© IMAGO / Leemage (Alain Tanner - 6.12.1929-11.9.2022)

Ausbrüche & Aufbrüche - Alain Tanner

Mittwoch, 14.09.2022

Die Filme von Alain Tanner (6.12.1929-11.9.2022) standen für ein politisches Kino, das seine filmischen Mittel äußerst reflektiert verwendete. Im Alter von 92 Jahren ist der Filmemacher jetzt verstorben.

Diskussion

Mit dem zwei Tage nach ihm verstorbenen Jean-Luc Godard teilt Alain Tanner nicht nur die Herkunft aus der französischen Schweiz. Wie „JLG“ war auch Tanner Teil der kreative Aufbruchsbewegung im europäischen Kino der 1960er-Jahre. Tanners Filme stehen für ein politisches Kino, das seine filmischen Mittel äußerst reflektiert verwendet, das also nicht nur über die gesellschaftlichen Verhältnisse aufklären wollte, sondern auch über das Kino selbst.


Dass Alain Tanner zwei Tage vor Jean-Luc Godard gestorben ist, mit dem er nicht nur das Alter, sondern auch die Herkunft aus der französischsprachigen Schweiz teilte, ist ein Zufall. Dennoch lenkt der Tod der beiden Filmregisseure die Aufmerksamkeit darauf, wie kreativ es im europäischen Spielfilm in den 1960er-Jahren und dem folgenden Jahrzehnt zuging.

Der 1929 in Genf geborene Alain Tanner entfloh Mitte Zwanzig der Enge der schweizerischen Gesellschaft nicht wie Godard nach Paris, sondern ging zusammen mit seinem Freund Claude Goretta nach London, wo sie am British Film Institute arbeiteten und einen ersten kurzen Dokumentarfilm („Nice Time“) realisierten. Sie fühlten sich dem Free Cinema nahe, jener britischen Filmbewegung, die auf einen radikalen Realismus setzte und sich den gesellschaftlichen Verhältnissen verschrieb, wie sie sie in den Vorortstraßen und in den Arbeitervierteln entdeckten. „Nice Time“ beobachtet beispielsweise, was am Abend rund um den Piccadilly Circus in London geschieht. Gedreht auf empfindlichem Schwarz-Weiß-Material und mit einer beweglichen 16mm-Kamera, montiert nach einer eher vagen Chronologie.

Nach seiner Zeit in London ging auch Tanner Anfang der 1960er-Jahre zuerst nach Paris, konnte dort aber nicht Fuß fassen. Zurück in der Schweiz, drehte er für das Schweizer Fernsehen dokumentarische Filme, Porträts, Reportagen und Sozialstudien. Dass er bald unter der Routine dieser Arbeitsweise litt, verriet sein erster Spielfilm, den er mit wenig Geld im Jahr 1969 realisierte: „Charles mort ou vif“ („Charles - tot oder lebendig“). Das Drehbuch schrieb er zusammen mit John Berger, der bei vier weiteren Filmen sein Partner war. Der britische Kunsthistoriker, der durch eine BBC-Serie zur Bildenden Kunst in Großbritannien sehr bekannt wurde, hatte sich Ende der 1960er-Jahre aus dem hektischen London in die Schweizer Berge zurückgezogen, wo er bis zu seinem Tod 2017 lebte und viele Sachbücher, Erzählungen und Romane verfasste.


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Ausbrüche und Aufbrüche

„Charles mort ou vif“ erzählt die Geschichte eines gesellschaftlichen Ausstiegs. Als der Unternehmer Charles Dé (Francoise Simon) aus Anlass eines Betriebsjubiläums seiner Uhrenfirma von einer fast als Karikatur gezeichneten Fernsehcrew interviewt wird, erscheint ihm sein Handeln und Arbeiten auf einmal ziemlich sinnlos. Anders als sein geschäftstüchtiger Sohn sieht er die Notwendigkeit einer auf Expansion und Gewinnmaximierung ausgerichteten Tätigkeit nicht mehr ein. Und er erinnert sich mit einem Mal, wie sein Großvater, der das Unternehmen einst gründete, als Handwerker noch anarchistischen Idealen anhing. Charles Dé steigt aus dem Betrieb aus, in dem er sich eingesperrt fühlt, und taucht bei einem jungen Paar unter, das sozial und topografisch am Rand der Gesellschaft lebt. Während diese drei ein neues Zusammenleben erproben, sucht der Sohn hektisch nach seinem Vater, um ihn am Ende in eine Psychiatrie einweisen zu lassen.

Tanner unterbricht die lineare Erzählung immer wieder durch Reminiszenzen an die Geschichte des sozialen und politischen Protestes. So soll Charles Dé sich im Auftrag des jungen Paares an Sprichwörter und Redensarten erinnern, in denen dieser Protest zumindest ge- und bedacht wurde. Dass einige dieser Sprüche im Pariser Mai 1968 auf Flugblättern kursierten und auf Mauern geschrieben wurden, ist kein Zufall. Die Wochen, in denen die französische Gesellschaft auf Grund der massiven Proteste der Jugend in Bewegung geriet, haben Tanner geprägt. Der Elan dieses politischen Aufbruchs bestimmte seine weiteren Filme.


Charismatische Rebellin: „Der Salamander“

In „La Salamandre“ (1971) steht eine junge Arbeiterin (Bulle Ogier) im Mittelpunkt. Sie wird verdächtigt, auf ihren Onkel geschossen zu haben, bei dem sie lebt, und der sie zu einem „normalen“ Mitglied der Gesellschaft erziehen will. Ihre Geschichte wird aus der Perspektive von zwei jungen Männern erzählt, die ihrerseits mit dem Leben unzufrieden sind. Der eine (Jean-Luc Bideau) arbeitet als Journalist für das Fernsehen, weil sich niemand findet, der seine politischen Reportagen aus Südamerika bezahlen will. Der andere (Jacques Denis) verdient als Anstreicher sein Geld, da er von seiner Lyrik nicht leben kann. Im Auftrag des Fernsehens sollen sie nun den Hintergrund der Geschichte der jungen Frau rekonstruieren. Während der Reporter klassisch vorgeht, also das Umfeld der Frau recherchiert, verlässt sich der Lyriker auf seine Intuition, die ihm früh das verrät, was sich am Ende als Wirklichkeit herausstellt.

"Der Salamader" (© Montparnasse/MUBI)
"Der Salamader" (© Montparnasse/MUBI)

La Salamandre“ reflektiert auf diese Weise erzählerisch die Möglichkeiten und Grenzen von dokumentarischen und fiktionalen Methoden. Zugleich ist der Film reich an komödiantischen Szenen, in denen sich der Widerstandsgeist der Frau erweist, die sich von niemanden etwas vorschreiben lassen will, auch nicht von den beiden, die ihr Leben erkunden und sich selbstverständlich in sie verlieben. Sinnbild ihrer Rebellion ist eine Szene, in der sie die Wurstmaschine, mit der sie eine Fleischmasse in eine Pelle füllen muss, auf Dauerbetrieb stellt, während sie selbst ihre Arbeit niederlegt, so dass die Maschine sinnlos die Fleischmasse kontinuierlich weiter ausstößt, ohne dass sie jemand weiterverarbeiten würde.

Tanners Reflektionen über den filmischen Realismus sind in den 1970er-Jahren nicht nur Thema seiner Filme, sondern schlugen sich in der filmischen Form nieder. In „La milieu du monde“ („Die Mitte der Welt“) von 1974 unterbricht eine weibliche Erzählstimme aus dem Off immer wieder den Fortgang der Erzählung. Zu Beginn kommentiert die Stimme eine Landschaftstotale, in der man das Filmteam bei der Arbeit sieht, dass die Geschichte und die Form eines Filmes stets davon abhängen, wo und wann er gedreht wurde. Dieser Film, fährt die Stimme fort, sei zur „Zeit einer Normalisierung“ gedreht worden. Eine Normalisierung, in der die gesellschaftlichen Konflikte stillgestellt werden.

Die Off-Stimme unterbricht die filmische Erzählung, die von der scheiternden Liebe einer italienischen Arbeitsemigrantin und einem Ingenieur handelt, ebenso regelmäßig wie Datumsangaben der 112 Tage währenden Handlung. Zugleich erfährt man viel über die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit der Erzählzeit, etwa über die spezifischen Regeln des politischen Handelns in der Schweiz oder über die Arbeit einer Kellnerin und das Leben in der Arbeitsemigration.


"Die Mitte der Welt" (© Imago/United Archives)
"Die Mitte der Welt" (© Imago/United Archives)

Erfolg in Deutschland

Seinen größten Erfolg in Deutschland erlebte Tanner 1976 mit dem Film „Jonas qui aura 25 ans enl’an 2000“ („Jonas, der im Jahr 2000 25 Jahre alt sein wird“). Er erzählt aus der Perspektive von acht Frauen und Männern, wie man Mitte der 1970er-Jahre jener „Normalisierung“ entkommen kann, die das Leben gleichsam stillzustellen droht. Die politischen Organisationsformen, die aus dem Mai 1968 hervorgingen und die auf das Große und Ganze (des Sozialismus) zielten, hatten sich als obsolet erwiesen. Nun werden eher kleine Experimente unternommen. Ein Ehepaar beginnt, das Land ökologisch zu bewirtschaften. Ein Lehrer träumt von einer Schule, welche die soziale Wirklichkeit nicht außen vorlässt. Eine Kassiererin gewährt verarmten Kunden illegal einen Sozialrabatt. Gemeinsam verhindern sie eine Bodenspekulation. Die acht Männer und Frauen begegnen sich vereinzelt und in kleineren Gruppen. Nur in einer Szene kommen sie alle zusammen, kochen gemeinsam und überlegen nebenbei, welche Zukunft das Kind einer schwangeren Frau zu erwarten hat.

Dieses Kind, das selbstverständlich Jonas heißt, ist am Ende des Films drei oder vier Jahre alt, sodass die Erzählung in eine Zukunft springt, die heute längst ebenso vergangen ist wie das Jahr 2000, von dem der Filmtitel spricht. Sollte Jonas, der im Jahr des Todes von Alain Tanner 47 Jahre alt ist, den Film noch einmal anschauen, wird er verblüfft sein, dass das Werk an keiner Stelle in alternativem Kitsch erstarrt ist. Das verhindert schon die besondere filmische Form, die Tanner und Berger wählen. Sie ist mit ironischen Brüchen ebenso durchsetzt wie durch kurze Zwischenszenen, in denen an markante Ereignisse der Schweizer Geschichte erinnert wird, aber auch an Tagträume und private Wünsche.

"Jonas, der im Jahr 2000 25 Jahre alt sein wird" ( © Imago/United Archives)
"Jonas, der im Jahr 2000 25 Jahre alt sein wird" ( © Imago/United Archives)

Jonas qui aura 25 ansen l’an 2000“ ist durch die Bildsprache von Renato Berta geprägt, der an vielen Filmen von Alain Tanner mitwirkte und auch für Jean-Luc Godard arbeitete, aber auch durch die Musik von Jean-Marie Senia. Außerdem lebt er von einem wunderbaren Schauspielensemble, zu dem unter anderem Miou-Miou und Roger Jendly gehören.


Verlust und Gewalterfahrung

Im nächsten Film „Messidor“ (1979) sind die Zukunftsfantasien erloschen. Die Reise zweier junger Frauen durch weite Teile der Schweiz wird zu einem Trip des Verlusts und der Gewalterfahrung. Wie schon Charles Dé werden die Außenseiterinnen, die über kein Geld verfügen und so auf Hilfe und Solidarität angewiesen sind, erst ab- und dann ausgestoßen und schließlich mit Gewalt traktiert, auf die sie ihrerseits mit Gewalt reagieren. Die bei Tanner stets wichtigen Landschaftsbilder gewinnen hier eine Kälte, die nicht der Natur, sondern der Gesellschaft entspringt. Ein verstörender Film, der keinen Ausweg aus den beengenden Verhältnissen der Schweiz zu kennen scheint.

Die nachfolgenden Filme drehte der Regisseur im Ausland. „Les Années lumière“ („Lichtjahre entfernt“) mit Trevor Howard aus dem Jahr 1981 spielt in Irland und „Dans la ville blanche“ („In der weißen Stadt“, 1983) mit Bruno Ganz in Lissabon. Weitere kleinere Filme folgten bis ins Jahr 2004.

Im Rückblick fällt auf, dass viele Schauspielerinnen und Schauspieler unter der Regie von Alain Tanner besondere Leistungen ablieferten. Dennoch bleibt er weniger als Regisseur der Inszenierung in Erinnerung denn als ein vertrackter Geschichtenerzähler, der auf jedwede Identifikations- und Spannungsdramaturgie verzichtete und der philosophische Gedanken ebenso wie individuelle Träume mit den Bildern eines gesellschaftlichen Alltags verband. Die Filme von Alain Tanner stehen für ein politisches Kino, das seine filmischen Mittel äußerst reflektiert verwendet, das also nicht nur über die gesellschaftlichen Verhältnisse aufklären wollte, sondern auch über das Kino selbst. Genau darin besteht auch eine der Gemeinsamkeiten, die ihn bei allen Unterschieden mit seinem Schweizer Landsmann Jean-Luc Godard verbindet.

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