Cinematic Journalism

Kathryn Bigelow & Mark Boal komprimieren die Historie in intensivierten Momentaufnahmen

Diskussion

In Kathryn Bigelows „The Hurt Lucker“ (2008) gibt es eine Szenenfolge, die als einer der härtesten „Jump Cuts“ in die Filmgeschichte eingegangen ist. In ihr wird Jeremy Renner als Sergeant William James aus der Wüste und dem Staub und dem Krieg in einen Supermarkt befördert, wo Dutzende Sorten Cornflakes in scheinbar identisch bunten Packungen auf ihre Auswahl warten. Diese Schnittfolge verwandelt eine Geschichte über Draufgängertum und die nervenzerfetzenden Sekunden vor der Entschärfung eines Sprengsatzes in ein sozialpsychologisches, ja politisches Statement: Die Intensität des Krieges kann deine Seele in Stücke reißen, und sie allein verspricht, sie auch wieder zu heilen. William James wird bald einen weiteren radikalen Ortswechsel vollführen, aus dem Kinderzimmer zurück in den Irak, wo er in einer neuen Einheit mit der alten Aufgabe, mit den Händen nur Millimeter vom Zentrum einer möglichen Explosion entfernt, nach seinem Seelenfrieden sucht.

Für „The Hurt Locker“ gewann Kathryn Bigelow als erste und bislang einzige Frau den „Oscar“ für die Beste Regie. Doch einen Wendepunkt in ihrer Karriere, die sich bis dahin mit exquisiten Genrefilmen wie „Near Dark“ (1987) oder „Strange Days“ (1994) schmücken konnte, markierte der Film vor allem durch einen Ansatz, den Bigelow als „Cinematic Journalism“ beschrieb. Bei „The Hurt Locker“ begann ihre langjährige Zusammenarbeit mit dem Journalisten und Drehbuchautor Mark Boal, der nicht nur umfangreiche Recherchen zu „Zero Dark Thirty“ (2012) und der aktuellen Produktion „Detroit“ beisteuerte. Boal beherrscht ebenso die Kunst der Verdichtung, der Konzentration, allerdings auch der Auslassung, die er gemeinsam mit Bigelow zu einem erzählerischen Muster perfektionierte, das sich noch besser als mit dem Ausdruck „Kino-Journalismus“ mit einem Begriff der intensitätsbetonten, individualistischen Reformulierung von historischen Ereignissen beschreiben ließe.

Historische Augenblicke als Momente tödlicher Gewalt

Damit einher geht eine starke Dynamisierung des Moments, am stärksten in „The Hurt Locker“ und „Detroit“, in dem die hektischen Bewegungen der Handkamera weniger an das Mittendrin von TV-Nachrichten erinnern, weniger Nervosität dokumentieren, als diese vielmehr erst erzeugen, um ein Maximum an Angespanntheit, an Bewegung und potenzieller Gewalt aus einer Szene herauszuholen.

Dieses Handwerk beherrscht Bigelow nahezu perfekt; ihre Filme involvieren den Zuschauer stark in den fiktionalisierten geschichtlichen Moment. Die erzählte Zeit formen Bigelow und Boal dabei in ein grob skizziertes Vorher und in beinahe in Echtzeit beobachtete Kulminationsaugenblicke. In „Detroit“ springen sie durch Stunden und Tage der aufwallenden Unruhen im Jahr 1967, die sich in einer überaus brutalen, bis in den einzelnen Schlag, den einzelnen Schrei und den einzelnen Schuss erzählten Razzia im Algiers Motel entladen. In „Zero Dark Thirty“ dauert es sogar Jahre, bis die Ermittlungen zum Überfall auf den Unterschlupf von Osama Bin Laden führen. Auch hier bleibt kein Raum unerkundet, keine Türklinke ungerüttelt, nicht alle Einwohner verschont: Die entscheidenden Momente der Historie sind bei Bigelow Momente tödlicher Gewalt, die sich aus der Perspektive der Schützen wie der der Opfer entfalten. Die filmische Bewegung führt die Navy Seals über grausame Umwege ans Ziel, die Bewegung im Algiers Motel hingegen ist ihre eigene Grausamkeit als Selbstzweck. Einmal nimmt Bigelow in „Detroit“ mit auf die Suche und zeigt, dass womöglich auch Unschuldige dieser Suche zum Opfer fallen; im anderen Fall ist die Schuldfrage so eindeutig, dass der Schock das Publikum aufrütteln soll.

Bigelows Filme mit Mark Boal sind Werke, in denen die Emotion den Kontext besiegt und die Erfahrung des Einzelnen die Komplexität der Gesellschaft erdrückt. Diese Ursprungslosigkeit erfasst auch und vor allem die Figuren: CIA-Agentin Maya (Jessica Chastain) verfolgt Bin Laden mit einer wachsenden Entschlossenheit – weil sie nichts anderes kennt im Beruf und, so suggerieren es einige Szenen, auch nicht im Leben. William James lebt und, noch schockierender, liebt eigentlich nur als Sergeant. Seine Familie ist die Einheit, seine Braut die Bombe. Wo kein biografischer Ballast im Moment der Tat die Gehirne zukleistert, lässt sich dieser Moment umso unbeschwerter intensivieren. Die große Leere folgt zwangsläufig, wenn nicht mehr gehandelt werden kann – nach der Tötung des Terroristen, nach der (vorübergehenden) Heimkehr aus dem Krieg.

Die moralische Wertung ist jeder Einstellung eingeschrieben

Boals Drehbücher erzählen in ihrer radikalen Reduktion, die nicht mit Kürze zu verwechseln ist, lediglich von den Mikroeinheiten politischen Handelns. Für einen Film, der wie „The Hurt Locker“ die Verheerungen des Krieges beschreiben will, mag das genügen. Für die Rekonstruktion eines historischen Ereignisses, die wie „Detroit“ einen spezifischen Moment der Geschichte behandelt, scheint diese Vorgehensweise unbefriedigend – es sei denn, deren einziger Zweck liege tatsächlich in der Spiegelung des Themas in die Gegenwart und im Hinweis auf die zerstörerische Brutalität eines keineswegs überwundenen Rassismus.

Erstaunlicherweise ist es in den USA relativ still um „Detroit“ geblieben. Dies überrascht umso mehr, als sich der „Cinematic Journalism“ hier die Freiheit nimmt, ein Gerichtsurteil, das Polizisten immerhin vom Mordverdacht freisprach, in seiner Erzählung zu revidieren. Die Wahrheit lebt vor allem in der einzelnen Situation, deutlicher offenbar als in einem gesellschaftlichen Prozess, der diesen Situationen in den Filmen zumeist äußerlich bleibt.

Doch die Detailversessenheit, mit der Boal und Bigelow ihre Filme machen, öffnet einen weiteren Raum für Kritik: Veteranen beschwerten sich über die aus ihrer Sicht ungenaue Darstellung der Abläufe in „The Hurt Locker“. „Zero Dark Thirty“ löste eine große Diskussion aus über die Schilderung der Folter als erfolgreiches Ermittlungsinstrument – und später dann auch über den Preis, den man als Filmemacher wohl habe zahlen müssen, um derart exklusive Einblicke ausgerechnet von der CIA gewährt zu bekommen. Doch es ist gerade der Verzicht auf abstrakte Reflexionen über Ursachen und Nebeneffekte, der diese Filme prägt. In ihrer Geschlossenheit öffnen sie sich dem Weltbild des Publikums. Und genau darin beschreibt „Detroit“ womöglich einen weiteren Wendepunkt, da hier die moralische Wertung des Geschehens jeder Einstellung ganz eindeutig eingeschrieben ist.
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