© imago/Insidefoto (Graffiti von der Piazza Campo de Fiori in Rom)

Gott behüte mich, einen einfachen Film zu machen!

Mittwoch, 27.07.2022

Die Gespräche zwischen dem Filmkritiker Gideon Bachmann und Pier Paolo Pasolini sind in einer aufwändigen deutschen Ausgabe erschienen

Diskussion

Von 1963 an traf sich der Filmkritiker Gideon Bachmann mit Pier Paolo Pasolini immer wieder zu langen, persönlichen Gesprächen, die aufgezeichnet wurden und jetzt erstmals in Deutschland zugänglich werden. Ihre Unterhaltungen decken Pasolinis gesamtes Filmschaffen ab und zeichnen dessen beispiellose intellektuelle Radikalisierung nach.


Das Unternehmen, die Gespräche zwischen Gideon Bachmann und Pier Paolo Pasolini zu veröffentlichen, ist von Machtverhältnissen und Nachfrage so wenig beeindruckt, wie es der Künstler war, dem es gewidmet ist. Die beiden Bände des Verlags, der auf den schönen Namen Galerie der abseitigen Künste hört, bringen rund 850 Seiten beziehungsweise 1,8 Kilogramm zusammen; der Kommentarband von Fabien Vitali ist mehr als doppelt so schwer wie der Band mit den Gesprächen. Das ist eine Setzung von Gewicht. Und eine Sensation auf einem Markt, auf dem Filmbücher entweder in Kleinstauflagen von Akademikern und Museen aus Gründen der Selbstdarstellung bestellt und bezahlt werden oder ein vergangenes, trügerisches Glück vom Kino vorgaukeln, das einmal ein Publikum hatte. Dieses Buch folgt nur der Sache selbst. Ein Buch, das Ansprüche hat und stellt. Ein Buch also von freien Menschen für freie Menschen.

Der Aufwand erstaunt, denn in seinem 100. Geburtsjahr ist mit Pasolini hierzulande kein Blumentopf mehr zu gewinnen, auch wenn der Wagenbach Verlag unlängst den etwas halbherzigen Band „in persona“ mit Gesprächen und Selbstzeugnissen herausgebracht hat – Pasolini light, gemessen am Umfang seiner öffentlichen Einlassungen insgesamt, der allenfalls mit Sartre in Frankreich zu vergleichen ist.


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Auch der Gesprächspartner Gideon Bachmann dürfte kaum jemandem noch etwas sagen. Der Filmkritiker, Filmemacher und Fotograf, der als Kind mit seiner jüdischen Familie ins Exil floh, erst nach Palästina, dann in die USA, wurde niemals so recht Teil des kritischen deutschen Selbstbildes. Er bereiste fast jedes Land dieser Erde; nur die arabischen Länder, die jemandem wie ihm noch die letzte Zuflucht nehmen wollen, überflog er nicht einmal. Er sprach viele Sprachen; Italienisch lernte er über zwölf Jahre hinweg, in denen er Pasolini kannte und immer wieder traf.

Pier Pablo Pasolini (l.) und Gideon Bachmann 1973 in Italien (Cinemazero Archiv)
Pier Paolo Pasolini (l.) und Gideon Bachmann 1973 in Italien (Cinemazero Archiv)

Bachmann schrieb für deutsche und Schweizer Zeitungen, lebte aber vor allem in Italien, überwiegend gemeinsam mit der Fotografin Deborah Imogen-Beer, der einige der schönsten Aufnahmen von Pasolini zu verdanken sind und einige der wenigen von den Dreharbeiten zu dessen letztem Film „Die 120 Tage von Sodom“ (wie der deutsche Verleih „Salò o le 120 giornate di Sodoma“ verkürzt übersetzte, in der begründeten Annahme, dass die Deutschen keine Ahnung von italienischer Geschichte haben, deren Teil sie sind).

Jemanden, der Deutschland nicht aus freien Stücken verließ und dem dieses Land niemals mehr Heimat werden konnte, nennt man im Feuilleton wohl einen „Kosmopoliten“. Das hat Bachmann mit Vergessen quittiert, weil er nicht dazugehörte. Ein längst vergriffener Band mit seinen Texten aus dem Jahr 1977 ist überliefert sowie ein paar sehenswerte Dokumentarfilme, unter anderem über Fellini, in dessen „Achteinhalb“ er kurz zu sehen ist in einer Rolle, die seinem Selbstverständnis entsprach: in der Vermittlung all dessen, was im Film Niveau hat. In New York gehörte er zum Umfeld des sogenannten „Underground Cinema“, in Rom zum engsten Umfeld der italienischen Filmavantgarde. Edgar Reitz, der mit Bachmann ein Europäisches Institut des Kinofilms (EIKK) gegründet hat, auch das war ein vergebliches Unterfangen und von kurzer Dauer, hielt ihn für den „Vasari des Films“. Bachmann starb 2016; er wurde 89 Jahre alt. Das ZKM in Karlsruhe verwahrt sein Ton-Archiv unter dem Titel „Vox Humana“, der Nachlass wartet auf Entdeckung und Aufarbeitung.


Die Basis: Ernsthaftigkeit & Verlässlichkeit

Vitali beanstandet mit Grund, dass Bachmann mitunter unbeholfen agiert, charakterlich wie intellektuell. Bachmann ging Beziehungen ein, wollte Beziehung, möglicherweise auch Anerkennung, Freundschaft gar. Ein Gespräch war immer Teil eines Prozesses, den zwei Leute eingingen, Ausdruck einer Ernsthaftigkeit, einer Verlässlichkeit, einer Verbindung. Das allein unterscheidet den Gesprächscharakter schon wesentlich von jenen hingeschmierten Gebrauchstexten, die heutzutage im Dienst eines Filmstarts stehen. Und das macht die Gespräche schwierig, nach journalistischen Maßstäben weitgehend unbrauchbar; die Fragen sind zu lang, die Dramaturgie holprig.

Bachmann hatte seine liebe Not, Gedankenströme, die dem Leben galten, zum Lebensunterhalt zu verwerten. Man hört zwei Leuten dabei zu, wie sie eine Beziehung eingehen, zunehmend freundlich, irgendwann freundschaftlich nach wahrscheinlich unterschiedlichen Maßstäben, zu denen auch Nichtverstehen, Unverständnis, Missverstehen gehören. Möglicherweise, vermutet Vitali, hat Pasolini genau das veranlasst, nebst biblischer Geduld mit seinen Mitmenschen und generellem missionarischem Eifer, Bachmann Zutritt zu gewähren, zu seinen privaten Räumen in Rom und Chia und während der Dreharbeiten, die aus gutem Grund in geschützten Räumen stattfinden mussten. Die Ernsthaftigkeit des Anliegens, die intellektuelle Verbindung, der Wille zur gesellschaftlichen Veränderung müssen Pasolini überzeugt haben.

Unkonventionelle Gespräche: Gideon Bachmann, Pier Paolo Pasolini (Cinemazero Archiv/Deborah Imogen Beer)
Unkonventionelle Situationen: Gideon Bachmann, Pier Paolo Pasolini (C.A./Deborah Imogen Beer)

Die deutsche Ausgabe der „Gespräche“ folgt einem anderen Gedanken als die italienische Erstausgabe aus dem Jahr 2015, die „Interviews“ bieten wollte und entsprechend stark in die Textgestalt hatte eingreifen müssen. Die beiden Herausgeber der deutschen Ausgabe legen eher eine historische Textgestalt frei und scheuten dabei keine Mühen. Sie haben, soweit vorliegend, sogar die Audiomitschnitte mit den Texten abgeglichen und redaktionelle Eingriffe zurückgenommen. So entstand eine Ausgabe, die weniger im philologischen als im gesellschaftlichen Sinne kritisch ist.

Das freilich macht die Texte nicht lesbarer, nicht unmittelbar verständlicher, auf einen Gegenstand oder ein Thema hin betrachtet klarer, sondern im Gegenteil rätselhafter, ja dunkler. Das Verständnis muss dem Text nachfolgen, ist keine Serviceleistung des Texts selbst, sondern eine Anstrengung der Lektüre, also Arbeit. Erkenntnis wird nicht frei Haus geliefert. So gesehen sind Gespräche und Kommentar in der Tat eine gedankliche Einheit. Der Kommentar beschränkt sich nicht darauf, Namen und Fakten zu erhellen, sondern schreitet Aussage für Aussage, Referenz für Referenz akribisch ab und eröffnet in teils seitenlangen Ausführungen ein tendenziell unendliches Feld von Bezügen, die weit hinein in politische Geschichte, Biografien und Künste reichen.

Je genauer die Gespräche betrachtet werden, desto schwieriger erscheinen sie. Alles, was Pasolini hier sagt, hat er anderswo besser, genauer gesagt, etwa in den „Freibeuterschriften“, in den nachgelassenen „Lutherbriefen“, im Romanfragment „Petrolio“. Nirgendwo aber wird Pasolinis Denken besser, genauer erfassbar.


Eine Freiheit, in der alle dasselbe wollen

Die Gespräche decken fast den gesamten Zeitraum von Pasolinis Filmperiode ab, die mit „Accattone“ begann und mit „Salò“ endete. Sie zeichnen den Verlauf seiner intellektuellen Radikalisierung nach, bei der man nach gegenwärtigen Maßstäben, ein halbes Jahrhundert später, wie Luft von einem fernen Planeten spürt, dass hier einer nicht nur ein bisschen Dreck vor der eigenen Tür wegkehrt, sondern sich dem gesellschaftlichen Untergang entgegenstellt, notfalls alleine. Das Maß der Schonungslosigkeit, des Ekels und der Wut gegenüber den Verhältnissen, der „Anarchie der Macht“, kennen kein Beispiel, unter deutschen Intellektuellen und Filmemachern schon gar nicht. Pasolini benennt, dass die Diktatur der Konsumgesellschaft alle sozialen Verhältnisse erfasst und bestimmt: „Die Verdinglichung ist die Verwandlung des Körpers in eine Sache. Die Sexualität ist die Metapher dafür. […] Das Paar ist ein Alptraum geworden, eine Obsession statt einer Freiheit.“ Der einzige Wert, der bleibt, ist der Konsum; der Faschismus war das laienhafte Vorspiel zur Freiheit, in der alle dasselbe wollen. Pasolini stand der katholischen Kirche, die ihn immer bekämpft hat und nun selbst dem Ende zugeht, demnach näher, als dieser oder der Kommunistischen Partei angesichts seiner urchristlichen marxistischen Gesinnung lieb war.

Pasolini bei den Dreharbeiten zu "Saló oder die 120 Tage von Sodom" (Cinemazero Archiv/Deborah Imogen Beer)
Pasolini bei den Dreharbeiten zu "Salò oder die 120 Tage von Sodom" (C.A./Deborah Imogen Beer)

Vier der sechzehn Gespräche fallen allein auf das Jahr 1975, Pasolinis letztes, und kreisen gedanklich um „Salò“, ein „mittelalterliches Mysterien- oder Heiligenspiel, das enigmatisch und somit natürlich schwer zugänglich ist“. Der Film ist somit ein Akt des Widerstands, dem der Zuspruch des Publikums gleichgültig ist, weil ihm das Geschick von Mensch und Natur alles bedeutet. „Gott behüte mich davor, einen einfachen Film zu machen!“

So jemandem wäre heute ein Berufsverbot sicher, nicht weil er nicht verstanden werden will, sondern weil er sein Publikum nicht als eine Horde von Idioten ansieht: „PASOLINI: Ich glaube, dass die Jugendlichen den Film schlicht nicht verstehen werden. Ich mache mir keine Hoffnung, von den Jugendlichen verstanden zu werden, denn es ist unmöglich, mit ihnen in einen kulturellen Austausch zu treten. Das Leben der Jugendlichen entspricht heute neuen Werten, mit denen die alten Werte – im Namen derer ich spreche – nichts zu tun haben. Sie sind nicht vergleichbar. BACHMANN: An wen richtet sich der Film dann? PASOLINI: Er richtet sich allgemein an alle, an ein anderes Ich-Selbst. BACHMANN: Gibt es keine Absicht, gewisse Verhaltensweisen zu korrigieren? PASOLINI: Nein, ich habe keinerlei Absichten, Verhaltensweisen zu korrigieren, ich verfolge keine pädagogischen erzieherischen Ambitionen.“ Der „Anarchie der Macht“ setzte er, hoffnungslos, die Anarchie der Kunst entgegen, „was andere Leute aus Konvention – akademischer, politischer – nicht für möglich gehalten haben“ (Karsten Witte).


Literaturhinweis



Pier Paolo Pasolini, Gideon Bachmann. Gespräche 1963-1975, Vol. 1. 264 S., mit Fotos. Übersetzt von Fabien Vitali. Gideon Bachmann, Pier Paolo Pasolini. Kommentar. Fabien Vitali, Vol. 2. 584 S. Herausgegeben von Fabien Vitali und Gabriella Angheleddu. Hardcover, in Fadenheftung gebunden, Lesebändchen. Verlag der abseitigen Künste, Hamburg 2022. 64 EUR. Bezug: in jeder Buchhandlung oder beim Verlag.


Der Autor Lars Henrik Gass ist Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen. Als Autor sind von ihm unter anderem schienen: „Film und Kunst nach dem Kino“ (2012/2017), „Filmgeschichte als Kinogeschichte. Eine kleine Theorie des Kinos“ (2019) sowie „Hellmuth Costard: Das Wirkliche war zum Modell geworden“ (2021).

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