© Alina Simmelbauer

Zwischen zwei Welten - Annika Pinske

Freitag, 16.09.2022

Ein Gespräch mit Annika Pinske über ihren Film „Alle reden übers Wetter“

Diskussion

In ihrem ersten Spielfilm Alle reden übers Wetter(Kinostart: 15. September) erzählt die Regisseurin Annika Pinske von einer Philosophie-Dozentin zwischen akademischer Sphäre und dem kleinstädtischen Arbeitermilieu, in dem sie aufgewachsen ist. Die 1982 geborene Filmemacherin verarbeitet darin eigene Erfahrungen, zog aber auch soziologische Schriften über die Schwierigkeiten gesellschaftlicher Emanzipation durch Bildung heran. Ein Gespräch über Ungleichheit, Ost und West, Männer und Frauen und wie sich Klischees vermeiden lassen.


Eine junge Frau aus einem Dorf in der ehemaligen DDR geht nach Berlin, um dort eine geisteswissenschaftliche Karriere zu machen. In „Alle reden übers Wetter“ geht es um neue Horizonte, aber auch um die eigenen Wurzeln. Wie autobiografisch ist Ihre Geschichte?

Annika Pinske: Autobiografisch ist der sogenannte Bildungsaufstieg, den meine Protagonistin gemacht hat. Ich kenne das gut, aus einem Arbeitermilieu zu kommen, Abitur zu machen, zu studieren und zu versuchen, in diesen neuen Welten Fuß zu fassen: im Bildungsbürgertum, oder in meinem Fall in der Filmwelt. Das geht mit einer gewissen Unsicherheit einher, bedingt durch die Sozialisierung im Arbeitermilieu, aber auch durch diese Klischees über den Osten. Die haben mich interessanterweise erst dann tangiert, als ich den Osten verlassen habe und in Kontakt mit sogenannten „Westdeutschen“ kam. Im Westen bin ich sozusagen zum „Ossi“ geworden, denn wenn man erzählt, dass man in Frankfurt an der Oder groß geworden ist, dann muss man plötzlich seine Herkunft erklären. Dann geben fast alle noch eine Anekdote zum Besten, was sie selbst einmal in der DDR erlebt haben, und plötzlich ist man der Ossi am Tisch. Ich musste dann von meiner Kindheit erzählen, auch wenn ich keine besonderen negativen Erfahrungen gemacht habe. In der ersten Szene im Film nimmt die Protagonistin im Hotelzimmer die Shampoo-Fläschchen mit, ihre Affäre sagt dazu: „Du Ossi.“ Das würde nie andersherum passieren. Er meint das witzig, nicht böse, aber er markiert die Frau in dem Moment. Ich habe mich auch gefragt, was der typische Ossi ist. Wie muss der reden, wie muss der aussehen? In was für einem Feld bewege ich mich da eigentlich? Das sind Gefühle, die ich mit meiner Protagonistin teile.

Eine Szene aus „Alle reden übers Wetter“: Über welche Themen lässt sich reden? ( © Grandfilm)
Eine Szene aus „Alle reden übers Wetter“: Über welche Themen lässt sich reden? ( © Grandfilm)

Wie relevant ist das Thema DDR und deutsche Teilung für Sie?

Annika Pinske: Das Thema DDR spielte in meiner Sozialisation keine Rolle. Ich bin auch mehr von der Nachwendezeit geprägt als von der DDR, obwohl ich den Kindergarten und all das noch mitgemacht habe. Aber jetzt, und vielleicht hat das auch mit dem Alter zu tun, wo einem die Dinge ein bisschen bewusster werden, beschäftigt mich das sehr. Vielleicht weniger durch meine Biografie als durch die meiner Mutter: Sie gehört zu der Generation, die diesen Bruch in ihrer Biografie erlebt hat. Das ist eine Erfahrung, die Westdeutsche nicht gemacht haben. Ich glaube, dass das in der Nachwendezeit nicht richtig aufgearbeitet wurde. Man empfand das Ende der DDR als eine Befreiung von einer bösen Diktatur, aber dass das mit einem Verlust im Alltäglichen zu tun hatte und auch etwas verloren gegangen ist, wurde nicht erkannt und nicht benannt. Das galt besonders für die Frauen, weil die ganz anders als im Westen emanzipiert waren, auch wenn das staatlich aufoktroyiert war. Das beschäftigt mich. Wie auch die Frage, was das für die nächste Generation bedeutet, die unter diesen Umständen groß geworden ist: Arbeitslosigkeit, Geldmangel, eine Abwertung der Generation meiner Eltern. Aber auch, und das betrifft wieder meine Generation, ein Gefühl, das wir etwas wiedergutmachen und den Klischees etwas entgegensetzen müssen. Dass wir zeigen müssen, dass es noch etwas anderes gibt als Pegida und AfD.

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Das Leben Ihrer Protagonistin Clara ist stark polarisiert: einerseits das Abendessen im akademischen Zirkel und auf der anderen Seite die Geburtstagsfeier der Mutter in ihrem kleinstädtischen Ost-Milieu. Wie kann sie zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Polen ihr Gleichgewicht halten?

Annika Pinske: Sie steht zwischen diesen Welten und versucht, in beiden Fuß zu fassen. Sie strebt ins intellektuelle Milieu. Man merkt, dass sie versucht, mitzuhalten und manches auch nur sagt, um sich ein bisschen Anerkennung zu verschaffen. Clara will aber den Kontakt zu ihrer alten Welt und ihrer Familie nicht verlieren. Aber über welche Themen kann sie dann reden? Soll sie alles, was sie in Berlin ausmacht, außen vor lassen?

Tochter (Anne Schäfer) und Mutter (Anne-Kathrin Gummich) (© Grandfilm)
Tochter (Anne Schäfer) und Mutter (Anne-Kathrin Gummich) (© Grandfilm)

Das ist ein wichtiges Thema des Films: die Sprachlosigkeit des Heimkehrenden, das ständige „über das Wetter reden“.

Annika Pinske: Ich kenne das Gefühl, dass ich einige Teile von mir in Berlin lassen muss, wenn ich nach Hause fahre. Aber dann begegnet man sich auch nicht richtig. Wenn ich mich mehr auf das Familiäre einlasse, kann ich es manchmal total genießen, dass es Rituale gibt, einen gleichen Rhythmus und dass jeder weiß, wo sein Platz ist. Manchmal macht es mich aber eben auch wütend, weil ich, wie Clara, auch die Sehnsucht nach anderen Themen, nach anderen Inhalten verspüre. Den Wunsch, eben nicht nur über das Wetter zu reden.

Sehr interessant finde ich auch, wie Sie die Machtverhältnisse unter den Frauen und ihr wenig solidarisches Verhalten untereinander darstellen.

Annika Pinske: Das ist immer das große Missverständnis! Wenn man heute davon spricht, dass wir starke Frauenfiguren brauchen, dann müssen das keine unangreifbaren, positiven Frauen sein, die sich durch den Film lächeln. Sie brauchen eine Fallhöhe, sie müssen ambivalent sein und auch ihre bösen Seiten und ihre Ecken und Kanten haben. Es sind nicht nur Männer, die in Machtstrukturen festsitzen. Auch Frauen, die sich in diesem Betrieb durchsetzen, müssen die Machtstrukturen auf irgendeine Weise bedienen. Das sieht man deutlich an der Figur von Margot, deren Kampf noch einmal ein ganz anderer gewesen sein muss, gegen viel größere Widerstände. Allein, dass Clara eine Doktormutter hat, ist schon eine ganz andere Ausgangsbedingung. Sie hat heute ganz andere Möglichkeiten. Ich habe auch meine Schwierigkeiten mit manchen Diskursen. Bei einer Initiative wie „Female Filmmakers“ fühle ich mich vereinnahmt, wenn alle Frauen zusammengehören und alle Schwestern sind, die sich lieb unterstützen. Das interessiert mich aber gar nicht. Ich möchte den Konflikt, und ich möchte mich auch streiten können, etwa mit meiner Produzentin. Ich möchte ihre Meinung hören und wissen, dass wir uns reiben und zusammen etwas erschaffen können. Ich finde nicht, dass wir Frauen zusammen in einem Boot sitzen. Das halte ich für total falsch. Und so ist das auch mit den Frauen in meinem Film. Da gibt es klare Hierarchien, aber bei aller Strenge und Härte und allen Machtdiskursen gibt es trotzdem einen Zusammenhalt. Nur eben zwischen Individuen und nicht zwischen solchen gleichgemachten Frauenbünden.

In Claras Heimatdorf hat man den Eindruck, dass die Frauen viel stärker das Dorfleben bestimmen und die Frauen zwar mitunter gebrochen, aber immer lebendiger sind als die Männer.

Annika Pinske: Die wollen noch was, genau! Die Oma will noch mal nach Dänemark. Ich glaube, man kann schon beobachten, dass die Männer irgendwann aussteigen, vielleicht auch bedingt durch die Erschöpfung nach einem lebenslangen harten Arbeitsleben. Die Frauen mit fünfzig, sechzig plus haben dagegen durchaus das Gefühl: Da geht noch was. Mich hat auch die Ambivalenz interessiert, dass Männer ein bestimmtes Selbstverständnis haben, die Frau am Ende aber doch das letzte Wort hat. Es gibt da keine eindeutigen Opfer. Aber wie viele Frauen können sich schon emanzipieren, wenn die Männer die Privilegien besitzen? Da muss man schauen, in welcher Klasse und welchem Milieu sie sich bewegen. Die Privilegien der Arbeiterklasse sind auch reduziert.

Mit ihrem Jugendfreund Marcel (Max Riemelt) gelingt Clara der Ansatz eines Dialogs (© Grandfilm)
Mit ihrem Jugendfreund Marcel (Max Riemelt) gelingt Clara der Ansatz eines Dialogs (© Grandfilm)

Wie schwer ist es, bei einer so autobiografischen Ost-West-Geschichte Klischees zu vermeiden?

Annika Pinske: Die Gegensätze sind sehr groß: Mann-Frau, Ost-West, Stadt-Land. Wir mussten viel tun, um nicht in die Klischeefalle zu tappen. Aber ich musste auch mit diesen antagonistischen Kräften arbeiten, denn sonst wäre der Film langweilig. Ich will die Ungleichheiten aufzeigen, auch die patriarchalen Muster, aber ich will sie nicht reproduzieren. Das ist ein ewiges Abwägen, ich kann das gar nicht in einem Satz beschreiben. Die Arbeit am Buch hat zwei Jahre gedauert. Der Anspruch daran war, die Geschichte nicht nur in den Dialog zu packen, sondern fühlbar und erfahrbar zu machen.

Wie haben Sie das Buch dann umgesetzt?

Annika Pinske: Die Inszenierungsarbeit liegt darin, das, was die Figur nicht einmal selbst von sich weiß, das Unbewusste, fühlbar zu machen, ohne dass es ausgesprochen wird. Das ist nicht leicht, denn es darf nicht beliebig sein und auch nicht zu deutlich. Am Ende ist die Montage sehr wichtig, bei der man viel ausprobieren kann. Ich arbeite mit Varianten: Ich inszeniere die gleiche Szene mit Clara ein bisschen lieblicher, ein bisschen freundlicher, dann mache ich eine „harte“ Variante, anschließend eine „wütende“ Variante, um so ein Gefühlsbarometer zu bekommen. So kann ich im Schnitt noch mal vergleichen, ob es stimmt, denn das kann ich vorher überhaupt nicht wissen. Dann lassen sich auch noch graduell Dinge verstellen. Wenn Clara an dieser Stelle viel härter gegen ihre Mutter ist, ist das gut, weil sie später im Film dann wieder weicher sein kann. Es geht darum, diese emotionale Reise für den Zuschauer nachvollziehbarer zu machen. Das ist tatsächlich minuziöse Arbeit, im Drehbuch, in der Inszenierung und im Schnitt. Wichtig ist immer auch das Feedback. Ich habe den Film schon in der Schnittphase immer wieder auch anderen gezeigt. Das ist etwas, das ich allein gar nicht schaffen kann.

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