Am Ende bleibt eine tragische Liebesgeschichte, deren melancholischer Schmerz sich in keinem Bild mehr fixieren lässt.

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